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Die "Tatort"-Kommissare Horst Schimanski und Christian Thanner ermitteln nach 1989 tatsächlich zusammen mit den "Polizeiruf 110" Kommissaren Leutnant Thomas Grawe und Hauptmann Peter Fuchs in der gemeinsamen TV Produktion "Unter Brüdern". Bildrechte: MDR/WDR/Lange

Der DDR-Krimi

"Polizeiruf 110" - Die Alternative zum "Tatort"

Stand: 21. Mai 2021, 17:07 Uhr

Der "Polizeiruf 110" greift Konflikte auf, die der sozialistische Staat am liebsten gar nicht hätte. Damit wird die beliebte Sendung in der DDR zum Spiegel der Gesellschaft.

Frühjahr 1971. SED-Chef Honecker spricht ein Machtwort gegen die Langeweile im DDR-Fernsehen, fordert Spannung und Unterhaltung. Die bot bis dahin vor allem der Klassenfeind. Denn wenige Monate zuvor war im Westfernsehen der "Tatort" auf Sendung gegangen. Da schauten auch die Werktätigen des Arbeiter- und Bauernstaates begeistert zu. Deswegen wird eilig eine eigene, sozialistische Krimireihe aus der Taufe gehoben – der "Polizeiruf 110".

Die erste "Polizeiruf"-Folge am 27. Juni 1971

Peter Borgelt 1974 als Oberleutnant Peter Fuchs und Wiesława Niemyska als Jenny Gerlach. Bildrechte: MDR/DRA

Den Anfang macht Oberleutnant Fuchs mit "Der Fall Lisa Murnau" im Juni 1971. Die Figur des Kommissars ist gezeichnet als eine Art Maigret des Ostens: Er ermittelt mit Überblick, Durchblick und Weitblick. Ein klug kombinierender und kompromissloser Planer und Leiter im Klassenkampf gegen das Verbrechen. Er arbeitet zusammen mit Leutnant Vera Arndt - ein Novum und ein Statement zugleich im Fernsehkrimi - eine Frau als Ermittlerin gab es bis dahin nicht.

Korrekt und abstinent: Kein Alkohol, keine Zigarette

Das Duo Fuchs-Arndt steht in direkter Konkurrenz zum westlichen "Tatort", aber ihre Figuren sind komplett anders angelegt. Sie sind keine schillernden Gestalten wie der rauhbeinige, fluchende, qualmende Horst Schimanski. Die Polizeiruf-Ermittler kommen auffallend normal und unaufgeregt daher.

Denn im Klassenkampf um jeden Fernsehzuschauer steht von vornherein fest: Der Sozialismus duldet keine Übeltäter. Wer die 110 wählt, der setzt einen gut gerüsteten Polizeiapparat in Bewegung. Die Ermittler zeigen Vorbildwirkung, sind moralisch unantastbar. Nie sieht man sie rauchen, Alkohol trinken oder lässig gekleidet. "Wir haben zwar alle gequalmt, aber es war nicht erwünscht, dass wir dort rauchende Kriminalisten sehen", erinnert sich Kurt Großkopf, Fachberater für den "Polizeiruf" beim Ministerium des Innern.

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Rauchverbot für DDR-Fernsehkommissare

Polizeiruf 110: Erfolgreich und pädagogisch

Schon bald erreichte die Resonanz der neuen Serie Höchstwerte, die Zuschauerbeteiligung lag im Durchschnitt bei 50 Prozent. Die Fernsehmacher bekamen viele Zuschriften. Oft wendeten sich die Zuschauer auch mit der Bitte um Rat und Hilfe an die Fernsehmacher. Zu jeder Sendung wurden Foren veranstaltet. Dann gingen Regisseure, Autoren, Dramaturgen und Darsteller in Betriebe oder Schulen, um über Kriminalität im Allgemeinen und die Filminhalte im Besonderen zu diskutieren. Der "Polizeiruf" war der Exportschlager des DDR-Fernsehens. In vielen "Bruderländern" liefen die Serien im Kino und im Fernsehen, und selbst für die Dritten Programme der ARD wurden Rechte verkauft. So wurde der "Polizeiruf" auch ein Devisenbeschaffer.

