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Schlechte Zeiten für Bulgariens Obst- und Gemüsebauern: Sie bekommen noch bis 2027 reduzierte EU-Subventionen und können mit der Konkurrenz aus den anderen EU-Ländern nicht mithalten. Immer mehr schmeißen hin, weil sich die Produktion nicht lohnt. Bildrechte: IMAGO / YAY Images

Verfehlte AgrarpolitikBulgarien: Wenn Obst und Gemüse zum Luxus werden

von Vessela Vladkova, Sofia

Stand: 11. November 2022, 10:46 Uhr

Auf dem Markt zeigt sich der Herbst von seiner schönsten, bunten Seite: Äpfel, Birnen und Trauben schmiegen sich an Tomaten, Gurken und Paprika. Ging man früher in Bulgarien einkaufen, dann stammten Obst und Gemüse aus einheimischem Anbau. Mittlerweile sieht das ganz anders aus: Die Produktion geht Jahr für Jahr zurück, denn die bulgarischen Bauern können der Konkurrenz aus dem EU-Ausland nicht standhalten. Dabei galt Bulgarien einst als der "Garten des Ostblocks".

Auf dem kleinen Obst- und Gemüsemarkt in einem der Sofioter Stadtbezirke tummeln sich die Kunden vor einem Verkaufstand mit roten, grünen und gelben Äpfeln. Auf den Preisschildern wirbt die Bäuerin mit der Herkunft ihrer Ware: "Äpfel aus Bulgarien". Die Gärten seien in Petritsch, Perustitza und Kjustendil. Der Preis – etwas höher als im Supermarkt nebenan.

Wochenmarkt in Plowdiw. Ausländisches Obst und Gemüse verdrängt hier, wie überall in Bulgarien, einheimische Produkte. Bildrechte: imago/ecomedia/robert fishman

"Die Äpfel dort sind billiger, aber sie kommen aus Polen und schmecken mir nicht. Die einheimischen Sorten sind teurer, aber besser. Ich kaufe dann lieber seltener, dafür aber bulgarische Äpfel", sagt die 78-jährige Katja. Ihr Mann Iwajlo sucht derweil 4-5 Äpfel der Sorte Florina aus. "Ich weiß nicht, wohin das ganze bulgarische Obst und Gemüse verschwunden ist. Wir haben früher Unmengen davon exportiert und es reichte auch für uns. Jetzt müssen wir die Plastik-Tomaten aus Holland essen", beklagt sich Iwajlo.

Obstanbau – in Bulgarien kein gutes Geschäft

Krassimir Kumtschew baut seit mehr als 40 Jahren Äpfel an – doch nun schmeißt der "Apfel-König" hin. In diesem Herbst hat er zum letzten Mal geerntet. "Ich gebe es auf, denn in Bulgarien lohnt es sich nicht, Obstbauer zu sein", sagte der 62-Jährige aus dem südbulgarischen Dorf Trilistnik resigniert. Seine Geschichte haben zahlreiche Medien erzählt, denn sie spiegelt perfekt die Entwicklungen in der bulgarischen Landwirtschaft seit dem EU-Beitritt 2007 wider.

Im Sozialismus galt Bulgarien noch als "Garten des Ostblocks" – das belegt auch diese Banknote von 1951. Doch die Zeiten haben sich geändert. Bildrechte: imago images/YAY Images

Statistiken belegen, dass bis zum EU-Beitritt etwa 40 Prozent der im Land konsumierten Nahrungsmittel aus einheimischer Produktion stammten. Inzwischen hat sich deren Anteil halbiert. Bulgarien importiert bis zu 80 Prozent Fleisch, Milch, Obst und Gemüse. "Meine Entscheidung, den Obstanbau aufzugeben, ist das Ergebnis der gescheiterten bulgarischen Agrarpolitik", sagt der Landwirt, der nach eigenen Schätzungen rund 300 Millionen Tonnen Äpfel in seinem Leben geerntet hat. Und er ist nicht der einzige, der aufhört.

