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Die Gesellschaft sei in Bezug auf Waffenlieferungen in die Ukraine derzeit moralisch aufgeladen, sagt der Soziologe Hartmut Rosa. Er rät deshalb zu einer breiteren Diskussion im Umgang mit dem Ukraine-Krieg. Bildrechte: IMAGO / Peter Homann

Corona, Krieg - und dann?Häufung von "existenziellen Krisen" - Soziologe Hartmut Rosa warnt vor "Zeitenwenden"

von MDR THÜRINGEN

Stand: 25. Juni 2022, 06:00 Uhr

Die Gesellschaft, so sagt Hartmut Rosa, erlebe zurzeit eine Häufung von "existenziellen Krisen". Diese könnten nur gemeinsam angegangen werden. Mit dem Ukraine-Krieg und den neuen Fronten in der Politik scheint dieses Ziel aus dem Blickfeld zu geraten. Der Jenaer Soziologie-Professor befürchtet, dass die Welt mit einer Rückkehr zu einem Kalten Krieg verloren wäre. Sie könnte die Krisen nicht mehr bewältigen.

Corona, Ukraine-Krieg, Klimakrise, soziale Ungleichheit - leben wir eigentlich in einer besonders schweren Zeit? Hartmut Rosa erinnert sich an seine Jugend. Damals hätten Lehrer gesagt, man könne keine Kinder mehr in die Welt setzen - wegen Aufrüstung und der ständigen Gefahr eines Atomkriegs. Auch früher lebten Menschen also nicht ständig in Harmonie und Frieden. Doch die gegenwärtige Häufung von "existenziellen Krisen" erlebe er als etwas Besonderes, sagt der Soziologe.

Rosa: "Ganz fatale Tendenz"

Diese Krisen könnten nur gemeinsam bewältigt werden, im Kleinen als auch im Großen. Tatsächlich jedoch beobachte er eine "ganz fatale Tendenz" in der Gesellschaft und politischen Kultur. Entlang der unterschiedlichsten Themen erlebten wir eine Polarisierung unter den Menschen, sagt Rosa. Die Fragen zu Flüchtlingen etwa habe 2015 die Menschen gespalten. Die einen hätten das Gefühl gehabt, Deutschland lasse zu viele Flüchtlinge herein, andere seien entsetzt gewesen, wenn Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertranken oder an Grenzen frieren mussten.

In der Corona-Zeit habe es zwei Seiten gegeben, Impfgegner und Impfbefürworter, ohne dass man eigentlich hätte sagen können, "wer auf welcher Seite landen wird". In den USA hätten Trump-Anhänger und -Gegner gekämpft, in Großbritannien sei es scharf um Brexit oder Verbleib in der EU gegangen. Auffällig sei bei diesen Fronten, dass es gar nicht eine ideologische Linie gewesen sei, die die Lager spaltete, sondern "eine Tendenz, ganz schnell in unversöhnliche Feindschaften auseinanderzubrechen".

Die Menschen, die die andere Auffassung vertreten, was immer das in dem Konflikt gerade sein mag, werden nicht einfach als Andersdenkende wahrgenommen, als argumentative Gegenüber, sondern als verachtenswerte Menschenfeinde sozusagen.

Hartmut Rosa, Soziologie-Professor an der Uni Jena

Es bestehe eine "gar nicht so leicht erklärbare Tendenz", die jeweils Andersdenkenden oder Andersfühlenden zu schlechten Menschen zu erklären. Dies tue der öffentlichen Diskussion nicht gut.

Zu erleben sei diese Polarisierung wieder gewesen bei der Frage der deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine. Rosa sagt, er habe als Soziologe "staunend zur Kenntnis genommen", wie schnell, geradezu euphorisch, pazifistische Vorstellungen oder das Vertrauen darauf, dass man Probleme politisch und friedlich lösen könne, als "Schnee von gestern" verworfen worden seien.

Menschen, die "tatsächlich noch an der Idee, dass man Schwerter auch zu Pflugscharen umschmieden kann", glaubten, werde vorgeworfen, einen Unterwerfungspazifismus zu betreiben, andere opfern zu wollen oder schlicht feige zu sein. Es finde eine moralische Aufladung des Krieges statt. Diese sei, so Rosa, "sowohl unangebracht als auch gefährlich". Denn weiterhin lebten wir in einer Welt, in der alle nuklearen Kriege tödlich wären.

Insofern halte er den Begriff der "Zeitenwende", wie ihn beispielsweise Bundeskanzler Olaf Scholz verwendete, für kritisch. Massive Waffenlieferungen dürften, unabhängig davon, ob sie für die Ukraine jetzt nötig seien, künftig nicht der gängige Weg sein. Man sollte sich stets im Klaren sein, dass Waffen dazu seien, Menschen zu töten, und dass man mit Waffenlieferungen einen Krieg auch befördern könne.

Insofern gebe es auch heute noch "gute Gründe", Pazifist zu bleiben, auch wenn das eine individuelle Entscheidung mit möglicherweise harten Konsequenzen sei. Als Vision jedoch, "als Ziel politischen Handelns und als Grundlage dafür, wie wir uns zukünftig die Gestaltung der Weltgesellschaft vorstellen, kann es nur in diese Richtung gehen und nicht in die Richtung von einem Gleichgewicht des Schreckens".

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MDR (thk)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 25. Juni 2022 | 06:10 Uhr