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Eine Reihe von Nebenwirkungen der Impfungen haben wahrscheinlich nichts mit den Impfstoffen zu tun, sondern werden wohl von den negativen Erwartungen der Geimpften ausgelöst. Das legt eine neue Studie aus den USA nahe. (Symbolfoto: Archiv). Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

NoceboCorona-Impfungen: Jede zweite Impf-Nebenwirkung nur ein Placebo-Effekt

Stand: 05. Februar 2022, 16:56 Uhr

Ein systematischer Vergleich der Impf- und Placebogruppen bei den Corona-Impfstoff-Tests zeigt: Auch bei den Geimpften gehen viele Nebenwirkungen auf Placebo-Effekte zurück. Grund sind wahrscheinlich geschürte Ängste.

Das Pillen, die nur Zucker enthalten und Spritzen mit Kochsalzlösung mitunter starke Wirkungen bei den Empfängern auslösen, ist in der Medizin lang bekannt. Was den Placebo-Effekt auslöst – ob es die Erwartungen der Menschen sind oder unterbewusste Vorgänge in der Beziehung zwischen Patienten und Ärzten – ist in der Forschung zwar noch umstritten. Doch die Stärke dieser Effekte lässt sich relativ genau bestimmen, wenn Studien so gestaltet sind, wie es bei der klinischen Erprobung der Corona-Impfstoffe geschehen ist. Denn bei allen in den USA und Europa zugelassenen Covid-19-Impfungen wussten die Versuchspersonen bei den Phase-3-Tests nicht, ob sie Impfstoff oder nur ein Placebo – also eine Spritze mit Kochsalzlösung erhalten hatten.

Nocebo: Ein Drittel der Placeboempfänger erlebt negative Impf-Nebenwirkung

Ein Team von Forschern am Beth Israel Deaconess Medical Center in der US-Großstadt Boston hat zwölf Impfstoffstudien systematisch auf die beschriebenen Placeboeffekte hin ausgewertet. Insgesamt verglichen die Forscher die Daten von jeweils über 22.000 Versuchspersonen, die echten Impfstoff bekamen mit denen der Placebo-Empfänger.

Zwar waren die Anzahl beschriebener Nebenwirkungen nach der ersten Dosis signifikant höher bei denjenigen, die echten Impfstoff erhalten hatten im Vergleich zu den Placeboempfängern. Und dieser Unterschied wuchs nach der zweiten Dosis noch an. Doch waren in der Placebogruppe die erlebten Nebenwirkungen so zahlreich, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass ein im Umfang vergleichbarer Effekt auch in der Impfgruppe aufgetreten ist.

Im Schnitt klagte über ein Drittel der Placeboempfänger (rund 35 Prozent) nach der ersten Dosis über sogenannte systemische Nebenwirkungen, also Effekte, die den ganzen Körper betrafen und nicht nur die Einstichstelle. Am häufigsten berichteten sie Kopfschmerzen (19,6 Prozent) und Fatigue (16,7 Prozent). Bei den Impfstoffgruppen berichteten 46 Prozent mindestens eine systemische Nebenwirkung. Zwei Drittel erlebten lokale Effekte wie Schmerzen an der Einstichstelle.

Jede zweite Impf-Nebenwirkung wahrscheinlich nicht durch Impfstoffe ausgelöst

Auf Basis des Vergleichs der Daten beider Gruppen errechneten die Forscher den Anteil der Placeboeffekte, die wahrscheinlich in der Impfstoffgruppe aufgetreten sind. Demnach könnten rund 76 Prozent der beschriebenen systemischen Nebenwirkungen sogenannte Nocebos gewesen sein, also negativ erlebte Wirkungen, die nicht vom Impfstoff, sondern den Erwartungen der Versuchspersonen ausgelöst wurden.

Nach der zweiten Dosis sank in der Placebogruppe der Anteil der Versuchspersonen, die systemische Nebenwirkungen berichteten leicht von 35 auf 32 Prozent. Bei den Geimpften nahmen die Berichte zu, hier erlebten nun 61 Prozent systemische und 73 Prozent lokale Nebenwirkungen. Durch die rechnerische Analyse ergibt sich aus Sicht der Forschenden aber nach wie vor ein Nocebo-Effekt von fast 52 Prozent. Im Klartext: Jede zweite Nebenwirkung bei den Geimpften hatte wahrscheinlich nichts mit dem Impfstoff zu tun.

Forscher: Mehr Aufklärung über Placebo-Effekte notwendig

Ted Kaptchuk, Chef des Programms für Placebo-Studien an der Klinik, glaubt, dass die Informationsbroschüren zur Impfung eine Rolle spielen. "Wir können zeigen, dass unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen oder Abgeschlagenheit besonders oft auf Nocebo-Effekte zurückgehen. Solche Symptome werden aber in den Begleitbroschüren zur Impfung als besonders häufig auftretende Nebenwirkung genannt. Das könnte dazu führen, dass Patienten gewöhnlich auftretende Ereignisse wie Kopfschmerzen fälschlicherweise der Impfung zuschreiben oder dass sie ihren Körper nach der Impfung übergenau beobachten."

Es sei auf Sicht der Autoren allerdings keine gute Idee, eventuelle Nebenwirkungen künftig zu verschweigen. Das würde das Vertrauen in die Medizin erheblich beschädigen. Jedoch sei eine bessere Information über Placebo-Effekte notwendig. Andere Studien hätten bereits gezeigt, eine vollumfängliche Aufdeckung einer Placebo-Behandlung könne den Nocebo-Effekt reduzieren.

(ens)

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