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SoziologieBröckelt die Bundesrepublik? Institut in Halle erforscht gesellschaftlichen Zusammenhalt

09. November 2021, 12:51 Uhr

Die vergangenen Jahre haben unsere Gesellschaft auf harte Proben gestellt: Die Migrationsdebatte sorgte genauso für schwere Konflikte wie die aktuelle Corona-Pandemie. Wie steht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland? Wie lässt er sich verbessern? Damit beschäftigt sich das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das auch in Halle unter dem Dach der Martin-Luther-Universität forscht.

von Jessica Brautzsch

Gesellschaftlicher "Zusammenhalt" ist beliebter als "Gerechtigkeit" oder "Solidarität". Zumindest war das 2018 im Bundestag so. Über 400-mal wurde der gesellschaftliche "Zusammenhalt" da in Bundestagsreden beschworen. Und damit eben häufiger als die beiden anderen Schlagwörter. Doch trotz der Beliebtheit des Begriffs – was Zusammenhalt genau ist, lässt sich nur schwer sagen. Unter anderem mit dieser Frage beschäftigt sich das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Einer der bundesweit elf Standorte sitzt in Halle. Institutsleiter Professor Reinhold Sackmann beschreibt die drei wichtigen Aspekte, die für Zusammenhalt sorgen:

"Das eine ist erstmal, dass ich mich identifiziere mit einer Gruppe. Aber dieses Wir-Gefühl ist erstmal nur eine Bedingung. Das zweite, das wichtig ist, ist wechselseitiges Vertrauen, generalisiertes Vertrauen." Das sei wichtiges soziales Kapital, das ermögliche, dass man auch zusammenarbeitet. "Und das dritte, was wichtig ist, ist kollektive Wirksamkeit. Das ist das Gefühl, dass man etwas bewegen kann, wenn einen etwas stört."

Europa: Linkspopulistiche Strömungen und neonationalistische Bewegungen

Ein bestimmtes Gefühl haben – darum geht es oft bei der Frage nach Zusammenhalt. Dass das Gefühl von Vertrauen, Dazugehörigkeit und Wirkungskraft in ganz Europa weniger geworden ist, beobachten Soziologen seit der Finanzkrise. In Ländern wie Spanien oder Griechenland hätte das zu einer starken linkspopulistischen Strömung geführt. Häufiger seien aber neonationalistische Bewegungen in Europa aufgetreten. Jenseits dieser politischen Einstellungen beschäftigt sich das Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt aber vor allem mit ganz lebensnahen Themen, erzählt Sackmann.

"Wir haben ein ökonomisches Projekt, dass sich mit der Entwicklung regionaler Lohnunterschiede beschäftigt. Ich selber hab ein Projekt, dass sich mit dem Thema Migration und Zusammenhalt auseinandersetzt. Sowohl auf Stadtteilebene, aber auch zwischen Regionen. Und wir haben auch Transferprojekte, wo wir uns zum Beispiel mit Infrastrukturgenossenschaften beschäftigen. Wo Pädagogen sich mit Sozialkundeunterricht beschäftigen."

Ehemaliger Osten: Diktatur- und Nachwendeerfahrung prägt Misstrauen

Erste Erkenntnisse haben die Wissenschaftler*innen des Instituts bereits. Eine bundesweite Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass der Zusammenhalt in ostdeutschen Dörfern, Mittelstädten und Städten etwas niedriger ist als im Rest der Republik. Das liege vor allem daran, dass die Menschen in Ostdeutschland etwas misstrauischer seien, erklärt Reinold Sackmann: "Weil zum einen lange Zeit Diktaturerfahrungen gemacht worden sind, die bestimmte Folgen haben. Aber auch das Nachwendegeschehen ist nicht immer besonders freundlich gewesen oder so, dass man das Gefühl hatte, hier wird auf die Leute gehört."

Gleichzeitig, betont Sackmann, habe sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gerade wirtschaftlich auch vieles in Ostdeutschland zum Positiven entwickelt. Doch Zusammenhalt sei ein Phänomen der Dauer. Vertrauen und das Gefühl der Teilhabe entstünden nicht über Nacht. Es brauche Jahrzehnte, ehe sich diese Effekte einstellen.

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