Episoden-Cover "Akte: Raubkunst? - Nofretete" 50 min
Bildrechte: ARD Kultur / Good Point Podcasts
50 min

Star der Berliner Museen oder Inbegriff kolonialen Unrechts? Wir gehen dem Streit um die Nofretete-Büste nach, von der umstrittenen Fundteilung in Ägypten über Rivalitäten im 1. Weltkrieg bis zu aktuellen Forderungen.

ARD Audio Do 11.08.2022 00:01Uhr 49:51 min

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Akte: Raubkunst? | Episode 1

Die umkämpfte Königin

(spannungsvolle Musik)

Männl. Stimme: Nun ist bei der Fundteilung (...) ein Hauptstück, ein Königinnenkopf aus bemaltem Kalk, durch einen eindeutigen Irrtum aus Ägypten ausgeführt worden.

Weibl. Stimme: Es sind einfach so: hochsensible Objekte, dass sich für viele und da ist eben Nofretete kein Ausnahme. Ja, dass für viele aus meiner konservatorischen verantwortlichen Sicht das Bewegen nicht in Frage kommt.

Mann 2: Nefertiti is an important object of the Egyptian culture     , it has to come back to Egypt and it will come back.

// Die Nofretete-Büste ist ein wichtiges Objekt ägyptischer Kultur.      sie muss zurückkommen und sie wird zurückkommen.    

Stimme Hostin Helen Fares:

Hunderttausende Menschen strömen jedes Jahr ins Museum, nur um einen Blick auf sie werfen zu können. Die Nofretete-Büste ist von ungeheurem Wert: Die Quellen unterscheiden sich zwar, aber ihr Wert wird so auf zwischen 300 und 400 Mio Euro geschätzt. Nofretete war die Frau des Pharaos Echnaton, der als Begründer der ersten monotheistischen Religion gilt. Ihre Büste im Neuen Museum in Berlin ist weltberühmt.

(Geräusch Straße) Helen Fares: Alles hier an diesem riesengroßen Platz in Mitten Berlins, ist so prunkvoll und prachtvoll und irgendwie auf den ersten Blick wunderschön. Aber wenn man sich vorstellt, was sich hinter diesen Mauern verbirgt und was auch die Geschichten dieser Mauern sind, läuft es einem irgendwie doch ein bisschen kalt den Rücken runter.

MUSIK INTRO

Das ist die erste Folge von  “Akte: Raubkunst?”. Der Podcast, in dem wir die Geschichte von Objekten in deutschen Museen erzählen, die eigentlich nicht hier sein sollten. Mein Name ist Helen Fares und ich bin unter anderem Journalistin, Wirtschaftspsychologin und Bildungsaktivistin und beschäftige mich in meiner Arbeit viel mit den Themen Gerechtigkeit, Menschenrechtsverletzungen und Rassismus. Und ich habe schon immer ein komisches Gefühl gehabt, wenn ich in Museen in Deutschland Kunst und Heiligtümer aus Asien und Afrika gesehen habe und dachte - warum stehen die nicht da, wo sie herkommen? Genau das wollen wir in diesem Podcast herausfinden. Die Spuren führen uns in die koloniale Vergangenheit von Deutschland, auf Schiffe, an Ausgrabungsstätten und in Auktionshäuser. Über Inventarlisten, Tagebucheinträge, Gesprächen mit Expert:innen in Deutschland und in den Ländern wo die Objekte herkommen, gehen wir den Geschichten der Kulturgüter nach. In einigen Fällen ist es ganz klar Raub, bei anderen ist das weniger eindeutig. Deswegen auch das Fragezeichen im Podcasttitel. Und in unserer ersten Folge ist die Antwort auf diese Frage ziemlich kompliziert.

Ein Inhaltshinweis an dieser Stelle - wir thematisieren in diesem Podcast Kolonialismus, Rassismus und Gewalt.

MUSIKBREAK

Ägyptische Museen oder besser gesagt Museen mit ägyptischer Kunst gibt es ja wie Sand am Meer. Als Kind war ich mit meiner Schulklasse zum ersten Mal in einem ägyptischen Museum in Leipzig. Danach hat meine Mutter sich mit mir Zuhause hingesetzt und mir gesagt, dass viele kulturelle und religiöse Objekte, die in dem Museum stehen, eigentlich gar nicht hier sein sollten.

Auch bei der Nofretete-Büste gab es immer wieder Streit, ob sie rechtens in Deutschland ausgestellt wird, seit sie hier 1924 zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Für die einen ist die Nofretete der Inbegriff eines Kulturguts, das unrechtmäßig im Kolonialismus hierher gekommen ist. Für die anderen ist sie rechtmäßiger Besitz von Deutschland und die Königin der Berliner Museen.

Wie kam die Büste der Nofretete nach Deutschland und wieso steht sie nicht in Ägypten? Warum wehrt man sich hier mit Händen und Füßen, dagegen, dass sie zurückgeht?

MUSIKBREAK

Wir wollen mit dem Neuen Museum sprechen, aber das Neue Museum erstmal nicht mit uns. Die Büste sei schließlich keine Raubkunst und damit sei die Sache erledigt, Akte geschlossen, khalass, ciao.

Nachdem dann alle Deadlines fast verstrichen sind und wir nicht mehr damit rechnen, erklärt das Museum sich in letzter Minute bereit, doch noch unsere Fragen zu beantworten - dazu später mehr.

Wir bekommen keine Aufnahmegenehmigung, aber ein Museum ist ja ein öffentlicher Ort, also gehe ich ohne Mikrofon als normale Besucherin rein, um mir die sagenumwobene Nofretete-Büste anzuschauen.

Ich will meine Eindrücke wenigstens auf meinem Handy notieren, aber als ich es raushole werde ich sofort ermahnt. In dem Raum, in dem die Büste steht, gilt striktes Fotografierverbot.

Straßengeräusche, Helen vor dem Museum

Helen Fares: Als ich dann den Raum gesehen habe, in dem sie stand, (...) war ich ziemlich beeindruckt. Der Raum ist riesengroß und pompös und in diesem Raum steht nur die Nofretete Büste in der Mitte, in einer Vitrine von unten  beleuchtet

Die Büste ist wirklich wunderschön und der Eindruck hallt bei mir auch noch nach. Aber Informationen zu ihrer Bedeutung, oder gar zu Kritik daran, dass sie hier in Berlin steht, finde ich im Museum nicht. Um zu verstehen, warum sie so ein Streitfall ist, müssen wir tiefer in die Recherche einsteigen. Also von vorne:

Kyra Gospodar: Und jetzt in meinem Falle im Falle von Dahschur da arbeite ich zum Teil auf meinem, meinem Schnitt sind dann 40, 50 ägyptische Männer dabei, die vor allem aus den angrenzenden Dörfern kommen und deren Familie Familien schon zum Teil seit Jahrzehnten oder schon 100 Jahre auf ägyptischen Grabungen beschäftigt sind.

Kyra Gospodar ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität in Berlin in der Ägyptologie und macht bei Ausgrabungen in Dahschur mit. Dort befinden sich mehrere Pyramidenanlagen. Sie schildert uns wie Archäolog*innen in Ägypten arbeiten. Vor 100 Jahren, wie heute, waren Grabungen in Ägypten Teamwork.

Kyra Gospodar: Viele haben noch Fotos zu Hause oder alte Dokumentationen von den Großvätern, die auf sehr, sehr bekannten alten Grabungen auch dabei waren, wo es noch so ganz vergilbte alte Fotos gibt. Und alle sind steif gekleidet und gucken in die Kamera. Und die sind dann auch häufig sehr enthusiastisch. Für viele ist es natürlich auch ein Job, weil natürlich die Chancen in der Umgebung oft im ländlichen Raum nicht so groß sind, so viele Grabungsarbeiten, auch ein großer Arbeitgeber sind und dann natürlich auch viele Familien dranhängen.

