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MedizinermangelWarten auf die Approbation: Ausländische Ärzte arbeiten unter Aufsicht

30. Januar 2024, 05:00 Uhr

Deutschland ist beliebt bei ausländischen Ärzten – besonders viele kommen aus der Ukraine und der Türkei. Doch dann warten die Mediziner lange auf eine Approbation, teils trotz höherer Qualifikation. Woran liegt das?

"Deutschland braucht Ärzte", das weiß auch Natalia Saenko. Die Ukrainerin ist seit 27 Jahren Kinderärztin. Tausende Kinder hat sie in ihrer Heimat – in Nikopol im Süden der Ukraine – bereits behandelt. Dort herrscht Krieg. Deshalb lebt Saenko nun seit fast zwei Jahren in Deutschland. Doch ihr medizinischer Studienabschluss ist bislang nicht anerkannt worden. "Schade, dass es sehr, sehr lange dauert", sagt sie.

Derzeit arbeitet Saenko als Hospitantin am St. Georg-Klinikum in Eisenach auf der Kinderstation und darf Patienten nicht eigenständig behandeln. Sie wird permanent kontrolliert. Das soll die Patienten schützen, bis sie ihre Qualifikation nachgewiesen hat. Für ihre Arbeit bekommt sie eine kleine Aufwandsentschädigung und ist so auf Bürgergeld angewiesen. Jetzt hofft sie auf eine deutsche Approbation und damit die Anerkennung als Ärztin.

Natalia Saenko bekommt für ihr Praktikum nur eine kleine Aufwandsentschädigung und ist auf Bürgergeld angewiesen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihr Betreuer Benno Kretzschmar leitet die Kinderstation am St. Georg und sagt: "Wenn wir alle nichtdeutschen Ärzte oder Ärztinnen mit Migrationshintergrund aus den Thüringer Krankenhäusern entfernen, werden wir wahrscheinlich mal so eben schnell die Hälfte der Krankenhäuser schließen können." Vier von fünf Assistenzärzten auf der Kinderstation haben ausländische Wurzeln. Die Klinik würde auch Saenko gerne einstellen.

Wenn wir alle nichtdeutschen Ärzte oder Ärztinnen aus den Thüringer Krankenhäusern entfernen, können wir die Hälfte der Krankenhäuser schließen.

Dr. Benno Kretzschmar | Leiter der Kinderstation St. Georg-Klinikum Eisenach

Wie in Deutschland geprüft wird

In ganz Deutschland fehlen Mediziner: insgesamt 15.000. Ärzte aus dem Ausland könnten helfen. Doch die Wartezeiten werden immer länger. Vor allem für Ärzte außerhalb der EU ist der Anerkennungsprozess komplex.

Sie müssen den Antrag bei den Landesprüfungsämtern einreichen. Die prüfen auf Vollständigkeit und schicken ihn weiter an die Gutachtenstelle für Gesundheitsberufe (GfG) in Bonn. Stellt die GfG fest, dass der Abschluss gleichwertig zum deutschen ist, erhält der Arzt die Approbation. Falls nicht – was häufig der Fall ist – muss er in eine sogenannte Kenntnisprüfung. Dazu kommt generell eine Fachsprach-Prüfung. Das kann dauern.

Das Prozedere hat auch seine Gründe: "Ich denke, dass natürlich die Bürgerinnen und Bürger von uns erwarten, dass wir beim Zugang zu einem solchen sensiblen Beruf eine saubere Arbeit machen", sagt der Präsident des zuständigen Landesverwaltungsamtes in Thüringen, Frank Roßner über die Prüf-Prozedur. "Und ich glaube, wir würden der Idee des Anwerbens ausländischer Fachkräfte einen Bärendienst erweisen, wenn wir mal eben hier lax ins Prüfungsverfahren gehen."

Immer mehr Ärzte wollen nach Deutschland

Der Zulassungsprozess für Ärzte aus Nicht-EU-Ländern ist sehr langwierig. Wartezeiten bei Prüfstellen, Übersetzungen und häufig unvollständige Dokumente fressen Zeit. Bis zur Erteilung der Approbation dauert es in Thüringen im Schnitt rund zehn Monate, in Sachsen-Anhalt zwölf und in Sachsen kann es mehr als 24 Monate dauern. Zum Vergleich: In Niedersachsen sind es mindestens zwölf, in Hamburg bis zu 24 Monate.

