Episoden-Cover "Akte: Raubkunst? - Benin" 44 min
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44 min

Bei einem brutalen Angriff auf das Königreich Benin plündern britische Kolonialtruppen 1897 den Palast und erbeuten tausende Kunstschätze. Sie sind heute in der ganzen Welt verteilt, viele davon in deutschen Museen.

ARD.DE Online Do 18.08.2022 00:01Uhr 44:21 min

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Akte: Raubkunst? | Episode 3

Benin-Bronzen – brutaler Raub aus dem Palast

Stefanie Bach: (...) das Bewusstsein, diese Dinge zurückzugeben oder sich vielleicht auch ein Schuldeingeständnis, eine Entschuldigung auszusprechen, das gab es sehr lange nicht und gibt es glaube ich auch erst. Ja, ich sage mal in den seit den letzten zehn Jahren.

Iyase Odozi: It should be a voluntary atonement, a voluntary move from the Europeans for these for their dastardly acts. These stolen ads are our history. And we see these works as our ancestors

O.V. Es sollte eine freiwillige Akt der Versöhnung von den Europäer:innen sein für ihre hinterhältigen Taten. Diese gestohlenen Stücke sind unsere Geschichte, diese Werke sind unsere Vorfahren.

Schätzungsweise bis zu 5000 Objekte wurden aus dem Königspalast Benin geraubt. Die kunstvollen Gegenständen, Figuren, Anhänger und Plaketten - nicht alle aus Bronze - sind heute in der ganzen Welt verstreut. Wobei, nein, sie sind in dem Teil der Welt verstreut, der bis heute vom Kolonialismus profitiert. Mehr als 1000 davon befinden sich in Deutschland. Dass das problematisch ist, wurde jahrzehntelang ignoriert, Rückgabeforderungen wurden ausgesessen. Dabei war schon als die Objekte nach Europa kamen klar, dass es sich um Raubkunst handelt.

Aber wie war das eigentlich genau, wie sind Bronzen hierher gekommen? Und warum hat es so lang gedauert, bis endlich die ersten zurückgegeben wurden?

MUSIK INTRO

Ich bin Helen Fares, ihr hört Akte Raubkunst?. Der Podcast, in dem wir uns Objekten in deutschen Museen widmen, die eigentlich gar nicht hier sein sollten. Das steht bei den Benin Bronzen außer Frage. Aber trotzdem war der Weg zu den ersten Rückgaben lang und steinig.

(man hört Straßengeräusche)

Helen Fares: Ich sitze gerade vor dem Grassi Museum in Leipzig und freue mich darüber, dass ich einen wahnsinnig kurzen Weg hatte. Sieben Minuten habe ich gebraucht und ich war noch nie im Grassi Museum, was ein bisschen komisch ist, weil es eigentlich schon so ein bisschen to go place in Leipzig ist.

Im Foyer hab ich irgendwie doch das Gefühl, dass ich schon mal hier war. Vielleicht vor langer Zeit mal mit der Schule.

(man hört Friedrich von Bose und Helen bei Begrüßung)

Dr. Friedrich von Bose wartet schon auf uns. Er ist der Leiter der Abteilung Forschung und Ausstellungen der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, zu denen auch das Grassi Museum für Völkerkunde gehört. Er führt mich die Treppe hoch in die Ausstellung zu den Benin Bronzen - auf dem Weg dorthin erklärt er mir Objekte, an denen wir vorbeilaufen, und dabei merke ich, wie kritisch selbst manche Begriffe sieht, die im Museum Gang und Gäbe sind.

Bose: Sind ja drei Museen unter einem Dach. Das ist die angewandte Kunst. Musikinstrumente. Und das Völkerkundemuseum.

Helen: Das Völkerkundemuseum hast du gerade in Anführungszeichen gesagt?

Bose: Ja

Helen: Warum?

Bose: Weil der Name natürlich uns allen ein großer, ich sage jetzt mal ein Dorn im Auge, könnte man sagen, aber auch einfach unangenehm ist. Er steht nicht einfach für diese Geschichte der, der Verstrickung, der Verstrickung von Völkerkunde, mit Kolonialismus ...

Ich bin überrascht. Ich habe mich mit sehr vielen Forschenden und Wissenschaftler*innen unterhalten, aber niemand von ihnen war so offenkundig kritisch gegenüber der Geschichte der eigenen Institution und der eigenen Arbeit wie er. Von Bose führt mich zuerst in einen Raum, in dem ein Video gezeigt wird, das dokumentiert, wie die Bronzen aus ihren Vitrinen genommen werden und ins Depot gebracht werden. Im nächsten Raum rechts an der Wand ein Zeitstrahl angebracht ist mit alten Plakaten und Fotografien. Sie zeigen die Geschichte der Forderungen nach Rückgabe der Benin-Bronzen.

Links geht es in einen abgetrennten Teil des Raumes, der stockdunkel ist.

(man hört flüsternde Stimmen und perkussive Klänge, Helen seufzt)

An den schwarzen Wänden sehe ich Fotografien von leuchtenden, großen Gesichtern - das sind die Benin Bronzen, die ich auch schon aus den Medien kenne. Die Figuren tragen Helme und haben Ringe um den Hals. Sie blicken mich ernst und ziemlich genau auf Augenhöhe an.

Helen Fares: Ich finde, diese Ausstellungsart ist so viel beeindruckender als jede andere, die ich bisher gesehen habe in allen Museen, die wir bisher besucht haben. Ich fühle, dass hier mit Respekt gearbeitet wird. Und das bewegt mich so krass.

Die übergroßen Aufnahmen zeigen sogenannte Gedenkköpfe. Auf Edo, der Amtssprache des Königreich Benin, heißen sie Uhunmwun Elao. Diese Darstellung und der Sound im Hintergrund sind eine Installation des nigerianischen Künstlers Emekah Ogboh.  “At the Threshold“, „An der Schwelle“ heißt sie.

Bose:  Und wir haben uns entschieden, im Kontext der jetzigen Situation, in der wir uns befinden, die ja wirklich eine Situation des Umbruchs ist, weil es sozusagen Rückgaben anstehen, endlich. Und wir haben uns entschieden solange dieser Prozess noch nicht politisch durch ist, möchten wir die originalen Benin Bronzen nicht zeigen.

Stattdessen wird hier in der Ausstellung den Rückgabeforderungen viel Raum gegeben. Im Nebenraum ist ein großes Poster mit Fotos der Bronzen an die Wand projiziert, auch eine Arbeit von Emeka Ogboh.

Bose: Benin Bronzen aus unseren Sammlungen mit einem darüber besprühten Spruch: Geh zurück, wo du herkommst. Der ist natürlich doppeldeutig.

