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Am Ende gab Mariya Shapochka sogar Geld aus, um ihren Aufenthaltstitel zu erlangen. Bildrechte: MDR/Daniel George

Kritik an Ausländerbehörde MagdeburgWenn ausländische Lehrkräfte vergrault statt gewonnen werden

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 26. November 2022, 17:26 Uhr

In Magdeburg stand die Ausländerbehörde zuletzt massiv in der Kritik. Von den Missständen dort sind auch internationale Lehrkräfte betroffen. Zwei Betroffene schildern ihre Erfahrungen. Oberbürgermeisterin Simone Borris verspricht Besserung.

Mariya Shapochka war am Ende. "Meiner Kräfte und meiner Nerven", sagt die 31-Jährige. "Ich konnte einfach nicht mehr. Ich habe mich im Kreis gedreht und bin einfach nicht weitergekommen. Immer wieder gab es neue Hürden."

Worüber die gebürtige Ukrainerin spricht: ihre Erfahrungen mit der Ausländerbehörde in Magdeburg. Shapochka, bereits seit 2014 in Deutschland, beantragte ihren unbefristeten Aufenthaltstitel. Doch es gab Probleme. Monatelang zog sich das Verfahren hin – ohne erfolgreiches Ende in Sicht.

Das Absurde dabei: Sie wollte als Lehrerin arbeiten, dabei helfen, dem Lehrermangel entgegenzuwirken. Hunderttausende Euro gab das Land Sachsen-Anhalt zuletzt aus, um über eine Headhunter-Agentur internationale Lehrkräfte zu suchen. Eine Million Euro jährlich ist dafür ab 2023 eingeplant.

"Das ist doch mehr als komisch", wundert sich Mariya Shapochka. "Überall hört man, dass Lehrkräfte, auch internationale, gesucht und gebraucht werden. Aber wenn du hier ankommst, erlebst du das ganz anders. Bei den Behörden hast du nicht das Gefühl, dass du willkommen bist oder sogar gebraucht wirst."

Mariya Shapochka hat Angst um ihre Familien in der Ukraine Bildrechte: Mariya Shapochka

Ich höre immer den Begriff: Willkommenskultur. An der müssen die Behörden noch arbeiten.

Mariya Shapochka, Lehrerin aus der Ukraine

Wenn der Aufenthaltstitel plötzlich Geld kostet

Deshalb wandte sich Mariya Shapochka an ein Unternehmen, das internationale Fachkräfte bei Verfahren mit Behörden unterstützt. Mehrere hundert Euro gab sie am Ende dafür aus. Aber: "Wenn du so wie ich am Ende bist, dann zahlst du dieses Geld. Wenn ich überlege, wie viel Zeit und Nerven ich noch hätte aufwenden müssen, dann hat es sich auf jeden Fall gelohnt", sagt sie. Und: "Ich war am Ende wirklich sehr zufrieden mit der Arbeit und würde es wieder tun."

Denn plötzlich ging alles relativ schnell. Das Unternehmen machte Druck, auch mit Hilfe von Anwälten. Mittlerweile hat Shapochka ihre Niederlassungserlaubnis und arbeitet als Lehrerin in der Landeshauptstadt. Sie ist froh, sich Hilfe geholt zu haben. Denn: "Es ist einfach auch schwierig, wenn du in Vollzeit arbeitest, ständig zur Ausländerbehörde zu laufen", sagt sie. "Da läuft ja nichts digital ab."

Shapochka sagt: "Ich höre immer den Begriff: Willkommenskultur. An der müssen die Behörden noch arbeiten. Es gibt dort sicherlich einzelne Personen, die das vermitteln, aber längst nicht alle. Wenn du hier ankommst als Fachkraft aus einem anderen Land, bist du vielen bürokratischen Herausforderungen ausgesetzt und in der Regel damit allein. Da wäre es gut, wenn die Behörden helfen und die Prozesse nicht noch erschweren würden."

Unter Tränen das Gebäude verlassen

Auch Sofia* aus Südamerika hat schlechte Erfahrungen mit der Ausländerbehörde Magdeburg gemacht. Seit 2015 lebt sie in der Stadt, ist mit einem Deutschen verheiratet. Die Lehrerin will anonym bleiben – aus Angst, sonst noch mehr Probleme zu bekommen.

