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Fahrt ins Ungewisse: Diese ukrainischen Waisenkinder werden vor Russlands Krieg erstmal in der Türkei in Sicherheit gebracht. Doch wie geht es für sie weiter? Bildrechte: IMAGO / Ukrinform

Russlands KriegPolen: Schwierigkeiten mit ukrainischen Waisenkindern

von Alexandra Syty, Warschau und Cezary Bayzdło, Leipzig

Stand: 14. Juni 2022, 09:09 Uhr

Waisenkinder aus Heimen in der Ukraine kamen in organisierten Gruppen per Bahn, mit Pkw, mit Bussen – erschöpft, verängstigt, oft traumatisiert. Am Anfang des Krieges erfolgte die Aufnahme der ukrainischen Waisenkinder in Polen völlig spontan – die Hilfe wurde von der Zivilgesellschaft organisiert, also von Bürgern, die Mitleid hatten und Handlungsbedarf sahen. Doch nun wachsen die Probleme.

Kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine habe es eine regelrechte Arbeitsteilung zur Rettung der Waisenkinder aus den ukrainischen Heimen gegeben, erzählt Anna Krawczak von der Universität Warschau. Sie ist Wissenschaftlerin, Aktivistin und Expertin für Kinderschutz in Polen. Die Rettung sei etwa so gelaufen: Eine NGO evakuierte etwa 40 bis 50 Kinder aus dem Kriegsgebiet. Der Landrat eines Kreises erfuhr davon, lud sie ein und bat ein Ferienheim aus der Region, die kleinen Flüchtlinge aufzunehmen. Anwohner sammelten schließlich Spenden und brachten alles Mögliche vorbei: von einem Sack Kartoffeln bis hin zu 20 Packungen Windeln. Neben Hotels wurden leerstehende Büroräume als Notunterkünfte hergerichtet, sogar verlassene ehemalige Waisenhäuser wurden mit Spendengeldern renoviert. Die Solidarität war enorm und bemerkenswert.

Doch mit der Zeit ließ das Engagement der NGOs vor Ort nach. Sie zogen sich zurück, um andere Waisenkinder zu evakuieren. Die Einheimischen blieben mit dem "Problem" allein zurück. Dabei galt es nicht nur, die Verpflegung und die nötigen "1.000 Dinge des Alltags" bereitzustellen. Heimkinder benötigen professionelle pädagogische Betreuung, traumatisierte Kinder aus einem Kriegsgebiet brauchen zudem einen Kinderpsychologen und bei manchen ist eine besondere Reha nötig. Die aufnehmenden Landkreise sind damit, trotz aller Gastfreundschaft, überfordert.

Auch innerhalb der Ukraine haben Heime Waisenkinder aus dem Kriegsgebiet im Osten aufgenommen, hier im westukrainischen Lwiw. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Helfer übernehmen sich

In dieser Situation beginnt oft eine Art Ping-Pong-Spiel zwischen den Instanzen. Die Zentralregierung fühlt sich nicht zuständig. Schließlich hat der Landkreis die Kinder eingeladen. Die Kreisverwaltung entgegnet, sie habe dies im Vertrauen auf Unterstützung der Zentralregierung und der NGO getan. Die NGO argumentiert wiederum, sie hätte nur die Evakuierung aus dem Kriegsgebiet organisiert, der Landkreis habe doch gewusst, worauf man sich einlasse. Natürlich sei es nicht immer so, sagt Anna Krawczak, die Kinderschutz-Expertin von der Universität Warschau. Große Stiftungen und NGOs, wie die SOS Kinderdörfer zum Beispiel, hätten ebenso wie die großen kreisfreien Städte genug Knowhow und Ressourcen, um die Aufgabe zu stemmen. Doch kleinere Gemeinden übernähmen sich oft. Eine passende Unterkunft und hilfsbereite Einwohner allein seien zu wenig – erst recht, wenn die Hälfte der Kinder eine spezielle Reha oder Therapie brauche, womit auf dem Höhepunkt der spontanen Hilfsbereitschaft niemand gerechnet habe.

Wie viele Waisenkinder aus der Ukraine sind derzeit in Polen?

Die genaue Zahl der ukrainischen Waisenkinder in Polen ist nicht bekannt. Ein amtliches Register weist die Zahl von etwa 4.000 aus. Experten für Kinderpflege gehen aber von mehr als 15.000 Kindern aus. Der Grund für diese Diskrepanz: In den ersten Kriegstagen, als die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine nach Polen strömten, gab es das amtliche Register noch nicht – die Kinder wurden in dieser Zeit nicht erfasst.