Helen: Ja

Bose: Das wurde uns natürlich auch übel genommen von manchen, die finden das nicht gut.

Helen: Ich find's super, auch als Person, die diesen Spruch schon gehört hat.

Benin Bronzen werden hier also nicht mehr ausgestellt - aber auch erst seit einem Jahr. Letzten Sommer wurden sie abgebaut und ins Depot geräumt. Ein Objekt schauen wir uns in dieser Folge genauer an und dafür ist Stefanie Bach hier im Haus die Spezialistin. Sie ist Kuratorin im Grassi und auch sie redet nichts schön an der Geschichte, sondern kommt direkt auf den Kern des Problems zu sprechen.

Stefanie Bach: Also das Objekt ist natürlich genau auf diesen Raub 1897 zurückzuführen, als die Briten Benin City niedergebrannt haben und den Palast und auch die Stadt geplündert haben. Ich weiß nicht. Soll ich noch mehr ausholen?

Ja, mal der Reihe nach.

Wenn wir uns dieses Kapitel in der Geschichte Nigerias anschauen muss man sagen, dass da lange Zeit nur Quellen aus der europäischen Perspektive herangezogen wurden und es bis heute schwierig ist, die Perspektive der einheimischen Bevölkerung abzubilden. 

Kurzer Abriss der Kolonialgeschichte Nigerias:

Aus Europa kommen Ende des 15. Jahrhunderts erst mal portugiesische Handelsleute an der Küste an, später dann auch britische. In dem Gebiet gibt es zu der Zeit verschiedene Königreiche. Einige von ihnen handeln mit Europa mit Rohstoffen wie Bronze und Elfenbein. Und mit versklavten Menschen. Über mehr als 200 Jahre ist die Küste, vor allem der Hafen in Calabar[1], ein wichtiger Knotenpunkt des grauenvollen transatlantischen Handels mit versklavten Menschen. 1807 verbietet Großbritannien offiziell diesen transatlantischen Handel - ein Grund um gewaltvoll gegen die lokalen Akteure durchzugreifen, die weiterhin handeln. Europäische Kolonialmächte, so auch Großbritannien, wollen weiter Rohstoffe und Agrarprodukte exportieren und haben es nun auch auf Gebietsansprüche, politischen und gesellschaftlichen Einfluss abgesehen. Im Jahr 1862 wird die Hafenstadt Lagos zum britischen Protektorat erklärt.

Stefanie Bach: ...und in den 1880er und 90er Jahren war es dann so weit, dass Großbritannien dort also ja schon mehr Herrschaftsanspruch vornehmen wollte, als das vorher der Fall war. Gibt jetzt auch historische Quellen, wo man auch immer wieder sieht, dass das anvisiert war, dass man den Oba dort stürzen wollte und dass man das Gebiet also wirklich unter britische Vorherrschaft stellen wollte.

Wenn Stefanie Bach vom Oba spricht, dann meint sie damit den König des Königreich Benin mit seiner Hauptstadt Edo, dem heutigen Benin-City im Süden Nigerias.

Das Königreich Benin steht erstmal nicht so sehr im Fokus der britischen Kolonialmacht und es kann seine Unabhängigkeit lange aufrecht erhalten. Aber vor allem britische Handelstreibende vor Ort lassen nicht locker: Das Niger Delta ist damals dicht besiedelt und eine Quelle für wertvolles Palmöl. Um so ein Gebiet einzunehmen, gehen die Kolonialmächte oft folgendermaßen vor: Abkommen unterzeichnen mit den lokalen Mächten, die zum britischen Vorteil sind. Widerstand wird brutal niedergeschlagen und als Grund für das Besetzen von Land gesehen.

Henry Gallwey ist britischer Kolonialherr und stellvertretender Verwalter und Vizekonsul eines Gebiets am Niger Delta. Eine heute als Gallwey-Abkommen bekannte Vereinbarung soll 1892 das Königreich Benin zur Kolonie machen.  Das Abkommen nennt als Ziel den Zitat „allgemeinen Fortschritt der Zivilisation“  und gilt heute als betrügerisch, unausgewogen und manipulativ.  Man geht davon aus, dass der Oba, bzw sein Rat gezwungen wurde das Abkommen zu unterschreiben und der Oba hält sich nicht daran. Das ist für die britische Kolonialverwaltung ein Grund, sich zu nehmen, was ihr ihrer Meinung nach zusteht.

James Philips ist der Nachfolger Henry Gallwey am Niger-Delta. Er macht sich zur Aufgabe den König von Benin zu stürzen. 1897 wird der Oba informiert, dass eine Gruppe britischer Militärs sich im Rahmen einer vorgeblich politischen- und Handelsmission mit ihm treffen wollen. Zu dem Zeitpunkt findet aber das wichtige Igue - oder auch Königsfestival- statt, das keine Anwesenheit von Fremden erlaubt.  Der Oba will Philips und seine Leute zu einem späteren Zeitpunkt treffen, doch das akzeptieren sie nicht -

Philipps Delegation macht sich auf den Weg. Bevor sie Edo, das heutige Benin-City erreichen, werden sie abgewehrt. Die Quellen zu den Abläufen der genauen Vorfälle sind nicht ganz eindeutig, aber Philips, britische Offiziere und afrikanische Menschen aus britischen Kolonien, die für die Briten kämpfen, werden getötet.

Stefanie Bach:  Und daraufhin hat dann das British Empire, also eine Gegenschlag Expedition, noch mal einen Auftrag gegeben, weil man das natürlich nicht auf sich sitzen lassen konnte, dass Nigeria oder Benin City zu dem Zeitpunkt das Königreich Benin, den europäischen Herrscher, die Kolonialmacht schlägt, zurückschlägt.

Im Frühjahr 1897  beginnt die brutale Invasion des Königreichs Benin mit einer vermutlich über tausend Mann starken Truppe. Sie brennen Städte und Dörfer nieder. Am 18. Februar nehmen sie Benin-City ein, rauben zahlreiche Gebäude aus, setzen sie in Brand und dringen schließlich auch in den Königspalast ein. Der Oba wird gefangen genommen und ins Exil in das rund 400 km entfernte Calabar geschickt.

Stefanie Bach:  und dort wurden dann eben die Bronze-Platten, die vor allem an den Säulen und den Wänden des Palastes hinge, aber auch die bronzenen Köpfe, die elfenbein zähne, die beschützten, die wir kennen (...) aber auch Glocken, auch Schmuck, der also am Hof getragen wurde, wurde alles entwendet und ist (...) nach Großbritannien gegangen.

