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Der Redakteur | 26.06.2023Das denkt der russisch-deutsche Autor Wladimir Kaminer über Prigoschins Putsch

27. Juni 2023, 10:46 Uhr

Es war ein Wochenende, an dem die Welt den Atem angehalten hat. Plötzlich marschieren Prigoschin und seine "Wagner"-Soldaten unaufhaltsam und schwer bewaffnet in Richtung Moskau. Kurz vor den Toren der Stadt wird der Sturm abgeblasen. Was bleibt, sind viele Fragezeichen und ein freier Tag für die Moskauer. Redakteur Thomas Becker hat dazu mit dem aus Moskau stammenden Schriftsteller Wladimir Kaminer gesprochen.

Wladimir Kaminer versucht es mit Sarkasmus: Nach wie vor ist der Krieg weit weg, auch wenn ein Bürgerkrieg ausbrechen sollte, würde die Bevölkerung nach Möglichkeit im Garten bleiben und habe dort gut zu tun. Trotzdem lässt ihn das nicht kalt, was da gerade im Namen Russlands angerichtet wird.

Er hat Freunde dort und Familie, die gefangen sind im eigenen Land und in einer Situation voller Propaganda, die auch vor den Jüngsten nicht Halt macht. Patriotische Lieder zu singen, sei das Mindeste, das erwartet und auch durchgesetzt wird.

Putschversuch: Prigoschin baut sich breitbeinig auf

Noch rätselt die Welt, was die Wagnertruppen tatsächlich vorhatten. Wollte ihr Befehlshaber Prigoschin wirklich an die Macht? Wladimir Kaminer hält das für unwahrscheinlich. Er habe vielmehr eines seiner vielen schmutzigen Geschäfte durchgezogen. Moskau - genauer gesagt die Armeeführung - wollte ihm den Geldhahn zudrehen, also hat er sich auf den Weg gemacht um sich in Moskau breitbeinig aufzubauen. Mehr war wohl nicht geplant.

Geldhahn zugedreht? Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnertruppe Wagner, macht sich auf den Weg nach Moskau, um sein Geld einzufordern. Bildrechte: dpa

Unterwegs merkte Prigoschin, dass er auf keinen Widerstand stieß. Künstliche Lkw-Staus und zerstörte Straßen waren die einzigen Mittel, die Putin offenbar zur Verfügung standen. Das habe die Welt gesehen und die verschiedenen Gruppen und Privatarmeen aus abtrünnigen Gebieten sahen das ebenso, mutmaßt Kaminer. Es wird deshalb nicht der letzte Putsch dieser Art gewesen sein.

Wer bitte will dieses Russland anführen?

Wenn er gewollt hätte, hätte Prigoschin die Macht an sich reißen können, spekuliert Kaminer. Aber wollte er das wirklich? Er besitzt Traumgrundstücke, Jachten und Flugzeuge und Milliarden sowieso.

Hand aufs Herz: Russland zu regieren, ist nicht der Traumjob eines Menschen, der stattdessen sein Geld zählen kann.

Wladimir Kaminer, deutsch-russischer Schriftsteller

Für die Bevölkerung scheine er jedoch eine Alternative zu Putin zu sein, wenn man die Bilder aus Rostow als Indiz nimmt. Als seien sie Blumenverkäufer, so hätten die Einwohner die bewaffneten Schwerverbrecher empfangen, sagt Wladimir Kaminer. Weil das Narrativ Prigoschins verfängt. Es ist ein typisch populistisches Narrativ "die da oben", die sich die Taschen vollhauen und endlich sagt's mal einer und er handelt auch noch.

Das verfängt in einer Bevölkerung, die natürlich weiß, dass da gerade alles so richtig aus dem Ruder läuft. Von der 90-prozentigen Zustimmung, die Putin gerne haben will in der Bevölkerung, war in Rostow nicht viel zu sehen, bilanziert Kaminer.

Russische Soldaten auf einer Straße in Rostow Bildrechte: dpa

Russland droht ein Bürgerkrieg - aber ohne Bürgerbeteiligung

Der Zeitpunkt für die russische Bevölkerung, etwas zu unternehmen, ist vorbei, sagt Wladimir Kaminer. Wenn es so etwas wie Opposition gibt, dann seien das Studenten, liberale Intelligente, Kulturschaffende, aber keine Menschen, die mit einer AK47 umherlaufen oder Lust darauf haben, auf die Straße zu gehen und verhaftet zu werden.

Putin habe nach 20 Jahren den Vertrag mit den Russen aufgekündigt, der da lautete: Er macht seine Politik, verteilt ein paar Sozialleistungen und lässt die Bevölkerung mit Politik in Ruhe. Jetzt hingegen betrachte er die Russen als sein Eigentum, hat viele umbringen lassen oder ins Gefängnis gesteckt.

Vladimir Putin betrachtet "die Russen" laut Wladimir Kaminer als sein "Eigentum". Bildrechte: IMAGO / Russian Look

Die liberale Opposition bleibt, wo sie ist. Außerhalb des Landes oder im Knast.

Wladimir Kaminer, deutsch-russischer Schriftsteller

Bestenfalls würden sich die bewaffneten Truppen irgendwann gegenseitig zerfleischen, sagt Kaminer. Das wäre ein Bürgerkrieg ohne Bürger, so wie auch der Krieg bisher nahezu ohne Bürgerbeteiligung abgelaufen ist. Stellvertretend für die Sankt Petersburger oder Moskauer Bevölkerung seien vor allem ethnische Minderheiten oder Schwerverbrecher in die Ukraine geschickt worden. Auch deshalb sei der Krieg für die meisten Russen ganz weit weg.

Und der Putsch war es letztlich auch. Er wurde angstvoll bis erstaunt zur Kenntnis genommen und der Moskauer Bürgermeister verordnete sicherheitshalber einen arbeitsfreien Tag, so Kaminer.

Ich glaube, die einzige Erinnerung, die die Moskauer an diesen Putsch haben werden: Die schlaflose Nacht von Samstag auf Sonntag und ein zusätzlicher Feiertag am Montag.

Wladimir Kaminer, deutsch-russischer Schriftsteller

Trotzdem gibt es einen wirtschaftlich geprägten Staatsapparat, der trotz des Krieges erstaunlich gut funktioniert. Hier verortet Wladimir Kaminer auch die Ansprechpartner für den Westen, wenn der Spuk einmal vorbei ist.

Die Grenze zu Russland von europäischer Seite jedoch dicht zu machen, wie unter anderem von polnischer Seite gefordert, das würde nicht funktionieren, ist Kaminer überzeugt. So viel Stacheldraht gebe es nicht auf der Welt. Er setzt auf die vernünftigen Menschen, die es in Russland gibt und die in der Lage sind, eine staatliche Ordnung wiederherzustellen. Russland gehört zu Europa, das sollten wir nicht vergessen.

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MDR (ifl)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 26. Juni 2023 | 16:40 Uhr

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