Auf der Fensterbank in ihrem Büro steht eine Kopie der Büste der Nofretete. Eine ägyptische Version, verrät sie. Das erkenne man an dem Auge, das heil sei und anders als bei der Original-Büste, nicht fehle. Um den Hals von Nofretete ist rosa Lametta gewickelt. Wahrscheinlich von einer Fachschaftsparty, vermutet Gospodar. Die Büste stand schon am Fenster als sie ins Büro einzog.

Archäologie sei auch eine bürokratische Angelegenheit, sagt sie. Dafür arbeite man vor Ort eng mit ägyptischen Expert*innen, Inspektor*innen und Behörden zusammen.

Kyra Gospodar: Und wenn wir natürlich nach Ägypten gehen, sind wir uns auch bewusst, dass wir natürlich von außen kommen und als ausländische Forschungsinstitutionen. Deshalb und auf ägyptischem Boden wird auch sehr viel Forschung von ägyptischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begangen. Deswegen sind eigentlich Kooperationen mit ägyptischen Universitäten oder den Inspektoren die Regel. Man arbeitet ganz eng mit ägyptischen Kolleginnen und Kollegen zusammen, auch mit Studierenden.

Die Ausgrabungen laufen nicht viel anders ab als früher. Außer, dass man heutzutage mit Ägypter*innen laut Gospodar eher auf Augenhöhe zusammenarbeitet als früher. Sie haben aber damals schon bei Ausgrabungen geholfen, hauptsächlich die körperlich schwere Arbeit übernommen.

Jochem Kahl: das ist der Wüstenberg am Westrand der Stadt Asyut. Der erstreckt sich über ungefähr einen Kilometer Länge und über 200 Metern Höhe...

Dr. Jochem Kahl zeigt auf ein großes Foto, fast schon ein Poster, an der Wand in seinem Büro, schräg gegenüber von dem von Kyra Gospodar. Er ist Professor für Ägyptologie und leitet seit 20 Jahren Ausgrabungen in Ägypten. Das Foto zeigt den Ort, an dem er in Ägypten arbeitet: Asyut, über 300 Kilometer südlich von Kairo, am westlichen Nilufer.

Deutsche Archäolog*innen sind seit Jahrhunderten in Ägypten an Ausgrabungen beteiligt. Die Grundlagen der modernen Archäologie sind durch Forschungs- und Entdeckungsreisen, sogenannte Expeditionen, westlicher Mächte geschaffen worden. Die Feldzüge des französischen Kaisers und Diktators Napoleon Bonaparte haben zum Beispiel die Grundlagen geschaffen. Auch Deutschland schafft mit der sogenannten preußischen Expedition von 1842-1845 in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine Basis der Archäologie.

Jochem Kahl: Ganz klar muss man sagen Ägyptologie ist ein Fach, das seinen Ursprung in der Kolonialzeit hat. Das hat mich als Student auch schon oft irritiert, aber hat mich trotzdem nicht abgeschreckt, das zu studieren. Und wir müssen einfach damit umgehen.

Der „unangefochtene Star“  des Museums, wie das Neue Museum die Büste der Nofretete nennt, wird Anfang des 20. Jahrhunderts fast genau in der Mitte von Ägypten gefunden, in Tell el-Amarna oder nur Amarna. Und zwar in den über 3000 Jahre alten Ruinen der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis. Der Ägyptologe Ludwig Borchardt ist Leiter der Ausgrabungen in Amarna. Er hat mitbekommen, dass es lukrativ sein könnte, in der Gegend zu graben.

Friederike Seyfried: Und das hat ihn, glaube ich, deshalb interessiert, weil auch seit 1900, muss man sagen, eine ganze Menge hochwertiger Objekte auf dem Kunstmarkt kamen aus Tell el-amarna.

Das ist Dr. Friederike Seyfried, sie ist die Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin und leidenschaftliche Ägyptologin. Nachdem wir lange auf eine Antwort des Ägyptischen Museums gewartet haben und mit niemandem vom Museum sprechen konnten, bekommen wir ganz kurz vor Redaktionsschluss die Möglichkeit, sie zu interviewen. Sie erzählt erst mal, wie es überhaupt dazu kam, dass Borchardt in Amarna gräbt. Er muss da vor Ort erst mal alles abchecken. Sondage-Besuch nennen Archäolog*innen das, wenn sie einschätzen wollen, ob eine Gegend bzw. der Grabungsort überhaupt interessant für sie ist.

Seyfried: nach diesem Sondage Besuch 1907 hat er dann darum angesucht, mit der Deutschen Orient Gesellschaft dort graben zu können.

Die Grabungen werden vom Kunstmäzen und Gründungs- und Vorstandsmitglied der Deutschen Orient-Gesellschaft James Simon gesponsert. Die wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, um Forschung an den sogenannten orientalischen Altertümern voranzutreiben. Orient ist ein eurozentristischer Ausdruck, der eine riesige sehr diverse Weltregion über einen Kamm schert und exotisiert. Zurück zu Simon: Er finanziert die Grabungen direkt, anstatt das Geld der Deutschen Orient-Gesellschaft zu spenden. So kann die Orient-Gesellschaft die hohe Schenkungssteuer umgehen. Die Genehmigung für diese Grabung erteilt eigentlich nicht Ägypten.

Weibl Stimme: Bénédicte Savoy, Nofretete: S. 11, letzter Absatz: “Als Ende des Jahres 1912 der Kopf der Nofretete das Tageslicht erblickte, existierte Ägypten nicht als autonomer Staat: Das Land stand seit 1882 unter britischer Herrschaft; die Überwachung und Pflege der archäologischen Denkmäler hatte dagegen Frankreich inne. ”

Das müssen wir uns erst mal kurz klar machen: Ägypten war zu der Zeit unter britischer Kontrolle und Interesse an archäologischen Ausgrabungen dort haben mehrere europäische Länder und die USA. Dr. Bénédicte Savoy, aus deren Forschungswerk „Nofretete – eine deutsch-französische Affäre“ wir gerade zitiert haben, ist Kunsthistorikerin und eine wichtige Stimme in Debatten um koloniale Raubkunst. In ihrer Forschung zur Nofretete-Büste veröffentlicht sie historische Dokumente wie Briefe und Fotos, auf die wir in dieser Folge noch mehrmals zurückkommen. Ihre Studie zur Nofretete versteht sie als Beitrag zur Transparenz. Savoy kritisiert, dass die Nofretete nach ihrer Ausgrabung fast 100 Jahre warten musste, bis Dokumente zu ihrer Herkunft veröffentlicht wurden. Das Ägyptische Museum in Berlin nämlich hatte sich nicht die Mühe gemacht, in französischen Archive zuschauen.

