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Trauma "Tripperburg"Gewalt in DDR-Kliniken: Zwangsbehandelte Frauen brechen ihr Schweigen

16. Dezember 2023, 05:00 Uhr

Zwischen 1961 und 1989 werden tausende Frauen und Mädchen ab dem 12. Lebensjahr wegen angeblicher Geschlechtskrankheiten wochenlang in Kliniken der DDR eingesperrt. Die Mädchen und Frauen müssen täglich gynäkologische Untersuchungen und Misshandlungen ertragen. In den meisten Fällen sind die zwangseingewiesenen Frauen völlig gesund. Wie konnte dieses Kapitel der DDR-Geschichte so lange totgeschwiegen werden?

von Elisa Scheidt

Zwangseinweisung und Misshandlung von Minderjährigen in Halle

Angelika Börner als 15-Jährige im Jahr 1965 Bildrechte: MDR Constantin Dokumentation_Ferdinand Kowalke

Angelika Börner deutet auf ein Fenster im ersten Stock eines gepflegten Wohnhauses in der Kleinen Klausstraße in Halle. Anfang der 60er-Jahre wird hier eine geschlossene Station zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten unter dem Dach der Poliklinik Mitte eröffnet. Im Volksmund wird die Station als "Tripperburg" bekannt. Unter dem Deckmantel der Gesundheitsfürsorge werden im ersten Stock der öffentlich zugänglichen Poliklinik über drei Jahrzehnte Frauen diszipliniert, gedemütigt und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.  

Mit 15 Jahren will Angelika Börner die DDR verlassen, ihren parteitreuen Eltern ist das ein Dorn im Auge: Ein Mitarbeiter des Jugendamts bringt sie 1965 in die geschlossene Station der Poliklinik Mitte, mutmaßlich als Disziplinarmaßnahme auf Wunsch der Mutter. 54 Tage ist Angelika Börner dort eingesperrt - ohne medizinischen Einweisungsgrund und ohne richterlichen Beschluss. Dort überlebt sie körperliche und psychische Gewalt, brutale Behandlungsmethoden und Medikamententests. Eines Tages lehnt sie sich gegen das Krankenhauspersonal auf und kündigt an, Anzeige zu erstatten. Daraufhin wird sie in ein dunkles Zimmer ohne Nahrung und Wasser gesperrt.  

Ich hätte niemals vermutet, dass sowas einmal aufgearbeitet wird. Ganz ehrlich. Tripperburg war ja ein Schimpfwort. Soweit ich weiß, hat sich jeder geschämt. ,Das waren Frauen, die sich prostituiert haben.‘ So wurden wir hingestellt.

Angelika Börner

Halle bleibt kein Einzelfall: Der lange Weg der Aufarbeitung 

Heidi Bohley ist in der DDR Mitbegründerin der oppositionellen "Frauen für den Frieden" und gründet 1995 den Verein Zeit-Geschichte(n) für Begegnung und Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur. Ihr ist die geschlossene Krankenstation der Poliklinik Mitte bereits in den 70er-Jahren ein Begriff:  Im selben Haus ist die Kinderarztpraxis ihrer Tochter untergebracht. An den vergitterten Fenstern sieht sie damals Frauen mit kahlrasierten Köpfen.  

30 Jahre später klingelt Heidi Bohleys Telefon. Es ist das Jahr 2000, in dem die Aufarbeitung mit einem Anruf beginnt. Am anderen Ende der Leitung ist eine Frau, deren dramatischer Geschichte bisher niemand Glauben geschenkt hat: Ursula Gallus ist 1970 im neunten Monat schwanger und lebt in Scheidung. Sie wohnt damals bei der Familie ihres Ex-Mannes, meidet aber das gemeinsame Haus. Eine Sozialarbeiterin bietet ihr einen Platz im Mutter-Kind-Heim an, wo sie Schutz und Ruhe finden soll. Stattdessen wird sie in die geschlossene Station nach Halle gebracht. 

