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Hebel statt Tastatur und Maus: Viele Stellwerke in Sachsen-Anhalt stammen noch aus der Bahn-Frühgeschichte. Bildrechte: dpa

ZugverkehrTechnik aus der Kaiserzeit: Veraltete Stellwerke bremsen Züge in Sachsen-Anhalt aus

15. Oktober 2023, 09:42 Uhr

Mit modernen Stellwerken kann der Zugverkehr aus der Ferne gesteuert werden. In Sachsen-Anhalt müssen Fahrdienstleiter die Weichen jedoch noch vielerorts vor Ort stellen. Manchmal sogar noch mechanisch per Hand – ganz so wie vor über 100 Jahren. Das führt zu vielen Problemen und schlimmstenfalls zu Zugausfällen.

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In Sachsen-Anhalt ist in mindestens der Hälfte aller Stellwerke die Technik veraltet. Das zeigt eine Kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Cornelia Lüddemann. Aufgrund mangelnder Digitalisierung kommt es immer wieder zu Störungen im Zugverkehr. Zusätzlich fehlt Personal in den Stellwerken.

Auch an diesem Wochenende fallen wieder Züge aus. Auf der Strecke Halle – Kassel fährt mangels Personal in Stellwerken zeitweise keine Bahn. Immer wieder muss der private Bahnbetreiber Abellio wegen des Problems Zugfahrten in Sachsen-Anhalt ausfallen lassen. 

Dafür sind  die Stellwerke da:

Über Stellwerke steuern Fahrdienstleiter den Bahnverkehr. Von hier werden Weichen und Signale gestellt, es wird entschieden, wann Züge in Bahnhöfe einfahren können und welche Gleise sie nutzen sollen. Bei alten, mechanischen Stellwerken muss eine Person vor Ort und per Hand den Zugverkehr regeln. Mechanische Hebel und Drahtzüge verstellen die Signale und Weichen. Bei modernen, elektronischen Stellwerken passiert das alles am Computer. Die Züge können dadurch auch aus der Ferne koordiniert werden.

Insgesamt gibt es in Sachsen-Anhalt 251 Stellwerke. Die Bahn muss knapp die Hälfte dieser Betriebsstellen (121) noch umrüsten, um den Verkehr digital steuern zu können. Denn noch arbeiten sie mit veralteten (elektro)-mechanischen Bauformen oder sind als sogenannte Relaisstellwerke angelegt. 

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Stellwerke mit Technik aus Kaiserzeit

Zusätzlich muss die Deutsche Bahn einen Teil der bereits vorhandenen elektronischen Stellwerke nachrüsten. In einer Kleine Anfrage an die Bundesregierung durch die FDP im Jahr 2021 konnte die Bahn deren Zahl noch nicht benennen.

Teile der alten Stellwerke in Sachsen-Anhalt stammen noch aus Zeiten, in denen in Deutschland noch ein Kaiser regierte. In Barleben und Haldensleben wurden zum Beispiel einige Stellwerke im Jahr 1906 in Betrieb genommen. Sie funktionieren rein mechanisch. Per Drahtzugleitungen bedienen Fahrdienstleiter dort die Weichen und Signale.

Erst seit den 1990er Jahren gibt es in Sachsen-Anhalt elektronische Stellwerke. Mehr als ein Drittel aller Anlagen ist älter. Ein Vorteil der digitalen Technik ist, dass mehrere Bahnhöfe gleichzeitig bedient werden können.

Digitale Stellwerke als Ziel: Modernisierung wird dauern

In Halberstadt zum Beispiel hat die Bahn 2007 ein elektronisches Stellwerk errichtet. Von dort aus können auch die Strecken Halberstadt–Ilsenburg und Schönebeck–Güsten ferngesteuert werden. Die moderne Technik ist einerseits weniger störanfällig, andererseits sparen digitalisierte Stellwerke Personal. Die veralteten Betriebsstellen müssen dagegen von spezialisierten Fahrdienstleitern besetzt werden.