Inzwischen sind die relevanten Infos dazu auf der Website des Neuen Museums zugänglich. Dort finden wir auch diesen Ausschnitt aus Borchardts erster Veröffentlichung zur Büste 1922, zehn Jahre nach dem Fund:

männl. Stimme “Bis das Stück ganz vom Schutte befreit war dauerte es allerdings noch einige Zeit, da zuerst ein nördlich dicht anliegender Porträtkopf des Königs vorsichtig geborgen werden musste. Dann wurde die bunte Büste erst herausgehoben und wir hatten das lebensvollste ägyptische Kunstwerk in den Händen. ”

Borchardt und seinen Kollegen wissen also direkt, dass sie da was ganz besonderes ausgegraben haben. Wer’s gefunden hat, darf’s behalten? Ha! So einfach ist das nicht. Nachdem etwas ausgegraben wird, also ein Fund vorliegt - das können auch mehrere Gegenstände sein - wird der Fund geteilt. Fundteilung nennt man das. Heute gibt es das kaum noch. Anfang des 20. Jahrhunderts in Ägypten aber geht die eine Hälfte der Funde an das Land, das die Ausgrabungen finanziert hat und die andere, genauso wertvolle Hälfte, an das Land in dem die Grabung stattfindet. Klingt erstmal einfach, aber weil das damals mit Regeln und Erlassen nicht so genau genommen wird, haben wir jetzt den Salat. Schauen wir uns das also genauer an.

MUSIKBREAK

Einen Monat nachdem die Büste der Nofretete durch Borchardts Team gefunden wird, steht im Januar 1913 die Fundteilung kurz bevor. Die ägyptische Altertumsverwaltung leitet damals der französische Ägyptologe Gaston Maspero.

Seyfried Und er hatte sozusagen für ganz Ägypten diese Marschroute, sagen wir mal so ausgegeben zu sagen Lasst doch das qualifizierte Personal, dass wir jetzt mittlerweile weltweit heranwächst, daran, die Stätten ordentlich zu dokumentieren, auszugraben. (...) Wenn die dann kommen, dann muss man sie dafür aber auch entschädigen, wenn sie das so machen. Und dann teilen wir die Funde.

Der Direktor der ägyptischen Altertumsverwaltung oder Service des antiquités, wie Friederike Seyfried sagt, Maspero, sieht das mit den Hälften aber locker und geht recht großzügig mit den Funden fürs Ausland um.  Er erhofft sich dadurch die ausländischen Fachleute bei Laune zu halten. Auch, weil er durch jedes aufsehenerregende Objekt, das das Land verlässt, gute Chancen auf Bewilligung neuer Budgets von Mäzenen und Auftraggebern bekommt.

Das Finanzministerium in Ägypten, also eine britische Behörde, verlangt von Maspero bei den Fundteilungen strenger vorzugehen, damit nicht alles außer Landes komme. Sie beklagen finanzielle Verluste. Aus Briefen Borchardts, in denen er Berlin Bericht erstattet, wissen wir, dass er davon ausgeht, dass Maspero von dieser Ermahnung, bzw von dieser neuen Regelung gar nichts hält. Savoy schreibt dazu:

Weibl Stimme: “Borchardt selbst war sich wenige Tage vor der Fundteilung in Tell el-Amarna völlig darüber im Klaren, dass Maspero und seine Verwaltung sich nicht mit der neuen Regelung identifizierten und möglicherweise einiges tun würden, um sie zu umgehen.”

Das heißt also, dass Borchardt bei der alles entscheidenden Fundteilung davon ausgeht, dass die Franzosen weiterhin freizügig mit dem Fund umgehen würden. Bevor die Büste Berlin erreicht, bittet Borchardt das Museum dort um strenge Geheimhaltung über den Fund. Er will unbedingt Aufsehen darum vermeiden, denn er befürchtet zu dem Zeitpunkt dass seine Grabungsrechte eingeschränkt und die Regeln bei der Teilung verschärft werden könnten.

Bruno Güterbock ist Sekretär der Deutschen Orient-Gesellschaft und bei der Fundteilung vor Ort. In einem - Zitat “streng vertraulichen” Brief, den er etwa elf Jahre nach der Fundteilung an ein Vorstandsmitglied der Orient-Gesellschaft Günther Roeder schreibt, schildert er, dass die deutschen vor der Fundteilung kaum Hoffnung hatten, die bunte Büste zu erhalten.      Güterbock schreibt:

Männl Stimme: “Sie können sich denken, daß wir alle äußerst geringe Hoffnung hatten, das herrliche Stück nicht nach Kairo wandern zu sehen. So geringe, daß am Abend vor Lefebvres Ankunft sämtliche Insassen des Grabungshauses in feierlichem Zuge, jeder mit einer Kerze in der Hand, ins Magazin wallfahrteten, um, wie wir nicht anders erwarteten, Abschied von der »bunten Königin« zu nehmen. Borchardt hat dann aber die Verhandlung so geschickt geführt, dass sie dennoch auf die deutsche Seite kam. ”

MUSIKBREAK

Hanaa El Degham: Ich war natürlich erstmal stolz, dass sie so hier so bekannt ist und dass sie, dass die Leute hier das wertschätzen. Also dieses. Dieses Büste, von wann die Königin Nofretete. Aber dann habe ich danach viel Frage gestellt. Warum ist die hier? Wann sie? Wann ist sie gekommen?

Hanaa El Degham ist Künstlerin. Als sie selbst für Recherchen ins Neue Museum geht, zeigt sie ihren Mitgliedsausweis eines Vereins vor - der soll sie als Künstlerin aus Ägypten zu freiem Eintritt ins Museum berechtigen, gesponsert unter anderen von der UNESCO. Ihr Vereinsausweis wird nicht anerkannt und sie muss Eintritt zahlen.

Hanaa El Degham: .. auch komisch. Also, dass man um die ihre eigene Kulturen zu sehen und entdecken, muss man reisen oder gehen und bezahlen.  

Seit 2007 ist Hanaa El Degham in Deutschland und pendelt mehrmals im Jahr nach Ägypten. 2012 schließt sie sich der ägyptischen Revolution an. Gemeinsam mit anderen Künstler*innen drückt sie ihren Protest in der Nähe des Tahrir-Platz in Form von Streetart aus.

Internationale Medien werden auf Hanaa El Degham aufmerksam. Auch das Humboldt Forum in Berlin fragt sie an, ein Bild für den sogenannten Raum der Revolution zu schaffen. Sie hadert mit sich.

Hanaa El Degham: mit dem Humboldtforum, überhaupt dieser Gebäude. Da war nicht einfache Entscheidung für mich, auch da zu arbeiten. Das war so: okay. Herausforderung. Eine Revolution in den Humboldtforum.

Sie will ein Wandbild malen: Darin bringt sie den  sogenannten Totengott Osiris aus der ägyptischen Mythologie in Verbindung mit der Revolution.

Bei ihren Recherchen stößt sie zufällig im Museumsshop des Neuen Museums auf eine Postkarte, die ein schwarz-weiß Foto vom Fund der Büste der Nofretete zeigt. Darauf abgebildet sind Personen aus dem Team von Ludwig Borchardt und ein ägyptischer Vorarbeiter. Zusammen halten sie die Büste.

Hanaa El Degham: das hat mir sehr geärgert, dass das so einfach als Postkarten zu kaufen ist. Als ob das normal ist. Genau, das hat mich aufgeregt und deswegen habe ich das gezeichnet. Aber dann habe ich Gedanken gemacht. Was wollte ich zum Publikum hier eigentlich sagen? ich wollte eigentlich einfach nur Mist oder Scheiße oder Fuck off sagen. Und dann habe ich einfach dieser Zettel mit dieser ägyptischer sehr bekannte Wort AHA geschrieben habe lateinische Buchstaben.

AHA, das bedeutet genau das Mist, scheiße oder auch Fuck Off. Ein kleiner Zettel auf El Deghams Wandbild im Humboldt Forum, als künstlerischer Kommentar dazu, wie Berlin die Nofretete Büste und die Geschehnisse darum präsentiert. Sie hat nichts dagegen, dass Archäolog*innen aus aller Welt in Ägypten zur Wissenschaft und Kunst beitragen. Aber sie hinterfragt kritisch, wer dabei profitiert.

