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Aufarbeitung der NS-Geschichte bei der BahnDeportationen in den Tod: Wie stellt sich die Bahn ihrem nationalsozialistischen Erbe?

25. Januar 2023, 05:00 Uhr

Die Deutsche Reichsbahn beteiligte sich im "Dritten Reich" aktiv an den Verbrechen der Nationalsozialisten. Rund drei Millionen Menschen wurden mit ihren Zügen in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Ohne die Logistik und Ressourcen der Reichsbahn wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Wie geht die Deutsche Bahn heute mit dem historischen Erbe um? Stellt sie sich den aktuellen Forderungen nach individueller Entschädigung wie der des niederländischen Holocaust-Überlebenden Salo Muller?

von Miriam Pütz

Wie die Reichsbahn vom Morden profitierte

Die Deportationen von Juden, Sinti und Roma und anderen verfolgten Gruppen erfolgten fast ausschließlich per Eisenbahn in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Ohne die Logistik und Ressourcen der Reichsbahn wäre der Holocaust nicht möglich gewesen.

Selektion ungarischer Juden an der Rampe in Auschwitz 1944. Bildrechte: IMAGO/UIG

Insgesamt wurden rund drei Millionen Menschen mit Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn in Vernichtungslager, Konzentrationslager und Ghettos deportiert. Anfangs in Personen- oder Güterwagen, später aber auch in Viehwaggons. Viele der Deportierten erstickten während der tagelangen Fahrten in den Waggons, verdursteten oder starben an Erschöpfung. Der Holocaustüberlebende und später erfolgreiche Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel schrieb später über seine Deportation nach Auschwitz im Jahr 1944:

Das Leben in den Viehwaggons war der Tod meiner Jugend. Wie schnell ich erwachsen wurde.

Elie Wiesel

Die Bahn verdiente gut an den Deportationen in den Tod - denn die Züge mussten viele Kilometer zurücklegen und beförderten überdurchschnittlich viele Menschen. Sie stellte pro Kilometer vier Pfennige für Erwachsene in Rechnung, Kinder kosteten die Hälfte. Ab 400 Personen pro Transport gab es einen Gruppenrabatt von 50 Prozent. Die Deportationen wurden meist dem Reichssicherheitshauptamt in Rechnung gestellt und oft mit dem beschlagnahmten Vermögen der Deportierten bezahlt. Der Verein "Zug der Erinnerung", der seit 2007 die Deportationen von Kindern während des Nationalsozialismus aufarbeitet, hat aufgelistet, dass die Reichsbahn umgerechnet 445 Millionen Euro an den Deportationen verdiente. Zusätzlich nutzte die Bahn Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern als billige Arbeitskräfte aus.

Was wurde aus der Reichsbahn nach Kriegsende?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Teil der Deutschen Reichsbahn, der sich in der Sowjetischen Besatzungszone befand, weiter betrieben und fuhr ab 1949 unter dem gleichen Namen als Staatsbahn der DDR weiter. In der Bundesrepublik wurde 1949 die Bundesbahn gegründet. Am 1. Januar 1994 vereinigten sich die Deutsche Reichsbahn und die Deutsche Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG.

Die Bahn und ihr historische Erbe

Nach 1945 wurde die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der Bahn vermieden. Die Historikerin Dr. Susanne Kill leitet bei der Deutschen Bahn AG die Abteilung Konzerngeschichte/historische Sammlung und erklärt:

Sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik hat es keine aktive Auseinandersetzung mit der spezifischen Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus an den Menschheitsverbrechen gegeben.

Susanne Kill

Durch einen Generationswechsel, zivilgesellschaftliche Initiativen, aber auch Veröffentlichungen, wie "Sonderzüge nach Auschwitz" des US-Holocaustforschers Raul Hilberg und Peter Longreichs "Die Ermordung der europäischen Juden" rückte das Thema in den 1980er Jahren wieder in den Fokus - zumindest in Westdeutschland. Während des 150. Bahnjubiläums im Jahr 1985 wird die Nazi-Vergangenheit des Unternehmens allerdings nicht thematisiert. Nach öffentlicher Kritik begann schließlich die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Bahn.

Keine Strafen für Bahnmitarbeiter

Wegen ihrer Mittäterschaft an den nationalsozialistischen Verbrechen wurde kein einziger Bahnmitarbeiter bestraft. Bei der Bundesbahn wurden bereits ab 1951 durch das "131er"-Gesetz ehemalige Nationalsozialisten, die im Zuge der Entnazifizierung entlassen worden waren, erneut eingestellt. (Artikel 131 Grundgesetz. Dieser regelt u.a. die Versorgungs- und Wiedereinstellungsansprüche von NS-Beamten.) Nur ein einziger Reichsbahnmitarbeiter wurde angeklagt: Albert Ganzenmüller - er war einer der Hauptorganisatoren der Deportationen. Ihm wurde Beihilfe zum Mord vorgeworfen. Doch der Prozess gegen ihn wurde 1973 eingestellt, nachdem Ganzenmüller einen Herzinfarkt erlitt. Er lebte anschließend unbehelligt in Freiheit weiter und galt bis zu seinem Tod 1996 als verhandlungsunfähig.