Schon wenige Wochen später werden die geraubten Gegenstände versteigert. Mit dem Verkauf will das Königreich die teure Militäraktion refinanzieren. Und weil die Briten so stolz auf diese Eroberung sind, gibt es auch viele Quellen, die den Tathergang glorreich beschreiben, zum Beispiel Tagebucheinträge der Militärs.

Bach: es gibt ja auch eine gute fotografische Dokumentation, wo man sieht, wie die Briten in diesem abgebrannten Königspalast sitzen und auf ihrer Beute quasi sich positionieren und ganz stolz zeigen: Wir haben gewonnen. Wir haben hier alles niedergebrannt. Wir nehmen das jetzt mit nach Europa. Wir haben die Macht.

ATMO Papier auf Tisch legen

Stefanie Bach zeigt mir eine Farbkopie einer Seite aus einem alten Auktionskatalog.

Bach: William Downing Webster war da einer, der im großen Stile diese Benin Bronzen verkauft hat, an europäische Sammler, an Museen, an Sammlungen”

William Downing Webster ist eigentlich Glasmaler bis er anfängt Benin Bronzen zu sammeln. Dazu fährt er durch Großbritannien und kauft massenweise Bronzen von britischen Soldaten, die am Raub in Nigeria  beteiligt waren. Seine Sammlung katalogisiert er ausführlich. 1904 versteigert er seine gesamte Kollektion in einer Auktion - es sind so viele Objekte, dass die Auktion fünf Tage dauert. Es ist dasselbe Jahr, in dem die Briten das Königreich Benin vollständig zu ihrer Kolonie erklären.

Es macht also niemand ein Geheimnis daraus, dass die Bronzen, die da versteigert werden, geraubt sind. Die Nachfrage ist groß, denn in Kennerkreisen hat sich schon herumgesprochen, dass das ziemlich wertvolle Beute ist:

Bach: angefangen mit Felix von Luschan, der als einer der ersten wirklich die herausragende Qualität der Objekte beschrieben hat, ihre kunsthistorische Bedeutung auch für die Weltgeschichte beschrieben hat, woraufhin man überhaupt erst mal das als ein Ja, als ein Kunstwerk oder auch ein Kunstschaffen auf dem afrikanischen Kontinent anerkannt hat.

Dieser europäische Blick auf die Objekte als Kunst - der ist nicht ganz unproblematisch - dazu kommen wir später noch.

Felix von Luschan ist damals Direktor des Museums für Völkerkunde in Berlin. Nicht nur das - er ist auch dafür verantwortlich, dass tausende menschliche Knochen und Schädel aus verschiedenen deutschen Kolonien nach Deutschland gebracht werden, um sogenannte “Rassenkunde” zu betreiben. Für das Berliner Museum will Luschan Benin-Bronzen kaufen. In einem Brief bittet er den Mäzen Hans Meyer um Geld dafür. Meyer ist Teil der einflussreichen Leipziger Familie, die Lexika verlegt, die Meyer-Lexika. Zu der Zeit ist er Kolonialpolitiker und sogenannter Afrikaforscher. Und er unterstützt eben Museen darin, ihre Sammlungen aufzubauen oder zu erweitern. Er gibt Luschan das Geld, das er braucht, um die Bronzen bei einer Auktion in London ersteigern zu können. Rund 600 Benin Bronzen kommen so in den Besitz des Berliner Völkerkundemuseums. Meyer selbst kauft auch Bronzen, um sie im Leipziger Völkerkundemuseum zu zeigen.

Bach: es ist so, dass ein Teil von von diesem Konvolut aus der Sammlung von Hans Mayer zwischen 1900 und 1919 zunächst als Leihgabe an das Museum kam und 1929 unter dem Aktenzeichen L 1929 /zwei von der Witwe Elisabeth Mayer zur Dauerleihgabe umgewandelt worden. Und somit waren die Objekte fortan im Museum

(Man hört Schritte im Museum)

Eine Bronze aus der sächsischen Sammlung zeigen mir Stefanie Bach und Friedrich von Bose. Sie wurde extra aus dem Depot geholt und wir schauen es uns im sogenannten Care Room an - durch eine Scheibe können Besucher:innen dabei zuschauen, wie Restaurator:innen hier drin arbeiten.

Stefanie Bach zieht blaue Plastikhandschuhe an und öffnet vorsichtig den weißen Karton, der vor ihr auf dem Tisch liegt.

(man hört Papier rascheln)

Stefanie Bach: Also, wir sehen hier vor uns eine handgroße Platte. Es ist also eine Hüft oder Gürtel Maske. Ein Anhänger, den man am am Gürtel über dem Knoten auf der linken Seite wahrscheinlich getragen hat. Zu sehen auf dieser kleinen Platte sind drei Personen. Und umrahmt ist das Ganze von kleinen Anhängern von einer kleinen Bordüre.

Die Bronze hab ich mir vorher schon auf der Homepage angeschaut.  Sie ist viel kleiner als ich erwartet habe. Drei Figuren nebeneinander, sie haben eine Art Helm auf. Sie stehen eng aneinander und es sieht aus als würden sie sich an den Händen halten. Ihre Kleidung hat eine bestimmte Struktur - dadurch dass die Figuren Bronzefarben sind, ist für mich nicht gleich zu erkennen, dass das Korallen sein sollen. Dieser Schmuck ist charakteristisch für das Königreich Benin, auch noch für heutige Nachfahren.

Als Stefanie Bach die Platte vorsichtig umdreht, sehe ich auf der Rückseite eine Schlaufe - ein Hinweis darauf, dass das Objekt aufgehängt wurde. In den Unterlagen des Museums ist “Hüft- oder Gürtel-Anhänger” vermerkt. Aber Stefanie Bach sagt: wie das Objekt wirklich genutzt wurde, wissen Expert:innen aus Nigeria besser.

Enotie:So this object is a wall plaque ..

Kein Anhänger für einen Gürtel, sondern eine Wand-Tafel. Das sagt Enotie Ogbebor. Er ist Künstler aus Nigeria und Mitglied der Benin Dialogue Group. In der tauschen sich seit mehr als zehn Jahren verschiedenste Akteur:innen aus Nigerias Politik und Kultur und Vertreter:innen europäischer Museen über die Zukunft der Benin Bronzen aus. Als wir mit ihm sprechen, ist er gerade in Berlin um ein Austausch-Programm für Künstler:innen zwischen Nigeria und Deutschland auf den Weg zu bringen, und sich Ausstellungen anzuschauen.

