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Informationen? Fehlanzeige! Im wahrsten Sinne des Wortes. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker-Brahms

Informationselektronik ausgefallenBahnhof Stendal wird für Bahnreisende zum Tal der Ahnungslosen

von Bernd-Volker-Brahms, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 30. November 2022, 09:22 Uhr

Wer dieser Tage den Bahnhof in Stendal nutzen möchte, wird auf eine harte Probe gestellt. Nach dem Bahnunfall vor zwei Wochen mit zwei verunglückten Güterzügen fallen reihenweise Verbindungen aus und Züge kommen zu spät. Nun ist auch noch die Informationselektronik ausgefallen. Weder Anzeigen noch Durchsagen erfolgen. Und auch die Bahn-App kommt nicht mehr hinterher. 

Auch an diesem Dienstag ist der Bahnhof in Stendal morgens um kurz nach 7 Uhr stark belebt. Die Menschen hasten umher, viele pendeln nach Berlin oder nach Magdeburg und Salzwedel. Allerdings ist einiges anders als sonst. Auf den modernen, blauen Digitaltafeln, die in den vergangenen Tagen noch die teils erheblichen Zugverspätungen anzeigten, steht heute nur noch: "Bitte Aushangfahrplan beachten".

Der Hinweis ist für die meisten Reisenden heute morgen sinnlos. Sie wissen, wann ihre Züge fahren, sehen aber auch, dass diese nicht planmäßig einrollen. Auch die Bahn-App hilft kaum weiter, wie ein Reisender aus Salzwedel sagt, der namentlich nicht genannt werden möchte: "Da funktioniert gar nichts. Da steht drin, die Züge fahren, aber die sind schon längst weg. Oder sie sind noch gar nicht da. Das funktioniert zurzeit gar nicht. Das ist sehr belastend."

Deutsche Bahn: "Arbeiten daran"

Ein Sprecher der Bahnkommunikation aus Hamburg teilt auf Nachfrage mit, dass es eine technische Störung am Bahnhof Stendal gibt. "Die Mitarbeitenden arbeiten mit Hochdruck an der Behebung. Wir bitten dies zu entschuldigen." 

Viele Reisende beklagen an diesem Vormittag die fehlenden Informationen, gerade weil viele Züge eben nicht nach Plan fahren. Stendal im Tal der Ahnungslosen. "Das einzige, was man noch tun kann, ist rechtzeitig am richtigen Bahnsteig zu stehen und hoffen, dass irgendwann ein Zug in die richtige Richtung fährt", sagte die 11-jährige Schülerin Hannah Singer, die täglich zur Schule nach Salzwedel pendelt.

Mitarbeitende können oft nicht weiterhelfen

Schon in der vergangenen Woche hat der Fahrgastverband "Pro Bahn" kritisiert, dass die Reisenden im Zuge des Bahnunglücks bei Gifhorn nicht ausreichend informiert würden. Und die Kritik kam noch vor dem Totalausfall sämtlicher Anzeigen und Durchsagen. Auch Bahnbedienstete auf den Bahnsteigen können oft nicht wirklich weiterhelfen, können nur beruhigend auf die Reisenden einwirken.

Bildrechte: MDR/Bernd-Volker-Brahms

Viele Bahnfahrer gehen an diesem Morgen trotz aller Ungewissenheiten recht gelassen mit der Situation um. "Ich habe mich darauf eingestellt", sagt Sebastian Mangelsdorf aus dem brandenburgischen Premnitz. Er hat Zeitpuffer eingeplant. Er möchte mit Begleiterin Claudia Lubusch nach Amsterdam fahren. Eigentlich ist Stendal da der ideale Abfahrtsort, weil unter normalen Umständen sechsmal täglich ein IC direkt durchfährt bis in die niederländische Metropole. Jetzt fallen diese Züge auf dem Abschnitt Hannover-Stendal-Berlin aus und Reisende müssen mit anderen Bahnen eine Schleife über die Amerikalinie Richtung Uelzen drehen und zusätzlich umsteigen.

Bahnstrecke wegen Unfall gesperrt

Seit fast zwei Wochen ist die Bahnstrecke zwischen Stendal und Hannover gesperrt. Zwei Güterzüge waren bei Gifhorn aufeinandergeprallt. Die Bergung der Züge läuft immer noch, teilt die Deutsche Bahn mit. ICE werden über Salzwedel und Uelzen umgeleitet. Statt einer Stunde sind diese nun drei Stunden unterwegs. Um die Strecke nicht zu überfordern, fallen Regional-Expresszüge aus. Für Pendler Richtung Salzwedel und Berlin werden die Fahrten zunehmend unkalkulierbar. Nach Wolfsburg setzt die Bahn stündlich Busse ein.

Wie lange die Situation in Stendal am Bahnhof noch weiter fortbesteht, ist derzeit unklar. Erst wenn alle mit Propangas beladenden Güterwaggons an der Unfallstelle weggeräumt sind, könne das Ausmaß der Schäden beurteilt werden, heißt es von der Bahn. "Das Abpumpen und Verbrennen der Gase in den vier Wagen ist zeitaufwendig", sagt eine DB-Sprecherin.

Bergung der Güterzüge dauert an

Schon jetzt steht fest, dass mindestens 100 Meter Bahngleise in beide Richtungen neu verlegt werden müssen. Dazu kommen Signaltechnik und Oberleitungen. "Der Schaden an der Leit- und Sicherungstechnik kann erst begutachtet werden, wenn die Unfallstelle geräumt ist, da die umgekippten Wagen auf den Kabelkanälen liegen", so die Sprecherin.   

Zur Bergung werden laut Bahn zwei große Kräne eingesetzt. Der "Phönix" mit einer Tragkraft von 160 Tonnen und der "Bulldog" für 100 Tonnen. Damit kann auch die 70 Tonnen schwere Lok geborgen werden. Seit dem Unglück am 17. November arbeiten rund 35 Mitarbeitende von der Deutschen Bahn und des Technischen Hilfswerkes (THW) an der Unfallstelle – teilweise die Nacht hindurch. Das Baumaterial für die Reparatur befindet sich nach Bahnangaben bereits vor Ort. Die Bahn rechnet "mit aufwendigen Reparaturen an Gleisen und Unterbau." Die zerstörte Oberleitung werde zunächst provisorisch ersetzt, um die Strecke wieder flott zu bekommen.      

Zuletzt hat die Bahn kommuniziert, dass die Strecke bis Mitte Dezember gesperrt sein wird. Ein offensichtlich ambitioniertes Ziel angesichts der kommunizierten Situation.

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MDR (Bernd-Volker-Brahms,Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. November 2022 | 17:30 Uhr

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