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Nur 12,5 Prozent der Abgeordneten im Kreistag Mansfeld-Südharz sind Frauen. (Archivfoto) Bildrechte: Landkreis Mansfeld-Südharz/Uwe Gajowski

Frauen in Sachsen-Anhalts Kommunalpolitik"Frauen arbeiten kollegialer, sind teamfähiger und transparenter"

von MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 21. März 2022, 19:55 Uhr

Der Kreistag Mansfeld-Südharz hat 48 Mitglieder – und nur sechs davon sind weiblich. In keinem Stadtrat oder Kreistag Sachsen-Anhalts ist der Frauenanteil geringer. Katrin Treppschuh ist stellvertretende Vorsitzende des Kreistages und gehört zur Fraktion der FDP. Im Interview erzählt sie, warum Kommunalpolitik oft noch immer von Männern im Hinterzimmer gemacht wird, wie sich die geringe Frauenquote in der politischen Arbeit bemerkbar macht und was sie von einer Frauenquote für Parlamente hält.

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Treppschuh, der Kreistag Mansfeld-Südharz, dessen stellvertretende Vorsitzende Sie sind, hat den niedrigsten Frauenanteil aller Stadträte und Kreistage des Landes. Gerade mal 12,5 Prozent aller Abgeordneten sind weiblich. Macht sich das in der Arbeit des Kreistages bemerkbar?

Katrin Treppschuh: Ich denke schon. Ich bedauere zum Beispiel, dass man bei uns kaum Diskussionen um die Sache zulässt. Themen, die eingebracht werden, werden oft direkt abgelehnt, ohne dass man sich überhaupt austauscht. Das finde ich schade, weil wir die Kontroverse brauchen zur Meinungsbildung. Das ist in meinen Augen ein bisschen typisch Mann – auch wenn ich nicht pauschalisieren will. Aber mit mehr Frauen im Parlament wäre die Diskussionskultur eine andere, glaube ich.

Zur Person

Katrin Treppschuh ist stellvertretende Vorsitzende im Kreistag Mansfeld-Südharz. Bildrechte: Katrin Treppschuh

Katrin Treppschuh, 59, ist seit 2015 Bürgermeisterin von Berga und sitzt seit 2019 im Kreistag Mansfeld-Südharz. Sie war lange Jahre Mitglied in der CDU. Inzwischen hat sie die Partei verlassen und sich einem freien Wählerbündnis angeschlossen. Im Kreistag gehört sie zur Fraktion der FDP. Hauptberuflich betreibt sie ein Versicherungsbüro.

Manchmal fehlt es im Kreistag auch einfach an Empathie in der Art und Weise, wie man Entscheidungen trifft. Wie gehe ich an ein Problem ran? Suche ich nach Lösungen oder sage ich gleich: "Das geht nicht"?

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Sie engagieren sich seit fast 30 Jahren in der Kommunalpolitik. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass in der Politik bis heute Männer überrepräsentiert sind?

Meiner Erfahrung nach hat sich der Frauenanteil in der Politik sogar nach unten bewegt. Dass wir heute so niedrige Frauenquoten haben, liegt in meinen Augen daran, dass sich nach der Wende vielerorts Aktive gefunden haben, die ihre Posten nicht aufgeben wollen. Viele junge, engagierte Leute, die neue Ideen in die Parteipolitik bringen wollten, hat man verdrossen, weil die kaum eine Chance haben, sich einzubringen.

Ich war lange Jahre Mitglied der CDU und habe es selbst erlebt: In der Parteiarbeit sind Frauen engagiert dabei, aber wenn es darum geht, die Posten zu besetzen, wird das im Hinterzimmer ohne die Frauen geregelt. Ich war in Fachausschüssen aktiv, habe Direktkandidaten unterstützt, aber auf den Listen bei den Wahlen standen immer andere ganz vorne. Ich glaube, Frauen arbeiten kollegialer, sind teamfähiger und transparenter. Diese Transparenz sieht man vielleicht nicht immer gern.

