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Auf dem Promenadendeck am Schmittstetter Knoten mit Baudezernent Matthias Bärwolff (Linke). Die Linie 9 nennt er liebevoll die "Rote Linie", weil sie durch die Thälmann-, die Liebknecht- und Friedrich-Engels-Straße führen soll. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Linie 9Neue Stadtbahnlinie würde Erfurt für Jahre zur Großbaustelle machen

21. April 2024, 10:58 Uhr

In Erfurt soll eine neue Straßenbahntrasse gebaut werden. Dieses Mammutprojekt wird gerade geplant. Die Linie Nummer 9 soll vom Hauptbahnhof in den Norden der Stadt führen. Der Bau wird die halbe Stadt umkrempeln und für Jahre zur Baustelle machen. Es ist das größte Verkehrsprojekt der Landeshauptstadt seit Jahrzehnten.

von Antje Kirsten

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Die Weichen sind gestellt. Der Stadtrat hat im März grünes Licht gegeben. Die Verkehrsbetriebe haben "Ja" gesagt und zu den bereits gekauften 14 neuen Straßenbahnen gibt es die Kaufoption für weitere zehn, die dann auch die neue Linie Nummer 9 bedienen könnten. Der Bund hat Fördermittel im Zuge der Verkehrswende in Aussicht gestellt, wenn sich das Land Thüringen beteiligt. Das Infrastrukturministerium prüft das gerade.

"Wir brauchen diese neue Stadtbahnlinie, wenn wir es mit der Verkehrswende ernst nehmen. Wenn es eine Form von Elektromobilität gibt, die funktioniert, dann ist es die Straßenbahn. In Erfurt fahren die seit Jahren noch dazu mit Öko-Strom", wirbt Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) für das Großprojekt.

Der Bahnhofstunnel als Nadelöhr

Lange Zeit war es nur eine kühne Idee. Jetzt sind 3,5 Millionen Euro für die erste Planung im städtischen Haushalt eingestellt. Es wird konkret, freut sich Baudezernent Matthias Bärwolff (Linke). Wir sind am Bahnhofstunnel hinter dem ICE-Bahnhof, vor dem Stadtpark, verabredet. Wir wollen die Strecke schon mal abfahren - mit dem Auto.

Der Bahnhofstunnel in Erfurt. Hier soll die Linie 9 eine Entlastung schaffen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Die Linie Nummer 9 würde am ICE-Bahnhof beginnen oder enden - es wird ein Rund-Linie. Der Bahnhofstunnel ist einer der Hauptgründe für den geplanten Bau. "Im Havariefall steht momentan alles still. Wenn der Tunnel wegen einer Demonstration oder anreisender Fußballfans gesperrt wird, kommen die Straßenbahnen vom Süden nicht mehr in den Norden und umgekehrt. Mit der neuen Trasse hätten wir eine Alternativroute", so Bärwolff.

Am Bahnhof soll dafür ein neues Gleisdreieck gebaut werden. Die Bahn wird am Stadtpark vorbei Richtung Norden geleitet. Damit werde der Bahnhofstunnel entlastet, heißt es. Von sechs Straßenbahnlinien fahren akutell fünf durch den Tunnel. Hinzu kommen Busse, unter anderem der Werkverkehr ins Güterverkehrszentrum nach Linderbach. Wenn dort Schichtwechsel ist, kommen nahezu zeitgleich fünf Busse an.

Kritik in den sozialen Medien

Die neue Stadtbahn sorgt in den sozialen Medien für rege Kommentare. User fragen unter anderem, warum nicht lieber eine Straßenbahn Richtung GVZ oder nach Stotternheim gebaut wird. "Wenn wir nach Stotternheim fahren erschließen wir nur Acker, dort fährt außerdem die Eisenbahn und dort wohnen zu wenige Menschen. Unter wirtschaftlichen Aspekten lohnt sich das nicht. Und die Bahnen wären nur zum Schichtwechsel voll", hält der Bauderzent entgegen.