"Ich habe immer wieder Ärger mit der Ausländerbehörde gehabt", erzählt Sofia. Mitarbeiterinnen hätten Formulare und Unterlagen verlangt, die gar nicht nötig gewesen wären, erzählt sie. Vor allem der Umgang mit ihr sei "verängstigend" gewesen. Sie sagt: "Ich habe das Gebäude mehrfach unter Tränen verlassen."

Offensichtlich kein Einzelfall. Bereits vor einigen Wochen hatten zahlreiche Betroffene MDR SACHSEN-ANHALT von ähnlichen Erfahrungen berichtet. "Menschen werden dort wie Müll behandelt", hatte eine Studentin damals gesagt.

Der Mann von Sofia, der ebenfalls anonym bleiben will, ergänzt: "Willkür ist einfach ein großes Thema. Es werden oft willkürlich Unterlagen verlangt oder Entscheidungen getroffen, die nicht nachvollziehbar sind und von der Behörde auch nicht begründet werden." Tatsächlich schildern mehrere Betroffene, dass immer wieder Unterlagen verlangt werden würden, die für das jeweilige Verfahren eigentlich nicht erforderlich sind.

Einbürgerung? Beratungsgespräch schreckt ab

Dennoch: Sofia wollte sich einbürgern lassen. "Weil es mir hier in Magdeburg gefällt und ich eigentlich gerne hier bleiben würde", sagt sie. Doch das Erstgespräch zur Einbürgerung in der Ausländerbehörde habe sie abgeschreckt.

"Der zuständige Mitarbeiter hat mir nur klar gemacht, warum ich mich eigentlich nicht einbürgern lassen sollte", erzählt die Lehrerin. "Und er hat ganz deutlich gesagt, dass nur er darüber entscheidet, wer eingebürgert wird oder nicht."

Oberbürgermeisterin Borris verspricht Verbesserung

Magdeburgs Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) bekräftigte nun im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT, die Probleme in der Ausländerbehörde erkannt zu haben und verändern zu wollen.

Zu Beginn des kommenden Jahres soll demnach so schnell wie möglich eine digitale Akte in der Ausländerbehörde eingeführt werden. Außerdem habe es bereits einen Personalzuwachs gegeben, viele weitere kleine Schritte sollen laut Borris zu einer Verbesserung der Situation führen.

Unter anderem werde nun darauf geachtet, besonders kommunikative Mitarbeitende im Eingangsbereich arbeiten zu lassen. Außerdem müsse künftig auch über den Standort der Ausländerbehörde nachgedacht werden, so die Oberbürgermeisterin. Denn: "Das ist ein wichtiger Aspekt, um ein Willkommensgefühl zu entwickeln." Derzeit müssen die Bürgerinnen und Bürger auch aufgrund von Platzmangel oft noch auf der Straße warten.

Bildrechte: dpa

Die Einbürgerung dauert bei uns tatsächlich viel zu lange. Das kann einfach nicht sein, dass uns Menschen deshalb verlassen.

Simone Borris | Oberbürgermeisterin von Magdeburg

Zu den Fällen der Lehrerinnen, die aufgrund von Problemen mit der Ausländerbehörde über Wegzug nachdachten oder noch immer nachdenken, sagte Borris: "Die Einbürgerung dauert bei uns tatsächlich viel zu lange. Wir brauchen zwei Jahre, um das auf den Weg zu bringen. Das kann einfach nicht sein, dass das so lange dauert und dass uns Menschen deshalb verlassen. Das steht der Stadt nicht gut zu Gesicht."

Das gelte natürlich für Lehrkräfte, aber auch für andere Berufsgruppen wie Pflegekräfte, die ebenso dringend gebraucht werden: "Diese Bereiche können ja von der Internationalität eigentlich profitieren", sagt Borris. Also: "Wir haben ein großes Interesse daran, dass wir diese Fachkräfte nicht verlieren."

Doch dafür muss sich in der Ausländerbehörde Magdeburg offensichtlich einiges ändern.

* Name von der Redaktion geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

Mehr zum Thema: Fachkräftemangel und Kritik an der Ausländerbehörde

MDR (Daniel George)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. November 2022 | 19:00 Uhr

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