Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Diskutieren ist erwünscht, aber bitte mit Regeln. Bildrechte: dpa

MeinungAusgegrenzt und abgekanzelt - das Ende der Diskussionskultur?

von Christian Schneider, MDR THÜRINGEN

Stand: 05. Dezember 2022, 08:23 Uhr

Über ein vermeintliches Ende der Diskussionskultur wird seit einigen Jahren immer lauter geklagt. Am Montagabend ist dies auch Thema bei Fakt ist! aus Erfurt. Wir zeigen die Sendung ab 20:30 Uhr im Livestream. Hier im Beitrag erfahren Sie, wie wir mit Kommentaren auf unserer Website umgehen und für ein ausgewogenes Diskussionklima sorgen.

Willkommen in unserer Kneipe. Ja, wir sind einer dieser Treffpunkte, digital halt, aber doch ein Ort, an dem sich Menschen treffen, die sich sonst in Alltag und Beruf nicht unbedingt begegnen. Wir als Gastgeber stellen was auf den Tisch - herzhaft und leicht von Politik bis Buntem.

Unsere Gäste können dann mit uns und vor allem den anderen Gästen darüber reden - und natürlich streiten. Klingt das zu schlicht? Es muss nicht immer "Diskurs" sein, er hat seine eigenen akademischeren Orte. In unseren Treffpunkten auf der Webseite, auf Facebook und Instagram darf es auch herzhafter zugehen - Streit ist nichts Schlimmes, die Demokratie lebt davon.

Auch das Bundesverfassungsgericht nennt es ganz unzimperlich "Meinungs-Kampf", dass Gedanken, Meinungen und Argumente scharf, hart und auch knallhart bearbeitet werden. Das prüft sie wie der TÜV-Schraubenzieher den Unterboden. Alle können sich damit ihre Meinung bilden, was für sie dann davon Bestand hat.

Wir sorgen für ausgewogenes Diskussionsklima

Alles geklärt? Halt, einen Moment noch. Da ist noch was. "Knallhart bearbeitet" werden Argumente, nicht die Gäste. Deshalb sind wir auch da, dass sich unsere Gäste nicht (verbale) Knüppel über den Kopf ziehen und ihr Gegenüber angreifen und herabsetzen statt deren Meinungen und Argumente zu attackieren - fußballerisch gesagt also nur auf den Knöchel gehen statt auf den Ball.

Dann sind wir dran, als "Team Collina" - wer kennt nicht den ehemaligen italienischen Schiedsrichter mit markantem Kahlkopf und stechendem Blick?

Schiedsrichter-Ikone Luigi Collina. Bildrechte: imago/Magic

Kein Derby, kein Streit, kein Kampf bleibt auf Dauer zivil, wenn nicht Schiris der einen oder anderen Art auf dem Platz sind. Wer sich in Diskussionen auf unser großes Spielfeld vor tausenden mitlesenden Usern in Duelle wagt, will natürlich nicht unterliegen - also liegt Eskalationsgefahr in der Luft.

Dünne Haut gegen andere Meinungen

Forscherteams sagen uns inzwischen immer öfter, dass es nicht an DEN bösen sozialen Medien liegt, sondern sie einfach nur zusätzliche Werkzeuge für uns Menschen sind - mit unseren Stärken, Schwächen, Grobheiten und Fouls.

Wenn es ruppiger und giftiger wird, liegt es also auch daran, dass "unsere Zündschnüre kürzer werden", wie es im Alltag gerne heißt. Dinge wie Corona, Energiepreise und Inflation rückten und rücken uns viel näher als "fernere" und allgemeinpolitische Themen zuvor. Die "Kampfmimosigkeit" nimmt zu - dünnere Haut gegen andere Meinungen und aggressivere Attacken gegen andere sind die Folge.

Wir tun, was Gastgeber und Schiedsrichter tun: Warnen und Ermahnen, gelbe und rote Karten für Postings und Kommentare verteilen. Die Regeln geben Anstand und die Netiquette vor und wie wir das im Einzelfall handhaben, haben wir hier mit konkreten Beispielen beschrieben.