Polizeiruf 110 - Eine Auswahl der Ermittler

Peter Borgelt war als korrekter, pflichtbewusster und väterlich wirkender "Genosse Hauptmann Peter Fuchs" von Anfang an dabei. 1991, 20 Jahre nach der ersten "Polizeiruf"- Folge, verließ "Hauptmann Fuchs" niedergeschlagen und mit schleppendem Gang sein Büro. Er weiß, dass er in der neuen Zeit nichts mehr zu suchen hat. Peter Borgelt, der auch am "Deutschen Theater" in Berlin beschäftigt war, starb 1994. (hier im Bild mit Wiesława Niemyska) Bildrechte: MDR/DRA
Sigrid Göhler war die erste weibliche Kriminalistin im deutschen Fernsehen. Gemeinsam mit Peter Borgelt bildete sie 1971 das erste Ermittlerteam des "Polizeirufs". Als "Leutnant Vera Arndt" hatte sie bis 1983 insgesamt 46 Einsätze. Es war die Rolle ihres Lebens. Nach ihrer Verabschiedung aus dem "Polizeiruf" spielte sie noch einige Jahre in Schwedt und Senftenberg Theater und gab die Schauspielerei dann auf. Bildrechte: RBB/DRA/Bildschirmrepro
Günter Naumann hatte bereits mehrfach Täter im "Polizeiruf 110" gespielt, ehe er 1988 die Seiten wechselte und ins Ermittlerteam rückte. Gleich bei seinem ersten Einsatz als "Hauptmann Beck" musste er einen der spektakulärsten Fälle in der "Polizeiruf"-Geschichte lösen: den "Kreuzworträtselfall". Der Film beruhte auf einer wahren Begebenheit. Naumanns "Hauptmann Beck" überstand die Wende und wurde erst 1995 pensioniert. Bildrechte: dpa
Lederjacke und Jeans – Andreas Schmidt-Schaller galt als der "Schimanski des Ostens". Von 1986 an verkörperte er den einigermaßen unkonventionellen "Leutnant Grawe" im "Polizeiruf 110". Nach seinem Ausstieg 1995 wollte er nie wieder einen Kommissar spielen. Dann ließ er sich aber doch überreden – seit 2001 ermittelt er bei der "Soko Leipzig" im ZDF. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Schauspieler Horst Krause musste sich in seiner Rolle als "Polizeiruf"-Hauptmeister gar nicht erst an einen neuen Namen gewöhnen. Er heißt: Horst Krause. Seit 1998 ("Das Wunder von Wustermark") ermittelt der gewitzte und bauernschlaue Krause im Brandenburgischen - in viel zu enger Uniform, mit einem komischen Helm auf dem Kopf und an seiner Seite stets ein Hund mit Namen Mücke. Bildrechte: dpa
"Wir haben schon viel von uns in die Rollen rein gebracht", sagt Jaecki Schwarz (rechts), von 1997 bis 2012 Hauptkommissar Herbert Schmücke im MDR-"Polizeiruf". Schmücke ist weltgewandt und geht gern gut essen. Sein Kollege, Hauptkommissar Herbert Schneider, gespielt von Wolfgang Winkler (links), ist hingegen ein bodenständiger Typ von liebenswürdiger Kauzigkeit. "Mir kommt das sehr entgegen", sagte der 2019 in Berlin verstorbene Winkler einmal, "ich muss mich da nicht verbiegen." Bildrechte: MDR/Martin Jehnichen
Das neue MDR-Ermittlerteam im "Polizeiruf 110" klärt in Magdeburg Verbrechen auf. Claudia Michelsen und Sylvester Groth (bis 2015) spielen die Hauptkommissare Doreen Brasch und Dirk Köhler. Bildrechte: MDR/Marco Prosch

"Überkommene Verhaltensweisen"

Kriminalität wurde in der DDR als Überbleibsel eines alten, eigentlich überwundenen Systems angesehen. Grob verkürzt herrschte die Formel: Einer Gesellschaft, in der die Klassenwidersprüche überwunden sind, fehlt der Nährboden für Kriminalität. Konflikte müssen nicht mit krimineller Energie ausgetragen werden, sondern lösen sich durch den guten Einfluss des Kollektivs – wie aber einen spannenden und unterhaltenden Krimi machen, wenn doch Kriminalität eigentlich gar nicht vorkommen darf?

Spannung ohne Action

Die Täter sind entwurzelte Einzelgänger, Irrläufer der Gesellschaft, soziale Außenseiter, unbelehrbare Ganoven und Faulenzer, ihre Verbrechen: Einbruch, Erpressung, Diebstahl. Morde kommen selten vor. Auch politisch motivierte Straftaten finden keinen Platz. Blut und Action-Szenen sind kaum zu sehen.

Es ging uns nicht um spektakuläre Fälle, sondern um eine möglichst nahe Position zum wirklichen Leben.

Erich Selbmann | Stellvertretende DDR-Fernsehchef

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Krimis zeigten reales Bild der Gesellschaft

Geschichten aus dem Leben

Szene aus dem Polizeiruf 110 "Ein ungewöhnlicher Auftrag" von 1976 mit Oberleutnant Hübner (Jürgen Frohriep). Bildrechte: MDR/DRA/Laaß

So bieder und spröde wie die Ermittler und auch manche der zu lösenden Fälle daherkommen, wird die Reihe dennoch zum Straßenfeger. Sie offenbart, was im offiziellen Selbstbild der DDR gern ausgeblendet wird - die real existierenden Schattenseiten des Sozialismus: Alkoholismus ("Die flüssige Waffe", 1988), Vergewaltigung ("Der Mann im Baum", 1988), Jugendkriminalität ("Der Einzelgänger", 1980), Kindesmissbrauch ("Minuten zu spät", 1972).