Hanaa El Degham:      Die Menschen, die von diesem Ort Herkommen und diese Kunst vielleicht gemacht haben, oder die haben Talent dafür, die sind nicht interessant, sondern das Objekt. Weil das profitiert uns. Das gibt uns Geld. Das ist Bereicherung für uns.

Es wirft bei ihr auch Fragen auf, dass eine Büste einer Frau aus einem arabischen Land so verehrt wird…

Hanaa El Degham: Aber die Menschen, die hierherkommen, kommen wollen wir nicht. Die sind Muslima. Wir wollen keine Muslima hier haben. Aber der Kunst die da machen, das wollen wir gerne. Das ist schön. Aber ihr und ihre, eure Gedanken oder euren Glauben nicht.

Willkommen fühle ich mich im Neuen Museum auch nicht unbedingt. Ich habe wie auch in den anderen Museen zum Beispiel in München das Gefühl, ich als migrantische junge Frau bin hier nicht die Zielgruppe.

Aber ich bin neugierig, die Nofretete in live zu sehen.

Der Raum in dem sie steht ist grün, beige und blau bemalt. Die Wände des Nordkuppelsaals in dem sie steht sind mit verzierten Bögen geschmückt. In diesen Bögen sind Malereien von Göttern, die absolut nichts mit den Gottheiten des alten Ägypten zu tun haben, es sind griechische Götter. Es ist vom Raum her schon ganz klar, dass hier ein ganz besonderes Stück ausgestellt ist.

männl Stimme: “Beschreiben nützt nichts, ansehen!”

Das notiert Borchardt zum Fund der Büste ins Grabungstagebuch:

Vielleicht habt Ihr die Büste schon mal gesehen, aber ich versuch es mal, sie zu beschreiben: Sie hat ein ganz filigranes Gesicht, zarte Lippen, eine kleine Nase, prominente Wangenknochen, ihr Kinn ist auch ganz zart. Sie trägt ein goldenes Stirnband und eine große, blaue Krone. Darauf mittig eine schmale, goldfarbene Schlange.

Sie ist das, was man heute auch nach dem westlichen Ideal als schön bezeichnen würde. Obwohl der Büste das linke Auge fehlt. Ihr Gesicht ist symmetrisch, sie hat einen langen Hals und das Kinn ist ganz leicht angehoben.

Helen Fares (vor dem Museum): Einen schönen Moment hatte ich, als ich vor der Nofretete Büste stand und ein bisschen innehalten wollte, um die ganze Atmosphäre auf mich wirken zu lassen. Da habe ich sie einfach nur so angeschaut und dann aus dem Blickwinkel gesehen, dass ein Mann, der wahrscheinlich auch arabisch ist zumindest hat das so sein Namensschild für mich erkennen lassen, eine Gebetskette in der Hand hielt. Und immer wenn ich das sehe, dass ein Mensch eine Gebetskette in der Hand hält, fühle ich mich irgendwie wohl. Und ich fand es schön zu sehen, dass ein arabischer Mann in diesem Raum ist und diese Nofretete Büste bewacht.

Der Wachmann, die andächtige Stille, keine Handys, keine Fotos, und dieser edle Kuppelsaal - das gibt der Büste sehr viel Würde, das finde ich irgendwie schön. Aber was mir total fehlt ist eine Einordnung, was die Nofretete eigentlich für Ägypter*innen bedeutet. Aber ich hab eine Idee, wen ich dazu fragen kann: eine Freundin meiner Eltern seit ich Kind bin, Mona Ragy Enayat, eine Künstlerin aus Ägypten, die in Leipzig lebt.

ATMO Treppen hoch

BEGRÜßUNG: Hallo.... arabische Begrüßungsfloskeln, Küsschen

Ich besuche Mona in ihrem Atelier. Das ist ein Kunstwerk für sich: die Wände sind vom Boden bis zur Decke mit Monas bunten Gemälden bedeckt. Es ist sehr warm, aber für die Aufnahme müssen wir den Ventilator ausmachen. Mona hat sofort zugesagt, als wir sie gefragt haben, ob sie mit mir über Nofretete sprechen will. Nofretete und ihr Ehemann, der Pharao Echnaton, und deren Glaube an den Gott Aton bedeuten ihr sehr viel:

Mona Enayat:  Diese Aton hat ein Revolution in der ganze Kulturgeschichte, [..] das ist der aller allererste Gott Aton, der entschieden hat, dass die Realität in der Kunst so bleibt, so wie es ist. Das heißt, jede König hat sich immer schöner, schlanker, groß, hübsch gemacht oder malen lassen oder Skulptur malen lassen. Kam Echnaton da ein bisschen Bäuchlein hat der einfach deformiert von seinen Körper? Aber Wunder. Hübsches Gesicht. Ich war verliebt von A bis Z. Mein ganzes Leben sagt Oh, wenn ich ein Mann finde, der ähnlich ist (lachen) Ich habe sie immer noch nicht gefunden. (Helen lacht laut) Aber wenn ich mal diese. Mein Mann finde das so hübsch. Also ich weiß, da ist ein Schönheit als ein Schönheit ohne Ende. Und Echnaton hat diese Schönheit mit deformierte hängende. Fast ist es aber auch so Sein Körper ist eine Mixtur zwischen weiblich und männliche Figur. Sein Mann, sein Gesicht ist männlich, sein Körper ist fast weiblich.

Und er hat den Mut gehabt, in einer Zeit, wo alle Königen vor ihnen, nach Ihnen, Amon. Und so weiter. Anders hat gesagt: jeder Mensch ist zu akzeptieren, so wie er ist.

Das finde ich so schön.

Echnaton lehnt die Vielgötterei ab, wie sie damals üblich ist, und zentrierte den Glauben um Aton, den Sonnengott. Was damals auch neu ist: Er verbietet die menschliche Darstellung von Gott und Götzenanbetung. Das galt für damalige Verhältnisse als revolutionär und Echnaton gilt als Gründer des Monotheismus.

Mona Enayat: Aber wer jetzt Echnaton oder Echnaton von Nofretete auseinander macht, dann versteht eigentlich diese Kontext gar nicht, jeder bewahrt sein Ich nebeneinander. Dass sie ihn geliebt hat, hat ihre Identität als Nofretete nichts abgezogen. Sie ist ja schon Aton. Aber sie blieb Nofretete. Sie blieb die Kämpferin. Wenn die blieb. Die hat neben ihn gearbeitet. Und das ist eigentlich eine ganz wichtige Aspekt.

Nofretete, was aus ägyptischen Hyroglyphen übersetzt so viel heißt wie: Die Schöne kommt, nimmt mit der neuen Religion auch einen Namenszusatz an: Noferneferuaton, Schön ist die Schönheit des Aton.

Das alles erfahre ich nicht im Museum. Die Bedeutung dieser historischen Figuren für die Ägypter*innen werden außen vor gelassen. Echnatons Büste steht im Neuen Museum fast schon  bedeutungslos wirkend in einer Nische in einem anderen Raum, nicht bei seiner Frau. Seine Büste war auch schon beim Fund weniger gut erhalten. Geht es dem Museum vor allem um ein ästhetisches Erlebnis?