Er sagt, das Objekt das ich im Grassi-Museum gezeigt bekommen habe, zeigt ein bestimmtes Fest des Beniner Königshofs:

Enotie Ogbebor: … depicting the Ododoa festival. The festival was established as an official court festival in the Benin kingdom in the 18th century by Oba Eresoyen.

O.V. .. darauf zu sehen das Ododoa Fest. Das wurde als offizielles Fest am Königshof von Benin im 18. Jahrhundert von Oba Eresoyen eingeführt.

Bei diesem Fest wird der König Oduduwa verehrt. Er gilt als Ahnenvater des Volkes der Yoruba. Sein Sohn war der erste König von Benin. Das Festival wurde von Oba Eresoyen gegründet, der im 18. Jahrhundert viel  Kunst in Auftrag gab und mit solchen Tafeln und anderen Darstellungen bestimmte Feste ritualisierte. Laut Enotie Ogbebor zeigt diese Tafel den König und zwei Unterstützer auf dem Weg in den Palast zu den Festlichkeiten.

Enotie Ogbebor: the bronze plaques were a way of keeping records. And so whenever we see the bronze plaques, you can tell through stylisation and through their presentation whose reign or who was king and how things were done.

O.V. Die Bronze Tafeln waren eine Art der Dokumentation. Wann immer wir diese Bronze Tafeln sehen, können wir durch den Stil und die Präsentation erkennen, wer zu der Zeit regiert hat und wie Dinge zu der Zeit gemacht wurden.

MUSIKBREAK

Princess Iyase Odozi: Typically these objects reminds me of home. That is Benin Kingdom.

O.V. Diese Objekte erinnern mich an Zuhause: das Königreich Benin.

Wir zeigen das Objekt noch einer weiteren Expertin aus Nigeria, der Künstlerin Dr. Princess Theresa Oghogho Iyase-Odozi. Für unseren Videocall sitzt sie in ihrer Galerie in Lagos. Im Hintergrund hört man die Straßen, Motorräder. Sie muss für das Interview erst mal den Ventilator ausmachen. Ihr Kopfschmuck, ihre gemusterte Robe und ihre rote Kette passen perfekt zu ihrer Kunst, die im Hintergrund hängt. In ihren Arbeiten befasst sie sich mit der Geschichte des Königreichs Benin.

Odozi There are other bronzes of plaques from the Benin series of similar, you know, a mode and feature, always having the king with the two men beside him, which are to his assistance.

O.V. Es gibt andere ähnliche Bronze Tafeln aus der Benin Reihe mit ähnlichen Eigenschaften, die auch den König zeigen mit zwei Männern an seiner Seite, die ihm dienen.

Sie greift das Motiv auch in einem ihrer Kunstwerke auf, von dem sie uns ein Foto schickt. Ich erkenne darauf die drei Männer wieder. Sie tragen denselben Helm mit der auffälligen Spitze. Wie für Enotie Ogbebor ist dieser Anhänger oder diese Tafel auch für sie eine wichtige Dokumentation historischer Ereignisse.

Odozi:it serves as an honour to the royal ancestors of the Benin people and also to legitimise the living ruler of today

O.V. Sie dient zur Ehrung der königlichen Vorfahren des Benin Volks und auch zur Legitimierung der lebenden Machthaber von heute.

Princess Iyase-Odozi kam schon früh mit Benin-Bronzen in Berührung. Ihre beiden Eltern stammen vom Beniner Königshaus ab.

Odozi:as a child I encountered my first touch with a three dimensional bronze right from the moment I could, you know, recognise that these were objects, art objects. But then we also treated them as sacred objects because they were found in sacred corners of our homes.

O.V. Als Kind kam ich mit Bronzen in Berührung von dem Moment an wo ich sie als Objekte, als Kunstobjekte wahrnehmen konnte. Aber wir haben sie auch als sakrale Objekte behandelt, denn sie befanden sich in sakralen Ecken unserer Häuser.

Sie erinnert sich schon früh von Bronzen umgeben gewesen zu sein - ein paar davon, sagt sie, waren vermutlich Replica.

Als Künstlerin betont sie, wie herausragend das Kunsthandwerk der damaligen Zeit war, aber dass man die Bronzen nicht nur als Kunst ansehen sollte:

Odozi: at the time of production, it is an art, but the moment it becomes a finished work and delivered to the commissioner who commissioned the work, and that is the Oba of Benin, who commissioned the work at that time and went through several processes of of a metaphysical, esoteric in nature, conjuring of spirits and spiritual purpose. It becomes a spiritual work, a religious item.

O.V. In der Produktion ist es Kunst, aber als es an den Auftraggeber, den Oba, übergeben wird, durchläuft es verschiedene Prozesse esoterischer und metaphysischer Natur, wie das Heraufbeschwören von Geister. Es wird zu einem spirituellen Werk, zu einem religiösen Gegenstand.

Diese spirituellen Objekte haben für sie nichts in einem Museum zu suchen:

Odozi: I personally say that we mock that which we do not understand by using the word art or artefacts and placing or mounting these works as works of art. It's a sin.

O.V. Ich persönlich sage: wir verspotten das, was wir nicht verstehen, indem wir es Kunst nennen und als Kunstwerk ausstellen. Das ist eine Sünde.

Und das bedeutet für Princess Iyase-Dodozi ganz klar: die Benin Bronzen müssen zurückgegeben werden. Ich merke im Interview, wie sehr sie dafür brennt.

Helen: Do you feel like the society around you is also as passionate about this as you are?

O.V. Haben Sie das Gefühl, dass die Gesellschaft um Sie herum ebenso leidenschaftlich bei diesem Thema ist wie Sie?

Odozi: Oh, yes, certainly they are. I feel the people should not be the ones to be requesting for restitution. It should be a voluntary atonement, a voluntary move from the Europeans for these for their dastardly acts.

O.V. Oh ja, mit Sicherheit. Aber die Leute sollten nicht diejenigen sein, die Restitution einfordern. Es sollte ein freiwilliger Akt der Versöhnung von den Europäer:innen sein für ihre hinterhältigen Taten.

Es sollte ein freiwilliger Akt der europäischen Länder sein. Tja … was soll ich sagen - bis zu den ersten Rückgaben aus Deutschland im Juli war es ein langer Weg.

Bereits kurz nach der brutalen Einnahme 1897 fordert das Königreich Benin die Bronzen zurück. Aber wie damals die Stimmung war, das haben wir ja schon gehört: Kein Fünkchen Einsicht, dass es sich um Unrecht handelt. Ein wichtiger Einschnitt ist dann 1960 - als Nigeria und viele weitere afrikanische Staaten unabhängig werden. Intellektuelle aus den kolonisierten Ländern fordern ihr Kulturgut zurück. Das tritt eine Diskussion in Europa los, in Politik und Museumskreisen, wie man mit den eigenen Beständen aus ehemaligen Kolonien umgehen soll. Gemeinsame Verhandlungen, Dialoge auf Augenhöhe, gibt es damals aber noch nicht.