Albert Ganzenmüller im Jahr 1964. Der frühere Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium ist am 28.07.1964 im Prozess gegen Karl Wolff (Verbindungsoffizier der SS zu Hitler) vor dem Münchner Schwurgericht als Zeuge geladen. Dem Eröffnungsbeschluss zufolge, soll der Angeklagte im Mai 1942 fernmündlich an Ganzenmüller mit der Bitte herangetreten sein, Sonderzüge zum Abtransport von Juden aus den Ghettos in das Vernichtungslager Treblinka zur Verfügung zu stellen. Bildrechte: dpa

Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte

Erst In den 1990er Jahren begann die Deutsche Bahn AG, die Geschichte der Reichsbahn mit Fokus auf den Nationalsozialismus von Historikern aufarbeiten zu lassen. Das Verkehrsmuseum in Nürnberg thematisiert seit dem Jahr 2002 in der neuen Dauerausstellung "Im Dienst von Demokratie und Diktatur" die Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus, insbesondere die Themen Zwangsarbeit und Deportation.

Das Unternehmen erkennt inzwischen sowohl die Verbrechen der Reichsbahn im Nationalsozialismus als auch die historische Verantwortung an und versucht, sich differenziert mit der Firmenvergangenheit auseinanderzusetzen.

Konsequenzen und Wiedergutmachung?

Neben Ausstellungsprojekten und Publikationen bietet die Bahn Bildungsprojekte für Auszubildende zur Firmengeschichte und Kooperationen für Gedenkstättenfahrten. Außerdem beteiligt sie sich finanziell an verschiedenen Gedenkinitiativen, wie dem "Freundeskreis Yad Vashem" und spendete mehrmals an die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ), um insbesondere die bei der Bahn beschäftigten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bzw. deren Angehörige finanziell zu unterstützen.

Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"

Die Bundesregierung verabschiedete am 2. August 2000 das Gesetz zur Gründung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", um ehemalige NS-Zwangsarbeiter zu entschädigen. Die Entschädigungszahlungen an die Zwangsarbeiter wurde 2007 offiziell beendet. Auftrag der Stiftung ist es außerdem, an die nationalsozialistischen Verbrechen zu erinnern und sich für Menschenrechte einzusetzen. Besonderer Fokus der Arbeit liegt in Mittel- und Osteuropa und Israel.

Die Bahn AG versteht sich jedoch nicht als Rechtsnachfolger der nationalsozialistischen Reichsbahn und lehnt Forderungen nach individuellen Entschädigungen ab. Verwiesen wird auf den Bund als Eigentümer der Bahn und die Entschädigungsgesetze und Regelungen der Bundesrepublik.

Mahnmal Gleis 17 und "Gegen das Vergessen"

Mit dem Mahnmal Gleis 17 in Berlin erinnert die Deutsche Bahn AG an die Deportationen mit der Reichsbahn während des Nationalsozialismus. Vor Ort können Besucherinnen und Besucher die Daten und Bestimmungsorte aller Deportationszüge aus Berlin und die Anzahl der jeweils deportierten Personen lesen.

1998 wurde das Mahnmal Gleis 17 am Bahnhof Grunewald in Berlin eröffnet. Das ist für die Bahn das zentrale Mahnmal, weil aus Berlin die ersten Deportationen systematisch aus Deutschland erfolgten und auch der Konzernsitz der Bahn dort ist.

Susanne Kill

Mahnmal Gleis 17 am Bahnhof Grunewald in Berlin. Bildrechte: imago images/Stefan Zeitz

Der deutsch-italienische Fotograf Luigi Toscano rief 2015 das Erinnerungsprojekt "Gegen das Vergessen" ins Leben, um den NS-Verfolgten zu erinnern. Er traf und porträtierte seitdem über 400 Holocaust-Überlebende. Seit 2021 präsentierte die Bahn das Erinnerungsprojekt, das durch mehrere deutsche Bahnhöfe wie Berlin, München, Nürnberg und Dresden wanderte. Aktuell (Stand Januar 2023) gibt es Gespräche zwischen der Bahn und dem Künstler, die Ausstellung 2023 fortzuführen. Gezeigt wurden 15 Porträts und Biografien von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung. Beispielsweise wurde die Geschichte der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländers erzählt. Friedländer lebte versteckt im Berliner Untergrund, bis sie 1944 entdeckt und in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde. Sie überlebte das Lager. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte sie in die Vereinigten Staaten und kehrte 2010 nach Deutschland zurück, wo sie sich seither als Zeitzeugin engagiert. Ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Seit 2015 reiste Toscanos Ausstellung durch die Welt und wurde seit 2021 auch an deutschen Bahnhöfen gezeigt. Bildrechte: IMAGO / Stefan Zeitz

