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Viele Betroffene warten monatelang auf die Verlängerung ihres Aufenthaltstitels – und das bleibt für sie oft nicht ohne Konsequenzen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Internationale FachkräfteKritk an Ausländerbehörde Magdeburg: "Menschen werden wie Müll behandelt"

von Daniel George, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 24. September 2022, 16:57 Uhr

Unheimlich lange Wartezeiten, kaum Kontaktmöglichkeiten, Unfreundlichkeit bis hin zu Ignoranz: Das werfen Betroffene der Ausländerbehörde in Magdeburg vor. Zwar gibt es positive Ausnahmen. Doch die meisten Erfahrungsberichte zeichnen ein Bild, das im krassen Widerspruch zum Bemühen der Landeshauptstadt um Fachkräfte steht.

  • Sachsen-Anhalts Ausländerbehörden stehen massiv in der Kritik. Vor allem in Magdeburg häufen sich Beschwerden – und es sind wohl keine Einzelfälle.
  • MDR SACHSEN-ANHALT hat mit mehreren Studierenden und Angestellten aus Magdeburg über ihre Erfahrungen mit der Ausländerbehörde der Landeshauptstadt gesprochen.
  • Einige Betroffene wollen anonym bleiben – aus Angst, aufgrund ihrer Äußerungen von der Ausländerbehörde benachteiligt zu werden. Das sind ihre Geschichten:

Rebecca*, 30 Jahre alt, USA

Die US-Amerikanerin kam 2016 nach Magdeburg und promoviert derzeit in Neurowissenschaften. Für sie steht bereits fest: Sie wird danach in ihre Heimat zurückkehren. Und das habe zwar nicht nur, aber auch mit den Erfahrungen mit der Ausländerbehörde zu tun.

"Schon damals, als ich nach Magdeburg gekommen bin, musste ich zwei, drei Monate auf einen Termin warten und dann trotzdem noch stundenlang in einem kleinen Raum warten, bis ich aufgerufen wurde", erzählt die 30-Jährige. "Wer das weiß, kann sich darauf einstellen. Aber für Menschen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, ist das schwierig."

Es fühlt sich in der Ausländerbehörde so an, als würden sie keine Ausländer in der Stadt wollen.

Rebecca*, US-amerikanische Studentin in Magdeburg

Ihr größter Kritikpunkt sei aber nicht die Wartezeit, sondern der Umgang der Mitarbeitenden in der Ausländerbehörde mit den Menschen. "Ich konnte bereits ein bisschen Deutsch sprechen, als ich nach Deutschland gekommen bin und habe immer mehr gelernt. Trotzdem waren die Leute in der Ausländerbehörde oft unhöflich zu mir, haben mich ungeduldig korrigiert, wenn ich Fehler gemacht habe. Ich kann meine Termine mittlerweile komplett auf Deutsch führen, das macht es für mich einfacher – auch, weil ich Deutsch aussehe. Aber ich weiß, dass sie andere Menschen, die das nicht können und nicht so aussehen, wie Müll behandeln."

Viele ihrer Bekannten würden sich davor fürchten, die Ausländerbehörde zu besuchen – eben weil sie genau wüssten, wie dort mit ihnen umgegangen wird. Rebecca* zieht aufgrund ihrer Erfahrungen folgendes Fazit: "Es fühlt sich in der Ausländerbehörde so an, als würden sie keine Ausländer in der Stadt wollen. Das ist ein großer Grund, warum sich viele Menschen fremd in Magdeburg fühlen."

Samar Sheat, 35 Jahre alt, Syrien

Seit zehn Jahren lebt die 35-Jährige mit ihrer Familie bereits in Magdeburg. "Die Stadt war bislang ein unglaublich tolles Zuhause für uns und wir haben uns sehr willkommen gefühlt", erzählt sie. Ergänzt aber: "Über die Ausländerbehörde kann man das nicht sagen."

Sheat hat einen Doktortitel in Biowissenschaften und arbeitet am Leibniz-Institut. "Ich bin sehr stolz, ein Teil der deutschen Wissenschafts-Community zu sein", sagt sie. "Aber weil ich einen syrischen Pass habe, muss ich meinen Aufenthaltstitel immer wieder erneuern, wenn ich an weltweiten Wissenschafts-Meetings teilnehmen will."

