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Christoph Igel verlässt am 14. Juni die Cyberagentur in Halle. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Exklusiv-InterviewChef der Cyberagentur in Halle kritisiert Ministerien: Bürokratie erstickt Wettbewerb

12. Juni 2021, 15:14 Uhr

Ab 15. Juni wird die Cyberagentur des Bundes in Halle von einem Übergangsgeschäftsführer geleitet. Bis dahin ist noch Christoph Igel Chef der Agentur. Mit MDR SACHSEN-ANHALT spricht er über das Ende seiner Zeit als Gründungsdirektor der Cyberagentur und sagt, warum es in der deutschen Forschungslandschaft hakt.

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Am 14. Juni endet der Vertrag von Christoph Igel als Geschäftsführer der Cyberagentur des Bun des in Halle. Ein Verwaltungsjurist aus dem Geschäftsbereich des Bundesverteidigungsministeriums übernimmt vorübergehend, bis ein neuer Geschäftsführer gefunden ist. Die Stelle von Igel als Forschungsdirektor bleibt wohl noch ein paar Monate lang unbesetzt.

Das komplette Interview können Sie im Podcast "Digital leben" hören.

MDR SACHSEN-ANHALT: Professor Igel, wie ist die Cyberagentur nach einem Jahr aufgestellt?

Christoph Igel: Ihr Aufbau ist gelungen. Wir sind gut gestartet. Und wir sind in der Region angekommen und fangen an, eine Außenwirkung zu haben. Wir haben die ersten Forschungsprojekte identifiziert und auf den Weg gebracht und gehen davon aus, dass wir im zweiten Halbjahr mit den ersten Vorhaben in die öffentliche Finanzierung starten.

Wenn nun Ihr Vertrag ausläuft: Was können Sie zum Interimsgeschäftsführer sagen?

Ab Mitte Juni wird ein Interimsgeschäftsführer eingestellt, der dafür sorgt, dass der Betrieb der GmbH weitergeführt wird. Die beiden Geschäftsführerpositionen, also kaufmännischer Geschäftsführer und Forschungsdirektor, waren ausgeschrieben. Und sie werden nach und nach besetzt. Ich würde davon ausgehen, dass man bis Ende des Jahres eine stabile Geschäftsführung hat.

Ich bin persönlich durchaus traurig, dass ich jetzt gehe.

Christoph Igel

Christoph Igel im vergangenen Sommer, als er MDR SACHSEN-ANHALT zum ersten Mal ein Interview gegegen hat Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Mit welchem Gefühl gehen Sie?

Ich bin auf der einen Seite total glücklich über das, was ich anschieben konnte. Wir haben ein Super-Team zusammengestellt, viele junge, motivierte Leute mit einer extrem hohen Fachkompetenz. Ich finde, es ist außerordentlich gut gelungen, wie wir uns vernetzen konnten und wie freundlich und offen wir vor Ort aufgenommen wurden. Und ganz besonders stolz bin ich darauf, dass es uns gelungen ist, fünf, sechs zukunftsträchtige Forschungsthemen zu identifizieren.

Unter dem Strich: eine super Sache. Persönlich bin ich durchaus traurig. Wenn man so ein Baby nach mehreren Monaten Vorbereitung und zwölf Monaten in der Geschäftsführung zum Laufen bringt, hätte ich es gerne noch ein bisschen laufen gesehen.

Hintergrund: Das ist die Aufgabe der Cyberagentur

Die Cyberagentur hat im Juni 2020 ihre Arbeit in Halle aufgenommen. 100 Menschen sollen für sie arbeiten, 25 sind derzeit angestellt. Die Agentur soll Forschung für Deutschlands künftige Cybersicherheit anstoßen. Dass solche großen Forschungsfragen gestellt werden müssen, daran zweifelt niemand. Denn bislang werden diese Themen vom deutschen Staat unter Gesichtspunkten der Cybersicherheit nicht übergreifend erforscht. Experten sehen hier eine Gefahr für Deutschlands innere und äußere Sicherheit in der Zukunft.