Heidi Bohley lässt die Geschichte nicht los und sie beginnt nachzuforschen. Ihr Verein findet im Bundesarchiv die Hausordnung der "Tripperburg" Halle und damit den Beleg für die disziplinarische Ausrichtung der Station: Der primäre Auftrag der Hausordnung ist die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit

Durch erzieherische Einwirkung muss erreicht werden, dass diese Bürger nach ihrer Krankenhausentlassung die Gesetze unseres Staates achten, eine gute Arbeitsdisziplin zeigen und sich in ihrem Verhalten in unserer Gesellschaft von den Prinzipien des sozialistischen Zusammenlebens der Bürger unseres Staates leiten lassen.

Auszug: Hausordnung der geschlossenen Krankenstation in Halle

Bohley kontaktiert den damaligen stellvertretenden Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, Christoph Koch, und bringt so den Stein ins Rollen. Erste Forschungsarbeiten von Prof. Dr. Florian Steger und Dr. Maximilian Schochow inspirieren Anfang der 2010er-Jahre  journalistische Recherchen, die wiederum weitere betroffene Frauen aufmerksam machen. 

Die Historikerin Dr. Steffi Brüning recherchiert in staatlichen Unterlagen und führt Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Sie legt in ihrer Forschung dar, dass 70 bis 90 Prozent der zwangseingewiesenen Frauen niemals geschlechtskrank waren. Brünings Analysen ergeben, "dass diese geschlossenen Krankenanstalten eher im Heimsystem der DDR zu verorten sind, anstatt als Teil von medizinischen Einrichtungen betrachtet zu werden", und das in fast allen Großstädten der DDR:  Halle, Berlin, Erfurt, Gera, Chemnitz, Dresden, Rostock, Schwerin, Frankfurt/Oder und Leipzig.  

Einweisung in Leipzig wegen unerwünschter Beziehung

Als Teenager beginnt Anette R. den SED-Staat zu hinterfragen und distanziert sich von ihrer Familie. Während ihrer Ausbildungszeit in Leipzig verliebt sie sich in einen jungen Vertragsarbeiter aus Mosambik. Häufig übernachtet sie bei ihm im Wohnheim, was jedoch verboten ist: Während die DDR die Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger als "Zeichen der Völkerfreundschaft" feiert, sind Beziehungen zwischen DDR-Bürgern und Mosambikanern unerwünscht. Eines Abends klopft die Volkspolizei an der Tür des Wohnheimzimmers. Die Siebzehnjährige versteckt sich im Bettkasten, wird jedoch entdeckt und in die geschlossene venerologische Station in Leipzig Thonberg gebracht. Einweisungsgrund: "Herumtreiberei". 

Auszug aus einer Patientenakte: Einweisungsgrund "Herumtreiberei" Bildrechte: Anette R.

Ein als Krankenanstalt getarntes Gefängnis

Weibliche Jugendliche ab dem zwölften Lebensjahr und junge Frauen werden in der DDR als "Herumtreiberinnen" verfolgt. Es genügt beispielsweise durch Probleme in der Schule, Familie oder Beruf von den (gesetzlichen) Normen abzuweichen, um unter Verdacht der Promiskuität zu stehen und so Geschlechtskrankheiten zu verbreiten. 

Interviews, die Dr. Steffi Brüning mit einzelnen ehemaligen Ärzten und Krankenschwestern geführt hat, zeigen, dass das Personal jede Verantwortung von sich weist. Der Einweisungsgrund wird meist von der Volkspolizei geliefert und nicht weiter hinterfragt. Niemand kontrolliert, ob der Aufenthalt gerechtfertigt ist. Betreuungen oder Behandlungen in anderen staatlichen Einrichtungen hätten der Zustimmung der Betroffenen oder langfristige Verfahren bedurft.

Das war ein rechtsfreier Raum, ein als Krankenanstalt getarnter Gefängnisaufenthalt für Minderjährige ohne Rechtsrahmen.

Heidi Bohley

Dieses Thema im Programm:Das Erste | ARD History: Trauma "Tripperburg" | 11. Dezember 2023 | 23:35 Uhr

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