Und das gestalte sich schwierig, sagt Sheat. Mehrfach hätte sie bereits berufliche Reisen absagen müssen, weil die Ausländerbehörde sie ignoriert hätte, beispielsweise auf fehlende Dokumente trotz Nachfrage zu spät hingewiesen hätte.

Samar Sheat (r.) mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter, einem "Magdeburger Kind", wie sie sagt. Bildrechte: MDR/Sheat

Warum sollten wir so eine schöne Stadt mit tollen Nachbarn, tollen Freunden verlassen? Nur wegen der Ausländerbehörde?

Samar Sheat, syrische Wissenschaftlerin in Magdeburg

"Alles, was ich will", sagt die 35-Jährige, "ist, dass mir die Menschen dort nicht so herabschauend und ignorant gegenübertreten, wie sie es bislang getan haben. Ich habe schon sehr unter ihren Worten gelitten. Sie haben versucht, dass ich mich klein fühle und wollten mir das Gefühl geben, dass ich es nicht verdient habe, beruflich dort zu sein, wo ich bin."

Sheat will mit ihrer Familie in Magdeburg bleiben. Ihre Tochter wurde dort geboren. Und: "Sie sagt selbst über sich, dass sie ein Magdeburger Kind ist." Die Eltern würden sich gerne um die deutsche Staatsbürgerschaft bemühen. "Wir erfüllen alle Voraussetzungen", sagt Sheat.

Aber: "Was uns zurückhält, sind die Erfahrungen anderer Menschen, die sagen, dass wir lieber in eine andere Stadt, in ein anderes Bundesland ziehen sollten, weil wir hier keine Chance haben werden. Aber warum sollten wir so eine schöne Stadt mit tollen Nachbarn, tollen Freunden verlassen? Nur wegen der Ausländerbehörde?"

Hammad*, 32 Jahre alt, Pakistan

Auch Hammad* kam 2016 nach Magdeburg und studiert Neurowissenschaften. Der 32-Jährige aus Pakistan sagt im Blick zurück: "Meine ersten Erfahrungen in der Ausländerbehörde waren ziemlich gut und ich habe mich willkommen gefühlt."

Doch die Situation verschlimmerte sich: "Immer, wenn ich wieder dorthin musste, waren sie sehr verärgert, weil ich noch nicht gut Deutsch sprechen konnte. Aber ich habe das nur selber nebenbei gelernt. In meinem Studium war keine Zeit dafür eingeplant. Es gab keine Kurse", erzählt der Student. Einmal habe er einen deutschen Freund zur Übersetzung mit in die Ausländerbehörde genommen. Doch die zuständige Mitarbeiterin hätte den Freund einfach ignoriert und ihn angeschrien.

Sie wollen, dass du dich schlecht fühlst, weil du kein Deutsch sprichst.

Hammad*, pakistanischer Student in Magdeburg

Er selbst könne inzwischen ordentlich Deutsch sprechen, traue es sich in so einer Umgebung aber nicht. Hammad* sagt: "Ich habe jetzt schon Angst davor, wenn ich meinen Aufenthaltstitel wieder verlängern muss." Die Art der Mitarbeitenden in der Ausländerbehörde bezeichnet der 32-Jährige als "aggressiv". Er sagt: "Sie wollen, dass du dich schlecht fühlst, weil du nicht Deutsch sprichst. Es fühlt sich dort alles sehr fremdenfeindlich an."

Carolina Montenegro, 45 Jahre alt, Chile

Bereits vor elf Jahren kam Carolina Montenegro aus Chile nach Magdeburg. Und deshalb kann die Wissenschaftlerin am Leibniz-Insitut für Neurobiologie auch einschätzen, wie sich die Arbeit in der Ausländerbehörde verändert hat.

"Als ich nach Deutschland gekommen bin, ging alles viel schneller. Da hast du zwei, drei Wochen auf einen Termin gewartet und nicht wie heute zwei, drei Monate. Außerdem war die Ausländerbehörde noch telefonisch erreichbar, heute meldet sich meistens einfach niemand mehr", erzählt die 45-Jährige. "Aber heutzutage sind die Mitarbeitenden dafür freundlicher als früher. Früher sind sie schneller ungeduldig geworden. Das hat sich aus meiner Sicht verbessert."

Montenegro spricht aber ebenso von Problemen: "Auch ich bin schon aus der Ausländerbehörde gekommen und habe geweint, weil sie so unfreundlich waren. Einmal ist das passiert, danach aber nicht mehr." Sie habe überwiegend neutrale, auch gute Erfahrungen mit den Mitarbeitenden gemacht.