Kritik an der Aufarbeitung

Auch wenn die Bahn sich der Unternehmensvergangenheit stellt, gibt es immer wieder Stimmen, die kritisieren, dass die Bahn zu wenig Verantwortung übernähme und die Aufarbeitung unzureichend sei. Außerdem gab es in den letzten Jahren einige strittige Projekte und Aktionen. Beispielsweise wurde der Bahn im Zuge der Projekte "Sonderzüge in den Tod - Die Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn" (2006-2015) und des "Zugs der Erinnerung" (2007-2013) von namhaften Initiativen und Personen eine mangelnde Sensibilität hinsichtlich des Umgangs mit der NS-Geschichte vorgeworfen.

Bei der Wanderausstellung "Zug der Erinnerung" (2007-2013) des gleichnamigen Vereins kam es zu Konflikten, weil die Deutsche Bahn Gebühren für die Nutzung von Bahnhöfen und Trassen berechnete. Die Organisatoren forderten die Erlassung der Kosten und erinnerten an die Profite der Bahn im Nationalsozialismus. Daraufhin spendete die Bahn 175.000 Euro an die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Der Museumszug "Zug der Erinnerung" (hier am Leipziger Hauptbahnhof) thematisiert die Deportation tausender deportierter Kinder. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Zuletzt gab es 2019 eine Empörungswelle, als die Bahn die neuen ICE 4-Züge nach historischen Persönlichkeiten benennen wollte und neben Dietrich Bonhoeffer, Hannah Arendt und den Geschwistern Scholl auch Anne Frank als Namensgeberin vorschlug. Der Vorschlag Anne Frank löste Empörung aus: Das Mädchen wurde als 15-Jährige mit der Reichsbahn von Amsterdam nach Auschwitz und von dort in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Die Direktorin des jüdischen Museums in Frankfurt kritisierte, dass die Idee von Geschichtsvergessenheit zeuge. Nach Diskussionen nahm die Bahn den Vorschlag zurück: "Wir müssen einräumen, dass wir das Thema leider falsch eingeschätzt und damit Gefühle verletzt haben", sagte ein Sprecher der Bahn.

Forderungen nach individueller Entschädigung

Immer noch werden Entschädigungsforderung für die Opfer der nationalsozialistischen Deportationen gestellt. Im Jahr 2014 vereinbarte Frankreich mit den USA Entschädigungen von 60 Millionen Dollar an US-amerikanische Deportationsopfer, die mit Zügen der französischen Staatsbahn "SNCF" in deportiert wurden, sowie deren Angehörige.

Salo Muller am 26. Juni 2019 in Utrecht. Bildrechte: imago images / Pro Shots

Die niederländische Eisenbahngesellschaft "Nederlandse Spoorwegen" beschloss im Jahr 2019 aufgrund des Engagements des Holocaust-Überlebenden Salomon "Salo" Barend Muller ebenso Entschädigungen an die niederländischen Deportierten zu zahlen. Bisher zahlte "Nederlandse Spoorwegen" etwa 43 Millionen Euro an rund 5000 Opfer und ihre Nachkommen, die konkret ermittelt werden konnten (Stand 2022).

Salo Muller

Salomon Barend Muller wurde am 29. Februar 1936 als Kind einer jüdischen Familie in Amsterdam geboren und überlebte den Holocaust. Von 1959 bis 1972 war er Physiotherapeut für das Fußballteam "Ajax Amsterdam". In den letzten Jahren setzt er sich für Entschädigungszahlungen für Opfer der nationalsozialistischen Deportationen und deren Nachfahren ein.

Auch von der Deutschen Bahn und der Bundesrepublik fordert Muller, der über 70 Familienmitglieder im Holocaust verlor, Entschädigungen für die Deportierten. Vertreter der Grünen, FDP und Linken unterstützen das Vorhaben. Der Bund lehnt die Forderungen jedoch ab, vermutlich aus Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen. Verwiesen wird auf die bereits bestehenden Regelungen zur Entschädigung. In einer Erklärung heißt es: "Die Deportation als solche kann als Teil des gesamten Verfolgungsprozesses deshalb nicht gesondert (teil-)entschädigt werden." Die Deutsche Bahn lehnt individuelle Entschädigungen bisher ebenfalls kategorisch ab.

(Dieser Artikel wurde erstmals im September 2022 veröffentlicht und im Januar 2023 ergänzt.)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR ZEITREISE | 22. Januar 2023 | 22:20 Uhr