Sind Sie im Streit gegangen?

Geschäftsführerpositionen zu verhandeln, ist immer eine echte Herausforderung für beide Seiten. Und am Ende ist es wie im richtigen Leben: Man hat versucht, irgendwie gemeinsam glücklich zu sein und muss feststellen, dass die Liebe nicht gereicht hat.

Wir machen ständig einen Spagat: zwischen hoch spezialisierten Themen und der Bundeshaushaltsordnung.

Christoph Igel

Wie läuft es denn praktisch ab, wenn die Cyberagentur Forschung beauftragt?

Das ist komplex und keine Schreibtischarbeit. Wir leben in Netzwerken, reden mit Universitäten, Start-ups und der Industrie. Wir reden international mit Experten, um uns überhaupt ein Bild zu machen. Wenn wir nach vier bis sechs Monaten solche Themen detektiert und durchdrungen haben, dann geben wir einen Forschungs-Vorschlag an unsere Gesellschafterin, die Bundesrepublik, vertreten durch Verteidigungs- und Innenministerium. Das Papier wird geprüft, nicht inhaltlich, aber ob es zu unserem Auftrag passt und ob es möglicherweise eine Redundanz gibt.

Aber da ist schon eine erste Sollbruchstelle: Aus der Forschungsperspektive ist es vernünftig, immer wieder das gleiche Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu erforschen. Aber die Bundeshaushaltsordnung sieht das völlig anders. Und wenn wir diese Forschungsfrage genehmigt bekommen, geht es an die öffentliche Ausschreibung, in einem Wettbewerb oder im Versuch der Direktvergabe.

Der lange Weg zur Cyberagentur im Raum Leipzig-Halle

  • August 2018: Das Bundeskabinett beschließt die Gründung einer Cyberagentur, die als GmbH gemeinsam von Bundesverteidigungs- und Bundesinnenministerium getragen werden soll.
  • September 2018: Die Leiterin des Aufbaustabs im Verteidigungsministerium sagt, die Agentur solle noch 2018 gegründet werden.
  • Januar 2019: Bundesverteidigungsministerin von der Leyen und Bundesinnenminister Seehofer verkünden in Berlin, dass der Standort der Cyberagentur der Raum Halle/Leipzig werden soll.
  • Februar 2019: Die Leiterin des Aufbaustabs sagt MDR SACHSEN-ANHALT, um Fachkräfte anzulocken und marktgerecht zu bezahlen, sei für einen Teil der 100 Mitarbeiter eine Ausnahmeregel mit dem Finanzministerium vereinbart worden.
  • Juni 2019: Der Haushaltsausschuss des Bundestages und der Bundesrechnungshof erhalten 112 Seiten, in denen das Verteidigungsministerium Finanzrahmen, Ziele und Aufbau der Cyberagentur darlegt.
  • Juni 2019: Der Bundesrechnungshof stellt die Agentur infrage, kritisiert, dass es keine Erfolgskontrolle gibt, dass das Bundesinnenministerium sich finanziell nicht paritätisch beteiligt, fragt, wie hochqualifiziertes Personal angelockt werden soll, und empfiehlt, die Cyberagentur als siebenjähriges Pilotprojekt anzulegen.
  • Juli 2019: Auf dem Flughafen Leipzig/Halle verkünden Bundesinnenminister Seehofer, das Verteidigungsministerium und die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, dass die Agentur in Halle gegründet werden und später auf den Flughafen Leipzig/Halle ziehen soll.
  • Juni 2019: Der stellvertretende Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag, Dennis Rohde (SPD), kritisiert, dass keinerlei parlamentarische Kontrolle der GmbH vorgesehen ist.
  • November 2019: Nachdem die Cyberagentur immer wieder von der Tagesordnung des Haushaltsausschusses gestrichen wurde, einigen sich Vertreter der Regierungsfraktionen auf eine Lösung.
  • 14. November 2019: Erst in der letzten Sitzung für den Haushaltsplan 2019, der sogenannten Bereinigungssitzung, kommt die Cyberagentur auf die Tagesordnung. Die Gelder werden unter strengen Auflagen freigegeben.
  • Ende 2019: Der Vertrag mit einem ersten Geschäftsführer kommt nicht zustande.
  • Mai 2020: Das Bundeskabinett bestätigt Christoph Igel als Forschungsdirektor. Frank Michael Weber wurde kurz darauf als Kaufmännischer Direktor und Geschäftsführer bestellt.
  • Am 11. Juni 2020 wird der Gründungsvertrag unterschrieben.
  • Am 15. Juni 2020 nimmt die Agentur an ihrem ersten Standort im Süden Halles ihre Arbeit auf.
  • Am 11. August 2020 informieren das Innen- und das Verteidigungsministerium offiziell über den Start der Agentur.
  • Im März 2021 verlässt der kaufmännische Geschäftsführer die Cyberagentur.
  • Im April 2021 wird die Stelle des Forschungsdirektors neu ausgeschrieben.
  • Mitte Juni 2021 verlässt Gründungsdirektor Christoph Igel nach einem Jahr die Cyberagentur.

