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Larven - für forensische Entomologen ein offenes Buch. Bildrechte: Marcus Schwarz

Forensische EntomologieWie Marcus Schwarz mit Maden Mördern auf die Spur kommt

von Christian Dittmar

Stand: 11. Mai 2021, 12:42 Uhr

Forensische Entomologen können mit Insekten den Todeszeitpunkt von Mordopfern bestimmen. Das kann bei der Aufklärung von Mordfällen entscheidende Hinweise liefern. Bisher gibt es aber nur vier dieser Spezialisten in ganz Deutschland. Einer ist Marcus Schwarz – der erst Spuren im Wald bei Dresden folgte, bevor er sich als Forscher dem Krimi widmete, zum Beispiel am Institut für Rechtsmedizin der Uni Leipzig. Für ihn eine ganz logische Entscheidung.

An einen seiner Fälle erinnert sich Marcus Schwarz besonders, auch jetzt noch, viele Monate später. Es ist ein sogenannter Cold Case, also ein Fall, der auch nach langer Zeit noch nicht aufgeklärt ist. Deswegen darf der Entomologe nur in allgemeiner Form davon berichten. "Es ging um einen älteren Herrn, der mit schwerster Gewaltanwendung in seinem Haus getötet wurde", erzählt Schwarz. Anhand der Larvenbildung auf dem Körper des Toten stellte der Sachverständige fest, dass er seit mehr als drei Tagen dort gelegen haben musste.

Doch ein Freund des Opfers erklärte in seiner Zeugenaussage, ihn noch zwei Tage zuvor in einem Netto-Markt gesehen zu haben. "Da konnten wir dann auch dank meiner Arbeit zu dem Zeugen sagen: Das kann nicht sein", erklärt Schwarz, "das mag ich so an der forensischen Entomologie: Sie bringt Klarheit rein, wo sonst vieles unklar ist."

Schon als Kind dauernd Insekten in der Hand gehabt

Der 33-Jährige aus dem Erzgebirge gehört zu nur vier forensischen Entomologen in Deutschland. Anhand der Insektenbildung auf Leichen können sie den Todeszeitpunkt meist ziemlich genau bestimmen und damit die Ermittlungsbehörden unterstützen. So können Ungereimtheiten beim Tatort oder bei der Todesursache besser geklärt werden, wie etwa beim Stückelmord am Baggersee in Leipzig-Thekla.

Schwarz kam zu dem Fach über ein forstwissenschaftliches Studium in Tharandt bei Dresden. "Ich hatte schon als Kind einen Blick für die kleinen Dinge", betont er, "ich habe dauernd Insekten in die Hand genommen, hatte immer irgendwelche Knochen in der Tasche." Später machte er sich als Gutachter selbstständig, bevor er an die Rechtsmedizin der Uni Leipzig wechselte.

Käfer zucken bei hohen Drogendosen nur mit den Schultern

Dort forscht er mittlerweile auch selbst in forensischer Entomologie, aktuell schreibt er an seiner Doktorarbeit. "Das Thema ist ziemlich cool, denn es geht darum, wie Käfer auf die teilweise hohen Rückstände von Drogen in den Körpern der Leichen reagieren", erläutert Schwarz.

Marcus Schwarz ist einer von nur vier forensischen Entomologen in Deutschland. Bildrechte: Droemer Knaur

Für Fliegen sei das schon erforscht, doch Käfer hätten ihre eigene Strategie, mit denen sie auch Drogenkonzentrationen, die offensichtlich zum Tod der Menschen geführt haben, aushalten könnten. "Der Käfer zuckt bei solchen Dosen nur mit den Schultern, wenn er denn welche hätte", beschreibt Schwarz gewohnt bildhaft. Allzu genau darf er aber auch hier nicht ins Detail gehen, da die Arbeit noch nicht veröffentlicht ist.

Ein weiterer Schwarzscher Forschungsschwerpunkt liegt in der Anwendung von forensischer Entomologie bei Wolfstötungen. Denn dabei handele es sich um eine Straftat mit entsprechendem Ermittlungsdruck, wie der Experte erörtert: "Ich beschäftige mich mit der Frage: Ist die forensische Entomologie dort mit der bei Menschen vergleichbar?"

Früher konnte man sich nicht erklären, woher die Maden kommen

Doch warum gibt es eigentlich nur so wenige Entomologen? Die Gründe seien wie so oft finanzielle, antwortet Schwarz. Irgendjemand müsse ja seine Arbeit bezahlen und da tun sich viele Behörden immer noch schwer. Zudem sei das Fach noch ein relativ neues, früher habe man sich um die Zusammenhänge von Tod und Insektenbildung einfach keine Gedanken gemacht, "da konnte man sich gar nicht erklären, woher die Maden kommen". Daher macht Schwarz auch viel Werbung für seinen Forschungsbereich, hat schon ein Buch dazu veröffentlicht und Kollegen im fernen Neuseeland angelernt, wo die forensische Entomologie noch komplett in den Kinderschuhen steckt.

Inwiefern eine Forschung dazu möglich ist, hängt nämlich auch immer von den jeweiligen Bestattungsritualen und -gesetzen eines Landes ab. Diese waren in Neuseeland bis vor kurzem sehr restriktiv, ähnlich wie in Deutschland. Anders sieht es dagegen in den USA aus, wo sogenannten Body-Farmen schon länger genutzt werden, um zu untersuchen, wie sich Leichen langfristig verändern. Hierzulande wäre Marcus Schwarz schon froh, wenn es bei seinem Renteneintritt in jedem Bundesland einen forensischen Entomologen gäbe. Schließlich hilft seine Arbeit den Ermittlern von Polizei und Staatsanwaltschaft enorm, gerade wenn es um die besonders schwierigen Fälle geht.

Zumindest an Tieren, wie hier an einem Wildschwein, kann Marcus Schwarz erforschen, wie sich Insekten nach dem Tod bilden. Bildrechte: Marcus Schwarz

Weiterbildungen tragen langsam Früchte

Dazu fällt Schwarz ein weiterer Cold Case ein, der ihn länger beschäftigt hat. Dabei ging es um einen toten Säugling, bei dem er mithilfe von Fliegenmaden beweisen konnte, dass das Baby nach dem Tod noch von einem wärmeren zu einem kälteren Ort verlagert wurde – der Fundort also offenbar nicht der Tatort war. Das zeige, dass Entomologen möglichst schnell nach dem Auffinden einer Leiche dazugerufen werden sollten, sagt Schwarz. Zumindest in Sachsen klappt das schon ganz gut: "Seit sechs Jahren mache ich Weiterbildungen bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft, mittlerweile trägt das Früchte."

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