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LuftschutzbunkerDarum gibt es in Ostdeutschland keine öffentlichen Schutzräume mehr

23. Juli 2023, 17:31 Uhr

In Deutschland gibt es noch rund 600 offizielle Schutzbunker für den Katastrophenfall. Im Gebiet der neuen Bundesländer stehen jedoch keine öffentlichen Schutzräume zur Verfügung. Das ist das Ergebnis einer Bestandsaufnahme des Bundesinnenministeriums. Die Anlagen im Osten Deutschlands wurden nach der Wiedervereinigung nicht in das damalige Schutzbaukonzept des Bundes übernommen und damit oft dem Verfall preisgegeben. Nun sollen Alternativen geprüft werden.

Angesichts der gestiegenen militärischen Bedrohung durch den russischen Krieg gegen die Ukraine hat das Bundesinnenministerium eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Schutzräume in Deutschland beauftragt. Das Ergebnis: Etwa 480.000 Plätze in 579 Bunkern und Schutzräumen stehen aktuell noch zur Verfügung. So haben es die Bundesanstalt für Immobilien (BImA) und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) im vergangenen Jahr herausgefunden. Die Bunker und Schutzräume befänden sich ausschließlich im Gebiet der alten Bundesländer, seien jedoch nicht einsatzbereit, sagte BImA-Sprecher Thorsten Grützner jetzt MDR SACHSEN-ANAHLT.

Rückabwicklung der Schutzräume aktuell gestopptIn Deutschland ist die Erhaltung der öffentlichen Schutzräume seit 2007 eingestellt. Man begann mit der Rückabwicklung der Anlagen. Von ehemals rund 2.000 Schutzräumen sind aktuell nicht einmal mehr die Hälfte übrig. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wurden diese Maßnahmen zunächst gestoppt.

Bunker in Ostdeutschland nicht in Schutzbaukonzept des Bundes

Der Bunker an der Moritzburg war im Zweiten Weltkrieg einer der größten Schutzräume in Halle. Heute ist er verfallen und zugeschüttet. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Doch auch in Ostdeutschland gibt es noch alte Schutzeinrichtungen – alle jedoch ohne sogenannte Zivilschutzbindung. Sie stammen aus dem Zweiten Weltkrieg oder der DDR, sind heute teilweise verschweißt oder verfallen. Denn nach der Wiedervereinigung wurden die Anlagen nicht in das Schutzbaukonzept des Bundes übernommen und damit nicht gewartet und gepflegt. "Wenn wir heute noch solche Bunker haben, ist das Verdienst von ortsansässigen Vereinen, die so was betreiben oder auch Privatpersonen", erklärt Andreas Stahl, Referent am Institut für Landesgeschichte Sachsen-Anhalt.

Die bestehenden Schutzbauwerke würden ohne fachgerechte Wartung durch Rost, Wassereinwirkungen und Schimmel kontaminiert und seien dann kaum noch nutzbar. "Man kann sie nur mit großem Aufwand wiederherstellen. Manchmal ist ein Neubau wahrscheinlich billiger", vermutet Stahl. Dabei gehe es nicht nur um eine Wiederherstellung, sondern auch um eine Modernisierung. "Inzwischen hat sich ja auch die Technik, auch die Waffentechnik weiterentwickelt."

Reaktivierung von Bunkeranlagen grundsätzlich möglich

Das bestätigt auch der Bericht des BImA, nach dem eine Reaktivierung der offiziell bestehenden Schutzräume in Deutschland grundsätzlich möglich ist. Zeit- und Kostenaufwand würden jedoch vom Schutzniveau abhängen, so Sprecher Thorsten Grützner. "Der Bericht unterscheidet vier Schutzniveaus, vom Trümmer- und Splitterschutz als geringstem bis hin zum Schutz auch vor atomaren Gefahren als höchstem Schutzniveau."

Die von der BImA durchgeführte dreistufige Bestandsaufnahme sei Ende Mai 2023 abgeschlossen worden und werde aktuell noch ausgewertet, sagte Grützner. Die Erkenntnisse sollen demnach Grundlage für weitere Entscheidungen in Sachen Zivilschutz sein. Klar ist aber: Die bestehenden Schutzbunker reichen ohnehin nur für einen Bruchteil der Menschen in Deutschland. Das galt bereits für den Zweiten Weltkrieg und gilt auch heute: "Es ist zu keiner Zeit möglich gewesen, die ganze Bevölkerung in Bunkern unterzubringen", erklärt Andreas Stahl.

Es ist zu keiner Zeit möglich gewesen, die ganze Bevölkerung in Bunkern unterzubringen.

Andreas Stahl, Referent am Institut für Landesgeschichte Sachsen-Anhalt

Teil eines neuen Zivilschutzkonzepts könnten deshalb auch andere Formen von Schutzräumen sein. In Sachsen-Anhalt wartet das Innenministerium derzeit auf ein entsprechendes Konzept des Bundesinnenministeriums, sagte Ministeriumssprecher Lars Fischer. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte dieses im April 2022 angekündigt.

Tiefgaragen und Bahnhöfe als Alternativen

Zu den öffentlichen Schutzräumen, die vor dem Hintergrund des Kalten Krieges seit Mitte der 1960er-Jahre errichtet beziehungsweise wiederhergerichtet worden sind, zählen neben Hoch- und Tiefbunkern auch alte Stollenanlagen sowie neu errichtete sogenannte Mehrzweckanlagen, so Fischer weiter.

Als Schutzräume könnten beispielsweise Tiefgaragen dienen. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Arnulf Hettrich

Bei Letzteren handele es sich um Bauwerke wie Tiefgaragen oder Bahnhöfe, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurden. "Auch wenn die im Ostteil Deutschlands bestehenden Schutzräume nach der Wiedervereinigung nicht vom Bund als 'öffentliche Schutzräume' anerkannt wurden, bestehen doch Anlagen und Bauten, die im Krisenfall auch als Schutzraum für die Bevölkerung dienen könnten", erklärt Fischer. Im Gefahrenfall bestünde die Möglichkeit, die Menschen durch behördliche Warnsysteme entsprechend darüber zu informieren.

Mehr zum Thema: Bunker und Zivilschutz

MDR (Sarah-Maria Köpf)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Juli 2023 | 19:00 Uhr

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