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Ein Großteil der in der Schlacht um Bautzen eingesetzten deutschen Panzer sind "Panther". Bildrechte: imago images / Leemage

21. bis 26. April 1945Bautzen: Die letzte deutsche Panzeroffensive

23. April 2020, 05:00 Uhr

In der zweiten Aprilhälfte 1945 stoßen polnisch-sowjetische Truppen durch Ostsachsen. Doch die letzte erfolgreiche deutsche Panzeroffensive des Zweiten Weltkriegs stoppt den Vormarsch. Bautzen wird ein Brennpunkt der brutalen Kämpfe mit tausenden Opfern. Auch schwere Kriegsverbrechen werden begangen.

von Dr. Daniel Niemetz

Als am 16. April 2,5 Millionen sowjetische und polnische Soldaten über Oder und Neiße zur Schlacht um Berlin antreten, kommen die Schrecken des Landkrieges auch nach Sachsen. Über das Oberlausitzer Muskau und das nördlich davon gelegene Forst stoßen die Armeen der 1. Ukrainischen Front auf Cottbus und Spremberg vor, wo sie in der Nacht zum 18. April die Spree überschreiten. Südlich davon setzt die 2. Polnische Armee zwischen Muskau und Rothenburg über die Neiße. Durch die Oberlausitz zielt ihr Stoß über Bautzen auf Dresden. Die "Operation Lausitz" soll den sowjetische Hauptangriff auf Berlin absichern.

Sowjetische Seite nominell überlegen

Sowjetische Panzer Ende April 1945 am Stadtrand von Berlin: Die materielle Überlegenheit der Roten Armee ist enorm. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Die zahlenmäßige und materielle Überlegenheit der sowjetischen Truppen und ihrer polnischen Verbündeten ist entlang der gesamten Front enorm: Sie verfügen über zweieinhalbmal so viele Soldaten, viermal so viele Panzer und auch viermal so viele Artilleriegeschütze wie die Deutschen. In Muskau und Rothenburg werden die Verteidiger regelrecht überrannt. Auch der Vorstoß der 2. Polnischen Armee durch die Oberlausitz verläuft zunächst erfolgreich. Am 19. April wird Bautzen durch polnische und sowjetische Truppen komplett eingeschlossen. 1.200 deutsche Soldaten, Volkssturmmänner und Hitlerjungen verschanzen sich auf der Ortenburg und in anderen befestigten Stellungen.

Polnischer Vorstoß bis kurz vor Dresden

Die Bautzener Ortenburg wird ein Brennpunkt der Kämpfe. Bildrechte: imago/Arkivi

Am 20. April stoßen Verbände der 2. Polnischen Armee weiter auf Dresden vor. Einen Tag später nähern sich ihre Panzer Radeberg. Am Tag darauf stehen sie am Rande der Dresdner Heide. Nördlich davon stoßen Truppen der 1. Ukrainischen Front über Kamenz und Königsbrück zur Elbe vor. Sie besetzen Riesa und das rechte Elbufer bei Torgau. In Bautzen spitzt sich unterdessen die Lage für die deutschen Verteidiger dramatisch zu. In der Nacht zum 21. April kämpfen sich sowjetische Sturmtruppen den Weg in das Stadtzentrum frei. Es kommt zu erbitterten Straßen- und Häuserkämpfen mit zahlreichen Toten auf beiden Seiten. Die vollständige Einnahme der Stadt scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Gegenstoß mit erfahrenen Truppen

