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Gedenktag 17. Juni 1953Protest und Tote

09. Juni 2023, 13:46 Uhr

Am 17. Juni 1953 protestierten hunderttausende Menschen überall in der DDR. Die SED hatte die Arbeitsnorm erhöht - doch die Löhne blieben niedrig. Der Protest entwickelt sich zum Volksaufstand und aus ursprünglich wirtschaftlichen Forderungen werden politische. Mit Hilfe sowjetischer Panzer wird der Aufstand niedergeschlagen. Über 50 Menschen werden direkt im Zusammenhang mit dem Aufstand getötet. Gegen mehr als 1.500 Menschen werden hohe Freiheitsstrafen verhängt, davon dreimal lebenslänglich.

Nur wenige Jahre nach ihrer Gründung stand die DDR beinahe vor ihrem Ende. Aus einem Arbeiterprotest entwickelte sich im Juni 1953 innerhalb von wenigen Stunden ein politischer Volksaufstand. Es war ein Schlüsselereignis in der frühen deutsch-deutschen Geschichte. Während in der Bundesrepublik das Wirtschaftswunder begann, steckte die DDR in einer schweren wirtschaftlichen Krise.

Aufbau des Sozialismus in der DDR

Die Neuordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft wurde in der DDR nach sowjetischem Vorbild vorangetrieben. Unter der Führung der SED wurde der Sozialismus sowjetischer Prägung seit Staatsgründung in allen Lebensbereichen durchgesetzt. Zur offiziellen Politik erklärt wurde der "Aufbau des Sozialismus" allerdings erst 1952. Mit Zustimmung Moskaus verkündete Walter Ulbricht, Generalsekretär des ZK, den "planmäßigen Aufbau des Sozialismus" und beschleunigte damit bereits begonnene Maßnahmen wie die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Verdrängung des privaten Mittelstands, den Kampf gegen die Kirche und den Ausbau der Schwerindustrie.

Klassenkampf und Enteignung

Ein Jahr zuvor, im Juli 1952, hatte die SED auf ihrer II. Parteikonferenz eine "Verschärfung des Klassenkampfes" eingeleitet und eine Reihe von Maßnahmen erlassen, die sich nicht nur gegen Mittelstand, Bauern und Christen richteten, sondern schließlich zum Absinken des Lebensstandards und einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage führten.

In Übereinstimmung mit den Vorschlägen aus der Arbeiterklasse [...] hat das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei beschlossen, [...] dass in der Deutschen Demokratischen Republik der Sozialismus planmäßig aufgebaut wird.

Walter Ulbricht, SED-Chef

So notierte das Protokoll die Worte des Generalsekretärs Walter Ulbricht auf der Parteikonferenz. Ulbricht und die Genossen ahnten nicht, dass ihr "planmäßiger Aufbau" des Sozialismus nach sowjetischem Vorbild einen Volksaufstand nach sich ziehen würde.

Arbeitsnormen werden erhöht - und damit Löhne gekürzt

Der auf der Parteikonferenz beschlossene "verschärfte Klassenkampf" führte die DDR innerhalb weniger Monate in eine Versorgungskrise. Es kriselte in der Produktion und die Stimmung im Land war schlecht. Dafür gab es viele Gründe: Der einseitige Ausbau der Schwerindustrie ging auf Kosten der Konsumgüter- und Lebensmittel-Produktion. Die Landwirtschaft wurde kollektiviert. Handwerker und mittelständische Privatunternehmer erlebten Druck und steuerliche Zwangsmaßnahmen. Zusätzlich entzog der Aufbau der kasernierten Volkspolizei der Wirtschaft Arbeitskräfte.

Aufbau des Sozialismus in der DDR: Die "werktätigen Bauern" sollen mit diesem Agitationsplakat noch 1958 für die "sozialistische Großlandwirtschaft" gewonnen werden. Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig

1953 war die Lage in der DDR so schlecht, dass Partei und Regierung nur eine Möglichkeit sahen, um eine Versorgungskatastrophe abzuwenden: Es musste mehr produziert werden. Ende Mai erhöhte das Zentralkomitee der SED den Druck auf die Arbeiter und beschloss eine Anhebung der Arbeitsnormen um 10,3 Prozent. Die Mehrarbeit kam einer Lohnkürzung gleich.

