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KlimawandelZweifel am Klimawandel: Veräppeln sich die Menschen selbst?

26. Februar 2024, 13:17 Uhr

Die Wissenschaft ist sich einig – rund um den Globus. Und trotzdem leugnen einige Menschen den Klimawandel. Wie kann das sein? Also, immer noch sein? Ein naheliegender Grund fällt schon mal weg, zeigt aktuelle Forschung.

Also bei Galileo Galilei hat es gute vierhundert Jahre gedauert, bis die letzten großen Zweifel aus der Welt geschafft waren – und 1992 schließlich auch die Katholische Kirche offiziell eingestand, dass unser Planet eine Kugel ist und jahrein, jahraus um die Sonne kreist. Aber vielleicht ist die Erde ja bald wieder eine Scheibe. So, wie die Menschheit sie gerade plattmacht, wird’s nicht mehr lange dauern.

Oder es gelingt auch den letzten Zweifelnden, sich modernen wissenschaftlichen Konsens anzunehmen. Denn vierhundert Jahre, wie zwischen den Schaffensjahren Galileis und dem Einlenken der Kirche, bleiben nun leider nicht, bis in Deutschland Durchschnittstemperaturen herrschen wie in Galileis toskanischer Heimat. Uneinsichtigkeit macht den Klimaschutz nicht gerade flotter. Die Zweifel am Klimawandel halten sich aber nach wie vor hartnäckig und um die Erwartungen gleich zu dämpfen: Wir werden in den nächsten Absätzen nicht abschließend klären können, warum Menschen den Klimawandel leugnen. Irgendwann will man ja auch mal Feierabend machen.

Dieser Text erschien zuerst im MDR Klima-Update #129💌 Kostenlos: Abonnieren Sie das MDR Klima-Update und haben Sie bei Klimafragen immer die Nase vorn!

Aber wir versuchen der Sache über das Ausschlussverfahren näherzukommen. Jüngerer Anlass ist eine Untersuchung, die mit einem interessanten Experiment untersucht hat, welche Prozesse bei der Verharmlosung der Klimakrise eine Rolle spielen. Die Forschung ist deutsch, die Probandinnen und Probanden kommen aber aus dem Land, in dem die Leugnung des Klimawandels sowas wie Tradition hat, den USA.

Verharmlosung des Klimawandels durch Politik, Wirtschaft, Angst, Filterbubble

Es gibt allerlei Ursachen, die man als Grundlage jeder ambitionierten Verharmlosung des Klimawandels sehen kann. Politische und wirtschaftliche Interessen zum Beispiel. Da wäre etwa die raffinierte (😏) Ölindustrie, die bereits seit den Siebzigern Bescheid wusste und die Auswirkungen, fossile Energieträger zu verbrennen, aktiv herunterzuspielen wusste. Aber auch Angst und damit einhergehende Verdrängung können eine Rolle spielen – oder ganz banale Falschinformationen. Unterm Strich ist es in vielen Fällen wahrscheinlich eine Gemengelage aus mehreren Faktoren, die dazu führen, weltweiten wissenschaftlichen Konsens von der Hand zu weisen.

In den Vereinigten Staaten sind es immerhin 15 bis 20 Prozent, die das tun und den Klimawandel leugnen oder zumindest massiv herunterspielen. In Deutschland zeichnet sich ein leicht entspannteres, wenn auch nicht ganz einheitliches Bild: Der ARD-Deutschlandtrend kam 2019 zu dem Ergebnis, dass 86 Prozent der Deutschen überzeugt sind, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Dem stimmten sogar sechzig Prozent der AfD-Anhängerinnen und -Anhänger zu, obwohl die Partei zu diesem Zeitpunkt in ihrem Europawahlprogramm am Menschen als Ursache für die Erderwärmung zweifelte. In einer weiteren Deutschlandtrend-Umfrage aus dem Frühjahr 2023 wurde die Klimakrise sogar als wichtigstes Problem der deutschen Politik identifiziert. Gleichzeitig zeigte eine Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Sommer 2022, dass ein Viertel der über 2000 befragten Deutschen der Verschwörungs-Idee etwas abgewinnen können, Forschende würden den Klimawandel übertreiben, um mehr Geld und Anerkennung zu erhalten.