Unterschiedliche Pflegestandards

Ein weiteres Problem seien die unterschiedlichen Pflegestandards in Polen und in der Ukraine. Einst bildeten in Polen riesige Waisenhäuser mit 100 und mehr Kindern das Rückgrat des Systems. Nach dem EU-Beitritt Polens wurde es aber reformiert und an westeuropäische Standards angepasst. Inzwischen dürfen maximal 14 Kinder in einer Einrichtung leben, wobei noch deutlich kleinere Pflegefamilien anzustreben sind. In der Ukraine sind die großen Heime dagegen nach wie vor die Regel. Das Sozialministerium in Kiew möchte, dass die Kinder aus solchen Einrichtungen auch in Polen zusammenbleiben. Dies gebe ihnen ein größeres Sicherheitsgefühl, so die Argumentation. Doch polnische Spezialisten sehen das anders, darunter Anna Krawczak: "Es war für uns schockierend, Gruppen von 150 Kindern zu sehen, die aus ukrainischen Waisenhäusern kamen. In Gruppen, die nach Polen kommen, befinden sich 16-Jährige zusammen mit Kleinkindern unter einem Jahr. Das ist inakzeptabel – ganz einfach, weil bestimmte Phänomene unvermeidlich sind. Und ich weiß, dass sie stattfinden." Sie spielt damit auf Gewalt an, einschließlich sexueller Gewalt und Belästigung.

Letztere könne aber auch von außen in die Gruppe hineingetragen werden, denn die freiwilligen Helfer würden nicht auf Vorstrafen überprüft. Außerdem sei es den Betreuern in solchen großen Gruppen nicht möglich, individuelle Beziehungen zu den Kindern aufzubauen und sich emotional um sie zu kümmern, betont die Expertin.

Groß und Klein in einer Waisengruppe, und oft eint sie nur ihr Kriegsschicksal: Den meisten sind nur ein paar Habseligkeiten geblieben. Bildrechte: IMAGO/Ukrinform

Ukrainische Ängste

Die Ukrainer kennen die Trends und Standards, aber sie haben auch ihre Ängste. Kinder gelten in der Ukraine als "Schatz der Nation". Entsprechend groß ist die Befürchtung, dass sie ihre Identität verlieren, im Ausland zerstreut werden und nicht mehr heimkehren können. So wie es offenbar schon 2014 zu Beginn des Kriegs im Donbas passierte, wie die Experten der zuständigen Fachabteilung im ukrainischen Sozialministerium der polnischen Kinderschutzaktivistin Anna Krawczak erzählt haben. Damals seien 12.000 Kinder "unter dem Radar" verschwunden und man wisse bis heute nicht, was mit ihnen geschehen sei. Außerdem wolle man Fälle von Kinderhandel und unerlaubter Auslandsadoption verhindern. Letztere sei während des Krieges zwar verboten, es flössen aber oft üppige Bestechungsgelder. Wenn die Kinder aus den großen Einrichtungen zusammenblieben, hofft das ukrainische Sozialministerium offenbar mehr Kontrolle über sie zu behalten.

Hohe Kosten für den Fiskus

Die Anwendung polnischer Standards mit den Kleingruppen wäre aber auch kostspielig - und zwar für den polnischen Staatshaushalt, allein schon wegen des hohen Personalbedarfs. Barbara Socha, stellvertretende Familien- und Sozialministerin, will die großen ukrainischen Waisenhäuser nicht zerschlagen: "Es geht uns nicht darum, das ukrainische Kinderpflegewesen zu reformieren. Mit Ausnahme von Kindern, die ohne Begleitung zu uns kommen, will die ukrainische Seite ihre minderjährigen Bürger nicht in Pflegefamilien unterbringen." Sie schließt aber nicht aus, dass die Ukraine in Zukunft zu Zugeständnissen in dieser Frage bewegt werden kann. Rechtlich ist diese Sonderbehandlung zulässig, denn die strengen Vorgaben, die große Waisenhäuser verbieten, gelten nur für Kinder mit polnischer Staatsbürgerschaft und nur in Ausnahmefällen für minderjährige Ausländer. Um die Betreuung der kleinen ukrainischen Flüchtlinge zu regeln, wurde ein eigenes Sondergesetz erlassen.

Russlands Krieg gegen die Ukraine trifft sie am härtesten: Die Kinder in den Waisenheimen. Bildrechte: IMAGO / Ukrinform

Kinderschutzorganisationen und Aktivisten kritisieren diese Haltung: "Wenn das so bleibt, werden wir in Polen Einrichtungen schaffen, die den rumänischen Waisenhäusern der Ceaușescu-Ära ähnlicher sind als dem, was wir in den letzten Jahren erreicht haben", sagt Anna Krawczak. Der Konflikt schwelt weiter und die Zivilgesellschaft ist bei der Versorgung der kleinen Ukrainer nach wie vor weitgehend sich selbst überlassen. Dabei braucht es systemische Lösungen, denn die Zeit drängt. Schließlich steht die Sommersaison vor der Tür. Bis dahin müssen viele Hotels und Pensionen, in denen die kleinen Kriegsflüchtlinge untergebracht wurden, wieder geräumt sein – denn die Häuser müssen und wollen Geld verdienen. Manche sind schon ausgebucht.

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Dieses Thema im Programm:MDR Aktuell Fernsehen | 03. Juni 2022 | 17:45 Uhr