Misswirtschaft führt zu Protesten

Mit dieser Politik brachte die Parteiführung nicht nur die eigene Bevölkerung gegen sich auf, sie alarmierte auch die neue sowjetische Führung, die nach Stalins Tod im März 1953 eine Destabilisierung der DDR fürchtete. Denn in den Monaten vor dem Volksaufstand hatten Zehntausende die DDR verlassen, um den Repressionen zu entgehen.

Die Sowjetunion verlangte angesichts der Krise die Rücknahme einiger der beschlossenen Maßnahmen zum "Aufbau des Sozialismus". Daraufhin machte die SED Zugeständnisse und verkündete am 11. Juni den "Neuen Kurs". Er sollte die harte Linie korrigieren und den Klassenkampf entschärfen. Einige der Maßnahmen wurden zurückgenommen. Die SED versprach, die Preise zu senken, die Versorgung zu verbessern sowie Enteignungen von Handwerks- und Landwirtschaftsbetrieben zurückzunehmen. Von der kurz zuvor verordneten Normerhöhung war allerdings nicht die Rede, die erwartete Rücknahme blieb aus. Der Zorn der Arbeiter wuchs.

In der aufgeheizten Stimmung erschien am 16. Juni in der Gewerkschaftszeitung "Tribüne" ein Beitrag des stellvertretenden FDGB-Vorsitzenden, der die Normerhöhung verteidigte. Provoziert von diesem Artikel formierte sich am Vormittag ein Protestzug von Bauarbeitern in der Berliner Stalinallee, der Vorzeigebaustelle des Nationalen Aufbauprogrammes.

Der Versöhnungsvorschlag kommt zu spät

Der Versuch des SED-Politbüros, die Stimmung zu besänftigen, kam zu spät. Am Mittag hatte es die Erhöhung der Arbeitsnormen rückgängig gemacht, doch der Protest richtete sich nun auch gegen die Regierung. Gegen 14 Uhr forderte die auf 10.000 Menschen angewachsene Menge vor dem Haus der Ministerien nicht nur die Rücknahme der Normerhöhung, sondern den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Mit einem Lautsprecherwagen machten die Demonstranten ihre Forderungen bekannt und riefen zum Generalstreik am nächsten Tag auf. Während sich der DDR-Rundfunk in Schweigen hüllte, berichtete der in West-Berlin beheimatete Rundfunksender RIAS ausführlich über die Proteste. So erfuhr auch die Bevölkerung im Rest der DDR von den Vorkommnissen in der Hauptstadt.

Arbeiter aller Industriezweige Ostberlins forderten in den Abendstunden besonders nachdrücklich, dass die Ostberliner sich am Mittwoch früh um 7 Uhr am Strausberger Platz zu einer gemeinsamen Demonstration versammeln sollen. Diese Ankündigungen und Aufrufe wurden von verschiedenen Demonstrationsgruppen bekannt gegeben. Vertreter der Arbeiter und anderer Gruppen der Ostberliner Bevölkerung hoben hervor, dass die Bewegung weit über Ostberlin und über den Rahmen einer Protestdemonstration gegen die Normerhöhung hinausgegangen sei.

RIAS-Meldung am 16/17. Juni 1953

Was geschah am 17. Juni 1953?

Eine der Losungen des 17. Juni 1953, mit denen die Demonstrierenden durch Berlin zogen: "Freie Wahlen". Bildrechte: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Tags darauf, am 17. Juni, brannte die Republik. Erneut versammelten sich die Arbeiter der Stalinallee. Auch Bauarbeiter anderer Großbaustellen und Betriebe schlossen sich an. Ohne zentrale Koordination versammelten sich in 701 Städten und Gemeinden über eine Million Menschen, zahlreiche Betriebe wurden bestreikt.