Bildrechte: MDR WISSEN

Dieses Viertel deckt sich mit den Erkenntnissen einer YouGov-Befragung, was die Ablehnung des menschengemachten Klimawandels betrifft (siehe Grafik). Eine repräsentative Befragung des Umweltbundesamts kam indes zu dem Schluss, dass 91 Prozent der Befragten prinzipiell einen umwelt- und klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft befürworteten. Aber neun fehlende Prozent sind im bevölkerungsreichen Deutschland eben auch eine ganze Menge.

Zurück nach Übersee. In den USA, in denen der inländische Fernverkehr hauptsächlich durch die Luftfahrt bestritten wird und der Wasserhahn beim Zähneputzen vorsätzlich offen bleibt, liegt für die neue Forschung neben den eingangs genannten eine weitere Vermutung nahe, warum Menschen nichts von Klimawissenschaft halten: Selbsttäuschung. "Es fällt mir leichter, einen großen SUV zu fahren, wenn ich gar nicht so richtig an den Klimawandel glaube. Also im Grunde handelt es sich dann dabei um eine Ausrede, um mein eigenes Verhalten besser rechtfertigen zu können." Das sagt Florian Zimmermann, der an der Uni Bonn dazu forscht, wie sich Menschen in bestimmten Wirtschaftsszenarien verhalten. Zimmermann und Team wollten wissen, wie diese Selbsttäuschung dazu führen kann, den Klimawandel zu leugnen.

Klimaschutz: Geld spenden oder Geld einstecken?

Genauer gesagt: Wenn sich Menschen klimaschädlich verhalten, müssen sie dann die Selbsttäuschung als Werkzeug nutzen, um ihr Verhalten zu rechtfertigen – und sich schließlich selbst davon überzeugen, dass es den Klimawandel nicht gibt? Diese Hypothese stand zumindest am Anfang der Forschung, an der 4.000 US-Amerikanerinnen und -Amerikaner beteiligt waren. Die Testpersonen mussten sich einer, sagen wir mal überschaubar komplexen, Aufgabe stellen: Zur Verfügung standen vierzig Dollar. Jetzt galt es sich zu entscheiden, welcher von zwei recht ähnlichen Klimaschutzorganisationen diese vierzig Dollar als Spende zugeführt werden. Die Testpersonen wurden in zwei Gruppen unterteilt, wobei die eine einen zusätzlichen Joker ziehen konnte: Sich das Geld selbst einstreichen.

Nach wie vor leugnen viele Menschen den Klimawandel Bildrechte: imago/Westend61

Genau. Es stand einigen Probandinnen und Probanden offen, die bereits festgelegte Spendenabsicht zu torpedieren. Zimmermann: "Die Idee dahinter ist, dass sie das nur guten Gewissens machen können, wenn sie eine Ausrede dafür haben. Eine Ausrede, die den Klimawandel runterspielt oder ein Stück weit leugnet, dass der Klimawandel tatsächlich menschengemacht ist." Die Forschenden wollten nun wissen, ob die Aussicht auf die Spende eine sogenannte kognitive Dissonanz im Oberstübchen erzeugt. Beispiel vom Anfang: "Nehmen Sie jemanden, der eben wahnsinnig gerne einen großen SUV fährt. An sich ist diese Person durchaus überzeugt, dass der Klimawandel menschlich gemacht ist." Aber da ist ja eben dieser verdammt große Wunsch, dieses verdammt große Auto zu fahren, auch wenn die Person weiß, dass das hinsichtlich Klimawandel keine gute Idee ist. An dieser Stelle wird’s dissonant im Kopf: "Wie ich diese Dissonanz jetzt reduzieren kann, ist eben, dass ich mir einrede: Na ja, wer weiß das schon so ganz genau mit dem Klimawandel."

