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Zwei Millionen Tonnen Getreide im Monat werden derzeit über die drei ukrainischen Donauhäfen Reni, Izmail (im Bild) und Kilija verschifft. Bildrechte: dpa

UkrainekriegRumänien: Der Getreidetransport aus der Ukraine wird immer gefährlicher

08. Dezember 2023, 17:29 Uhr

Rumänien ist zu einem der wichtigsten Partner für die Ukraine geworden, was den Transport von Waren betrifft. Ein Teil der Grenze zwischen den beiden Nachbarn verläuft im Donaudelta. Auf der ukrainischen Seite des Flusses schlagen Häfen wie Reni und Izmail so viele Waren um wie noch nie. Ende Juli wurden sie erstmals beschossen. In Europas größtem Feuchtgebiet ist der Krieg bedrohlich nahe.

Der rumänische Schiffsjunge Viorel reagiert erst mit Staunen, als er das näher kommende Summen der Kampfdrohnen vernimmt. "Schau mal da oben, da über uns", ruft er zu seinem Kollegen auf dem Schiff. Dann verstummt er. Es ist gerade Morgendämmerung im ukrainischen Donauhafen Reni. Ein gelber Feuerball blitzt auf, es folgt ein Knall, eine riesige Rauchwolke steigt auf. Viorel hat den Angriff in der Nacht vom 24. Juli mit seinem Handy gefilmt, als Russland erstmals 15 Drohnen in die Hafenanlage steuerte. Gegenüber liegt das NATO-Mitgliedsland Rumänien. Die Donau trennt die beiden Länder, an dieser Stelle ist sie nur wenige hundert Meter breit. In jener Nacht flüchtete sich Viorel mit Schiff und Mannschaft ans rumänische Ufer.

Noch nie war der Krieg in der Ukraine so nah an der Grenze zu Rumänien wie jetzt im Donaudelta, Europas größtem Feuchtgebiet, einem Paradies für Fische, Vögel und Pflanzen. Im Delta liegen wichtige Wasserwege für die Schifffahrt. Die Ukraine bringt über ihre drei Donauhäfen Reni, Izmail und Kilija derzeit monatlich rund zwei Millionen Tonnen Getreide in die Welt. Es bedeutet eine riesige Anstrengung, denn ein Großteil der Menge wird zunächst über Rumänien gebracht – wie über eine Art Hinterausgang – und von dort aus übers Schwarze Meer verschifft. Die Ukraine nutzt das Donaudelta nicht nur für ihren Export, sie kann über die Wasserwege auch mit Treibstoff, medizinischem Material und Waffen versorgt werden. "Russland will jetzt auch diese Wege abschneiden oder zumindest erschweren angesichts des bevorstehenden Winters", meint der Bukarester Historiker Cosmin Popa, der zu russischer Geschichte und ihren Auswirkungen auf die Konflikte der Gegenwart forscht.

Ukrainische Donauhäfen Reni und Izmail im Visier des Kreml

Schiffsjunge Viorel sagt, er habe Angst gehabt, als die Drohnen kamen und sich erst wieder beruhigt, als er sah, dass ihr Schiff nicht angegriffen wird. Der 19-Jährige und sein Kapitän Coreliu Barbu pendeln seit Monaten mit einem Frachter zwischen dem ukrainischen Reni und dem rumänischen Schwarzmeerhafen Constanta hin und her. Bisher haben sie den Krieg in der Ukraine nur an der zunehmenden Frachtmenge und den immer länger werdenden Wartezeiten gespürt. Die ukrainischen Donauhäfen verladen derzeit das Fünffache der Getreidemenge, die sie vor dem russischen Angriffskrieg umgeschlagen haben. Jetzt sollen sie – wenn möglich – ihre Kapazität noch einmal steigern, da Russland aus dem Schwarzmeerabkommen ausgestiegen ist und der ukrainische Schwarzmeerhafen Odessa damit blockiert ist. Der Getreidetransport ist mit einem anstrengenden Umzug, wenn der Fahrstuhl klemmt, vergleichbar: Statt fünf Umzugskartons auf einmal zu befördern, trägt man jeden einzeln nach oben. Und seit neuestem wird auch noch die Treppe bombardiert.