Für Stadtplaner, für die Ingenieure, wird der Trassenbau eine spannende, aber auch schwierige Aufgabe.

Matthias Bärwolff (Linke), Baudezernent der Stadt Erfurt

Bevor ein solches Verkehrsprojekt vom Bund auch nur einen einzigen Euro bekommt oder in Aussicht gestellt bekommt, gibt es eine sogenannte "standardisierte Bewertung". Das ist ein bundesweit einheitliches Prüfverfahren. Da werden Verkehrsbeziehungen untersucht, wird ermittelt, welche Auswirkungen die neue Trasse auf das gesamte Verkehrsnetz hat, wie viele Menschen sie nutzen würden und ob sie somit wirtschaftlich sein kann. Erfurt hat das Prüfverfahren nach Stadtangaben mit "Bravour" bestanden.

Muss die neue Fernbushaltestelle weichen?

Vom Hauptbahnhof wird die neue Trasse durch die westliche Röhre des Schmidtstedter Tunnels hindurch geführt. Am Promenadendeck, der neuen Super-Brücke über den Stadtring, parken wir und schauen auf die Baustelle für den Fernbushalt. "Von dort unten wird es per Fahrstuhl aufs Promenadendeck gehen", träumt Bärwolff von einer noch ziemlich fernen Zukunft. Die Fernbushaltestelle muss dann wieder weg. Erst bauen, dann wieder abreißen?

Die westliche Röhre des Schmidtstedter Tunnels. Hier, wo gerade eine Fernbushaltestelle entsteht, soll die Linie 9 durch Erfurt führen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

"Den Fernbushalt bauen wir aktuell so einfach wie möglich. Wichtigste Elemente können wieder verwendet werden", erklärt der Dezernent. Der Fernbushalt muss von seiner jetzigen Not-Haltestelle weg, da dort ein Hotel gebaut werden soll. Wenn die Stadtbahntrasse gebaut wird - in vier oder fünf Jahren - rutscht der Fernbushalt ein paar "Meter" weiter. Der Schmidtstedter Knoten ist eine der Kreuzungen, die mit täglich rund 20.000 Fahrzeugen zu den viel befahrenen in Erfurt gehört. "Für Stadtplaner, für die Ingenieure, wird der Trassenbau eine spannende, aber auch schwierige Aufgabe."

Mindestens sechs Kreuzungen werden umgekrempelt

Mindestens sechs große Kreuzungen müssen umgekrempelt werden, unter anderem der Leipziger Platz. In diese Richtung biegen wir jetzt ab und fahren durch die Thälmannstraße. Dort rollte bis 1973 schon mal eine Straßenbahn. Sie wurde laut Bärwolff abgeschafft, weil das Öl aus der damaligen Sowjetunion billig war. Im Westen gab es die Ölkrise, im Osten rollten die Busse mit russischem - natürlich aufbereitem - Erdöl.

4,2 Kilomter neue Trasse sind auch 4,2 Kilometer sanierte Straßen, Radwege. Wir können alle Leitungen gleich mit erneuern und mit Glasfaserkabeln die Wohngebiete digitalisieren.

Matthias Bärwolff (Linke), Baudezernent der Stadt Erfurt

"Vielleicht finden wir unterirdisch noch die alten Gleise", so Bärwolff. Als Haltestellen sollen die jetzigen Bushaltestellen genutzt werden. Die Buslinie 9 fährt derzeit in einem Umlauf mit neun Bussen, neun Busfahrern und steht ständig im Stadtverkehr im Stau. Straßenbahnen würden sechs gebraucht und sie würden das Doppelte an Fahrgästen transportieren können. Die Stadtbuslinie 9 fährt im Norden große Wohngebiete an. Dort leben laut Bärwolff viele ältere Menschen, die vorrangig den ÖPNV nutzen. Die Busse sind oft rappelvoll.

