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Schulschließungen und Isolation haben Minderjährigen in den letzten beiden Jahren stark zugesetzt. Bildrechte: dpa

Psychische Probleme als Corona-FolgeKinder und Jugendliche müssen monatelang auf Therapieplatz warten

von Elisabeth Ihme, MDR AKTUELL

Stand: 27. September 2022, 13:44 Uhr

Ängste, Mediensucht oder Depression – psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind seit Beginn der Corona-Pandemie um fast 70 Prozent angestiegen. Eine MDR-AKTUELL-Hörerin hat sich danach erkundigt, was seitdem dagegen unternommen wurde.

Der Andrang ist in Wellen verlaufen. Während der Hochphase der Pandemie haben sich extrem viele besorgte Eltern bei Psychologen gemeldet. Denn monatelange Schulschließungen und Kontaktsperren haben vielen Kindern und Jugendlichen zu schaffen gemacht.

Doch das sei keineswegs vorbei, meint Julian Schmitz, Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig. Das Belastungslevel in den Familien sei noch immer hoch. Denn psychische Belastungen würden sich meistens chronifizieren. "Also Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit sind sehr stabil. Das geht nicht von alleine wieder weg, sondern braucht in vielen Fällen qualifizierte Behandlung – Behandlungsplätze, die sehr schwierig sind zu finden."

Wartezeiten von bis zu einem Jahr

Bis zu einem Jahr müssten Kinder und Jugendliche noch immer auf einen Therapieplatz warten, sagt Schmitz. Und dabei sind sogar neue Auslöser für seelische Probleme hinzugekommen.

So kann das Nacharbeiten des während der Schulschließungen verpassten Unterrichtsstoffs den Kindern großen Stress bereiten. Außerdem, "dass der Ukraine-Konflikt, besonders zu Beginn des Jahres ein großer Belastungsfaktor war, darüber hinaus auch Kriegsangst, auch der Klimawandel belastet Kinder und Jugendliche. Und sie sich auch um die wirtschaftliche Situation in den Familien Sorgen machen."

Bewusstsein für psychotherapeutische Hilfe gestiegen

In der Öffentlichkeit sei ein Bewusstsein dafür entstanden, dass psychotherapeutische Unterstützung für Minderjährige wichtig ist, sagt Schmitz.

Zudem sei auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert, dass die Versorgungssituation verbessert werden soll. Aber die gute Absicht allein reiche nicht aus, sagt der Professor für Kinder- und Jugendpsychologie. Denn man muss bedenken: "Zwei Drittel der Psychischen Erkrankungen des Erwachsenenalters beginnen im Kindesalter, es ist sehr wichtig jetzt frühzeitig zu intervenieren. Da ist viel versäumt worden und nicht die richtigen Hebel angesetzt, um jetzt kurzfristig Hilfe zu schaffen."

Zu wenig Therapeuten auf dem Land

Sabine Ahrens-Eipper vom Vorstand der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer führt selbst eine Praxis. Sie sagt, vor allem im ländlichen Bereich gebe es viel zu wenige Therapeuten. Hier sollen die Krankenkassen mehr Zulassungen für Therapeutenstellen ausgeben: "Es gibt einfach bestimmte Gebiete, vor allen Dingen im ländlichen Bereich, wo wir eine Unterversorgung haben. Und es ist schwierig für sozial schwache Familien, diese Angebote zu nutzen. Das fängt schon an mit der Finanzierung der Fahrkarte. Am Ende des Monats ist es für diese Familien oftmals schwierig, überhaupt zum Psychotherapeuten zu kommen, weil sie es sich nicht leisten können."

Mehr Gruppentherapien und Schulpsychologen

Außerdem fordert die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer, dass verstärkt Gruppentherapien eingesetzt werden sollten, um mehr Patienten zu erreichen. Und eine wichtige Stellschraube, an der man ansetzen könnte, sei die Schulpsychologie, sagt Ahrens-Eipper.

Doch Schulpsychologinnen und -psychologen sind rar gesät. Die Empfehlung laute eigentlich, ein Schulpsychologe auf 5.000 Schülerinnen und Schüler, erklärt die Psychotherapeutin: "Kann man sich auch schon vorstellen, was das für eine absurde Zahl ist. Aber gerade in Sachsen-Anhalt haben wir eben 10.000 Schüler. Und hier müsste die Politik wirklich eingreifen. Also dass das so ausgestattet ist, dass sie auch wirklich sich um Schülerinnen und Schüler kümmern können, bevor sie psychisch erkranken. Hier ließe sich viel abpuffern. Hier werden Kinder krank, die nicht krank werden müssten."

Hier werden Kinder krank, die nicht krank werden müssten.

Sabine Ahrens-Eipper | Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer

Auch Psychologieprofessor Schmitz hält den Ausbau von präventiven Strukturen an Schulen für besonders wichtig: Es sollten mehr Stellen für Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen geschaffen werden.

Und auch die Strategien für eine mögliche nächste Pandemiewelle sollten schon jetzt gefunden werden. Im Sinne der psychischen Gesundheit der Kinder, müssten die Schulen einfach geöffnet bleiben.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 27. September 2022 | 06:00 Uhr

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