Eingelesen: “Man hat nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine moralische verpflichtung zur Rückgabe. Der volle Genuss dieses Kulturerbes ist für jedes Volk eine unabdingbare Voraussetzung für seine Selbstverwirklichung.”

schreibt Herbert Ganslmayr 1976 in seiner Funktion als Direktor des Übersee-Museums Bremen in einem Zeitungsartikel zum Thema Restitutionen. Er ist damit zu der Zeit aber noch ziemlich allein. Auch in den Jahrzehnten danach werden selbst vorsichtigen Anfragen aus Nigeria nach Dauerleihgaben abgelehnt.

Friedrich von Bose findet es ganz wichtig, sich vor Augen zu führen, dass die Rückgabeforderungen nicht neu sind.

Friedrich von Bose: Und dass sich gerade in bundesdeutschen Museen die Direktoren, meistens Direktoren, sehr vehement dagegen gewehrt haben und sich auch zusammengeschlossen haben gegen Rückgabe und diese Persistenz von Museumsseite, sich diesen Forderungen zu verschließen, einfach sehr sehr groß war und noch bis vor wenigen Jahren auch sehr deutlich zu vernehmen war.

Für mich ist das echt schwer zu begreifen - von Anfang an ist offen, dass es sich um Raub handelt, aber über einen so langen Zeitraum erkennt  das niemand wirklich als Problem an, diese Sachen in Europa zu behalten. In Leipzig kommt es da sogar noch zu einem richtigen Showdown:

Nach dem Ende der DDR kündigt die Erbengemeinschaft von Hans Meyer 1990 die Dauerleihgabe an das Leipziger Museum auf und will die Sammlung Meyers zurück: 53 Objekte aus dem Königreich Benin, mit denen auf dem Kunstmarkt viel Geld zu holen ist.

Bach: Der Wert hat sich natürlich auch über die Jahre extrem gesteigert und tatsächlich bis Anfang der 2000er,  konnte man teilweise diese Benin Objekte eben über Sotheby's, Christie's oder andere Auktionshäuser kaufen, wenn eben wie gesagt, private Mitglieder der Expedition dort noch Dinge aus ihrem Privatfundus versteigert haben.

Nach einem zehnjährigen Rechtsstreit geht die Meyer’sche Benin-Sammlung 2001 ins Eigentum des Freistaates Sachsen über. Für 6,9 Millionen Euro werden die 53 Benin-Objekte der Erbengemeinschaft abgekauft - und davor bewahrt, auf dem Kunstmarkt verstreut zu werden.

MUSIKBREAK

In den letzten zehn Jahren wird die Debatte lauter, es gibt mehr Forschung, öffentlichen Druck, Berichterstattung. Und die Museen arbeiten enger mit Forscher:innen aus den Herkunftsländern der Objekte zusammen - was aber in der Praxis oft schwierig ist, weiß das Team des Leipziger Museums:

Friedrich von Bose:Wir wissen alle, dass selbst ein Forschungsbesuch im Rahmen von Forschungsprojekten oft gar nicht so einfach ist, denn die Leute müssen erstmal ein Visum bekommen. Insofern sind die globalen Ungleichheitsverhältnisse manifestieren sich auch natürlich sehr stark, die aktuellen Ungleichheitsverhältnisse, in dieser Debatte.

Bach: Und das ist eine ganz lange Beziehungsarbeit, die sowas mit sich bringt. Also man muss immer in Kontakt bleiben, man muss darüber sprechen, auch über die Ängste von beiden Seiten, über die Erwartungen von beiden Seiten und auch die Ziele von beiden Seiten. Und das, wie gesagt, bedarf eine lange Zeit, viel Vertrauen, viel Arbeit, viel Geld.

Eine wichtige Institution für die Restitutionsdebatte ist die Benin Dialogue Group, die wir vorhin schon kurz erwähnt haben. 

Enotie Ogbebor: Everybody is an equal partner or equal member and where you can voice your opinions as openly as possible, where there are no Imbalances in terms of expression of opinions.

O.V. Jeder ist ein gleichberechtiges Mitglied, das seine Meinung so offen wie möglich ausdrücken kann, es gibt kein Ungleichgewicht in der Meinungsäußerung.

sagt Enotie Ogbebor, der Mitglied der Benin Dialogue Group ist.

Enotie Ogbebor: we realised that collaborating was very important to this restitution process restitution debate and by bringing the various museums who have various governance structures and who operate in under different conditions in various European countries, where we can all sit and see how we can fashion a common ground. Or a common framework to bring about the realisation of restitution in a way which is beneficial to all the parties

O.V. Wir haben realisiert, dass Zusammenarbeit sehr wichtig für diesen Restitutionsprozess ist. Wir bringen verschiedene Museen zusammen mit ihren unterschiedlichen institutionellen und politischen Strukturen in verschiedenen europäischen Ländern, und erarbeiten eine gemeinsame Basis oder einen Rahmen, in dem Restitution so umgesetzt werden kann, dass alle Seiten davon profitieren.

Denn die Benin Bronzen sind verteilt auf viele verschiedene Museen in Europa, die bei den Rückgabeverhandlungen auch unterschiedliche Bedingungen und Interessen haben. In der Benin Dialogue Group sind unter anderem Museen aus Deutschland, den Niederlanden und UK vertreten.

MUSIKBREAK

Verschaffen wir uns da kurz mal einen Überblick: Die Benin-Bronzen befinden sich zum größten Teil in Museen in den USA, in Großbritannien und Deutschland.  Die größte Sammlung an Bronzen hat das British Museum mit etwa 900 Objekten. In Deutschland war bis vor wenigen Jahren noch gar nicht erfasst, wie viele Objekte sich hier befinden.

(man hört tippen)

Inzwischen dokumentieren die Museen das in der zentralen Datenbank mit dem langen Namen “KONTAKTSTELLE FÜR SAMMLUNGSGUT AUS KOLONIALEN KONTEXTEN IN DEUTSCHLAND”. Zum Zeitpunkt der Aufnahme des Podcasts sind dort über 1200 Bronzen aufgeführt, die sich in 15 Museen befinden. Die mit rund 440 Objekten größte deutsche Sammlung befindet sich in Berlin, gefolgt von Sachsen mit über 200 Objekten. Nicht alle dieser Objekte sind aus Bronze: unter den Sammelbegriff Benin-Bronzen fallen auch Artefakte aus Leder, Holz und anderen Materialien. Gemeinsam haben sie, dass sie aus dem Königreich Benin stammen.