Hass und Hetze löschen wir, denn das fällt nicht mehr unter Meinngsfreiheit. Bildrechte: imago images / Steinach

Es hat nichts mit Zensur zu tun, sondern es sind Grundregeln, um Diskussionen zu ermöglichen, eindeutige Lügen und Falschbehauptungen (die übrigens keinen Schutz der Meinungsfreiheit genießen) zu unterbinden oder zu korrigieren, andere nicht herabsetzen oder in ihrer Meinungsfreiheit einschüchtern zu lassen.

Was wird gelöscht? Hetze, Hass, Morddrohungen

Diskussionen können auch mit legalen Mitteln zerstört werden - in der realen Welt wären es mit Megafonen legale Provokationen brüllende Störer in einer Einwohnerversammlung. Deshalb nutzen wir unser "digitales Hausrecht" (zuletzt erst wieder vom Bundesgerichtshof bestätigt), um auch bei Dingen unterhalb der Strafbarkeit einzuschreiten.

Wer aber länger durch unsere Kommentarspalten mit ihren scharfen und sehr scharfen Meinungen scrollt, dürfte sich wundern, wenn dann trotzdem noch behauptet wird, "man könne ja nicht alles sagen". Was sind das für Dinge, die man bei uns nicht erfolgreich in die Öffentlichkeit bringen kann, die wir löschen? Solche:

Der rest kann von mir aus an der Seuche sterben. Juckt doch eh keinen." - "wieviel Hartz4 kriegen Sie, genauso so blöde wie ihr post" - "Aufruf zur Volksverhetzung. Volltrottel" - "es sind momentan tausende frauen die nach dem impfen totgeburten haben......" - "vielleicht sollte man mal deine Erziehungsbefähigung überprüfen, bevor deine Kinder dauerhaft geschädigt werden…" - "die Todesursache wurde bestimmt nur auf Corona geschoben, weil die wirklichen Ursachen entweder nicht ermittelt oder verschleiert/vertuscht worden" - "na ihr werdet weggespritzt und du musst dir keine Gedanken mehr machen" - "Bis heute haben wir keine Seuche, sondern nur ein hirngespinnst. Also lasst euch mal untersuchen, nur bleibt die Frage von wem, wo sie alle verrückt geworden sind." - "und warum sterben jetzt die geimpften? Ihr seid doch schon Hirn Tot.

Kommentare

Besonders finster: Unterstellte Lügen

Dass wir dann trotzdem "die Bösen" sind, ist klar. Aber es ist ein Beruf und anders als Reporter bei Demonstrationen sind wir keinen körperlichen Attacken ausgesetzt. Dennoch gibt es finstere Momente dieser Arbeit. Sehr finster waren Kontakte mit denjenigen, die sich "selber denken" und "zweifeln" zwar auf die Fahne schrieben, die aber gleichzeitig an Glaubenssätzen aus trüber Quelle nicht zweifelten, und die Rederecht nur für sich beanspruchten.

Die Verteidigung ihrer Corona-Festung "Grippe & Giftspritze" konnte gespenstische Züge annehmen: Schilderte der Leiter der Jenaer Intensivstation für einen Radiobeitrag die Lage dort, wurden massive Zweifel laut - und auf unsere Rückfrage, ob dem Arzt Lüge unterstellt werde, kam ein kaum verklausuliertes "Ja".

Natürlich sind nicht alle Faktenaussagen so hart wie 2+2=4, aber fundamentaler Zweifel an ihnen braucht harte Argumente dagegen mit stabileren Belegen als dem Wunschdenken, es möge anders sein. Bei falschen oder verzerrten Fakten sind wir keine netten Gastgeber - bei Meinungen findet aber immer eine der Seiten, dass wir ein zu großes Herz hätten. Wir haben es für alle, die - auch gerne verbissen und intensiv - um den Ball kämpfen statt nur auf den Knöchel zielen.

MDR (dvs)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 05. Dezember 2022 | 22:10 Uhr

Kommentare

Laden ...
Alles anzeigen
Alles anzeigen