Blick auf den Steinplatz. Von hier aus fährt die Stadtbuslinie 9 die große Wohngebiete im Norden an. Doch die Busse sind überfüllt. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Straßen und Radwege sollen profitieren

Der Nutzen der Stadtbahn liegt laut Stadt nicht nur in der Mobilität sondern auch darin, dass große Teile der Stadt umgekrempelt werden. Erfurt wird für Jahre zur Großbaustelle. "4,2 Kilomter neue Trasse sind auch 4,2 Kilometer sanierte Straßen, Radwege. Wir können alle Leitungen gleich mit erneuern und mit Glasfaserkabeln die Wohngebiete digitalisieren. Es ist alles ein Abwasch. Die Straßen sind Schlaglochpisten. Wenn wir nur sie sanieren, ohne Straßenbahnbau, bekommen wir keine so hohe Förderung. Und: Benzin wird nicht billiger werden. Wir brauchen also Alternativen, damit die Leute zur Arbeit, die Kinder in die Schule kommen." Man merkt es Bärwolff an, dass er ein großer Fan des Projektes ist.

Baudezernent Matthias Bärwolf am Steinplatz: Die hohe Förderquote sei für Erfurt die Chance auch Straßen, Radwege und Leitungen auf 4,2 Kilometern mitzusanieren, sagt er. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Auch CDU befürwortet die neue Linie

Er denke an nichts anderes mehr, sagt er. Bärwolff ist studierter Stadtplaner. Der Linken-Politiker nennt die Linie schon jetzt die "Rote Linie". Denn sie führt durch die Thälmann-, die Liebknecht- und Friedrich-Engels-Straße vorbei an der Johannes-Schwimmhalle . Dort wird sie in die Stollbergstraße einbiegen und dort auf die Magdeburger Allee stoßen. Über den Ilversgehofener Platz geht es zur Grubenstraße und dort an der Wendeschleife kehrt sie um.

Die Stadtbahnlinie 9 ist eine Riesenchance. Im ÖPNV ist es gut verbautes Geld.

Andreas Horn, CDU-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl

Vorteil des Mammutprojektes, das schon jetzt mit mindestens 100 Millionen Euro veranschlagt wird, ist die hohe Förderquote von 75 Prozent. Die sind laut Bärwolff im Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz des Bundes garantiert. Einige Abschnitte könnten sogar mit bis zu 90 Prozent vom Bund gefördert werden, hofft die Stadtspitze. CDU-OB-Kandidat und Ordnungsdezernent Andreas Horn: "Die Stadtbahnlinie 9 ist eine Riesenchance. Im ÖPNV ist es gut verbautes Geld."

Andreas Horn ist Ordnungsdezernent in Erfurt und tritt für die CDU als OB-Kandidat an. Auch er begrüßt die Linie 9. Bildrechte: CDU-Kreisverband Erfurt

Die Parkplätze von Anwohnern betroffen

Im Zuge des Trassenbaus werden viele Parkplätze für Anwohner verschwinden. Als Ersatz sollen Quartiersgaragen in Form von Tiefgaragen oder Parkhochhäusern entstehen. "Das Parken müssen wir natürlich mitdenken" sagt Stadtplaner Bärwolff. Der Straßenraum soll möglichst frei werden von parkenden Fahrzeugen. Dafür soll es viel Platz für Fußgänger und Radfahrer geben. Die Autos werden hingegen "gestapelt".

Die Arbeiten könnten 2027 starten, die ersten Bahnen 2030 rollen. Stoppen kann das Vorhaben, schränkt Bärwolff ein: "Wenn aus Krisengründen der Bundestag mal wieder Milliarden sucht und aus diesem Grund auf die Idee kommt, wichtige Verkehrsprojekte für die Städte zu streichen oder wenn der neue Stadtrat nach der Kommunalwahl sagt, wir wollen das überhaupt nicht. Dann hat es sich natürlich auch erledigt."

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MDR (ask)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 21. April 2024 | 18:05 Uhr

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