Ab dem 21. April stoßen deutsche Divisionen über Bautzen und Weißenberg nach Nordwesten vor und zerschlagen mehrere Verbände der 2. Polnischen Armee. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch dann werden die polnischen und sowjetischen Truppen in der Oberlausitz plötzlich von einem deutschen Gegenstoß getroffen. Es ist die letzte erfolgreiche deutsche Panzeroffensive des Zweiten Weltkrieges. Über Bautzen und Weißenberg stoßen kampfstarke deutsche Panzer- und Infanteriedivisionen nach Nordwesten auf Kamenz vor. Sie schneiden die auf Dresden vorgerückten Verbände der 2. Polnischen Armee von ihren rückwärtigen Verbindungen ab. Ihre zahlenmäßige und materielle Unterlegenheit machen die deutschen Truppen teils durch größere Erfahrung wett. So greift am 23. April unter anderem die Fallschirm-Panzerdivision "Hermann Göring" in die Kämpfe um Bautzen ein. Der Eliteverband, der formal zur Luftwaffe gehört, aber dem Heer unterstellt ist, hat schon in Nordafrika, auf Sizilien, in der Schlacht um Monte Cassino, bei der Ardennenoffensive, in Ostpreußen sowie Schlesien gekämpft.

Schwere Verluste bei Polen und Sowjets

Auch in und um Bautzen im Einsatz: Deutsche Fallschirmjäger in der Schlacht um Monte Cassino 1944. Bildrechte: imago images / Everett Collection

Die nach Bautzen vorstoßenden deutschen Truppen werden im Stadtgebiet in schwere Häuserkämpfe verwickelt. Manche Häuserblöcke werden von den Rotarmisten so zäh verteidigt, dass die Deutschen sie komplett wegsprengen. Tausende Soldaten beider Seiten fallen oder werden verwundet. Noch im Sommer 1945 künden abgeschossene sowjetische und deutsche Panzer vor dem Bautzener Hauptbahnhof von der Heftigkeit der Kämpfe. Auch in anderen Orten der Region sind die Kampfhandlungen brutal und verlustreich. Nördlich von Weißenberg zerschlagen deutsche Truppen die Reste eines polnischen Panzerkorps. Über 100 Panzer werden dabei abgeschossen. Nördlich von Bautzen zerschlägt die vorrückende Fallschirm-Panzerdivision die Reste einer polnischen Infanteriedivision und kesselt Teile einer anderen Division ein. Eine weitere polnische Division wird bei Königsbrück vernichtet. Auch kampfstärkere sowjetische Divisionen erleiden schlimme Verluste.

Schwere Kriegsverbrechen auf beiden Seiten

Deutscher Soldatenfriedhof in Göda. Allein in und um Bautzen liegen rund 1.000 deutsche Gefallene begraben. Bildrechte: imago images / Daniel Schäfer

Offiziellen Angaben zufolge beklagt die 2. Polnische Armee in der Schlacht um Bautzen bis zum 26. April fast 5.000 Tote, rund 2.800 Vermisste sowie über 10.000 Verwundete. Auch auf deutscher Seite sind die Verluste hoch. Allein in Bautzen liegen rund 1.000 deutsche Soldaten begraben. Zudem kommt es im Zuge der Kämpfe auf beiden Seiten zu schweren Kriegsverbrechen. So werden am 22. April in Niederkaina bei Bautzen knapp 200 Volkssturmmänner durch sowjetische oder polnische Truppen in einer Scheune verbrannt. Am gleichen Tag töten in Guttau nordöstlich von Bautzen deutsche Truppen das Personal und die Verwundeten eines polnischen Feldlazaretts. Auch die Zivilbevölkerung bleibt nicht verschont. So geht eine 2002 im Leipziger Universitätsverlag erschienene Arbeit über "Kriegsverbrechen in Ostsachsen" von 716 willkürlich getöteten Zivilpersonen aus.

Bautzen bleibt nach der Rückeroberung fast bis Kriegsende in deutscher Hand. Die Stadt wird erst am 8. Mai von polnischen und sowjetischen Truppen besetzt. In der Schlacht um Berlin, dessen südliche "Ausläufer" die Kämpfe in Ostsachen waren, fallen bis zum 2. Mai auf beiden Seiten fast 200.000 Soldaten.