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Wintereinbruch

Vorsicht: Beim Schneeschippen lauert der Herzinfarkt

von Liane Watzel

Stand: 10. Februar 2021, 14:58 Uhr

Schneeschippen ist keine Kunst, aber eine Frage der richtigen Technik und Haltung. Und man sollte sich nicht überschätzen – Schneeschaufeln, -schippen, -schieben und -räumen ist körperlich extrem anstrengend, warnt ein Leipziger Sportwissenschaftler und verweist genau wie Kardiologen aus Dresden und Leipzig auf ein Risiko, dass wohl nicht alle im Blick haben, die morgens munter zu Schaufel oder Schieber greifen: das Risiko fürs Herz.

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit – jedenfalls wenn man derzeit morgens ausrücken will. Viele müssen sich ihren Weg erst mal freischaufeln, gerade wenn man auf dem Land wohnt und nicht in einem großen Mehrfamilienhaus mit Schneeräumdienst. Ein nicht ganz ungefährlicher Einstieg in den Tag, wenn man keine körperliche Arbeit gewohnt ist! Die deutsche Herzstiftung verweist auf Studien, die belegen, dass bei Kälte das Herzinfarkt-Risiko steigt. Sportwissenschaftler Andreas Speer von der Uni Leipzig verweist im Gespräch mit MDR WISSEN ebenfalls auf diese Studien zum Herzinfarkt-Risiko durchs Schneeschippen, wo es von null auf hundert geht:

Andreas Speer: Sportwissenschaftler an der Uni Leipzig. Bildrechte: Uni Leipzig

Schneeschaufeln ist extrem anstrengend! