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Die Zahl der Flüchtlinge in Thüringen nimmt zu. In der Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl kommen viele von ihnen zuerst unter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

SuhlPersonalnot und Überforderung: Probleme in Erstaufnahmeeinrichtung nehmen zu

von Juliane Maier-Lorenz und Tobias Sylvan, MDR THÜRINGEN

Stand: 29. November 2022, 08:01 Uhr

Seit Jahren ist die Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl immer wieder in den Schlagzeilen. Die Gründe: Auseinandersetzungen unter den Bewohnern, Probleme zwischen Flüchtlingen und Anwohnern, komplexe Verantwortlichkeiten für die Einrichtung. Aktuell sollen die Zustände schwierig sein, auch weil die Einrichtung mehr als voll ist. Eine Recherche.

1.377 Flüchtlinge leben aktuell in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) in Suhl. Männer, Frauen und Kinder u.a. aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und zum Teil der Ukraine – sie alle wohnen auf engem Raum zusammen. Gerade einmal für 13 Menschen sei noch Platz, deswegen werde überlegt, zukünftig auch Zelte für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen. Container seien, einem Sprecher zufolge schwer zu bekommen.

Seit Monaten steigt die Zahl der Flüchtlinge in Thüringen weiter an. Weil viele Kommunen im Freistaat einen Aufnahmestopp verhängt haben, müssen die Menschen länger als sonst in Suhl bleiben. Normalerweise sind es 40 Tage. Die Einrichtung stößt damit längst an ihre Grenzen. Mitarbeiter sozialer Dienste vor Ort schlagen Alarm.

Reinhard Hotop, Mitarbeiter des evangelischen Migrationsdiensts, beschäftigt sich seit fünf Jahren mit der Beratung von Flüchtlingen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einer, der das jetzt erstmals öffentlich macht, ist Reinhard Hotop vom evangelischen Migrationsdienst Südthüringen. Er arbeitet seit fünf Jahren in der Einrichtung, berät Flüchtlinge. Viele von ihnen würden in Gesprächen über die schwierigen Zustände im Haus berichten. So könnten die Zimmer nicht abgeschlossen werden, bei der Essensversorgung würde sich wenig flexibel gezeigt, auch Beschäftigungsangebote für die Kinder und Menschen vor Ort gebe es kaum.

"Viele Geflüchtete sind sehr verzweifelt. Sie haben auf der Flucht zum Teil schlimme Dinge erlebt. Dann kommen sie hier her und denken, dass sie in Sicherheit sind. Und erleben dann, dass sie unfreundlich behandelt werden und die Zustände furchtbar sind. Auf bestimmte Bedarfe wird überhaupt keine Rücksicht genommen", berichtet Hotop aus dem Beratungsalltag.

Schwangere nur notdürftig versorgt

Probleme gebe es auch bei der medizinischen Gesundheitsversorgung der Menschen vor Ort. Erstuntersuchungen von Flüchtlingen, die bei der Ankunft in Suhl eigentlich Pflicht seien, würden erst nach Wochen stattfinden. Recherchen von MDR THÜRINGEN ergaben zudem, dass Untersuchungen von schwangeren Frauen nur unzureichend stattfinden würden, diese häufig erst nach dem Transfer in eine Kommune medizinisch ausreichend versorgt werden, selbst bei Problemschwangerschaften.

Es gibt so eine Grundversorgung, eine Art Notversorgung. Menschen mit schweren Verletzungen oder auch Krankheiten wie Diabetes – auf die kann überhaupt nicht eingegangen werden.

Reinhard Hotop | evangelischer Migrationsdienst

Überforderte Mitarbeiter

Mit mehr als 1.350 Flüchtlingen ist die Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl längst an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt, was die Zahl der betreuenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort angeht. So berichten viele im Gespräch mit MDR THÜRINGEN von hohen Krankheitsausfällen, Burn-Outs und Überforderung. Etliche hätten bereits gekündigt, die Fluktuation sei hoch.

Habe es vor Jahren noch regelmäßige Gesprächsrunden unter den Trägern und der Leitung gegeben, fänden diese seit Monaten gar nicht mehr statt. Organisatorische Abläufe seien so weder bekannt, noch könnten sie verbessert werden, berichten Mitarbeiter.

"Ganz viele Menschen versuchen es hier gut zu machen, sie arbeiten mit vollem Einsatz. Und es wird einfach nicht gut", erzählt Reinhard Hotop. Ein normaler Ablauf funktioniere mit 350 bis 450 Bewohnern in der Einrichtung. Jetzt sei für viele Mitarbeiter die Belastungsgrenze überschritten.

