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Seniorin bei der Impfung (Archivbild): Bei älteren und bei immungeschwächten Menschen könnte eine dritte Impfung sinnvoll sein. Bildrechte: IMAGO / Future Image

Covid-19Corona-Immunität: Nach Genesung oder mRNA-Impfung könnte sie jahrelang halten

von Clemens Haug

Stand: 14. September 2021, 15:34 Uhr

Eine einmal aufgebaute starke Immunität gegen Corona bleibt stabil – wahrscheinlich sogar ein Leben lang. Das zeigen neueste Forschungsdaten. Für einige Gruppen könnten Auffrischungsimpfungen dennoch sinnvoll sein.

Wie lange hält bei Corona die Immunität nach Impfung oder durchgemachter Infektion? Diese Frage beschäftigt Forscherinnen und Forscher praktisch seit Beginn der Pandemie. Dass die Antworten darauf sehr unterschiedlich ausgefallen sind, liegt daran, dass das Immunsystem sehr komplex ist und einige Daten folglich sehr schwer zu erheben sind. Antikörper können beispielsweise vergleichsweise einfach gemessen werden.

Deswegen erkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schnell, dass bestimmte Antikörper nach durchgemachter Infektion recht schnell wieder abgebaut werden. Doch das ist ein Effekt, der praktisch nach allen Virusinfektionen auftritt. Trotzdem sind Menschen beispielsweise nach den Masern beziehungsweise der Masern-Impfung praktisch ein Leben lang vor einer erneuten schweren Erkrankung geschützt. Grund dafür sind andere, schwieriger zu messende Teile des Immunsystems wie die T-Zellen, die mit Viren infizierte Zellen direkt abtöten können und B-Zellen, die für die Neubildung von Antikörpern sorgen.

Leipziger Forscher: Immunschutz nach Genesung hält sehr lang

Als Teil des Projekts Saxocov beschäftigt sich Sebastian Ulbert vom Fraunhofer Institut für Immunologie und Zelltherapie in Leipzig mit der Haltbarkeit der Immunität von Genesenen und Geimpften. Ulbert und seine Kollegen untersuchen dabei auch regelmäßig Menschen, die sich bereits während der ersten Coronawelle infiziert haben. Dabei stellen sie fest, die Zahl der Antikörper nimmt über die Zeit zwar ab. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht mehr immun wäre. "Durch eine Infektion oder eine Impfung entsteht ein immunologisches Gedächtnis. Kommt man erneut in Kontakt mit dem Erreger, werden die Zellen des immunologischen Gedächtnisses aktiviert und erzeugen neue Antikörper", erklärt Ulbert. "Bei vielen der RNA-Viren, zu denen auch Coronaviren wie Sars-CoV-2 gehören, ist es so, dass eine Infektion einen langanhaltenden, oft lebenslangen Schutz vor einer nochmaligen Erkrankung auslöst."

Je länger der zeitliche Abstand zu den ersten Covidinfektionen wird, desto deutlicher sehen die Forscher: Ein Immunschutz nach einer Genesung hält sehr lange und sehr gut. "Die Datenlage ist mittlerweile weit fortgeschritten. Man weiß, dass die Infektion ein sehr solides immunologisches Gedächtnis auslöst. Ob es ein Leben lang hält, weiß man nicht. Aber das ist auch bei anderen Viren so", sagt Ulbert. Reinfektionen seien aber nach wie vor eine sehr seltene Ausnahme.

Aktivierung der B-Zellantwort offenbar sehr gut

Dass der B-Zellen-Teil des Immunsystems sehr stark und anhaltend auch auf eine Impfung mit einem mRNA-Impfstoff gegen Sars-CoV-2 reagiert, zeigt jetzt eine neue, noch nicht vollständig begutachtete Studie bei "nature", über die die New York Times und der Sender n-tv berichten. Die Autoren des Papers vermuten, dass Menschen mit durchgemachter Infektion und einer Impfdosis von Biontech/Pfizer einen lebenslangen Schutz aufgebaut haben könnten.

Die Forscher um Ali Ellebedy von der Washington University in St. Louis hatten Blutroben und Lymphknoten von 14 Patienten untersucht. In den Lymphknoten befinden sich Keimzentren, in denen die B-Gedächtniszellen gebildet werden, also die Struktur, die ein feindliches Virus noch lange Jahre nach einem Kontakt wiedererkennen und eine rasche Abwehrreaktion einleiten können soll. Diese Keimzentren zeigten noch 15 Wochen nach der ersten Impfdosis eine starke Aktivität, viel länger, als sonst üblich. "Dass die Reaktionen beinahe vier Monate nach der Impfung anhalten, ist ein sehr, sehr gutes Zeichen", sagte Ellebedy der NYT.