15 Museen - allein in Deutschland sind das viele verschiedene Akteur:innen, mit denen also verhandelt werden muss - auf Bundes- und Landesebene.

Und auch auf der nigerianischen Seite ist es kompliziert: da ist zum einen die nigerianische Regierung, dann die Regierung des Bundesstaats Edo, und dann das Beniner Königshaus, vertreten durch den heutigen Oba. Auch da gibt es unterschiedliche Interessen.

MUSIKBREAK

Eingelesen “Das afrikanische Erbe darf nicht Gefangener europäischer Museen sein”

Als der Elysee Palast das 2017 twittert, ist Emmanuel Macron mitten im Wahlkampf. Bei seinem Besuch in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, wirbt er für sich und verkündet Kunst aus Afrika zurückgeben zu wollen- und das obwohl sich Frankreich noch ein Jahr vorher strikt geweigert hatte Objekte zurückzugeben.

Macron gibt ein Gutachten in Auftrag, das 2018 veröffentlicht wird: Darin fordern die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr, dass alle Objekte, die in der Kolonialzeit aus Afrika nach Frankreich gebracht wurden, zurückgegeben werden sollen. Das fällt in die allgemeine Stimmung damals und Macron nennt, laut Savoy und Sarr, zum ersten Mal überhaupt so deutlich die Kolonisation als Teil der französischen Geschichte, “ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit”. Macron gibt dann, in Folge des Gutachtens, 26 erste Objekte zurück, die in der Kolonialzeit von französischen Truppen im heutigen Staat Benin geraubt wurden.

Das schlägt auch in Deutschland Wellen und die Debatte in der Politik und Museumslandschaft nimmt Fahrt auf. Die große Koalition hat bereits im Koalitionsvertrag festgehalten, die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands anzugehen. Der Druck aus Ländern, die kolonisiert wurden, wächst, ebenso der Druck von diversen Aktivist:innen in Deutschland.

MUSIKBREAK

Im August 2019 fordert der Botschafter Nigerias in Deutschland, Yusuf Tuggar, in einem formellen Brief die Bronzen zurück. Über ein Jahr später wartet man auf nigerianischer Seite noch immer auf die Antwort.Auf Twitter schreibt Tuggar im Dezember 2020 dazu:

Eingelesen: “We are witnessing every excuse in the book against restitution of stolen cultural properties”

O.V. Wir erleben jede Ausrede wie sie im Buche steht gegen die Restitution gestohlenen kulturellen Eigentums.

Es ist kurz vor der Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin. Vereine wie „Berlin Postkolonial“ und die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ kritisieren schon länger, dass dort Raubkunst ausgestellt werden soll.

Der Druck auf die Politik ist hoch, doch es sieht so aus, als würde man das Thema aussitzen. Nichts tut sich, zumindest bekommt man nichts mit. Dann im Oktober 2021 die große Meldung:

Schlagzeilen eingelesen: Deutschland und Nigeria einigen sich auf Rückgabe von Benin-Bronzen, Deutschland will Benin-Bronzen übereignen

Deutschland will die Eigentumsrechte an den Benin-Bronzen den nigerianischen Verhandlungspartnern übertragen. In der nigerianischen Hauptstadt Abuja unterzeichnen beide Seiten eine Absichtserklärung. Das ist kurz nach der Bundestagswahl im September 2021 - aber die alte Regierung, die GroKo, ist noch im Amt.

Es heißt, erste Rückgaben sollen 2022 erfolgen. Dann wird es in der Presse wieder ruhig um das Thema.

Eingelesen: Bislang wurde zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Nigeria noch kein Termin für die Unterzeichnung eines Vertrages über die Restitution von Kulturgütern mit kolonialem Kontext vereinbart.

so heißt es noch im Mai 2022 in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion. Die spricht sich - wenig überraschend - gegen die Rückgabe aus. Wir sind mitten in der Recherche an diesem Podcast und sehen nicht kommen, dass vor Herbst noch irgendwas aufregendes passiert.

Und dann das:

Eingelesen: It is not a dream; morning after the evening of the signing ceremony for the return of the Benin Bronzes from Germany to Nigeria. Thanks to all the interlocutors on both sides

O.V. Es ist kein Traum! Der Morgen nach dem Abend der Unterzeichnungszeremonie zur Rückgabe der Benin Bronzen von Deutschland an Nigeria. Danke an alle Gesprächspartner:innen auf beiden Seiten.

Das twittert am 2. Juli 2022 Yusuf Tuggar, der Nigerianische Botschafter in Berlin. Es ist kurz vor Redaktionsschluss und wir hatten nicht damit gerechnet, dass das noch passiert, bevor dieser Podcast rauskommt: Deutschland und Nigeria unterzeichnen ein Abkommen, dass die Übertragung der Eigentumsrechte der Benin Bronzen an Nigeria auf den Weg bringt. Endlich! Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock und die Beauftragte für Kultur und Medien Claudia Roth übergeben ihren nigerianischen Amtskollegen Zubairu Dada und Lai Mohammed zwei erste Bronzen.

Deutschland ist nicht das erste Land, das Benin Bronzen an Nigeria zurückgibt - es gab etwa Anfang des Jahres Rückgaben von Universitäten in Großbritannien. Aber der Umfang - die Übertragung der Eigentumsrechte aller Benin Bronzen in deutschen Museen - ist bisher einmalig.

Wir sprechen noch mal mit Friedrich von Bose vom Grassi Museum Leipzig und fragen, ob er das hat kommen sehen.

Bose: Na ja, überrascht war ich natürlich nicht, weil sich das ja abgezeichnet hat, dass es am Ende doch schneller ging als von uns allen denke ich erwartet. Das hat mich vor allem gefreut.

Die Erklärung schafft die Grundlage dafür, dass die Eigentumsrechte aller in deutschen Museen befindlichen Benin Bronzen an Nigeria übertragen werden. Das müssen die einzelnen Bundesländer, die die Trägerschaft der Museen haben, noch umsetzen. Aber die Erklärung des Bundes ist die Grundlage dafür.

Bose: Und was uns natürlich besonders freut, ist, dass dies auch die Grundlage für eine umfassende Rückgabe ist. Das heißt, es liegt nun an der nigerianischen Seite, zu entscheiden, welche Bronzen zurückkommen, welche Bronzen restituiert werden und welche gegebenenfalls bei uns bleiben können, um dann für gemeinsame Ausstellungsprojekt Verwendung zu finden. Und insofern ist das eine ist das eine sehr, sehr weitreichende Entscheidung.

