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Verschiedene Ausschnitte aus dem Kinderfernseh-Programm in der DDR: Adi in Machs mit machs nach machs besser, Pittiplatsch aus dem Märchenland, Gixgax, Brummkreisel, Mibil und Ellentie Bildrechte: DRA / Fernsehen der DDR

Märchen und Trickfilme auf Weltniveau:Das Kinderfernsehen in der DDR

21. März 2023, 15:29 Uhr

Der "Abendgruß" war eine der beliebten Kindersendungen im DDR-Fernsehen. Das DFF-Programm für die Kleinsten, vom Märchen bis zum Trickfilm, hatte Weltniveau. Das Jugendfernsehen, für das etwas ältere Publikum bestimmt, litt dagegen unter dem politischen Auftrag und fand nur wenig Zuspruch. Nur die Jugendsendung "Elf99", die ab September 1989 lief, erreichte wirklich die Zielgruppe.

Das Kinderfernsehen wurde 1954 durch die Einrichtung einer eigenen Redaktion fester Bestandteil des Programmangebots im DDR-Fernsehen. Anfangs wurde nur sonntags etwas für die jüngsten Zuschauer geboten, aber schon 1956 gab es Kinderfernsehen an fünf Sendetagen. Produziert wurde für zwei Zielgruppen: die Kinder bis neun Jahre und die 10- bis 13-Jährigen.

Ein erster Renner im Kinderprogramm war seit 1956 "Meister Nadelöhr", eine Kunstfigur abgeleitet aus dem Märchen "Das tapfere Schneiderlein" und dargestellt von dem jungen Schauspieler Eckart Friedrichson. Er sollte die Kinder vor allem mit Märchen unterhalten. Er sang Lieder oder zeigte kleine Filme. Aber in seiner Sendung "Märchenland" traten auch Puppen auf, die ganz unterschiedliche Charaktere darstellten. 1962 kam der kleine Kobold Pittiplatsch als neue Figur hinzu. Er riskierte auch schon mal kesse Sprüche. Besorgte Pädagogen ließen ihn deshalb nach zwei Auftritten im "Märchenland" aus dem Programm entfernen, was aber republikweit zu Protesten bei den Kleinen führte, wie die Zuschauerpost belegt. So schaffte er es Weihnachten 1962 wieder ins Programm, wenn auch weniger frech.

Abendgruß und Sandmann

Der größte Publikumserfolg war aber dem "Abendgruß" beschieden, der am 8. Oktober 1958 erstmalig ausgestrahlt wurde. Richtig beliebt wurde die Sendung vor allem durch die Figur des Sandmanns, der ein gutes Jahr später, am 22. November 1959, seinen ersten Auftritt hatte. Die Idee, eine Sandmannpuppe als Trickfilmfigur zu entwickeln, war kurzfristig entstanden und wurde innerhalb von drei Wochen im Herbst 1959 umgesetzt. Die Ost-Berliner Fernsehmacher wollten ganz bewusst ein ähnliches Vorhaben des Senders Freies Berlin (SFB), von dem sie Wind bekommen hatten, überholen. Der Sandmann bildete die Rahmenhandlung des Abendgrußes, zwischen Einleitung und Verabschiedung mit dem Verstreuen des Traumsandes wurden Geschichten mit unterschiedlichen Figuren gezeigt. So tauchten auch "Schnatterinchen", "Pittiplatsch" und andere Figuren aus dem "Märchenland" immer wieder im Abendgruß auf.

Der Sandmann mit Zipfelmütze und Spitzbart wurde schnell zum absoluten Kinderliebling. Hin und wieder musste er auch im Dienste der Staatsideologie mit einem Panzer anrücken oder den Jahrestag der DDR vor dem nachgebauten Palast der Republik feiern, solche politischen Eingriffe waren aber eher selten.

Kinderfernsehen – da war die DDR Spitze

In puncto Programmideen für die Kleinsten war das DDR-Fernsehen anerkannt gut. "Hier hatte die DDR ein Niveau erreicht, das sich an Weltstandards messen lassen konnte, ähnlich wie in der Kinderliteratur", sagt Reinhold Viehoff, Herausgeber des Kompendiums "Deutsches Fernsehen Ost". Besonders hochwertig waren die Märchenfilme, die seit den 70er-Jahren produziert wurden. Dabei setzte das Fernsehen die bekannten Schauspieler des Landes wie Rolf Hoppe, Fred Delmare oder Katharina Thalbach ein.