Die Demonstranten stellten mittlerweile weitere politische Forderungen: "Weg mit Ulbricht", Auflösung der kasernierten Volkspolizei, Pressefreiheit und die Einheit Deutschlands. Es kam zu Ausschreitungen, SED-Symbole und Transparente wurden abgerissen und teilweise verbrannt, SED-Funktionäre verprügelt. Parteichef Walter Ulbricht und Ministerpräsident Otto Grotewohl flohen in das Hauptquartier der Sowjetischen Streitkräfte nach Berlin-Karlshorst.

Proteste auch in Mitteldeutschland

Arbeitnehmer im Süden der DDR wie in Halle und Leipzig, Dresden, Gera, Merseburg und Görlitz schlossen sich am Morgen den Forderungen der Berliner Demonstranten an und versammelten sich zu großen Protestumzügen. Besonders in den Industriegebieten um Halle, Leipzig und Gera und in Berlin kam es zu schweren Auseinandersetzungen.

Der SED drohte die Macht vollkommen zu entgleiten. Mancherorts wurden Parteizentralen, Stadtverwaltungen und Gefängnisse gestürmt, überwiegend politische Gefangene unter dem Jubel der Demonstranten freigelassen. Die Sicherheitskräfte des Staatsapparates schienen meist wie gelähmt. Nur an einigen Orten griff die DDR-Polizei zur Schusswaffe und feuerte auf Demonstranten. Erste Tote waren zu beklagen.

Die ursprünglich von großen Industriebetrieben ausgehenden Unruhen griffen auch auf kleine Städte und Gemeinden und die Landbevölkerung über. In Mühlhausen demonstrierten rund 2.000 Bauern. Am Ende erfasste der Volksaufstand mehr als 560 Orte in der DDR. Aus der Unzufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen Situation war eine Generalabrechnung mit der Diktatur der SED geworden.

Panzer gegen Demonstranten

Bereits in der Nacht hatten sowjetische Truppen strategische wichtige Plätze besetzt, hielten sich aber noch zurück, da sich die Demonstrationen nirgendwo gegen die Besatzungsmacht selbst richteten. Gegen 13 Uhr verhängte die sowjetische Besatzungsmacht im Ostsektor von Berlin und in weiten Teilen des Landes das Kriegsrecht. Am späten Nachmittag fuhren in den Städten sowjetische Panzer auf. Zuerst gaben die russischen Soldaten Warnschüsse ab, später schossen sie auch in die Menge. Viele Demonstrationszüge zerstreuten sich beim Anrollen der Panzer. Bei der Räumung fuhren die Panzer auch in Menschenmengen hinein. Die Demonstranten konnten nur mit Schmährufen, Knüppeln und Steinen antworten.

Wie viele DDR-Bürger sich rund um den 17. Juni an den Demonstrationen und Streiks beteiligten, ist bis heute unklar. Die Angaben schwanken zwischen 400.000 und 1,5 Millionen Menschen. Keine genauen Zahlen gibt es auch zu den Todesopfern. Schätzungen liegen zwischen 50 und 125 Toten. Hunderte Demonstranten wurden verletzt. Auf Seiten der DDR-Polizei gab es fünf Tote bei den teilweise gewaltsamen Erstürmungen von Gefängnissen.

Landesweite Verhaftungen

Leipzig am 17. Juni 1953: Sowjetische Panzer auf dem Marktplatz. Bildrechte: dpa

Nach der Niederschlagung des Aufstandes folgte eine landesweite Welle von Verhaftungen und Gerichtsurteilen. Bis zu 15.000 Menschen wurden - oft willkürlich - festgenommen. Sowjetische Militärtribunale und DDR-Gerichte verurteilten eine große Zahl angeblicher Rädelsführer. Bis Januar 1954 verhängten allein DDR-Gerichte mehr als 1.500 zum Teil langjährige Haftstrafen und zwei Todesstrafen. Auch die sowjetischen Militärtribunale verhängten Strafen von bis zu 25 Jahren Gefängnis. Fünf Männer wurden von der Roten Armee zum Tode verurteilt und hingerichtet. Verurteilte des 17. Juni wurden auf ihrer Anstaltskleidung durch ein großes "X" kenntlich gemacht und in der Haft oft besonders schlecht behandelt. Die Angst vor dem Verlust der Macht führte zu einem Ausbau des Repressivapparates, der bis zum Ende der DDR 1989 ständig verstärkt wurde.