So sehen moderne Stellwerke aus. Bildrechte: MDR/Deutsche Bahn AG/Kai Michael Neuhold

Bis die Schiene digital gesteuert wird, wird es noch dauern: Bauprojekte, wie etwa der Austausch von Bahnschwellen oder die Modernisierung von Strecken nach europäischem Standard, endeten frühestens 2025 oder 2027, sagte eine Bahn-Sprecherin MDR SACHSEN-ANHALT im Juli. In rund vier Jahren sollen dann auch neue, digitale Stellwerke unter anderem in Eisleben und Sangerhausen in Betrieb gehen.

Der Bahn fehlen Fahrdienstleister

Die veraltete Technik allein ist nicht der Grund für Zugausfälle. Bahnen bleiben vor allem deshalb immer wieder stehen, weil Stellwerke nicht ausreichend besetzt sind. Die Einfahrt in den Bahnhof oder die Belegung von Gleisen kann dann nicht koordiniert werden. Erst gibt es Verspätung und am Ende müssen Züge ausfallen. 

Laut Kleiner Anrage der Landtags-Grünen waren Ende Juli 51 Stellen bei Fahrdienstleistern und Stellwerksmitarbeitern in Sachsen-Anhalt nicht besetzt – etwas weniger als im Vorjahr. 2020 waren hingegen nur 18 Stellen offen. Um gegenzusteuern, will die Bahn neue Azubis einstellen und Quereinsteiger fördern.

GDL kritisiert aktuelle Personalstrategie

Thomas Rüge reicht das nicht aus. Er ist Bezirksvorsitzender für Mitteldeutschland bei der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Die Gewerkschaft vertritt Bahnpersonal aus allen Bereichen und konkurriert mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Er zweifelt daran, dass die Bahn das Personalproblem schnell lösen kann: "Wir haben einen hohen Krankenstand. Zusätzlich gehen Mitarbeiter in den Stellwerken in den Ruhestand. Wir haben jetzt Altersdurchschnitte über 50 Jahre bei der Bahn". Die Zahl der neuen Auszubildenden ist aus Rüges Sicht zu niedrig, um diesen Weggang auszugleichen.

Der Quereinstieg sei zudem nur ein Notnagel. Es gebe dort auch eine hohe Fluktuationen. Außerdem würden nicht alle Quereinsteiger oder Azubis bei der Bahn bleiben. Die übrigen Mitarbeiter müssten die Lücken füllen, so Rüge.

Lüddemann: "Geld aus dem Strukturwandel einsetzen"

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Cornelia Lüddemann bemängelt die veraltete Technik und das fehlende Personal. "Das Land ist für den Nahverkehr zuständig. Die Landesregierung muss dafür sorgen, dass Züge, die bestellt sind, auch wirklich fahren." Für Lüddemann sollte gerade im Süden Sachsen-Anhalts Geld aus dem Strukturwandel dafür eingesetzt werden. Gerade die Strecken um Halle seien derzeit stark von Zugausfällen betroffen. Das sei nicht hinnehmbar, so Lüddemann.

Das Ministerium für Infrastruktur und Digitales kenn das Problem. Im Juli besuchte Ministerin Lydia Hüskens (FDP) das mechanische Stellwerk in Halle, um sich über die Gründe zu informieren. Auch dort wird seit 1912 der Verkehr manuell über Hebel gesteuert. "Fehlendes Personal ist heute schon einer der häufigsten Gründe für Zugausfälle. Die Bedeutung des Bahnverkehrs wird weiter zunehmen, dafür ist ein funktionierendes Netz essenzielle Grundlage", sagte Hüskens.

Die Deutsche Bahn sieht das nicht anders. Eine Sprecherin der Bahn sagt: "Unser Netz ist in Teilen zu alt, zu überlastet und zu störanfällig." Über die Probleme sind sich die Beteiligten also einig. Bis die Strecken vollständig digitalisiert sind und der Personalnotstand behoben ist, dürfte es trotzdem dauern.

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MDR (Leonhard Eckwert, Julia Bartsch, Daniel Salpius)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Oktober 2023 | 16:00 Uhr

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