Carolina Montenegro Bildrechte: MDR/Daniel George

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Ausländerbehörde sollten zumindest die Grundlagen der englischen Sprache beherrschen.

Carolina Montenegro, chilenische Wissenschaftlerin in Magdeburg

"Ich habe aber auch ein dickes Fell", sagt die Chilenin. "Es kommt auch auf die Kultur an, wie du das aufnimmst. Südamerikaner sind da vielleicht etwas flexibler. Menschen aus China, Indien oder Syrien kommen vielleicht nicht so gut mit der deutschen Art, die schon hart sein kann, klar."

Sie verstehe beide Seiten, sagt die 45-Jährige – und beide Seiten seien in der Pflicht. "Ich finde: Wenn du in ein Land kommst für längere Zeit, solltest du die Sprache lernen, um den Leuten hier Respekt zu zeigen und auch um dich besser integrieren zu können." Doch sie sagt auch: "Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Ausländerbehörde sollten auf der anderen Seite auch zumindest alle die Grundlagen der englischen Sprache beherrschen."

Zain Akash, 28 Jahre alt, Syrien

Akash absolviert derzeit seinen Master in Bauingenieurwesen an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal. Vor sechs Jahren kam der heute 28-Jährige nach Magdeburg. Inzwischen spricht er fließend Deutsch.

Und er sagt: "Die Bearbeitungszeiten haben sich verschlechtert. Als ich nach Deutschland gekommen bin, ging alles schneller als jetzt. Früher habe ich nach zwei Wochen eine Antwort bekommen, jetzt mit viel Glück nach zwei Monaten."

Zain Akash Bildrechte: MDR/Akash

Ich höre auch immer, dass Magdeburg weltoffener werden möchte und das finde ich gut. Aber im Kontakt mit der Ausländerbehörde spürst du als Ausländer nicht wirklich diese Willkommenskultur.

Zain Akash, syrischer Student in Magdeburg

Akash wird zur Fachkraft ausgebildet. Er hat Integrationspreise gewonnen und das Otto-von-Guericke-Stipendium erhalten. Der 28-Jährige würde sich eigentlich gerne um die deutsche Staatsangehörigkeit bemühen. Eigentlich, denn: "Ich habe schon angefragt und eine automatisierte Antwort erhalten, dass allein die Bearbeitung der Anfrage mindestens zwei Jahre dauert."

Seinen unbefristeten Aufenthaltstitel hat Zain Akash vor einem Jahr beantragt – noch ohne Antwort. "Ich möchte wirklich hier bleiben. Ich mag Magdeburg und fühle mich in der Stadt wohl", sagt er. "Ich höre auch immer, dass Magdeburg weltoffener werden möchte und das finde ich gut. Aber im Kontakt mit der Ausländerbehörde spürst du als Ausländer nicht wirklich diese Willkommenskultur."

Und deshalb denkt Zain Akash auch über Wegzug nach. Denn: "Bei Freunden von mir in anderen Bundesländern", sagt er, "ging das mit dem unbefristeten Aufenthaltstitel oder sogar der Einbürgerung alles viel schneller."

Andres Jaramillo Flautero, 32 Jahre alt, Kolumbien

Vor zweieinhalb Jahren kam Andreas Jaramillo Flautero aus Kolumbien nach Magdeburg. Der Student arbeitet ebenfalls am Leibniz-Institut – und hat erst kürzlich positive Erfahrungen mit der Ausländerbehörde gemacht.

"Ich habe vor drei Monaten meine ganzen Dokumente, auch den Aufenthaltstitel, verloren", erzählt der 32-Jährige. "Das war zwei Wochen, bevor ich ins Ausland reisen wollte." Eigentlich ein zu kurzer Zeitraum, um neue Dokumente zu erhalten, weiß Flautero, aber: "Mir wurde schnell mit einer Fiktionsbescheinigung geholfen. Die Mitarbeitenden der Ausländerbehörde waren sehr flexibel und haben das Problem gelöst."

Generell sagt der Kolumbianer: "Ich habe gute Erfahrungen mit der Ausländerbehörde gemacht, kann mich nicht beschweren – das einzige, worauf man sich einstellen muss, ist die lange Wartezeit. Das verstehen viele nicht, aber wenn du das weißt, kannst du dich darauf einstellen."

Seine Hinweise: "Alles immer zwei Monate vorher beantragen und alle Dokumente postalisch verschicken, wenn man auf Nummer sicher gehen will."

