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Wenn Arbeitnehmer eine Stunde länger pro Woche arbeiten und später als mit 63 Jahren in Rente gehen würden, wäre das ein großes Potenzial für die Bekämpfung des Fachkräftemangels, meint der CDU-Vizevorsitzende Michael Kretschmer. (Symbolfoto) Bildrechte: imago/Christian Ohde

Diskussion um FachkräftemangelMehr Arbeit, weniger Teilzeit, später in Rente? Viel Kritik an Kretschmers Vorschlägen

06. Juli 2023, 17:49 Uhr

Im Kampf gegen Arbeitskräftemangel und um die Sozialsysteme zu sichern, schlägt Sachsens Ministerpräsident Kretschmer eine generelle Verlängerung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde vor. Auch den Rentenbeintritt mit 63 Jahren und Teilzeitansprüche sieht er kritisch. Die Kritik aus seiner Regierungskoalition in Sachsen, von Gewerkschaften und der Opposition folgte prompt.

Weil allerorten Arbeitskräfte fehlen, will Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), dass die Beschäftigten eine Stunde pro Woche länger arbeiten. Zudem sollte der Renteneintritt ab 63 wieder abgeschafft werden. Das hatte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) gesagt. "Würde jeder Erwerbstätige in Deutschland nur eine Stunde pro Woche länger arbeiten, würde sich ein großes Potenzial für die Bekämpfung des Fachkräftemangels ergeben." Der Rechtsanspruch auf Teilzeit solle überarbeitet werden. In Deutschland seien neue Arbeitszeitmodelle und mehr Anreize fürs Arbeiten über die Rente hinaus nötig. Einen späteren Renteneintritt hatte schon sein Parteikollege, Unionsfraktionsvize Jens Spahn, Ende Mai verlangt.

SPD: Vorschläge "zynisch", weil der Osten schon mehr arbeitet

Diese Forderungen sind bei Kretschmers Kabinettskollegen auf Kritik gestoßen. "Wenn Michael Kretschmer jetzt eine Verlängerung der Arbeitszeiten im Osten fordert - in dem Wissen, dass wir hier ohnehin schon bis zu zwei Wochen mehr arbeiten als im Westen - ist das zynisch", sagte Arbeits- und Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) der Nachrichtenagentur dpa. Es sei wesentlich sinnvoller, wenn die Tarifbindung in Sachsen endlich steigen würde. Dulig wies auch die Abschaffung der Rente mit 63 zurück.

"Generell wird eine Erhöhung der Arbeitszeiten und Renteneintritte das Problem der fehlenden Arbeits- und Fachkräfte nicht lösen", sagt Sachsens Wirtschafts- und Arbeitsminister Michael Dulig (SPD, re. im Bild) zu Kretschmers Vorschlägen (li.). Bildrechte: picture alliance/dpa

Der Arbeitsminister betonte, stattdessen seien gute Aus- und Weiterbildungen aller Schüler und Erwerbstätigen nötig. Die Chancen der Zuwanderung sollte auch Sachsen nutzen, sagte Dulig im Sächsischen Landtag. Und es müsse in Innovationen, Digitalisierung und die Automatisierung von Arbeitsabläufen Kraft gesteckt werden. Auch Duligs Parteikollegin und Sozialministerin Petra Köpping sagte: "Das ist kein Beitrag zur Fachkräftesicherung, sondern ein Rentenkürzungsvorschlag auf dem Rücken der Beschäftigten."

DGB: Kretschmer wiederholt 1:1 Forderungen der Arbeitgeber

Kritik kam auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach mahnte an, dass Kretschmer zum wiederholten Male die Forderung von Arbeitgebern 1:1 wiederhole. "Manche Arbeitgeber in Sachsen haben bis heute nicht verstanden, dass Motivation und gute Arbeitsbedingungen ganz eng miteinander verbunden sind." Um Fachkräfte zu halten, brauche es bessere und nicht schlechtere Bedingungen.

Das sieht Sachsens Bildungsgewerkschafts-Chef der GEW, Burkhard Naumann, ähnlich. Er nannte Kretschmers Äußerungen "weltfremd". Sein Vorschlag: "Wir brauchen eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit, damit der Beruf nicht krank macht."

Grüne sehen "grundlegenden Irrtum"

Dem wirtschaftspolitischen Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag, Gerhard Liebscher, zufolge, sitzt Kretschmer mit seinen Vorschlägen einem grundlegenden Irrtum auf. "Statt auf Unternehmen und Arbeitnehmende zu zeigen, sollten wir viel stärker über die Rahmenbedingungen sprechen." Er verlangte grundsätzliche Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Arbeitsleben - etwa ein funktionierendes und flächendeckendes Nahverkehrsnetz. Auch könne sich Sachsen nicht leisten, jedes Jahr 22.000 junge Menschen ohne Schulabschluss ziehen zu lassen.

Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Henning Homann, sagte, 7,8 Prozent der Schülerinnen und Schüler stünden in Sachsen ohne Schulabschluss da. Der Bundesdurchschnitt liege bei 5,7 Prozent. Diese junge Menschen sollten nicht als Billig-Arbeiter abgestempelt werden, sondern ihre Abschlüsse nachholen und sich weiterbilden.

Sachsens Ministerpräsident und CDU-Vizevorsitzender Michael Kretschmer bohrte am 30. Juni in Sebnitz mit einem Akku-Bohrhammer in einen Betonblock. Seine Vorschläge zur Bekämpfung des Arbeitskräftemangels in einem Interview schienen auf Kritiker und Arbeitnehmervertreter wie Hammerschläge zu wirken. Bildrechte: picture alliance/dpa

Linke: Vorschläge aus letztem Jahrhundert

Die Landesvorsitzenden der Linken, Susanne Schaper und Stefan Hartmann, nannten Kretschmers Äußerungen "Vorschläge aus dem letzten Jahrhundert". Und: "Länger arbeiten führt keineswegs zu einem höheren Arbeitsertrag. Entscheidend ist die Arbeitsproduktivität", sagte Schaper.

Kretschmer will den Leuten einfach nur weismachen, sie sollen sich am Fließband mehr anstrengen und eine Stunde länger dort stehen, um unseren Wohlstand zu erhalten. Eigentlich ist aber eine Modernisierung der Anlagen und Infrastruktur nötig.

Stefan Hartmann | Landesvorsitzender der Linken in Sachsen

AfD lehnt Forderungen ab

Auch der AfD-Fraktionsvorsitzende, Jörg Urban, lehnte Kretschmers Forderungen ab. Er sieht die Probleme nicht im fehlenden Fleiß, sondern an den "Ausgabenexzessen der Regierung", die mehr Stellen in der Verwaltung aufbaue.

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MDR (kk)/dpa

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 06. Juli 2023 | 19:00 Uhr