Dazu kommt: Gerade im Osten sind die meisten Frauen berufstätig und haben vielfältige Aufgaben. Sich neben Kindern und Beruf in der Freizeit noch gesellschaftlich einzubringen, ist eine Riesenherausforderung. Und wenn man dann gegen Wände rennt und kämpfen muss, damit man überhaupt gehört wird, dann ist vielleicht eine Folge, dass man schneller aufgibt oder gar nicht erst bei Wahlen antritt. Ich kenne einige Parteifreundinnen aus CDU-Kreisen, die gesagt haben: "Das macht doch eh keinen Sinn."

Gibt es Themen, die im Kreistag unter den Tisch fallen, weil sie Männern vielleicht weniger wichtig sind?

Gerade im sozialen Bereich werden Themen oft ganz schnell abgetan mit dem Argument "Können wir uns nicht leisten". Aber auf der anderen Seite geben wir für Bau- und Planungsverfahren so viel Geld aus, auch, weil wir alles verkomplizieren. Da würde ich mir mehr Verständnis wünschen.

Aktuell diskutieren wir im Kreistag zum Beispiel darüber, dass Sozialarbeiterstellen auf Landesebene gestrichen worden sind. Dieses Thema wird für mein Empfinden zu wenig gewürdigt, weil es eben für viele Abgeordnete zu weit weg ist aus ihrem Alltag. Deshalb wäre es gut, wenn mehr Frauen dabei wären, die den Blick schärfen und auch mehr den Fokus auf unsere Kinder haben.

Was muss passieren, damit sich mehr Frauen in der Kommunalpolitik engagieren?

Wenn man ein besseres Miteinander schafft, keine Grabenkämpfe führt und sich mehr auf die Sachthemen konzentriert, könnte ich mir vorstellen, dass mehr Frauen bereit sind, sich zu engagieren. In der Kommunalpolitik geht es um die Sache, um ganz konkrete Probleme! Da muss ich doch nicht aus Prinzip mit "Nein" stimmen, nur, weil der Antrag von einer gegnerischen Partei eingebracht wurde. Ich glaube, das stört viele Frauen, die dann sagen, so macht das doch gar keinen Sinn.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass man engagierten Menschen, zum Beispiel sachkundigen Bürgern in den Ausschüssen, auch mal eine Plattform gibt. Die bringen gute Ideen ein. Und die Parteien sollten das Ohr mehr an der Basis haben, in die Vereine reingehen und zuhören, was die jungen Leute wollen. Wenn sie dann Themen aufgreifen, die den Menschen wichtig sind, finden sich sicher auch Leute, die bereit sind, sich dafür zu engagieren.

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Tun Sie selbst etwas dafür, mehr Frauen für die politische Arbeit zu begeistern?

Ich bin ja auch Bürgermeisterin in Berga und kenne dort viele engagierte junge Frauen in den Vereinen. Mit denen spreche ich und bitte sie, darüber nachzudenken, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren und vielleicht 2024 bei den Kommunalwahlen anzutreten. Die Signale, die ich bekomme, sind so, dass ich zumindest guter Dinge bin, dass sich etwas tut, auch wenn es bis zu den Wahlen noch eine Weile hin ist.

Würden Sie für eine Frauenquote in Parlamenten plädieren, um mehr Gleichberechtigung zu schaffen?

Ich weiß nicht, ob das die Lösung ist. Persönlich bin ich keine Freundin einer Frauenquote, weil dann immer die Gefahr besteht, dass man als Quotenfrau abgestempelt wird, obwohl man es nicht verdient hat. Wenn ich zum Beispiel irgendwo eine Quotenfrau werden sollte, dann würde ich es eher nicht machen. Ich möchte, dass meine Fachkompetenz und mein Sachverstand entscheidend sind. Daran möchte ich gemessen werden.

Die Fragen stellte Lucas Riemer.

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MDR (Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT | 22. März 2022 | 05:30 Uhr

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