Dabei scheint die GfG ein Nadelöhr zu sein. An der Bonner Gutachtenstelle wird die Gleichwertigkeit der Abschlüsse geprüft. Deren Leiterin bestätigt lange Bearbeitungszeiten: "Das liegt daran, dass wir einfach einen immensen Anstieg an ärztlichen Aufträgen haben", sagt Carola Dörfler. Viele der ausländischen Ärzte kämen aus der Türkei und der Ukraine. "Und das hat hier zu einem enormen und auch nicht ganz planbaren Anstieg geführt."

2021 haben knapp 6.400 ausländische Ärzte eine Approbation beantragt. Im folgenden Jahr waren es schon 7.400. Deutschland ist beliebt bei ausländischen Ärzten. Die Gutachtenstelle will Wartezeiten verringern und sucht neue Mitarbeiter. Doch zur Zeit überfordere der Ansturm die Gutachtenstelle, so Kritiker.

Bürokratie: Wenn Ärzte in Finanznot geraten

"Das ist für die Ärzte schon sehr nervenaufreibend und führt auch manchmal zu finanziellen Engpässen", sagt die Leiterin des Auslandsreferats beim Ärzteverband Marburger Bund, Ruth Wichmann. Das könne sogar dazu führen, dass Aufenthaltsbewilligungen ablaufen. "Also es ist insgesamt eine schwierige Situation."

Ein weiterer Grund für lange Wartezeiten ist der Umfang der Gleichwertigkeitsprüfung. MDR Investigativ liegt ein internes Kriterienpapier vor. Allein zum Thema Antibiotika werden zwölf detaillierte Punkte gefordert. Dabei werden diese in ausländischen Lehrplänen, den sogenannten Curricula, oft nicht so genau aufgeführt. Dies führt dann zu Anerkennungsproblemen.

"Natürlich kann eben nur dann eine Gleichwertigkeit auch festgestellt werden, wenn die Punkte, die bei uns in der Ausbildung aufgelistet sind, sich natürlich auch in Curricula des Arztes irgendwo wiederfinden", erklärt Wichmann.

Keine Approbation trotz Auszeichnung für Arbeit

Doch es gibt noch ein weiteres Problem für Ärzte aus dem Ausland: Marko Barovic arbeitet zum Beispiel als Laborarzt an der Uniklinik in Dresden. Er wartet seit mittlerweile 19 Monaten auf seine Approbation. Er hat in Serbien studiert und danach in Dresden promoviert. Sogar eine Auszeichnung für seine Arbeit hat er erhalten.

Marko Barovic wartet seit 19 Monaten auf seine Approbation. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Aus unserer Sicht ist es natürlich so, dass der Herr Doktor Barovic mit seinen Qualifikationen eigentlich sogar weit über das hinausgeht, was eigentlich verlangt werden würde", sagt sein Betreuer, der Ärztliche Leiter des Instituts für Klinische Chemie und Labormedizin, Dr. Peter Mirtschink.

Trotzdem: Eine Approbation bekommt er noch nicht. Stattdessen nur eine eingeschränkte Berufserlaubnis für zwei Jahre. Die Gleichwertigkeit seines serbischen Abschlusses kann nicht festgestellt werden, so die Gutachter. Es fehle ihm an praktischer Erfahrung.

Ich bin auch ein bisschen davon entsetzt. Ich bin sozusagen machtlos.

Marko Barovic | Arzt aus Serbien

Ein Teil der Wartezeit ist Ländersache

"Ich bin auch ein bisschen davon entsetzt. Ich bin sozusagen machtlos", sagt Marko Barovic. Er muss seine Qualifikation nun in einer Kenntnisprüfung nachweisen. Er ist sicher, sie bestehen zu können. Nur mit dem Termin dauert es: Er wartet bereits seit acht Monaten und es sei ungewiss, wie lange er noch warten müsse.

Für Kenntnisprüfungen sind die Länder zuständig. Die Landesdirektion Sachsen begründet die Wartezeit mit "...der großen Zahl an Anmeldungen ausländischer Ärztinnen und Ärzte in den letzten Jahren. Dem gegenüber steht die begrenzte Anzahl an Prüfungskommissionen. (...) Die Wartezeit beträgt derzeit etwa zehn bis zwölf Monate." Allerdings sollen nun in Sachsen mehr Prüfungskommissionen aufgestellt werden.

In Thüringen ist man da inzwischen weiter. Dort werden alle Bewerber zeitnah zur Kenntnisprüfung in die Uniklinik Jena geschickt. "Da sind wir mittlerweile so aufgestellt, dass wir das just in time machen können", so Landesverwaltungsamt-Chef Roßner. Doch in fast allen Bundesländern ist es mittlerweile ein Thema, dass die Anerkennung ausländischer Ärzte zu lange dauert. Denn der Ärztemangel verschärft sich weiter – deutschlandweit.

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 24. Januar 2024 | 20:15 Uhr

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