Probleme mit dem Wachschutz

Die Versorgung von Flüchtlingen und überfordertes Personal sind nicht die einzigen Probleme in der Erstaufnahmeeinrichtung. Immer wieder käme es zu Auseinandersetzungen mit einem Teil der Mitarbeiter des Wachschutzes. Diese würden häufig eskalierend statt deeskalierend mit den Menschen umgehen, sie teilweise unfreundlich behandeln und rassistisch beleidigen. So habe es etwa im Oktober 2021 eine Auseinandersetzung von Flüchtlingen und Security-Mitarbeitern vor dem Eingang der Einrichtung gegeben.

Neben der Versorgung und der Überforderung des Personals sorgen Auseinandersetzungen mit dem Wachschutz für Probleme. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eignung von Security-Mitarbeitern Thema im Landtag

Der Fall schlägt hohe Wellen, auch weil ein beteiligter Wachschützer 2014 auf der Wahlliste des Südthüringer Rechtsextremisten Tommy Frenck stand. Die Auseinandersetzung und die Frage danach, inwieweit Security-Mitarbeiter mit rechtem Gedankengut überhaupt in solchen Einrichtungen eingesetzt werden, beschäftigte im Mai 2022 sogar den Thüringer Landtag. Security-Mitarbeiter in EAEs würden vom Verfassungsschutz im Zuge ihres Einsatzes überprüft, hieß es da von Staatssekretär Sebastian von Ammon.

Eine Nachfrage beim Thüringer Migrationsministerium ergab jedoch, dass die Überprüfung lediglich durch ein Landratsamt erfolgt sei, und nur in bestimmten Fällen durch den Verfassungsschutz erfolge. Eine Kleine Anfrage dazu von der Thüringer Linken ist seit August unbeantwortet.

Es bleibt nicht nur bei dem Fall vom Oktober 2021. Immer wieder würden Betroffene vom derben Umgang des Wachschutzes mit ihnen berichten und auch Migrationsminister Dirk Adams (Grüne) räumt ein: "Wir haben in der letzten Zeit häufiger Hinweise bekommen. Die fingen an über Tätowierungen, die man gesehen hat. Die fing damit an, dass sich Bewohner dazu geäußert haben, dass sich ihm gegenüber nicht kultursensibel verhalten wurde, sondern offen feindselig." Die Vorwürfe würden in Dienstberatungen mit der Security-Firma aufgearbeitet, so Adams.

Doch nicht nur die Betroffenen selbst äußern sich zum Wachschutz, auch das Team des Wachschutzes äußerte sich besorgt über den Umgang einiger Kollegen mit den Flüchtlingen. So liegen MDR THÜRINGEN gleich zwei Schreiben von Security-Mitarbeitern dazu vor.

In Brandbriefen äußert das Team des Wachschutzes ihre Sorgen über den Umgang einiger Kollegen mit den Flüchtlingen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weitere Erstaufnahmeeinrichtungen in Thüringen aktiviert

Alexander Theus, Einrichtungsleiter in Suhl, kennt die Vorwürfe. Regelmäßig gebe es Abfragen zu den Security-Mitarbeitern und auch Schulungen. Er könne nicht dafür garantieren, dass nicht irgendjemand aus sich herausgehe, weil er dem Stress nicht gewachsen sei.

Dass ich Personen habe, die gedanklich vielleicht im rechtsradikalen Bereich sind, das kann ich nicht ausschließen. Dass es zu einzelnen derartigen Äußerungen der Personen kommt, kann ich auch nicht ausschließen. Was ich ausschließen kann, ist, dass es in meiner Anwesenheit erfolgt und dass das ohne Konsequenzen bleibt.

Alexander Theus | Einrichtungsleiter in Suhl

Alexander Theus, Einrichtungsleiter in Suhl, verweist auf Schulungen und regelmäßigen Abfragen zu den Security-Mitarbeitern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch dass die Mitarbeiter an ihre Grenzen stießen, sei ihm bekannt. Die Einrichtung unterliege in dieser Frage dem Finanzministerium, dass die Gelder für das Personal zur Verfügung stellt. Um noch mehr Flüchtlinge unterzubringen, hat das Land neben Suhl auch die ehemalige Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenberg aktiviert. Aktuell leben dort 30 Menschen. Auch in Hermsdorf sollen Flüchtlinge zukünftig wohnen können. Für das Haus wurde bisher jedoch kein Betreiber gefunden.

Ob das die Probleme in Suhl löst, bleibt fraglich. "Wir hatten 2015 schon einmal eine Zeit, da waren sehr sehr viele Menschen hier. Und alle Beteiligten von damals sagen heute: Da wurde menschlich miteinander umgegangen. Die vielen Probleme, die es gab, die wurden menschlich gelöst. Heute werden von Tag zu Tag einfach nur die Katastrophen verwaltet und Menschen wie Säcke mit Reis hin und hergeschickt", fasst Reinhard Hotop seine Sicht der Dinge zusammen.

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MDR (je)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Exakt | 23. November 2022 | 20:15 Uhr