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Feuerwehrleute kämpfen mit Bränden, Unfällen und anderen Katastrophen. Immer häufiger müssen sie sich aber auch mit Anfeindungen und Drohungen herumschlagen. Bildrechte: IMAGO / Tim Oelbermann

Reaktion auf GastbeitragFeuerwehrleute erleben Beschimpfungen und beklagen vermeidbare Einsätze

von Alexander Laboda, MDR AKTUELL

Stand: 06. August 2022, 05:00 Uhr

Leichtsinn, Dummheit und Respektlosigkeit erschwerten immer stärker die Arbeit der Feuerwehr, schrieb vergangene Woche Feuerwehrmann Jörg Färber in einem Gastbeitrag bei MDR AKTUELL. Der Text stieß auf großes Interesse. Doch was ist dran an den Vorwürfen?

Jörg Färber, Hauptbrandmeister und Notfallsanitäter, ging in einem Gastkommentar auf MDR.de hart mit seinen Mitbürgern ins Gericht. Die meisten Einsätze seien auf "Leichtsinn, Dummheit, Respektlosigkeit" zurückzuführen. "Verständnis begegnet uns selten, Beleidigungen und Androhungen körperlicher Gewalt sind dagegen keine Seltenheit mehr", beschrieb der als Co-Moderator im MDR-Fernsehen bekannte Feuerwehrmann die Zustände. Doch wie schwierig sind die Einsatzbedingungen tatsächlich? Ist der Umgang mit den Einsatzkräften derart verroht?

Feuerwehrleute aus Mitteldeutschland bestätigen Färbers Wahrnehmungen größtenteils, wie eine MDR-Umfrage zeigt. Um ein Meinungsbild zu erhalten, wurden mehr als 60 Wehren angeschrieben, die sich in den vergangenen beiden Jahren an der Aktion "Fit wie die Feuerwehr" im MDR-Fernsehen beteiligten. In mehreren Fällen beklagen die Kameradinnen und Kameraden fehlende Wertschätzung, unnötige Einsätze sowie Beleidigungen bis hin zu körperlichen Angriffen.

Pöbeln wegen Stau, Eskalation bei Osterfeuer

"Pöbeleien gehören zu fast jedem Einsatz dazu", schreibt etwa Lars Roschkowski, Stadtwehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr in Calbe/Saale im Salzlandkreis. Dabei gehe es zum Beispiel um wütende Autofahrer, die im Stau stehen, weil vor ihnen ein schwerer Unfall passiert ist. Pöbeln würden aber auch Jugendliche, die "nicht nah genug an einen Brandort herankönnen, um Bilder mit ihrem Handy zu machen."

Pöbeleien gehören zu fast jedem Einsatz dazu.

Lars Roschkowski | Stadtwehrleiter Freiwillige Feuerwehr Calbe/Saale

Manche Einsätze eskalieren, wie Roschkowski berichtet. An Silvester seien sie schon aus einer Menschenmenge heraus mit Farbpistolen beschossen worden. "Oder bei einem Osterfeuer wurde ein Kamerad aus dem Nichts heraus ins Gesicht geschlagen, nur weil wir das illegal angezündete Osterfeuer runterbrennen lassen wollten."

Wenn Feuerwehreinsätze zu Straßensperrungen führen, kommt es nach Berichten von Feuerwehrleuten häufig zu Beschimpfungen. Bildrechte: IMAGO/Kirchner-Media

Benjamin Rödl von der Freiwilligen Feuerwehr im sächsischen Wurzen erlebt ebenfalls "viel Belästigung an Einsatzstellen". Als Beispiel führt auch er Absperrungen an. Kaum sei eine Bundesstraße für fünf Minuten nicht befahrbar, werde man belästigt. "Oder die Kraftfahrzeugführer fahren halt einfach um deine Absperrung herum." Ein anderes Problem seien Schaulustige. Erst kürzlich hätten Unbeteiligte bei einem Dachstuhlbrand nichts Besseres zu tun gehabt, als die Einsatzfahrzeuge zu besichtigen.