Schon zuvor hatten das gleiche Forscherteam gezeigt, dass Immunzellen im Knochenmark Sars-CoV-2 noch nach einem Jahr erkennen können. Es sei also gut möglich, dass eine Impfung sehr lange gegen eine Infektion schütze. Das sei allerdings abhängig davon, wie gut die Immunreaktion auf die Impfung ausgefallen sei und wie sich das Virus weiterentwickle. Menschen mit schwachen Immunreaktionen, etwa viele Seniorinnen und Senioren, sowie Patienten, die nach einer Organtransplantation immunsupprimierende Medikamente bekommen, profitieren von einer weiteren Booster-Impfung. Auch das Auftreten neuer Virusvarianten, die dem Immunsystem noch stärker ausweichen können, könnte eine Anpassung der Impfstoffe und eine weitere Dosis nötig machen.

Dritte Impfung für Senioren und Immunsupprimierte sinnvoll

Über Vektorimpfungen wie Astrazeneca oder Johnson&Johnson macht der neue Bericht keine Aussagen. Die Forscher gehen hier aber von einer schwächeren Wirkung aus, so dass Menschen mit Vektorimpfung auch über eine weitere Dosis mit einem mRNA-Impfstoff nachdenken sollten. Hier hat die Ständige Impfkommission (Stiko) gerade eine neue Empfehlung herausgegeben.

Neue Berichte der englischen Gesundheitsbehörde "Public Health England" zeigen zudem, dass die Impfungen in der Regel auch vor einer Infektion mit der Delta-Variante schützen. Jedoch hat PHE inzwischen auch über 50 Todesfälle von vollständig Geimpften gezählt. Lars Fischer vom Wissenschaftsportal "Spektrum" vermutet, dass davon vor allem Erstgeimpfte betroffen sind. Unter ihnen sind viele Hochbetagte und Risikopatienten, bei denen die Immunreaktion auf eine Impfung mitunter nicht stark genug ausfällt. Hier zeigen aktuelle Studien, dass eine dritte Impfdosis den Schutz deutlich erhöhen kann. Die englische Impfkommission empfiehlt für diese Gruppen daher die Drittimpfung.

Sebastian Ulbert vom Leipziger Fraunhofer Institut siehr das ähnlich. "Bei jüngeren Menschen ist wahrscheinlich, dass der Immunschutz länger hält, weil die Impfung besser wirkt. Bei alten und sehr alten Menschen weiß man, dass Impfungen nicht mehr so gut funktionieren, weil das Immunsystem nicht mehr so stark reagiert. Da ist vielleicht zu erwarten, dass diese Bevölkerungsgruppen dann diejenigen werden, die man als erstes Nachimpfen muss", sagt er. Um diese von Corona stark gefährdeten Menschen geschützt zu halten, würden sie vermutlich frühzeitig nachgeimpft. "Das wäre eine Vorsichtsmaßnahme, denn es gibt noch kaum Daten, die sicher zeigen können, dass der Immunschutz soweit nachgelassen hat, dass eine Infektion mit starken Symptomen möglich wäre."

Zugleich warnt Ulbert aber auch: "Ein Schutz vor einem Virus heißt nicht, dass man sich nicht vielleicht doch infizierten kann. Man wird zwar viel seltener angesteckt. Aber das Immunsystem funktioniert grundsätzlich so, dass es vor allem vor einer Erkrankung schützt." Das bedeutet: Genesene und geimpfte können sich trotzdem kurz anstecken. Wahrscheinlich tragen sie die Infektion dann seltener weiter, einfach, weil das Virus sich aufgrund des Immunschutzes bei ihnen nicht gut vermehren kann. "Aber man kann nicht ganz ausschließen, dass man für einen kurzen Zeitraum infiziert ist, es aber nicht merkt, und auch Viren ausscheidet." Solange also nicht alle verwundbaren Gruppen gut durch eine möglichst umfassende Herdenimmunität geschützt sind, sollten auch Geimpfte und Genesene die Regeln zum Schutz vor der Weitergabe von Sars-CoV-2 weiter einhalten.

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