Und so eine Ausschreibung steht dann im Bundesanzeiger?

Es gibt entsprechende Plattformen. Aber wir streuen das natürlich auch in die Communities, weil nicht jeder Top-Experte per Zufall im Bundesanzeiger nachschaut. Wir versuchen kommunikativ, das in die Richtung zu schieben. Und das ist die zweite Sollbruchstelle, denn wir dürfen eigentlich gar nicht steuernd eingreifen, weil das eine wettbewerbliche Verzerrung ist. Wir hängen ständig in einem Spagat zwischen wenigen Menschen, hoch spezialisierten Themen und den Vorgaben der Bundeshaushaltsordnung.

Was wir erleben, ist fast ein Micro-Controlling.

Christoph Igel

Und dann kann die Agentur frei entscheiden, wer die Forschung macht?

Nein. Die Agentur gestaltet den Prozess der öffentlichen Beauftragung und unterbreitet der Gesellschafterin einen Vorschlag. Und dann haben sie ein Grund-Dilemma in diesem gesamten Prozess: Wir haben hoch kompetente Menschen in der Agentur und kämpfen schon mit hochkomplexen Themen. Diese Themen kommen in eine ministerielle, bürokratische Logik, wo entschieden werden soll. Alle, die an diesem Prozess beteiligt sind, legen ständig eine Lernkurve hin. Die Frage ist, wie erfolgreich ist die Lernkurve und kriegen wir am Ende die Dinge gebilligt.

Die Cyberagentur des Bundes hat im vergangenen Jahr in Halle ihre Arbeit aufgenommen. Derzeit sucht sie einen neuen Standort in Halle. Bildrechte: IMAGO / VIADATA

Ist nicht auch eine Frage, an welcher Stelle sich etwas ändern muss? Welche Seite muss auf wen zukommen?

Das ist etwas, auf das ich nach zwölf Monaten schaue und ein deutliches Delta feststelle zwischen dem, was in den Grundsatzpapieren zur Gründung der Agentur steht und dem, wie es faktisch gelebt wird. Das ist bei unserer Schwester Agentur, der SprinD in Leipzig, genau das Gleiche. Im Grundsatzdokument wurde uns zugestanden, dass wir eine wissenschaftlich-unternehmerische Freiheit haben, um Dinge zu gestalten. Darauf hatte die Bundeskanzlerin beim Forschungsgipfel hingewiesen.