Jochem Kahl: Der reine Materialwert ist sicherlich gering. Das kann jeder bestätigen. Der wissenschaftliche Wert ist durchschnittlich, würde ich sagen. Immerhin wurde die Nofretete in einem Kontext gefunden. Das ist ganz wichtig für die Wissenschaft. In einer Bildhauerwerkstatt. Letztendlich aber hilft uns die Nofretete Büste nicht etwas über die Person der Nofretete zu erfahren. Die Büste hilft uns nicht, etwas über den umwälzenden monotheistischen Ansatz ihres Gatten Echnaton zu erfahren.

Für Forschung und wissenschaftliche Arbeit des Ägyptologen Jochem Kahl ist die Büste nicht zentral. Der Wert sei nur deswegen so hoch, weil die Menschen aus ihr eine ästhetische Ikone gemacht hätten und ihr ein finanzieller und wirtschaftlicher Wert zugeschrieben wurde.

Trennerton

Helen Fares: Die Nofretete steht in Berlin. Wie findest du es?

Mona Enayat: Das ist ganz toll. Das finde ich sehr gut. Ganz einfach, weil jeder Gedanke, dass ist geklaut oder nicht klauen und wo? gehört zu Ägypten? Die gehört nicht Ägypten, die gehört die Welt. Und ist es die beste Werbung für Ägypten.

Helen: Also, ich verstehe schon, dass du sagst, dass du sie als ehrenwert dargestellt empfindest. Das empfinde ich auch so, zumindest die Büste selbst. Aber geschichtlich passiert da gar nichts und ich finde das schon. Ich fand es schon erschreckend. Ich habe da diese Infotafel gesehen. Und da stand halt nur weißt du, so dieses ihr zartes Gesicht und der und nicht mal nicht so schön dargestellt, dass man nicht mal diese Fältchen ausgelassen hat und diese ja so exotisch sind.

Mona: Und das ist so kitschig, verkitscht und.

Helen: Ich finde das fast schon ekelhaft. Als würde ein alter deutscher weißer Mann eine ägyptische Frau beschreiben und sie so exotisch und fast erotisch beschreiben.

Mona: Genau, also rein kulturell finde ich gut, dass die in Berlin jetzt ist. Aber das muss auch verstanden werden.

Also - die Nofretete müsste auch mit dem dargestellt werden, wofür sie steht. In Zusammenhang mit Echnaton und mit den Werten, die die beiden verkörpert haben. Nicht isoliert als Schönheitsikone.

MUSIK BREAK

Ich finde es schön, wie philosophisch und emotional Mona über die Nofretete, Echnaton und deren Büsten spricht, und sie nicht über den Aufenthaltsort der Nofretete streiten will, aber trotzdem stellt sich für mich die Frage: Warum ist die Büste in Deutschland und warum höre ich von so vielen Stimmen, dass das unrecht sei? Gab es auf dem Weg von Nofretete nach Deutschland vielleicht sogar Betrug und Diebstahl?

Also, schauen wir uns nochmal den Knackpunkt der Debatte um die Rechtmäßigkeit des erwerbs der Nofretete an: Die Fundteilung und die Frage, ob es juristisch sauber ist, dass die Nofretete Deutschland gehört - genauer gesagt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die hat in der Vergangenheit bei Rückgaberufen immer mal wieder diese Stellungnahme abgegeben:

Männl Stimme: „Die Dokumente belegen klar und deutlich, dass der preußische Staat die Büste rechtmäßig erwarb und keine Rechtsansprüche von Seiten Ägyptens bestehen.“

Zahi Hawass:  It's illegal because the Borchardt never showed that statue to the Egyptian site at all. He hide it in a box. (Übersetzung: Es ist illegal, weil Borchardt der ägyptischen Seite die Büste überhaupt nicht gezeigt hat. Er hat sie in einem Karton versteckt. )

Das ist Dr. Zahi Hawass. Er ist vermutlich die prominenteste Person aus Ägypten, die die Rückgabe der Nofretete fordert. Ich spreche mit ihm per Videocall und er ist ganz schön krass drauf, ist von Anfang an irgendwie richtig ungeduldig und wütend, unterbricht mich. Ich finde ihn nicht sympathisch, aber das heißt nicht, dass ich ihm nicht zuhöre, denn er ist schon irgendwie eine Legende in der Ägyptologie. Und ich kann verstehen, warum er so emotional ist bei dem Thema.

Bevor wir genauer auf seine These eingehen, will ich ihn kurz einordnen: Hawass ist Archäologe und Ägyptologe und war Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung. Unter Mubarak war er für eine kurze turbulente Zeit Minister für Altertumsgüter. Von der revolutionären Bewegung 2011/12 wurde er als korrupt kritisiert. Er ist in etlichen Dokus als Experte zu sehen, war 2006 unter den 100 einflussreichsten Personen der Zeitschrift TIME. Bis er in den letzten Jahren vermehrt unangenehm aufgefallen ist, zum Beispiel als er sich 2009 antisemitisch äußerte oder 2013 die Sängerin Beyoncé von den Pyramiden verbannte, weil sie angeblich zu einem Treffen zu spät kam. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Für die aktuelle ägyptische Regierung ist er tätig im nationalen Komitee für die Rückgabe gestohlener Artefakte.

Wir konfrontieren Friederike Seyfried mit dem Vorwurf, Borchardt hätte die Büste bei der Fundteilung nicht gezeigt.

FRIEDERIKE SEYFRIED Bei der Fundteilung war die auch für Herrn Lefebvre war die Büste sichtbar, also (...) man war am Ende der Kampagne. Die Sachen waren natürlich schon vorbereitet, dass man ohnehin alles musste ja irgendwie nach Kairo, die Sachen waren vorbereitet, waren in den Kisten, die Kisten waren aber offen, es lagen auch alle Fotos vor und insofern war das das Objekt sichtbar. Und darüber haben sie sich offensichtlich nicht in die Haare gekriegt

Der Ort der Fundteilung ist nicht gut beleuchtet und es ist sicher nicht Borchardts Aufgabe, den Franzosen seinen schönen Fund unter die Nase zu reiben. Aus Güterbocks Schilderungen in seinem Brief an das Vorstandsmitglied der deutschen Orient-Gesellschaft Roeder geht hervor, dass es Lefebvre war, der sich die Objekte einfach nicht genau angeschaut und sie in den Kisten belassen hat. Borchardt selbst sagt einem Kunstkritiker später, die Herren seien zu träge gewesen, in die Kisten zu schauen. Aber Güterbock kommt dann zu einem Abschnitt in seinem sowieso schon vertraulichen Brief, in dem er zur “persönlichen Kenntnisnahme” Roeders seine Einschätzungen festhält. Nämlich, dass Borchardt von der Büste abgelenkt habe, in dem er die Aufmerksamkeit auf den sogenannten Klappaltar gelenkt habe und -besonders wichtig- spricht er von einer Zitat - “Vermogelung des Materials” der Büste durch Borchardt, damit die Büste so oder so nach Berlin gehe.

Und da setzt der zweite Punkt von Hawass an: beim Material:

Hawass: He wrote in the box that it is not made of limestone and it's not for a queen. Therefore, he cheated.

(Er hat auf die Kiste geschrieben, dass es nicht aus Kalkstein ist und keine Königin. Deshalb: er hat geschummelt!)

Was bekannt ist ist, dass bei einer Fundteilung nach dem Wert des Materials geschaut wird, damit es eben hälftig geteilt werden kann und keine Seite etwas viel wertvolleres als die andere Seite erhält. Über eine konkrete Absprache zwischen Borchardt und Lefebvre, dass genau Kalkstein nach Kairo und Gips nach Berlin geht, liegen keine Belege vor. Hawass sagt, für Belege zu den konkreten Absprachen sollen wir das Museum fragen. Das tun wir auch.