Grünschnitt verbrennen im ausgetrockneten Garten

Leichtsinn und mithin vermeidbare Einsätze beklagen die Feuerwehrleute ebenfalls. "Meines Empfindens nach gehen viele Menschen tatsächlich fahrlässiger mit gefährlichen Situationen um", schreibt Marcus Brune von der Freiwilligen Feuerwehr Westdorf, einem Ortsteil von Aschersleben. Ursachen für Brände würden oft auf der Hand liegen: "Auf der Fahrt entsorgte und nicht erloschene Zigarettenkippen, Lagerfeuer trotz Waldbrandgefahrstufen, nicht angemeldetes und verbotenes Verbrennen von Gartenabfällen etc." In Erinnerung geblieben sei ein Einsatz aus dem Jahr 2020, bei dem ein Mann in einer Feuertonne Grünschnitt verbrannte, "inmitten eines bewachsenen und trockenen Gartens". Das Feuer habe sich rasch ausgebreitet, mehrere Bäume und etliche Quadratmeter Grasland hätten in Flammen gestanden.

Unnötig verursachte beziehungsweise sinnlos ausgelöste Einsätze nehmen definitiv zu.

Marleen Hartung | Feuerwehr Kleinrettbach

"Unnötig verursachte beziehungsweise sinnlos ausgelöste Einsätze nehmen definitiv zu", berichtet auch Marleen Hartung von der Feuerwehr Kleinrettbach nahe Erfurt. Sie moniert, dass die Einsatzkräfte oftmals wegen Kleinigkeiten gerufen würden. Als Beispiel nennt sie einen brennenden Mülleimer, wegen dem sie kürzlich hätten ausrücken müssen. "Direkt nebenan befindet sich eine Fleischereifiliale, die zu diesem Zeitpunkt auch besetzt war. Früher wäre man hingegangen, hätte nach einem Eimer Wasser gefragt und diesen in den Mülleimer gekippt."

Sächsischer Feuerwehrverband kritisiert "Pauschalzuweisungen"

Einhellig sind die Meinungen zum Gastbeitrag von Jörg Färber indes nicht. So heißt der Landesfeuerwehrverband Sachsen die Äußerungen nicht gut. "Pauschalzuweisungen von Einsatzkräften" seien fehl am Platz, sagt der stellvertretende Vorsitzende Ingolf Höntsch. "Diese Zuweisungen zudem noch mit Begriffen wie Leichtsinn, Dummheit und Respektlosigkeit in Verbindung zu bringen, steht keinem Menschen zu, einem Angehörigen der Feuerwehr gleich gar nicht." Die Brandursachenermittlung sei Angelegenheit von "Ermittlungsorganen" und im Anschluss daran von "ordentlichen Gerichten in der Bundesrepublik Deutschland".

Nach Angaben des Sächsischen Feuerwehrverbandes hat die Anzahl der Einsätze ingesamt zugenommen. Bildrechte: dpa

Höntsch räumt im Namen des Verbandes zwar ein, dass Beleidigungen gegenüber Einsatzkräften zugenommen hätten. Genaue Zahlen oder gar eine Häufung speziell in Sachsen könnten aber nicht belegt werden. Gleichwohl weist er auf mögliche Erklärungen hin, die nicht mit einem allgemeinen Verfall der Sitten zusammenhängen. So habe die Zahl der Einsätze und zugleich der Verkehr auf den Straßen zugenommen. Gerade Absperrungen stellten aber eine "massive Einschränkung betroffener Kraftfahrer" dar. "Die Umstände bei diesen sorgen dann vielfach für die Entladung von Anspannungen gegenüber den Einsatzkräften". Dies sei "absolut verwerflich, menschlich aber teilweise verständlich".

Die Feuerwehrverbände in Thüringen und Sachsen-Anhalt ließen die MDR-Anfrage unbeantwortet.

770 Straftaten gegen Feuerwehrleute in 2021

Im Gegensatz dazu weisen amtliche Statistiken und wissenschaftliche Studien auf eine bedenklichere Lage hin. So hat sich die Zahl der Straftaten gegen Rettungskräfte laut Polizeilicher Kriminalitätsstatistik bundesweit von 2012 bis 2021 mehr als verdoppelt (plus 115 Prozent). Speziell bei Feuerwehrleuten nahm die Zahl der Straftaten im selben Zeitraum um gut 53 Prozent zu. Die Polizei erfasste 2021 in Summe 3.187 Straftaten gegen Rettungskräfte, davon betrafen 770 Fälle die Feuerwehr. Am häufigsten ging es um Bedrohungen, Nötigungen und Körperverletzungen, wobei sowohl versuchte als auch vollendete Straftaten berücksichtigt wurden.