Ungleiche Agrarsubventionen der EU

"Diese Tendenz zeichnete sich bereits vor fünf, sechs Jahren ab, als die ersten Kirsch-, Birnen- und Pfirsichgärten verschwunden sind", sagt der Landwirtschaftsexperte Pawel Dragostinow. Bulgarien sei Teil des EU-Binnenmarktes, aber der Zugang zu seinen 500 Millionen Verbrauchern reiche für die Prosperität der Landwirtschaft wohl nicht aus. "Die Unterschiede in den Agrarsubventionen sind zu groß und bleiben bis 2027 bestehen, wie dieser Tage bekannt geworden ist", erklärt Dragostinow. Bis 2027, also 20 Jahre nach seinem EU-Beitritt, wird Bulgarien nur 80 Prozent der Landwirtschaftssubventionen beziehen, die in den "alten" EU-Ländern ausgezahlt werden.

Weinernte in Bulgarien: Auch im 21. Jahrhundert ist das oft noch Handarbeit mit einem hohen Personalbedarf. Doch immer mehr Erntehelfer gehen lieber ins Ausland, weil sie dort das Doppelte an Geld bekommen können. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

"Ich könnte mit den Obstbauern aus dem benachbarten Griechenland nicht mithalten. Bei vergleichsweise gleicher Agrarfläche bekommt man in Griechenland das Dreifache an EU-Subventionen", rechnet Apfelbauer Kumtschew vor. Dabei werde das Geld für die Modernisierung der Produktion und für Erntehelfer dringend gebraucht. "Der Obst- und Gemüseanbau ist Handarbeit, aber wenn das Geld knapp ist, kann man sich keine Saisonarbeiter leisten", schildert er das Dilemma.

Wegen der besseren Bezahlung entscheiden sich immer mehr Bulgaren, als Erntehelfer ins Ausland zu gehen. So, wie Iwan Iwanow aus Plewen. "Für drei Wochen auf dem Feld in Frankreich bekomme ich das Doppelte von meinem monatlichen Lohn in Bulgarien", begründet der Familienvater seine Entscheidung. Er bezweifelt, dass seine Kinder im nordbulgarischen Plewen bleiben, einer Stadt in der Donauebene, wo sich die fruchtbarsten Böden Bulgariens befinden. "Die Dörfer in der Region sind schon menschenleer. Die jungen Leute ziehen in die Großstädte auf der Suche nach Arbeit und besserer Bezahlung", berichtet der 43-Jährige.

Landwirtschaft mit überholter Struktur

Die Probleme der bulgarischen Landwirtschaft sind aber nicht allein auf die niedrigeren Agrarsubventionen der EU zurückführen. "Selbst das Nachbarland Rumänien produziert und exportiert mehr Obst und Gemüse pro Kopf als wir", sagt Landwirtschaftsminister Jawor Getschew. Ihm zufolge ist Bulgarien bei seinem EU-Beitritt 2007 unvorbereitet mit einer unreformierten Landwirtschaft auf einen riesigen Markt gestoßen. "In den westeuropäischen Ländern sind die Bauernhöfe um ein Vielfaches größer, während in Bulgarien die Flurbereinigung fast komplett gescheitert ist und jeder allein für sich um seine Marktposition kämpft", erläutert der Minister.

Getreide verdrängt in Bulgarien den Obst- und Gemüse-Anbau – weil man dafür heutzutage kaum noch Erntehelfer braucht und die EU feste Flächenprämien zahlt. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Das bestätigt auch Experte Dragostinow: "Die gesamte Struktur der bulgarischen Landwirtschaft ist verkehrt. Der Schwerpunkt liegt auf der Getreideproduktion statt bei Obst- und Gemüseanbau und der Tierzucht", sagt er. Einer der Gründe für diese Entwicklung sei, dass man mit großen Getreideflächen erstens sichere Flächenprämien von der EU bekommt und zweitens kaum Erntehelfer braucht, weil Anbau und Ernte fast vollständig mechanisiert sind. Der Obst- und Gemüseanbau erfordert hingegen viele Arbeitskräfte.

Die verfehlte Landwirtschaftspolitik Bulgariens hat die Menschen aus den Dörfern vertrieben und einheimisches Obst und Gemüse zu einem teuren Luxusgut gemacht. So bleiben die meisten Rentner auf Äpfel aus Polen und Tomaten aus Holland angewiesen. Iwan Iwanow wird nächstes Jahr wieder in Frankreich, und nicht daheim bei der Ernte helfen. Und der einstige Apfel-König Krassimir Kumtschew versucht sich künftig als Berater mit seiner Consultingfirma.

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Heute im Osten - Reportage | 15. August 2020 | 18:00 Uhr