Die "gescheiterte Revolution"

Der 17. Juni 1953 blieb für die DDR-Führung bis 1989 ein traumatisches Ereignis. Sie machte den Westen für den Aufstand verantwortlich und log den Volksaufstand zu einem "faschistischen Putsch" um. In der Bundesrepublik wurde der 17. Juni bis 1990 als "Tag der deutschen Einheit" begangen. Unter Historikern war es lange umstritten, ob besser "nur" von einem Arbeiteraufstand oder von einem Volksaufstand zu sprechen sei.

Obwohl die Arbeiterschaft die Hauptkraft der Bewegung bildete, beteiligten sich auch Bauern, Handwerker, Angestellte, Selbstständige und Studenten an den Protesten. Mittlerweile sieht die Forschung die Massenbewegung des 16./17. Juni 1953 als Volkserhebung für Einheit und Freiheit und spricht von einer "gescheiterten Revolution" gegen das totalitäre System.

Gedenkveranstaltungen zum 17. Juni 1953 | Auswahl (bitte aufklappen)

Altenburg, 19.06.2023, 18:00 Uhr
Volkshochschule Altenburg, Hospitalplatz 6: Vortrag "Der 17. Juni 1953 im Altenburger Land"

Asbach-Sickenberg, 18.06.2023, 15:00 Uhr
Grenzmuseum Schifflersgrund, Platz der Wiedervereinigung 1: Gedenkveranstaltung mit den Ministerpräsidenten von Hessen und Thüringen, Zeitzeugenbericht

Bautzen, 17.06.2023, 16:00 Uhr
Gedenkort "Karnickelberg" Bautzen: Festakt des Bautzen-Komitee e. V. gemeinsam mit der Stadt Bautzen und der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, mit der Uraufführung des eigens dafür komponierte Musikstücks "Memento"

Berlin, 17.06.2023, 11:00 Uhr
Mahnmal für die Opfer des Volksaufstandes auf dem Friedhof Seestraße: Gedenkveranstaltung der Bundesregierung mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Olaf Scholz

Chemnitz, 17.06.2023, 11:00 Uhr
Mahnmal für die Opfer des Stalinismus, Gedenkveranstaltung mit Bundespräsident a. D. Joachim Gauck

Erfurt, 17.06.2023, 10:00 Uhr
Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Andreasstraße 37a

Jena, 17.06.2023, 13:30 Uhr
Stadtführung auf den Spuren des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953, Treffpunkt: Hanfried-Denkmal, Marktplatz

Jena, 17.06.2023, 16:00 Uhr
Schillerhof-Kino, Helmboldstraße 1: filmische Zeitzeugendokumentation "Der 17. Juni 1953 in Jena" mit anschließender Diskussion

Leipzig, 16.06.2023, 19:00 Uhr
Zeitgeschichtliches Forum, Grimmaische Str. 6: Szenische Lesung mit Zeitstimmen: "Panzer gegen die Freiheit – 17. Juni 1953"

Weißenfels, 17.06.2023, 15:00 Uhr
Ratssaal, Am Kloster: Gedenkveranstaltung der Stadt Weißenfels und der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt mit Einweihung eines Gedenksteins, Filmvorfürung und Ausstellungsbesichtigung

Wernigerode, 17.06.2023, 14:30 Uhr
Bürger- und Miniaturenpark, Dornbergsweg 27: "Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in Wernigerode" mit Vortrag, Lesung und Podiumsdiskussion (wird auch auf Facebook und Youtube übertragen)

Dieser Artikel erschien erstmals im Juni 2011 und wurde im Juni 2023 aktualisiert.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | Aufstand und Protest - Für welche Ideale lohnt es sich zu kämpfen | 11. Juni 2023 | 22:00 Uhr