Katharina Thalbach als Prinzessin, in dem DEFA-Märchenfilm "Das blaue Licht" aus dem Jahr 1976. Bildrechte: MDR/Progress Film-Verleih/Jürgen Hoeftmann

Fernsehen mit politischem Auftrag

Offiziell hatte das Kinderfernsehen einen eindeutigen politischen Auftrag, der noch Anfang der 70er-Jahre so formuliert wurde: "Entsprechend den Leitlinien des Deutschen Fernsehfunks hat das Kinderfernsehen innerhalb des Gesamtprogramms dazu beizutragen, dass sich die Mädchen und Jungen einen festen Klassenstandpunkt aneignen, ihre ganze Persönlichkeit, ihr Wissen und Können, Fühlen, Wollen und Handeln für den Sozialismus, für die allseitige Stärkung der DDR einzusetzen und ein von Optimismus, Freude und Frohsinn erfülltes Leben zu führen."

Programmschema des DDR-Kinderfernsehens montags bis donnerstags Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den Sendungen für die Kleinsten wurde dieser Auftrag allerdings in den Hintergrund gedrängt. Ganz anders war die Situation beim Jugendfernsehen, für den etwas älteren Nachwuchs. Hier wurde die Forderung nach politischer Erziehung im Sinne des Sozialismus deutlich klarer gestellt. FDJ-Blauhemden waren deshalb in den Angeboten des Jugendfernsehens nichts Ungewöhnliches. Für die Redakteure war es aus vielerlei Gründen schwierig, diesen politischen Anspruch einzulösen. Sie mussten klären: Was kommt bei der Zielgruppe an, was will man vermitteln und wer kann das leisten? Die Schwierigkeit, ein gutes jugendgemäßes Programm zu machen, zeigte sich auch schon im Umfang des Angebots. Nimmt man das Jahr 1985 als Referenz, so kommt man laut einer Studie des Zentralinstituts für Jugendforschung Leipzig auf insgesamt 580 Sendestunden Kinderprogramm, während für die Jugendlichen nur 81 Stunden angeboten wurden.

Kritik selbst aus der SED

Zu Beginn der 70er-Jahre wurde eine Reform des Jugendfernsehens angestrebt: Neue Sendeformate sollten entwickelt und der Ratgebergedanke gestärkt werden. Wichtig war den Programmmachern aber vor allem, das Angebot von Live-Sendungen auszubauen. Auch Magazine sollten das Jugendprogramm attraktiver machen. Dennoch verlor das Jugendfernsehen insbesondere in den 80er-Jahren an Zuspruch.

Joachim Herrmann, im Politbüro verantwortlich für Agitation und Propaganda, vermerkte 1988 selbstkritisch: "In den letzten Jahren sind Wirkungsverluste eingetreten, weil nicht genügend den gewachsenen gesellschaftlichen Anforderungen an das Niveau dieser Sendungen Rechnung getragen wurde." Akzeptanzprobleme zeigten sich beispielsweise beim Jugendmagazin "Rund". Gegründet wurde es nach den Weltfestspielen 1973 in Berlin. Durch eine Mischung aus Musik und Gesprächen anfangs sehr beliebt, verlor die Sendung relativ schnell in der Zuschauergunst angesichts immer propagandistischerer Gesprächsteile. So ging die Zahl der Stammzuschauer zwischen 1976 und 1982 von 42 auf 14 Prozent zurück. Trotz dieses Bemühens um politische Unverdächtigkeit durfte "Rund" auf Anweisung des Ministers für Nationale Verteidigung in den Kasernen nicht gezeigt werden. Bodo Freudl, Chefredakteur des Jugendfernsehens der DDR 1982 bis 1987: "Der Grund dafür waren Leute mit langen Haaren in diesen Sendungen."

Das Ende des DDR-Kinderfernsehens

Mit der Friedlichen Revolution änderte sich in der DDR alles, auch die Medienlandschaft. Wichtigste Jugendsendung für die letzten beiden Jahre des DFF wurde das Magazin "Elf99", die ab September 1989 Freitag Nachmittag ausgestrahlt wurde. In einem Mix aus Musikvideos, Sportberichten und vor allem eigenen Nachrichten gelang es der jungen Mannschaft schnell, sich ein eigenes Profil zu verschaffen und Zuschauer weit über die eigentliche Zielgruppe hinaus zu gewinnen.

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik war allerdings auch die Abwicklung des DDR-Fernsehens beschlossene Sache. Weder die "Westanstalten" noch die neuen Sender im Osten waren bereit, die alten Kinderprogramme weiterzuführen. Als allerdings die Einstellung des "Sandmanns" angekündigt wurde, gab es Proteste, und zwar nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. So überlebte der "Sandmann" als einziges Format des Kinderfernsehens das Ende der DDR und wird bis heute im MDR und im RBB ausgestrahlt.

Quellen

Zitate aus

  • Wicke/Müller: Rockmusik und Politik, 1996
  • Dieter Wiedemann, Kinderfernsehen zwischen Fantasie und Pädagogik, in: Televizion 14/2001

Über dieses Thema berichtete das MDR Fernsehen auch in:LexiTV | 16.03.2017 | 15:00 Uhr

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