Andres Jaramillo Flautero Bildrechte: MDR/Daniel George

Wenn Magdeburg internationaler werden will, dann sollte sich auch die Ausländerbehörde besser und internationaler aufstellen.

Andres Jaramillo Flautero, kolumbianischer Student in Magdeburg

Doch Flautero gibt auch zu bedenken: "Meine Situation ist eine komplett andere als die von Flüchtlingen, die erstmal vielleicht weder Englisch noch Deutsch sprechen, vielleicht gar keine Papiere dabei haben. Ich will mir nicht vorstellen, wie es sich für diese Menschen dort anfühlt."

Ein Verbesserungsvorschlag: "Die Sprache ist eine große Barriere. Ich finde, sie brauchen Dolmetscher in der Ausländerbehörde. Es ist verständlich, wenn dort nicht jeder Englisch spricht, in meinem Heimatland spricht auch nicht jeder Englisch. Aber dann würden Dolmetscher helfen."

Und Flautero sagt außerdem: "Wenn Magdeburg internationaler werden will, dann sollte sich auch die Ausländerbehörde besser und internationaler aufstellen. Aber das ist eine politische Entscheidung, dort mehr zu investieren."

Was sagt die Stadt zur Kritik?

Ein Gesprächstermin von MDR SACHSEN-ANHALT mit Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) kommt trotz mehrfacher Anfrage nicht zustande. Stattdessen verweist die Pressestelle der Stadt auf eine Stellungnahme der Verwaltung aus dem August.

Darin heißt es unter anderem: "Aktuell befindet sich die Ausländerbehörde in einer Umstrukturierung, mit welcher nach erfolgter Umsetzung eine höhere Effektivität der Abläufe erzielt werden soll." An Lösungen werde gearbeitet: zum Beispiel der Verbesserung der technischen Voraussetzungen und der Einführung von digitalen Akten.

Und weiter heißt es: "Aufgrund der kritischen Personal- und Arbeitssituation in der Ausländerbehörde wurde Anfang 2022 eine organisatorische Betrachtung veranlasst. Zur Erhaltung der Arbeitsfähigkeit wurden kurzfristig insgesamt zehn Mitarbeiterstellen zugeführt und durch Ausschreibungsverfahren besetzt."

Die Gründe für die Probleme heißen laut Angaben der Stadt also: Personalmangel. Und Ukraine-Krieg. Denn: "Im Rahmen der Ukrainekrise wurde den Ausländerbehörden durch den Bund die Aufgabe der umfänglichen Registrierung, die im Rahmen von Flüchtlingszuwanderungen der Bundespolizei bzw. dem BAMF obliegt, übertragen. Die Registrierungsstruktur war auf kommunaler Ebene nicht vorhanden, jedoch ad hoc durch die Ausländerbehörde für rund 4.000 nach Magdeburg Geflüchtete aus der Ukraine umzusetzen."

Die Verwaltung der Stadt Magdeburg erklärt, derzeit werde unter anderem an der Einführung einer digitalen Akte gearbeitet. Bildrechte: dpa

Amir*, 31 Jahre alt, Afghanistan

Vor sieben Jahren kam Amir* nach Magdeburg, seit fünf Jahren arbeitet er als Angestellter. Er spricht fließend Deutsch. "Ich erfülle alle Voraussetzungen für einen unbefristeten Aufenthaltstitel", sagt der 31-Jährige. Vor drei Monaten beantragte er diesen deshalb auch – und erhielt am Ende doch "nur" eine Verlängerung seines befristeten Aufenthaltstitels.

"Vollkommen ohne Begründung", sagt er. "Es wirkt so, als hätten sie sich den Antrag gar nicht angeschaut." Zumal der Weg dahin ein schwerer war: "Meine Verlobte und ich haben teilweise 50, 60 Mal pro Tag bei der Ausländerbehörde bei der Ausländerbehörde angerufen, ohne dass sich überhaupt jemand gemeldet hat."

Und als sich dann doch eine Mitarbeiterin gemeldet habe, seien rassistische Bemerkungen aufgrund seines Nachnames gefallen. Am Ende hätte die Mitarbeiterin einfach aufgelegt, ohne seine Frage zu beantworten. "Die Ausländerbehörde", sagt Amir*, "repräsentiert für mich das Gegenteil von Weltoffenheit."

*Name von der Redaktion geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 18. September 2022 | 19:00 Uhr