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Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema gehen davon aus, dass die Zahl der tatsächlichen Fälle viel höher liegt. So gaben in einer 2020 veröffentlichten Studie der Universität Koblenz mehr als ein Drittel der ausschließlich in Rheinland-Pfalz befragten Rettungskräfte an, in den vergangenen zwölf Monaten im Einsatz Gewalt erlebt zu haben. Bei knapp drei Vierteln von diesen Fällen handelte es sich um psychische Gewalt wie Beschimpfungen, Drohungen, Erniedrigungen, beleidigende Gebärden sowie Anschreien. Bei zwei Drittel ging es auch um physische Gewalt wie Körperverletzung, sexuelle Nötigung, Freiheitsberaubung, Behinderung der Rettungsmaßnahme oder Sachbeschädigung.

Bundesweite repräsentative Studien zum Thema existieren nicht. Als Gründe für die vermutete hohe Dunkelziffer wird indes angegeben, dass die betroffenen Einsatzkräfte sich vom Aufwand einer Anzeige wenig erhoffen, weil Verfahren ohnehin eingestellt würden. Ein weiterer Faktor seien unklare und aufwendige Meldewege.

Keine Belege für mehr grobe Fahrlässigkeit

Keine statistischen Anhaltspunkte lassen sich derweil dafür finden, dass tatsächlich mehr Feuerwehreinsätze auf Leichtsinn, Dummheit oder Respektlosigkeit zurückgehen. Laut der "Ursachenstatistik Brandschäden" des Instituts für Schadenverhütung und Schadenforschung der öffentlichen Versicherer (IFS) löste menschliches Fehlverhalten vergangenes Jahr lediglich 21 Prozent der Brände aus. Weitere bedeutende Ursachen waren "Elektrizität" (32 Prozent), "Überhitzung" (10 Prozent) und Brandstiftung" (9 Prozent).

Wie es zu Bränden kommt, inbesondere zu Waldbränden, kann im Nachhinein oftmals nicht geklärt werden. Bildrechte: dpa

Bei fast jedem fünften Brand (19 Prozent) ist die Ursache unklar. Für die Statistik wurden 2.000 Ermittlungen von Brandursachen durchgeführt, hauptsächlich bei Gebäudeschäden. "Die relative Verteilung der Brandursachen ist über die Jahre hinweg recht stabil", schreibt das IFS.'

Unbestimmt fällt das Ergebnis auch beim Blick auf die Waldbrandstatistik aus. Die Zahl der Waldbrände mit der Ursache "Fahrlässigkeit" schwankt über die Jahre stark – auch in Abhängigkeit von der Gesamtzahl der Brände. Zwischen 1991 und 2021 gab es bundesweit durchschnittlich 265 Waldbrände pro Jahr, die auf fahrlässiges Verhalten zurückgeführt wurden. In den Jahren 2018 bis 2020 lag die Zahl teils deutlich über diesem Durchschnitt, in den Jahren 2016, 2017 und 2021 deutlich darunter. Eine Zunahme von Waldbränden durch Leichtsinn oder grobe Fahrlässigkeit lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Wobei auch beim Großteil der Waldbrände die Ursache nicht ermittelt werden konnte.

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Wunsch nach mehr Wertschätzung

Was sich die Feuerwehrleute derweil wünschen, ist vor allem Wertschätzung. "Immer wenn ein Unglück oder großes Ereignis passiert, wird auf die vielen ehrenamtlichen Helfer hingewiesen und ihr unermüdlicher Einsatz geschätzt. Aber das ist nur der eine Tag im Jahr von 365. Leider ist es so in unserer Gesellschaft, dass immer mehr Menschen das als selbstverständlich hinnehmen und das ist nicht schön", schreibt Niko Przybille, Stadtwehrleiter in Seeland im Salzlandkreis.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 04. August 2022 | 13:30 Uhr

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