Boomendes Transportgeschäft im Donaudelta

Der 62-jährige Kapitän Coreliu Barbu vor dem Frachtschiff, in dem er im August Raps aus der Ukraine geladen hat. Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

"So viele Schiffe wie jetzt", sagt Coreliu Barbu, "habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr im Donaudelta gesehen". Der 62-jährige Binnenschiffer hat jahrzehntelang in Westeuropa gearbeitet, kennt die Häfen in Rotterdam und Amsterdam, war mit dem Frachtschiff auf dem Mittellandkanal bis Magdeburg unterwegs. Nun boomt wegen des Krieges das Transportgeschäft im Delta. Barbus Sohn hat sich im vorigen Jahr in Rotterdam einen fast 100 Jahre alten Frachter gekauft und seinen Vater als Kapitän angeheuert. Der ist froh, wieder in heimischen Gewässern zu fahren: "Ich war in ganz Europa unterwegs und manchmal in zehn Monaten nur zwölf Tage lang zuhause. Das reicht mir jetzt."

Krieg verändert Umgang miteinander

Barbu wohnt auf der rumänischen Seite der Donau, gut zehn Kilometer Luftlinie vom ukrainischen Reni entfernt. Vor dem Krieg hat er nie einen Abstecher zum östlichen Nachbarn gemacht: "Ich war gar nicht neugierig auf die Ukraine. Was sollte ich da?" Ähnlich gering war auch das Interesse von Kiew und Bukarest füreinander. Statt guter diplomatischer Beziehungen stritt man sich vor Jahren noch um Grenzverläufe im Schwarzen Meer. Der Krieg hat den Umgang miteinander verändert. Rumäniens Staatschef Klaus Iohannis wird nicht müde, zu betonen, dass sein Land fest an der Seite der Ukraine steht. Konkret heißt das: Man will beim Getreidetransport noch mehr leisten. Am vergangenen Freitag unterzeichnete Regierungschef Marcel Ciolacu mit seinem ukrainischen Amtskollegen Deny Schmyhal ein Abkommen, wonach die umgeschlagene Getreidemenge noch einmal verdoppelt werden soll. Schon jetzt leisten beide Länder einen enormen logistischen Kraftakt.

Bukarest verrät keine Details über militärische Unterstützung

Zudem unterstützt Bukarest seinen Nachbarn mit militärischer Ausrüstung, wie andere EU-Staaten auch. Was genau geliefert wird, darüber schweigt das rumänische Kabinett jedoch beharrlich. Historiker Cosmin Popa hält die Heimlichtuerei für verfehlt. Man müsse sowohl mit Waffenlieferungen, als auch mit klaren Bekenntnissen dem Nachbarland den Rücken stärken: "Die Ukraine ist, bildlich gesagt, unsere Haustür. Die nimmt man nicht mit ins Bett, aber man hält sie instand. Sie hält ja Kälte und Diebe ab und gibt dir Sicherheit."

Historiker Cosmin Popa bei einer Buchvorstellung in Bukarest. Bildrechte: Corint

Rumänische Medien spekulieren, dass Bukarest wohl den "russischen Bären" nicht verstimmen wolle, der 2014 mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Halbinsel Krim näher an Rumänien gerückt ist. Verteidigungsminister Anghel Tilvar sagte Ende Juli im Staatsfernsehen TVR , dass man die Pflicht habe, "sehr vorsichtig mit dem umzugehen, was wir sagen und wie wir es sagen." Schließlich sei man in unmittelbarer Nähe der Konfliktzone und wolle im Land "den sozialen Frieden wahren, der es den Bürgern ermöglicht, ein normales Leben zu führen."