Für ihn ist das ein großer Wendepunkt:

Bose: es wird jetzt viel darüber gesprochen, dass nicht alle zurückgegeben werden sollen. Vielleicht weil es auch darum gehen wird, Bronzen weiterhin auch hier auszustellen, aber eben unter komplett anderen politischen Vorzeichen. Nämlich, dass sie nicht unser Eigentum sind der jeweiligen Träger der Museen, sondern dass sie Eigentum von Nigeria sind und wir sie als Leihnahmen hier auch ausstellen dürfen. Mit Betonung auf dürfen. Es ist nicht unser Recht, es ist nicht sozusagen. Wir können nicht entscheiden, was mit den Bronzen passiert, sondern die nigerianischen Partnerinnen können dies entscheiden. Und wir sind sozusagen diejenigen, die da mitmachen dürfen.

In die Richtung geht auch der Wunsch der sächsischen Landesregierung. Barbara Klepsch, Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus sagt uns dazu im Interview noch bevor der Beschluss im sächsischen Kabinett fällt:

Barbara Klepsch: man ist jetzt in einem Gespräch, in einem sehr engen Gespräch mit dem Bund und mit Nigeria, dass auch Bronzen, die im Eigentum von Nigeria sind, aber weiter in deutsche Museen, in sächsische Museen, eben auch bei uns im Freistaat Sachsen weiter zu sehen sein werden.

Am 12. Juli stimmt das sächsische Kabinett für die Übertragung der Eigentumsrechte der Benin Bronzen aus sächsischen Sammlungen.

Nachdem die Entscheidung in Sachsen gefallen ist, können nun die nigerianischen Partner:innen begutachten und entscheiden, was mit den Benin-Bronzen in Sachsen passiert, welche nach Nigeria zurückgehen und welche in Leipzig ausgestellt werden können. Derzeit stellt das Grassi Museum ja bewusst keine Bronzen aus - mit dem Einverständnis aus Nigeria und zum Beispiel unter nigerianischer Kuration wäre das aber in Zukunft denkbar, sagt Bose. Wem ist dieser Erfolg, dieser Meilenstein in der Restitutionsfrage zu verdanken? Bose sagt ganz klar:

Bose: Das hat man, denke ich, am allerwenigsten den Museen selbst zu verdanken, auch wenn in den letzten Jahren einzelne Museen natürlich sehr stark sich auch dafür eingesetzt sind. Und wir können uns, denke ich, auch dazuzählen. Aber grundsätzlich sind es die vielen Aktivistinnen und die vielen Akteure auf nigerianischer Seite, die nicht locker gelassen haben, die aktivistischen Kontexte hier in Deutschland, die nicht locker gelassen haben

Aktivist:innen in Deutschland haben in den letzten Jahren immer wieder auf das Thema aufmerksam gemacht. Die Initiative Berlin Postkolonial ist auch mit dabei. Anlässlich der Entscheidung über die Eigentumsrechte veröffentlichen sie am 1. Juli eine Pressemitteilung auf Facebook:

EINLESEN: “Berlin Postkolonial welcomes the restitution of the Benin bronzes as a success of the descendants of colonised people, who were able to overcome the current owners' decades-long resistance to restitution. However, the cultural treasures captured in Benin City represent only the tip of the (colonial) iceberg”

O.V. Berlin Postkolonial begrüßt die Restitution der Benin Bronzen als Erfolg der Nachfahren kolonisierter Menschen, die es geschafft haben, den jahrzehntelangen Widerstand der jetzigen Eigentümer zu überwinden. Jedoch sind die Schätze, die in Benin City erbeutet wurden, nur die Spitze des kolonialen Eisbergs.

Enotie Ogbebor sagt:

Enotie Ogbebor: I think we need to also give kudos, give compliments to the speed. In the last three years in which the restitution debate has unfolded, it has been buffeted/profited by the winds of Black Lives Matter, the statements from President Macron and the activities of the Benin Dialogue Group, the activities of the Governor of Edo State, Mr. Obaseki, who boldly brought Sir David Adjaye to design the new museum.

O.V. Ich denke wir müssen ein Kompliment aussprechen für die Geschwindigkeit in den letzten drei Jahren, in denen sich die Restitutionsdebatte entfaltet hat, beflügelt von Black Lives Matter, den Statements von President Macron und den Aktivitäten der Benin Dialogue Group. Den Aktivitäten des Governors des Bundesstaats Edo, Mr. Obaseki, der den Architekten David Adjaye beauftragt hat, das neue Museum zu entwerfen.

In Nigeria soll das “Edo Museum of West African Art” voraussichtlich 2025 eröffnen, direkt neben dem traditionellen Palast des Oba in Benin-City, wo die Bronzen einst geraubt worden sind. Nigeria will nicht alle Bronzen zurück haben, aber viele könnten im neuen Museum ein neues Zuhause finden. Bis zur Fertigstellung soll ein kleines Areal auf dem Gelände die Bronzen beherbergen.

Enotie: This brought a lot of global attention to what was being done and brought a lot of confidence. So I think a lot of progress has been made in the last two, three years compared to the last 60 years in comparison to the last hundred years. So when you compare what has happened in the last two or three years, it's been unbelievable and the pace at which things have unfolded.

O.V. Das hat weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt und viel Selbstbewusstsein gebracht. Ich finde also in den letzten zwei, drei Jahren wurde viel Fortschritt gemacht im Vergleich zu den letzten 60 oder 100 Jahren. Im Vergleich dazu ist die Geschwindigkeit der Entwicklungen der letzten zwei drei Jahre unglaublich.

Durch die Erklärung vom 1. Juli zwischen Deutschland und Nigeria kommt noch mehr Fahrt auf und der Druck auf andere Länder wächst. Der Direktor des British Museum blockt in der Woche der Unterzeichnung Fragen zu Rückgaben aus seinem Museum ab. Der Generaldirektor der Nationalen Museums- und Denkmalbehörde Nigerias, Abba Tijani, berichtet jedoch in der Presse von aussichtsreichen Gespräche mit Großbritannien und den USA - Ländern, wo sich bis heute viele Benin Bronzen befinden. Die Smithsonian Institution in Washington D.C. hatte bereits im Juni entschieden, Benin Bronzen zurückzugeben.

Wenn durch die Rückgaben mehr Menschen in Nigeria Zugang zu den Benin Bronzen haben, mehr über ihr kulturelles Erbe erfahren können, hat das für Ogbebor das Potenzial, viel in Gang zu setzen:

Ogbebor:you can imagine we have not had access to what our ancestors had bequeathed to us. You can imagine if in Europe the works of Da Vinci, Michelangelo, Plato, Home, Picasso, Van Gogh, Shakespeare, Beethoven, Mozart. Imagine if all these works were removed from the European society 130 years ago. Do you think Europe would be where it is today in terms of civilisation and development?