"Wir haben die Kriminalfälle genommen, um die Gesellschaft zu durchleuchten", sagt Autor Eberhard Görner. "Der Zuschauer bekam eine Realität erzählt, die mit seiner Realität identisch war."

Die Folge "Schuldig", die die Wohnraumknappheit kritisiert und damit eine weitere Schattenseite des DDR-Alltags aufgreift, darf nach der Ausstrahlung 1978 allerdings nicht wiederholt werden. Regisseur Rolf Römer bekommt danach keine namhaften Aufträge mehr. Gänzliches Sendeverbot erhält die Folge "Am hellerlichten Tag" zum Thema Kindessexualmord, an der 1974/75 gearbeitet wurde.

Konflikte und Erzählweisen

Werner Krecek, 1987 Bereichsleiter für dramatische Kunst im DDR-Fernsehen, betonte: "Zu den Spannungsfaktoren, die jeder Kriminalfilm nun einmal braucht, gehört natürlich ein Delikt von gehörigem Ausmaß. Wir wissen, dass wir damit nicht der realen Kriminalitätsentwicklung in der DDR folgen, denn hier sind vorsätzliche Angriffe auf Leben und Gesundheit von Bürgern absolute Ausnahme."

Tatsächlich monierte das stark in die Entwicklung der Filme integrierte Ministerium des Inneren immer wieder, dass ein falsches Bild der DDR-Gesellschaft entstehen würde. So wurden denn anfangs überwiegend "Knobelkrimis" gedreht, also Ermittlungskriminalfilme, in denen der Täter den Zuschauern wie den Ermittlern erst am Schluss bekannt wird. Aber bald schon überwogen Krimis mit offener Täterführung – die Zuschauer hatten durch Kenntnis einiger Verdächtiger einen gewissen Wissensvorsprung. Dank dieser Erzählweise konnten die Filme stärker auf die Motive der Täter eingehen – und damit auch die erzieherische Absicht mehr in den Vordergrund stellen.

Tabuthemen: Republikflucht und Umweltverschmutzung

Wer sich die "Polizeiruf"-Folgen in ihrer Entwicklung ansieht, der bemerkt, dass wesentliche "Delikte" fehlten: Republikflucht oder Umweltverschmutzung etwa. Und natürlich durfte kein Täter aus staatstragenden Kreisen stammen, keinesfalls durften sich Kombinatsleiter, Parteisekretäre, Polizei- oder Armeeangehörige als Täter entpuppen.

Deutsch-deutsche Folge: "Unter Brüdern"

Am 28. Oktober 1990 wird der erste gesamtdeutsche Krimi zeitgleich in der ARD und im DFF ausgestrahlt. In der Folge "Unter Brüdern" treffen die "Tatort"-Kommissare Schimanski und Thanner auf die "Polizeiruf"-Ermittler Fuchs und Grawe, um einen grenz-überschreitenden Kunstschmuggel aufzuklären. Endlich dürfen die Ex-Genossen fast so wild sein wie der draufgängerische "Tatort"-Kommissar.

Die "Tatort"-Kommissare Horst Schimanski und Christian Thanner ermitteln nach 1989 tatsächlich zusammen mit den "Polizeiruf 110" Kommissaren Leutnant Thomas Grawe und Hauptmann Peter Fuchs in der gemeinsamen TV Produktion "Unter Brüdern". Bildrechte: MDR/WDR/Lange

Mit der Abwicklung des DDR-Fernsehens scheint auch das Schicksal des "Polizeirufs" besiegelt zu sein. Am 22.12.1991 flimmerte der letzte Polizeiruf des DDR-Fernsehen über die Bildschirme. Doch drei Jahre später wird die erfolgreiche Serie mit neuen Geschichten und neuen Gesichtern wieder produziert - und lockt bis heute Krimifans vor die Bildschirme. Aus dem "Genossen Hauptmann" wurde der "Hauptkommissar", Wartburg und Lada als Dienstwagen haben ausgedient. Und aus den Vorbild-Ermittlern von einst sind Menschen mit Ecken und Kanten geworden, die ein Privatleben haben und manchmal auch eine rauchen.

Der sozialistische KriminalfilmDie Reihe "Polizeiruf 110" entstand beim Fernsehen der DDR in einer eigens dafür gegründeten Abteilung. Drei Gründe dürften entscheidend für die neue Serie gewesen sein: Erstens fehlte seit Einstellung der "Blaulicht"-Serie die entsprechende Programmfarbe. Zweitens brachte die ARD mit dem "Tatort" seit November 1970 das DDR-Fernsehen in Zugzwang. Und drittens reagierte das Staatsfernsehen auf den VIII. Parteitag der SED vom Frühjahr 1971. Dort hatte Erich Honecker als neuer erster Mann im Staate nicht mit Kritik gespart am Fernsehen und "unterhaltsamere und spannendere Programmangebote" gefordert.

Dieses Thema im Programm:Polizeiruf 110 - die Krimidokumentation | 22. Mai 2021 | 20:15 Uhr