Ungeklärte Explosion in Badeort

Während die Regierung öffentlich nur wenig über den Ukraine-Krieg debattiert, wird in den sozialen Netzwerken pausenlos darüber geredet. Erst vor Tagen sorgte eine Detonation im Schwarzmeer-Badeort Costinesti für Schlagzeilen, bei dem ein Pier leicht beschädigt wurde. Ob es eine abgetriebene Seemine war, wie umgehend vermutet wurde, ist bisher ungeklärt. Die Marine konnte keinerlei Hinweise finden. Dennoch gehören Seeminen, die vor den Küsten der Ukraine und Russlands ausgelegt wurden, zu den Folgen des Krieges. Sechs abgetriebene Sprengkörper wurden bereits vor der rumänischen Küste entschärft. Dabei waren Minentaucher im Einsatz, die üblicherweise erst zum Zuge kommen, wenn es zu eng oder zu flach ist, um ein Minenjagdboot einzusetzen. Ein solches Boot, das die Minen mit Drohnen unschädlich macht, besitzt Rumänien allerdings bislang nicht. Doch das soll sich bald ändern, im Mai billigte das Parlament die Anschaffung.

Angst vor einer Ausweitung des Konflikts

Der militärische Konflikt am Schwarzen Meer rückt derzeit die Ausrüstung der Seestreitkräfte insgesamt in den Fokus. Die rumänischen Fregatten stammen noch aus kommunistischen Zeiten. In diesem Monat platzte ein Deal, wonach sie auf den neuesten Stand gebracht und zudem neue Korvetten gekauft werden sollten. Um deren Anschaffung war jahrelang gerungen worden, inzwischen ist der Kaufpreis so gestiegen, dass das Verteidigungsministerium die Notbremse zog. Eine neue Ausschreibung wird sich wohl noch einmal über Jahre hinziehen.

Die Wartezeiten nutzt die Schiffsmannschaft um Kapitän Barbu, um wetterbedingte Schäden auf dem Schiff zu beheben. Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Doch ganz gleich, wie gut oder schlecht die Armee ausgerüstet ist: Viele Menschen in Rumänen treibt die Angst um, dass ihr Land womöglich Teil des militärischen Konfliktes werden könnte. Auch Kapitän Coreliu Barbu stimmt die geografische Nähe zur Ukraine und zu Russland nachdenklich: "Wenn der Krieg sich ausdehnen würde, würde er nicht in Frankreich oder Großbritannien ausgetragen, sondern hier bei uns an der Grenze, in den Nachbarländern der Ukraine."

Schiffs-Stau im Donaudelta

Barbu war früher selbst Marine-Offizier, er habe gelernt, "sich nicht wegzuducken". Ginge es nach ihm, würde er weiter in der Ukraine Getreide abholen – trotz der Gefahr neuer Drohnenangriffe. Man müsse dem Kremlchef die Stirn bieten und jenen Ländern helfen, die das ukrainische Getreide so dringend brauchen, sagt er. Barbus Sohn dagegen stellt sich als Schiffseigentümer andere Fragen:  Bislang war der Getreidetransport ein einträgliches Geschäft, doch inzwischen sind so viele Frachter unterwegs, dass sie im Hafen von Constanta mehr im Stau stehen, als dass sie fahren.

Modern Beach in der Hafenstadt von Constanta, am Horizont eine Warteschlange von Schiffen, die darauf warten, im Hafen abgefertigt zu werden. Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Auch Kapitän Barbu ist gerade im Standby-Modus. Etwa 1.200 Tonnen Raps hat er an Bord. Ob sie zunächst in einem Silo des Hafens landen oder gleich auf ein großes Hochseeschiff umgeladen werden, weiß er nicht. Auch zu der Frage, wann er an der Reihe sei, schweigt die rumänische Hafenleitung. Fest steht nur, dass er bereits seit über 22 Tagen im Hafenbecken liegt - so lange wie noch nie in einem Monat. Sein Sohn überlegt, das Schiff demnächst lieber für Transporte in andere Länder einzusetzen, beispielsweise nach Deutschland. Dort hätte der Frachter freie Fahrt und die Mannschaft müsste sich um Kampfdrohnen keine Sorgen machen.

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Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | Heute im Osten | 19. August 2023 | 07:21 Uhr