Seyfried sagt, ihr sei nicht bekannt, dass es eine klare Regel gab, welches Material bei der Fundteilung wem zugeteilt wird. Sie verweist auf einige Quellen, die ihr vorliegen.

FRIEDERIKE SEYFRIED im Tagebuch, also im Grabungstagebuch ist überhaupt kein Material angegeben, sondern es ist nur angegeben auf den sogenannten fundjournal-teilen und dann im process verbal du partage und dort im Prozess verbal steht platre und in der Fund Journal Karte, (...) steht Kalkstein. Und beides ist nicht richtig. Ja, wenn Sie so wollen, denn es ist kein reiner Gips Kopf und es ist auch kein reiner    Kalkstein, sondern ist tatsächlich eine Mischung aus beiden ”.

Auf der Karte des Fundjournals steht Kalkstein und im Teilungsprotokoll, steht Gips, oder um genauer zu sein “bemalte Gipsbüste einer Prinzessin der Königsfamilie”. Fakt ist: Schon damals wusste man um den Wert bestimmter Funde, wenn sie zum Beispiel detailreich angefertigt oder schön bemalt waren. Und Borchardt wusste als erfahrener Archäologe sicherlich auch um den Wert der Büste.

Der Sekretär der Deutschen Orient Stiftung Güterbock hat, wie in seinem Brief an Roeder steht, Borchardt auf die Angabe im Teilungsprotokoll angesprochen. Dieser soll entgegnet haben, dass man das erst in Berlin untersuchen könne und wenn dann rauskäme, dass es sich doch um Kalkstein und nicht um Gips handele, habe er sich eben einfach geirrt. Güterbock gibt allein Borchardt die Schuld daran, dass Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Fundteilung aufkommen.

FRIEDERIKE SEYFRIED Wenn Sie so ein Fund Tagebuch führen oder auch so ein Fund Journal im Feld. Ja, dann hat man das Objekt auch, häufig haben wir auch ganz kleine Objekte oder so was - Dann schaut man sich drauf, schreibt auch eine Materialangabe und die muss man manchmal auch dann hinterher wieder korrigieren. Also das ist jetzt nichts außergewöhnliches, aber natürlich hätte man in diesem Fall bei beiden hätte man schreiben können Kalkstein und Gips. Also ist es eine nicht ganz richtig und das andere auch nicht.

Savoy bezeichnet Borchardt in ihrem Buch zwar auch als gewieft und weist darauf hin, dass er Briefe z.B. auch mit “taktischem Gespür” verfasst, aber sie räumt mit Annahmen auf, dass es bei der Fundteilung nicht mit rechten Dingen zugeht.

Jetzt haben wir zwar die Sache mit der Fundteilung 1913 geklärt, aber da taucht schon die nächste Ungereimtheit auf: Die Büste wird erst mehr als 10 Jahre nach dem sie in Berlin ankommt öffentlich ausgestellt. Warum erst so spät? Das müssen wir uns auch genauer anschauen.

Friederike Seyfried Als allererstes wollte man den Fund und auch Nofretete, (...) Man wollte sie vor allen Dingen dem Kaiser vorstellen. Ja, und der Kaiser wurde dann im Herbst, das war, soweit ich die Daten im Kopf habe, war, dass Mitte Ende Oktober, wurde ihm die Büste vorgestellt.

Gleichzeitig hatte man schon mit dem damaligen Direktor Heinrich Schäfer ausgemacht, dass es eine temporäre Ausstellung zur Amarna geben sollte. Dafür sollen auch die Amarna-Funde leihweise nach Berlin kommen, die in Ägypten geblieben sind. Borchardts Antrag wird bewilligt, aber anders als ihm lieb ist, macht Berlin aus der Ausstellung eine große Sache. Die Öffentlichkeit, also auch Laien, können auf der Museumsinsel in Berlin die Objekte sehen. Borchardt, der gegen so eine zugängliche Ausstellung ist, verhindert, dass die Nofretete und andere Objekte mit ausgestellt werden. Und das öffnet Tür und Tor für Spekulationen: Wo ist die Nofretete? Liegt sie etwa bei Borchardt im Keller all die Jahre? Was haben die Deutschen zu verheimlichen?

MUSIKBREAK

Noch mal kurz zurück an den Fundort 1913:

Lesen Savoy, S. 57 “Die Verhältnisse sind jetzt hier derart schwierige, dass jede überflüssige Demonstration von Funden schädlich wirken kann.”

schreibt Borchardt einen Tag nach der Fundteilung in einem Brief an Heinrich Schäfer, dem damaligen Direktor des ägyptischen Museums Berlin, wie Bénédicte Savoy in ihrem Buch festhält.

Borchardts Grabungslizenz soll 1914 auslaufen. Er hat zum Zeitpunkt der Fundteilung natürlich schon eine Erneuerung der Lizenz im Sinn, aber wenn die französische Altertumsverwaltung sich betrogen fühlt, weil  etwas so wertvolles das Land verlassen hat und sie es erfahren, weil die wertvolle Büste ausgestellt wird, ist die Grabungserlaubnis natürlich gefährdet. Außerdem gibt es schon vor dem ersten Weltkrieg nationalistische Grabenkämpfe der Kolonialmächte, auch in der Archäologie in Ägypten.

Wer genau die Büste der Nofretete 1913 nach Berlin bringt das weiß man nicht ganz sicher. Sie landete im Besitz von James Simon, dem Finanzier der Ausgrabungen, nach dem auch das 2019 eröffnete Besucherzentrum auf der Berliner Museumsinsel benannt ist.  Es wird vermutet, sein Sohn habe die Büste mitgebracht.

Was wir uns kurz klar machen müssen - zwischen dem Fund 1912 und der ersten Ausstellung der Büste spielt sich der erste Weltkrieg ab. Anfang 1915 werden die Grabungsgerlaubnisse für die Gegner Großbritanniens und Frankreichs für nichtig erklärt - das betrifft natürlich auch den Kriegsgegner Deutschland. Nun graben in Ägypten vor allem US-Amerikaner. Als 1918 der Zweite Weltkrieg vorbei ist, hat noch immer Frankreich das Sagen in der Altertumsverwaltung und die Franzosen würden den Deutschen am liebsten keine Grabungserlaubnis mehr erteilen. Und weil Borchardt weiter graben will und um die nächste Genehmigung bangt, bittet er Berlin um Diskretion.

Die Büste der Nofretete ist solange bei James Simon zuhause und wird der Öffentlichkeit sechs Jahre nach Ende des Krieges, 1924, erstmals im Neuen Museum präsentiert. A star is born.

Zahi Hawass: Nefertiti is an important object of the Egyptian culture and because it was left Egypt illegally like the Rosetta Stone, it has to come back to Egypt and it will come back.

(Übersetzung: Die Nofretete-Büste ist ein wichtiges Objekt ägyptischer Kultur. Sie hat Ägypten wie auch der Stein von Rosette, Ägypten illegal verlassen, sie muss zurückkommen und sie wird zurückkommen.)

Zahi Hawass: I will never let this to go without telling them that it's important to bring something that left Egypt illegally. If it was left Egypt legally, I am not. I'm not after every artefact to come back to Egypt at all.

(Übersetzung: Ich werde nicht locker  lassen anzusprechen, dass es wichtig ist etwas nach Ägypten zurück zu bringen, dass das Land illegal verlassen hat. Wenn es legal aus dem Land kam, sage  ich nichts, ich bin nicht hinter jedem Objekt her.)