Eigenen Vorteil schaffen heißt nicht Leugnung des Klimawandels

Statt einen SUV im Carport gab’s im Experiment eben vierzig Dollar auf die Hand. (Das reicht im Billigsprit-Land USA immerhin fast für eine SUVsche Tankfüllung!) Nun galt es durch Vergleiche mit der zweiten Gruppe herauszufinden, ob Selbsttäuschung ein gängiges Werkzeug ist, klimaschädliches Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen. Um das zu ermitteln, brauchten Zimmermann und Team eine Art Maß und zogen eine Studie heran, die untersucht hat, wie sicher sich Klimaforschende wirklich sind, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Vorab: Die Studie untermauert, dass es keine Zweifel gibt. Aber vielleicht bei den Probandinnen und Probanden. Die kannten das Ergebnis der Studie nicht und mussten nun abschätzen, wie viele Forschende sich wirklich sicher sind. Lagen sie richtig, winkte eine kleine Bonuszahlung – sozusagen als Goodie, um realistische Antworten zu geben. Daran ließ sich messen, wie viele Menschen wirklich den menschengemachten Klimawandel infrage stellten.

Es fällt mir leichter, einen großen SUV zu fahren, wenn ich gar nicht so richtig an den Klimawandel glaube.

Florian Zimmermann | Uni Bonn

Und siehe da: Ein Vergleich der Ergebnisse der beiden Gruppen führte dazu, dass die Forschenden ihre Hypothese mit der Selbsttäuschung nicht bestätigen konnten. "Wir haben keine Evidenz gefunden, dass Menschen, die sich zu ihrem eigenen Vorteil entscheiden, dem Klima zu schaden, eher geneigt waren, den Klimawandel zu leugnen", sagt Florian Zimmermann, der darüber erstmal überrascht war. Das bedeutete zwar nicht, dass es keine Fehlwahrnehmung hinsichtlich Klimawandel gebe, "es scheint nur nicht so zu sein, dass diese Fehlwahrnehmung jetzt daher resultieren, dass die Menschen eine Ausrede für ihr klimaschädliches Verhalten suchen."

Politische Polarisierung reduzieren statt verstärken

Wäre Selbsttäuschung aber tatsächlich ein sehr wichtiger Faktor für die Leugnung des Klimawandels, hätten Politik und Gesellschaft ein dickes Problem, also noch eins. Denn Menschen sind äußerst gut darin, sich selbst zu täuschen, betont Zimmermann. Er und das Team konnten vielmehr sehen, dass das Leugnen des Klimawandels mit politischen Präferenzen in Zusammenhang steht, es also Teil der politischen Identität sein könnte. Und ein festgelegtes Meinungsbild, das zu einer politischen Identität gehört, lässt sich nicht mal eben verändern. Das kennen wir auch aus anderen Lagern, zum Beispiel die Ablehnung von neuen Verfahren der Genomeditierung (Grüne Gentechnik) bei Menschen mit links-grüner oder die Ablehnung eines Tempolimits auf bundesdeutschen Autobahnen mit liberal-konservativer Identität.

"Es spricht viel dafür, als Gesellschaft die politische Polarisierung zu reduzieren, statt sie noch zu verstärken", sagt Florian Zimmermann. Denn eine Polarisierung stärkt wiederum die verschiedenen Identitäten – was wenig hilfreich klingt. Eine Leugnung des Klimawandels zu verhindern, beginnt also damit, herauszufinden, wie sich politische Fronten enthärten lassen. So einfach ist das. Oder so kompliziert.

Links/Studien

Die Studie A representative survey experiment of motivated climate change denial erschien am 2. Februar 2024 im Fachblatt Nature Climate Change.

DOI: 10.1038/s41558-023-01910-2

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 24. Februar 2024 | 14:00 Uhr

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