O.V. Du musst dir vorstellen: wir hatten keinen Zugang zu dem, was uns unsere Vorfahren hinterlassen haben. Stell dir vor wenn die Werke von Da Vinci, Michelangelo, Plato, Home, Picasso, Van Gogh, Shakespeare, Beethoven, Mozart, wenn die alle vor 130 Jahren der Gesellschaft weggenommen worden wären. Wäre Europa dann da wo es heute ist in Sachen Zivilisation und Entwicklung?

MUSIKBREAK

Was wir mit diesen ersten Rückgaben erleben, ist für ihn erst der Anfang, denn Restitution hört seiner Meinung nach nicht bei Rückgaben auf, sondern kann der Beginn einer neuen Zusammenarbeit sein. 

Enotie Ogbebor: We expect with this relationship, with this continuous dialogue, because continuous interaction, then we can get the necessary support to develop the institutions and to develop the manpower and to develop our economies, you know, to make a better life for our people.

O.V. Wir erwarten, dass wir mit dieser Beziehung, mit den fortlaufenden Dialogen und Interaktionen auch die nötige Unterstützung bekommen können, um Institutionen zu schaffen, Manpower zu entwickeln, unsere Wirtschaft zu entwickeln und ein besseres Leben für unsere Leute zu schaffen.

Er selbst hat in Benin City die Nosona Studios gegründet, ein Ort für bildende Kunst und Digitaltechnik, wo junge Künstler*innen ausgebildet werden. Nosona bedeutet Haus der Künstler*innen.

Er glaubt daran, dass ein gleichberechtigter Austausch beide Seiten weiterbringt:

Enotie Ogbebor: So it's the responsibility of every European to make sure and to support this restoration, because, you know. If the proper narratives are told. Hopefully then even the question of racism and the inferiority of one race or superiority to another will cease and the world become a better place because then it will be a world of mutual exchange of beneficial ideas, beneficial technology, and beneficial knowledge so it will be a better world to live in.

O.V. Es ist die Verantwortung aller Europäer:innen die Restitution zu unterstützen. Wenn die richtigen Narrative erzählt werden, dann wird hoffentlich auch Rassismus, die Vorstellung von Unterlegenheit und Überlegenheit von einer race zu einer anderen enden. Dann wird es gegenseitigen Austausch geben mit Ideen, Technologie und Wissen, die uns voranbringen. Dann werden wir in einer besseren Welt leben.

(man hört Menschen sich hunterhalten, Straßengeräusche in der Ferne)

Zur Feier der Unterzeichnung vom 1. Juli kommt Enotie Ogbebor kurzfristig nach Leipzig  - dort schaut er sich die Benin Bronzen im Depot an und malt inspiriert davon drei Gemälde. Im sonnigen Innenhof können ihm die Besucher:innen dabei live zusehen. In knalligem pink hat er drei große Gedenkköpfe gemalt - Uhunmwun Elao. Ein Bild zeigt das Igue Fest am Königshof.

(man hört Gesang und Trommel, dann Moderation auf englisch)

Am Abend macht er mit einer Gruppe Musiker:innen eine Live Performance - Ogbebor trägt ein langes weißes Gewand und eine Korallenkette - die Frauen tragen auch Korallenschmuck auf dem Kopf - sie singen und tanzen und erklären zwischendrin die Bedeutung der Edo-Texte - dabei erzählen sie auch von Ritualen aus ihrer Heimat, zum Beispiel vom gemeinsamen Singen im Hof. Vertreter:innen aus der nigerianischen Botschaft in Berlin sind auch angereist. Beim letzten Lied stehen die stellvertretende Botschafterin Regina Ocheni und Museumsdirektorin Léontine Meijer-van Mensch auf, und animieren das  Publikum, Friedrich von Bose und sein Team zum tanzen.

(man hört Musik, Gesang und Trommel)

Drinnen in der Ausstellung wurde am Zeitstrahl der Rückgabeforderungen schon eine neue Marke ergänzt: 01.07.2022 Berlin - Unterzeichnung der gemeinsamen politischen Erklärung über die Rückgabe der Benin Bronzen.

Ich bin sehr bewegt nach meinem Besuch im Grassi Museum. Und habe ein ganz anderes Gefühl als nach den anderen Museumsbesuchen für den Podcast. Zum ersten Mal hab ich nicht den Eindruck, dass weiße Vorherrschaft in der Luft liegt, sondern dass sich wirklich aufrichtig mit der kolonialen Vergangenheit auseinandergesetzt wird. Und zwar mit Stimmen und mit Kunst von Menschen aus den ehemals kolonisierten Ländern. Ich hoffe, dass die Rückgabe der ersten zwei Benin Bronzen nur der Anfang von anderen Restitutionen und der Aufarbeitung der eigenen kolonialen, brutalen Vergangenheit ist. Und dass es nicht eine so eindeutige, gewaltvolle Raubgeschichte braucht wie den Überfall auf das Königreich Benin durch Großbritannien. Sondern, dass es auch reicht, dass die Objekte durch Kolonialismus nach Deutschland kamen und auch, dass sie den Menschen in ihrem Herkunftsland SO viel mehr bedeuten als uns hier in Deutschland.

MUSIK OUTRO

Das war Akte Raubkunst über den langen Weg zu den ersten Rückgaben von Benin Bronzen, die von britischen Kolonialkräften bei einer brutalen Militäraktion geraubt wurden. In den nächsten Folgen geht es dann um Objekte aus Ländern, die von Deutschland kolonisiert wurden. Angefangen mit Kamerun. Ich bin Helen Fares und wenn euch dieser Podcast gefällt, sagt es weiter und klickt auf abonnieren, damit ihr auch die nächsten Folgen nicht verpasst und wenn ihr uns bei spotify oder apple podcasts hört, lasst uns doch eine 5 Sterne Bewertung da.

Akte: Raubkunst? ist eine Produktion von Good Point Podcasts im Auftrag von ARD Kultur. Die Autorin dieser Folge ist Amina Aziz. Redaktionelle Mitarbeit: Luna Ragheb. Executive Producer und Redaktion: Eva Morlang, Head of Content ARD Kultur: Kristian Costa-Zahn, Produktionsleitung ARD Kultur: Reimar Schmidtke, Schnitt: Tina Küchenmeister, Sounddesign: Josi Miller.

Rechte: ARD Kultur

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