Hawass ist nicht der Erste, der die Büste zurück fordert. Frankreich erhebt 1925 nach der ersten Ausstellung in Berlin Anspruch auf die Büste. Durch die Kriegserfahrung gibt es einen großen Hass auf Deutschland. Trotzdem wird nicht Borchardt beschuldigt, betrogen oder getäuscht zu haben. Vielmehr sehen sie den Fehler auf der französischen Seite:               Savoy zitiert aus einem Sitzungsprotokoll des Komitees für Ägyptologie von 1925:

43_SAVOY, S.92 LESEN: Nun ist bei der Fundteilung (...) ein Hauptstück, ein Königinnenkopf aus bemaltem Kalk, durch einen eindeutigen Irrtum aus Ägypten ausgeführt worden. Der Sachverhalt ist äußerst schwerwiegend. Dieses Stück war von solcher Bedeutung, dass es sich in keinem Falle mit irgendeinem anderen vergleichen lassen konnte: Es hätte ohne wenn und aber im Museum in Kairo bleiben müssen. (...) Wir können nicht ernsthaft einen Antrag dieses Instituts auf eine neuerlich Konzession prüfen, solange das fragliche Stück nicht nach Ägypten zurückgekehrt ist.

Gemeint ist hier wohl die Deutsche Orient-Gesellschaft, der man keine Grabungserlaubnis mehr geben will.

In der Zwischenzeit finden die Briten das unversehrte Grab von Nofretetes Schwiegersohn: Tutenchaton, der sich, nachdem er der Religion seines Vaters den Rücken kehrte, Tutenchamun nennt. Etwa zeitgleich tauchen die ersten Bilder der Nofretete in den deutschen Medien auf. Die Deutschen und die Franzosen streiten noch immer, bis 1930 die Franzosen den Deutschen ein Tauschangebot machen: Die Büste der Nofretete gegen zwei einzigartige Objekte.

Gelesen: “Doch die deutsche Öffentlichkeit, von der Presse aufgescheucht, war in weiten Teilen gegen diesen Handel. Die Menschen der Weimarer Republik, die gerade erst ihr eigenes Kaiserhaus verloren hatten, hatten Nofretete nur zu gern als die Ihre beansprucht, (...) Sie war eine deutsche Königin (...) und die Menschen wollten sie nicht gehen lassen. Die Besucherzahlen schnellten in die Höhe”.

das schreibt die britische Ägyptologin Joyce Tyldesley in “Mythos Nofretete”.

Es geht um mehr als nur um die Büste. Es ist auch ein Wettstreit der Ägyptologen: Wer hat in diesem Feld das Sagen?

(Geräusche Menschenmassen Nazi-Rufe)

Als die Deutschen die NSDAP wählen und Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, nimmt einer der führenden Nazis, Hermann Göring, mit der ägyptischen Regierung Verhandlungen über die Rückgabe auf. Hitler lehnt das ab. Er findet sie zu schön und angeblich will er ihr sogar ein eigenes Museum bauen. Absurd, befindet damals auch die internationale jüdische Presse.

Im zweiten Weltkrieg verstecken die Deutschen die Büste, mit Kriegsende fällt sie in die Hände der Amerikaner, die die „bunte Königin“ nach Wiesbaden an die zentrale Sammelstelle für Kunst schicken. Zehn Jahre nach Kriegsende kehrt sie nach Berlin zurück.

Seit Jahren fordert Zahi Hawass die Büste und andere Artefakte aus Ägypten zurück. 2007 hatte der Kulturausschuss des Bundestags sich dagegen ausgesprochen, die Büste Ägypten auszuleihen. Zahi Hawass erzählt uns, wie er 2009 um Leihgabe gebeten habe:

Zahi Hawass: I was planning to open the Grand Museum in 2015. Then I wrote to five museums. One of them was Berlin to ask to borrow Nefertiti for three for three months for the opening of the Grand Museum. In that time, the Director of Berlin Museum was a very conceited man, very arrogant, and he refused. (...) How can I assure him that will not be no marches on the streets of Cairo to ask for Nefertiti to stay. And I did say we are not the Pirates of the Caribbean. if I sign a contract with you, I would respect that contract.

Übersetzung: Ich wollte 2015 das Große Ägyptische Museum eröffnen. Dann habe ich fünf Museen angeschrieben. Eines der Museen war Berlin. Ich bat sie die Nofretete für drei Monate zur Eröffnung des Großen Museums auszuleihen. Der Direktor des Berliner Museums war damals ein sehr eingebildeter Mann, sehr arrogant, und er lehnte ab. (...) Wie kann ich ihm versichern, dass es keine Märsche auf den Straßen von Kairo geben wird, die fordern, dass die Nofretete bleibt? Und ich habe gesagt: wir sind keine Piraten. Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, dann respektiere ich diesen Vertrag.

Friederike Seyfried wird im Sommer 2009 Direktorin des Neuen Museums.

Seyfried Davon habe ich mehrfach gehört, dass es das gab. So als Rumours. Aber sozusagen dass ein Ausleihe Gesuch für eine solche für einen solchen Event vorläge, war, habe ich nie bekommen. In meiner Amtszeit gab es das nicht.

Hawass erzählt uns dass er danach erst recht angespornt ist, die Nofretete zurück nach Ägypten zu bringen. Er schickt im Januar 2011 einen Brief mit einem Zitat “offiziellen Gesuch um Rückgabe” an den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger.

Über den Streit um dieses Schreiben berichtet damals unter anderem der SPIEGEL. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz teilt mit "Das Schreiben ist nicht vom Ministerpräsidenten unterzeichnet" und schließt daraus: eine offizielle Rückgabeforderung liegt nicht vor. Also: das Schreiben wird wegen Formalitäten nicht als offizielle Rückgabeforderung anerkannt. Ägyptische Regierungsmitglieder hätten nicht unterschrieben, was man nicht akzeptieren könne, auch wenn Hawass damals der Generalsekretär der Altertumsverwaltung ist, das dem Kultusministerium untersteht.

Wir sprechen Hawass auch auf diesen Einwand an.

Helen: what was the support that you got from the Egyptian government?

Welche Unterstützung hatten Sie von der ägyptischen Regierung?

Hawass: Completely. I got a complete support by approval from the minister of Culture, approval from the Prime Minister of Egypt in 2010 and 11. And the public and many public all over the world supported me.

Helen: Because allegedly there were never official demands from the Egyptian government.

Denn angeblich gab es nie offizielle Forderungen der ägyptischen Regierung.

Zahi Hawass: This is wrong. I'm telling you, I wrote a letter. I can send you the letter. I have the letter published in my book called Tutankhamun from Howard Carter to DNA.

Wir finden den Brief in der deutschen Fassung des Buches abgedruckt. Adressiert an Parzinger, unterschrieben von Dr. Zahi Hawass - von Unterschriften von weiteren Regierungsmitglieder:innen ist leider nichts zu sehen.

MUSIKBREAK reflexion

Kann die Büste denn theoretisch zurück nach Ägypten, wenigstens als Leihgabe?

Friederike Seyfried Ob das jetzt Nofretete ist oder was anderes. Ich gehe da immer nach dem gleichen Prinzip vor. Wirklich vollkommen gleich. Meine Kinder in diesem Haus, alle meine Objekte, sind nicht meine Objekte, sondern die, um deren Sicherheit und Wohlbefinden ich mich zu kümmern habe.

sagt Friederike Seyfried über die Schwierigkeit eines Transports.

