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Hermann Goering, Heinrich Himmler, General Loerzer, Adolf Hitler, Benito Mussolini Bildrechte: imago images/UIG

Hörer machen ProgrammWarum im Fernsehen so viele Dokumentationen über Hitler laufen

30. November 2023, 05:00 Uhr

Faszination des Bösen – es vergeht fast keine Woche ohne Hitler im Fernsehen: Hitlers Frauen, Hitlers Helfer, Hitlers Gesundheit. Sind diese vielen Reportagen, die nahezu regelmäßig wiederholt werden, nicht auch eine Hommage an den damals so genannten "Führer"? Warum beschäftigen wir uns so viel mit dieser Person?

Hörerin Andrea Schuchtert aus Erfurt macht die Omnipräsenz, die Adolf Hitler im deutschen Fernsehen hat, etwas ratlos: "Jede Banalität wird ausgeschlachtet, sodass wir uns schon fragen, wo endet Berichterstattung und wo beginnt es, dass wir der Faszination des Bösen erliegen. Dazu hätte ich gern mal etwas gewusst."

"Hitler sells"

Am Donnerstagabend 20:15 Uhr, ist es wieder so weit: Die Doku "Apokalypse Hitler" wird ausgestrahlt. Die ist 12 Jahre alt und läuft hoch und runter – genau wie viele andere Hitler-Sendungen. Ein Blick in die Fernsehprogramme zeigt: Es vergeht fast kein Tag ohne Hitler. Doch warum? Professor Jens-Christian Wagner, Stiftungsdirektor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, hat eine einfache Erklärung: "Hitlers Frauen, Hitlers Hunde, Hitlers linker Hoden oder ich weiß nicht was. Der Titel zeigt, dass man im Sender davon ausgeht, wenn Hitler im Titel vorkommt, dann verkauft sich das besser. Hitler sells sozusagen."

Medienwissenschaftler bestätigen das. Die Quoten der zahlreichen Dokus seien meist passabel, erklärt Professor Lorenz Engell von der Bauhaus-Universität Weimar. Hinzu komme, dass die Produktionskosten der Hitler-Dokus oft sehr gering seien. Eine ideale Kombination für die Programmgestalter. "Die sind häufig spekulativ und einfach gemacht. Diese Sendungen sind extrem billig. Und es bringt selbst um drei Uhr nachts noch Quote. Das kann man alles messen, das wissen auch die Fernsehmacher. Die gehen einfach dahin, wo sie meinen, dass die Quote kommt."

Medienforscher über die Faszination des Bösen

Bleibt die Frage, warum die Quote stimmt. Warum schauen wir als Zuschauer Dokus, die billig gemacht sind, in der x-ten Wiederholung laufen und die – wie beide Wissenschaftler betonen – auch kaum Erkenntnisse vermitteln?

Medienforscher Lorenz Engell gibt unserer Hörerin recht: Letztendlich erliegen wir der Faszination des Bösen. Und genau darauf setzten die Dokus. "Einige versuchen, Erklärungen abzuliefern, die irgendwie in der Biografie liegen, andere spekulieren eigentlich nur über die Bösartigkeit und wieder Dritte versuchen durch Verkleinerung – das Trivialmachen des Bösen, vielleicht sogar Lächerlichmachen – sich an dieser Figur abzuarbeiten. Aber diese Massenwirksamkeit, die das hat, die ist nach wie vor das populäre Gesicht des abgrundtief Bösen und Gemeinen."

Historiker sieht in Hitler-Dokumentation Gefahr für politische Bildung

Als Historiker sieht Jens-Christian Wagner in all den Hitler-Dokumentationen aber auch eine Gefahr für die politische Bildung der Zuschauer. Diese bestehe in der ständigen Fokussierung auf Hitler. Oder auch auf eine kleine Clique um Hitler. "Die große, breite deutsche Bevölkerung wird damit letzten Endes von jeglicher Verantwortung und Schuld freigesprochen. Das Geschichtsbild, das die Herrschaft des Nationalsozialismus letztendlich auf einen Schuldigen reduziert, das ist eines, das in hohem Grad geschichtsrevisionistisch ist und das dazu beiträgt, dass extrem rechtes Gedankengut sich weiter verbreiten kann."

Nach "Apokalypse Hitler" läuft noch spät Abends "Schlagzeilen gegen Hitler". Außerdem noch im Programm in den nächsten Tagen sind die Dokus "Hitlers Superschiff", "Hitlers Aufstieg", "Hitlers letzter Widerstand" und "Hitlers Russlandfeldzug".

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 30. November 2023 | 06:22 Uhr