Was wir faktisch erleben, ist fast ein Micro-Controlling. Und diese beiden Dinge harmonisieren nicht miteinander, wenn wir Innovation und Forschung gestalten wollen. Ich finde es sehr bemerkenswert, wie sich die Bundeskanzlerin geäußert hat. Das deckt sich mit dem, was der SprinD-Chef und ich kommunizieren und wo wir den Bedarf einer Neuausrichtung sehen. Zum anderen ist aber auch bemerkenswert, dass jetzt Personen am Ende ihrer Amtszeit den Mut haben, damit nach außen zu gehen.

Herausragende Forschung funktioniert nur im Wettbewerb.

Christoph Igel

Die Bundeskanzlerin auf dem Forschungsgipfel, das Bundeskabinett, das gerade 380 Millionen Euro für IT-Sicherheitsforschung ressortübergreifend für das Forschungsministerium bewilligt hat: Hat die Politik das Problem also verstanden?

Die Grundfrage, der wir uns stellen müssen, ist: Wie viel Wettbewerb lassen wir zu? Wenn wir herausragende Forschung für unsere digitale Souveränität haben wollen, kann das nur wettbewerblich geschehen, in einem internationalen Wettbewerb mit den besten Köpfen. Der Ansatz, etwas zu koordinieren, zu steuern, ein Micro-Controlling anzusetzen, widerspricht dem Ansatz von Wettbewerb.

Was nicht innerlich gelebt wird, wird nicht funktionieren.

Christoph Igel

Wir können die Agenturen nicht vernünftig aufstellen, wenn wir sie nicht so arbeiten lassen, wie es uns immer gesagt wird: Wir sollen zur Darpa (Die Defense Advanced Research Projects Agency ist eine Behörde des US-Verteidigungsministeriums, Anm. d. Red.) schauen. Dort aber ist Wettbewerb der zentrale Ansatz, dort treten sogar Teams zum gleichen Thema gegeneinander an, um auf die besten Ideen zu kommen. Solange wir diesen Ansatz nur in Papiere schreiben und nicht ins tägliche Leben hineinbringen, solange können wir über Koordinationszentren, Digitalministerium und Strukturen so viel nachdenken, wie wir wollen. Wenn das nicht innerlich gelebt wird, wird es nicht funktionieren.

Hat Deutschland denn die Instrumente, um das zu machen, oder fehlt uns grundsätzlich etwas?

Es mangelt nach meinem Dafürhalten bei der öffentlichen Beauftragung nicht wirklich an neuen Instrumenten, sondern daran, diese Instrumente ins Tun und in die Umsetzung zu bringen. Das versuchen wir ja gerade auch mit viel externer Unterstützung. Und dem steht eine geübte ministerielle Praxis gegenüber. Da wird sich viel abgearbeitet. Aber am Ende ist es ein Transformationsprozess für alle, der angestoßen ist.

Unter Start-Ups hörte man vor Jahren mitunter den Spruch, die USA erfinden, China kopiert und Europa reguliert. Ist das ein europäisches Problem?

Wir sind dabei, unser Pendant auf europäischer Ebene nach und nach aufzubauen. Auch das ist es eine typisch deutsche Verfahrensweise. Es werden eine Organisation und Strukturen gegründet – und im nächsten Schritt darüber nachgedacht, was Themen und Grundgedanken sind. Man hätte bei den Agenturen auch anders vorgehen können. Der Ursprungsgedanke war, Themen in einem Wettbewerb auf den Weg zu bringen und nicht Organisationen zu gründen.

Herr Professor Igel, wohin verschlägt es sie jetzt?

Wir fühlen uns in Sachsen-Anhalt und Sachsen super wohl und bleiben in der Region wohnen. Ich werde ab dem 15. Juni wieder Uniform tragen und in den Streitkräften sein.

Danke für das Gespräch und alles Gute.

Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den AutorMarcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

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MDR/Marcel Roth

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 11. Juni 2021 | 06:05 Uhr

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