Seyfried: ich habe bei mir mit meinen konservatorischen Fachkräften, den Restauratoren und auch die Kuratoren wir haben rote Listen und wir haben eine ganze Menge rote Listen. Das sind bei den Papyri, sind da welche dabei. Da gibt es Metall, Sachen wie Holz, ganz ganz wichtig, also Holz. Ich habe Holzfiguren, auch so eine kleine Echnaton Figur, die die wird dieses Museum nie verlassen. Es sind einfach so hochsensible Objekte, dass sich für viele und da ist eben Nofretete kein Ausnahme. Ja, dass für viele aus meiner konservatorischen verantwortlichen Sicht das Bewegen nicht in Frage kommt.

Aus konservatorischen Gründen darf die Büste nicht bewegt werden. Dabei wurde sie doch auch früher in Deutschland bewegt?

Dazu sagt Seyfried, dass man heute mehr Wissen und Bewusstsein für den Umgang mit Weltkulturerbe habe:

Seyfried: Ich würde sagen, in den letzten 10 bis 20 Jahren hat sich unser Verständnis, wie wir um dieses Weltkulturerbe und alle die Objekte auf der Museumsinsel sind Weltkulturerbe, dass man sich um diese Objekte ganz besonders kümmern muss, nicht nur um die, die da ausgestellt sind, auch die im Magazin und Ausleihe ist für jedes Objekt Stress. Immer.

Klarer kann man dem Wunsch nach Leih- oder Rückgaben keine Absage erteilen. Das British Museum, in dem fast nur Objekte aus ehemaligen britischen Kolonien stehen, berichtet, dass es mit seinen Konservator*innen an Maßnahmen arbeitet, die den Transport von Objekten erlauben, auch wenn das manchmal sehr lange dauert. Vielleicht findet man ja in Zukunft doch noch Methoden, die einen Transport möglich machen.

MUSIKBREAK

Fassen wir nochmal zusammen, nach all den Fragezeichen, die wir klären konnten: Die Fundteilung lief für die damalige Zeit relativ üblich ab. Und dass die Nofretete so lang nicht ausgestellt wurde, dafür nennt Savoy politische Gründe und Seyfried vermutet persönliche Spannungen zwischen Borchardt und anderen Akteuren. Die Nofretete ist rechtlich gesehen legal in Deutschland. Aber Savoy sagt auch: es geht in dem Fall um mehr als nur eine juristische Frage. Das sieht auch Jochem Kahl so.

Jochem Kahl: Ich denke, das ist die Frage von Recht und Gerechtigkeit. Rechtmäßig ist es entsprechend den Gesetzen und den Regelungen der damaligen Zeit. Aber es ist die Frage, ob es eben moralisch gerecht ist und gerechtfertigt ist. Und wir sollten bei allem nicht vergessen, dass die Gesetze damals letztendlich von Europäern im Bereich der antiken Verwaltung eben auch überwacht und ausgeführt wurden.      Das Problem ist tatsächlich die Frage, was in der Kolonialzeit passiert ist. Und ob man für etwas, was vor über 100 Jahren scheinbar rechtmäßig passiert ist. In der Folge Folge Folge Folgegeneration gerade steht. Oder nicht. Beziehungsweise grad stehen will oder nicht.

     Und dann geht es nicht mehr um Legalität oder Illegalität, Rechtmäßigkeit oder Beweise, findet Jochem Kahl.

Und wenn wir wirklich mal die Frage nach Besitz außen vor lassen und sagen: das ist Weltkulturerbe, das gehört der ganzen Menschheit. Dann müssen wir über Zugänge diskutieren. Zum Beispiel über freien Eintritt für Ägypter:innen. Dazu sagt Seyfried, die Direktorin des Ägyptischen Museums, - wenn schon freier Eintritt, dann für alle. Eine Sonderbehandlung von Ägypter:innen sehe sie nicht ein. Freier Eintritt für alle, warum nicht? Funktioniert in Großbritannien ganz gut.

MUSIKBREAK

Seit 1983 dürfen Funde in Ägypten das Land nicht mehr verlassen. Trotzdem geraten auch nach der Kolonialzeit noch ägyptische Kulturgüter auf den Kunstmarkt.

Jochem Kahl: Und man sagt zum Beispiel auch, dass der illegale antiken Handel mehr Geld pro Jahr an Umsatz bringt als der illegale Waffenhandel ..

Vor allem seit der Revolution 2011 gelangen immer mehr Funde aus illegalen Grabungen ins Ausland. Und die landen nicht nur bei Privatpersonen, sondern, offenbar auch in Museen. Zum Beispiel im New Yorker Metropolitan Museum, wie erst vor Kurzem rauskam. Und Museen würden in diesem Zusammenhang auch lügen, wie Bénédicte Savoy in ihrem Buch “Afrikas Kampf um seine Kunst” schreibt. Vielleicht hat es sie wenig überrascht als kürzlich der langjährige Direktor des Louvre, Jean-Luc Martinez, verhaftet wurde. Er soll bei falschen Herkunftszertifikaten für Objekte aus Ägypten ein Auge zugedrückt haben. Zum Redaktionsschluss dieses Podcasts steht das Ergebnis des Ermittlungsverfahrens gegen ihn noch aus.

Die aktuelle ägyptische Regierung arbeitet zur Zeit an der Rückholung zahlreicher Objekte, die in der ganzen Welt verstreut sind. Für Ende 2022 ist die Eröffnung des Grand Egyptian Museum in Gizeh angekündigt, das viele wertvolle Kulturgüter beherbergen soll. Und Hawass gibt deshalb gerade noch mal richtig Gas - am Morgen bevor ich diesen Podcast einspreche, geht durch die Medien, dass er eine Petition zur Rückgabe der Nofretete Büste plant.

MUSIK Reflexion

Ich finde es gut wenn die Herkunftsländer für die Rückholung kämpfen und selbst entscheiden, was mit ihrem Kulturgut geschieht. Aber mir ist auch wichtig, dass Deutschland Verantwortung für seine koloniale Vergangenheit übernimmt. Juristisch gilt der Fall der Nofretete-Büste als geklärt, weil die Teilung damals nach üblichen Formalia ablief - aber für mich klingt es in den historischen Quellen schon so, als habe Borchart etwas im Schilde geführt  und eingefädelt, dass die Teilung zu seinen Gunsten ausgeht. Am Ende muss man sich daran aber gar nicht aufhängen, denn was das viel wichtigere Argument ist: Die damaligen Regeln und Abläufe waren von den Kolonialmächten festgelegt und damit auch zu deren Vorteil. Am Ende ist die Frage also keine juristische, mir geht es viel mehr um die Aufarbeitung kolonialer Machtverhältnisse, darum, wer von Ausstellungen profitiert und wer nicht und eben um die Frage nach Gerechtigkeit - und gerecht finde ich es auf keinen Fall, dass die Nofretete-Büste nach Deutschland kam und bis heute hier steht.

MUSIK OUTRO

Das war die erste Folge von Akte Raubkunst? mit unserer Hauptprotagonistin, der Nofretete. Ich bin Helen Fares und ich hoffe ihr seid auch bei der zweiten Folge dabei - in der geht es um ein Objekt, das aus Afghanistan geraubt wurde und über ein dubioses Auktionshaus in Paris in einem Hamburger Museum gelandet ist.

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Akte: Raubkunst? ist eine Produktion von Good Point Podcasts im Auftrag von ARD Kultur. Die Autorin dieser Folge ist Amina Aziz. Redaktionelle Mitarbeit: Helena Schmidt. Executive Producer und Redaktion: Eva Morlang, Head of Content ARD Kultur: Kristian Costa-Zahn, Produktionsleitung ARD Kultur: Reimar Schmidtke, Schnitt: Tina Küchenmeister, Sounddesign: Josi Miller.

 

Rechte: ARD Kultur

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