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Immer mehr Menschen können sich auch Lebensmittel nicht mehr leisten. Die Tafeln verzeichnen großen Zulauf. Bildrechte: IMAGO / Michael Schick

Paritätischer WohlfahrtsverbandArmut durch Pandemie auf neuem Höchststand

von MDR AKTUELL

Stand: 30. Juni 2022, 10:25 Uhr

Die Corona-Pandemie hat die Armut auf einen neuen Höchststand getrieben. 2021 hatten knapp 14 Millionen Menschen in Deutschland kein ausreichendes Auskommen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dem Paritätischen Gesamtverband zufolge ist die Armutsquote von 2020 auf 2021 von 16,1 auf 16,6 Prozent geklettert.

Die Zahl der von Armut bedrohten Menschen ist während der Corona-Pandemie in Deutschland auf einem neuen Höchststand gestiegen. Darauf weist der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem jährlichen "Armutsbericht" hin, der am Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurde. Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider äußerte sein Unverständnis darüber, dass "die Bundesregierung wie mit der Gießkanne übers Land zieht, Unterstützung dort leistet, wo sie überhaupt nicht gebraucht wird, und Hilfe dort nur völlig unzulänglich gestaltet, wo sie dringend erforderlich wäre".

In dem Bericht analysiert der Verband die Daten des Statistischen Bundesamtes zur sogenannten Armutsgefährdungsquote, oft auch einfach Armutsquote genannt. Diese war im vergangenen Jahr auf 16,6 Prozent gestiegen. Demnach leben 13,8 Millionen Menschen in Deutschland unterhalb der entsprechenden Grenze - und damit 600.000 mehr als vor der Pandemie.

ArmutsquoteArmut wird in wohlhabenden Ländern wie Deutschland nicht über direkte Not wie Hunger oder Obdachlosigkeit definiert. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, ob das Haushaltseinkommen für gesellschaftliche Teilhabe reicht. Die Armutsgefährdungsquote gibt dabei den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss.

Viele arme Menschen in Sachsen-Anhalt und Thüringen

Angesichts der aktuell hohen Inflationsrate rechnet der Verband mit einer weiteren Verschärfung der Lage. "Die Befunde sind erschütternd, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie schlagen inzwischen voll durch", sagte Schneider. Noch nie habe sich die Armut in jüngerer Zeit so rasant ausgebreitet wie in der Pandemie.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband zeigte auch die sehr unterschiedliche Verteilung der Armutsgefährdung in Deutschlands Regionen auf. Demnach lag die Quote je nach Bundesland zwischen 12,6 und 28 Prozent. Die höchsten Quoten hatten Sachsen-Anhalt (19,5 Prozent), Berlin (19,6 Prozent) und Schlusslicht Bremen (28 Prozent). Die Bundesländer mit den niedrigsten Quoten waren Bayern (12,6 Prozent), Baden-Württemberg (13,9 Prozent) und Brandenburg (14,5 Prozent). Thüringen hat eine Quote von 18,9 Prozent, in Sachsen liegt sie bei 17,1 Prozent.

Weitere Entlastungen für Arme gefordert

Die jüngsten Entlastungspakete der Bundesregierung bezeichnete der Verband als ungerecht und unzureichend. "Pandemie und Inflation treffen eben nicht alle gleich", sagte Schneider. Von dem 29 Milliarden Euro schweren Entlastungspaket seien nur 2 Milliarden Euro als gezielte Hilfen an einkommensarmen Menschen gegangen.

Der Verband forderte deshalb ein neues Maßnahmenpaket, das zielgerichtet, wirksam und nachhaltig sein müsse. "Grundsicherung, Wohngeld und Bafög sind nach unserer Auffassung die wirksamsten Hebel, um schnell zu einer Entlastung unterer Einkommen zu gelangen", erklärte Schneider.

Derzeit wird in der Bundesregierung heftig über weitere Entlastungsschritte debattiert. So plant Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) als Ausgleich für stark steigende Preise die Möglichkeit einer steuerfreien Einmalzahlung durch die Arbeitgeber. Im Gegenzug sollen die Gewerkschaften bei Tarifrunden auf einen Teil der Lohnsteigerungen verzichten, um so die Inflation nicht weiter anzuheizen.

Dieser und andere Vorschläge sollen ab Montag kommender Woche bei einem Dialog der Regierung mit den Sozialpartnern und der Bundesbank auf den Tisch kommen.

Linken-Chefin: Bisherige Hilfen planlos

Linke-Chefin Janine Wissler kritisierte die Hilfen der Regierung als "planlos, zu wenig und zu wenig effektiv". Statt der Lohnabhängigen müssten endlich die Reichen und vor allem die "Krisengewinnler" stärker besteuert werden.

Der Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch zeigte sich ebenfalls besorgt: Der Armutsbericht zeige, dass sich Ungleichheit verstärkt habe. Die Regierung müsse daher insbesondere ärmere Menschen unterstützen. Hierzu brauche es unter anderem weitere Entlastungen für Menschen mit kleinen Einkommen.

FDP-Sozialexperte Pascal Kober bemängelte, dass dem Armutsbericht ein politischer Ansatz zur Bekämpfung der Ursachen von Armut fehle. Hier müsse seiner Meinung nach der sozialpolitische Schwerpunkt liegen. Gerade in dieser finanziell angespannten Situation sei es wichtig, den Menschen mehr von ihrem ehrlich verdienten Geld zu lassen.

dpa/AFP/epd/MDR (ala)

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL Fernsehen | 29. Juni 2022 | 21:45 Uhr

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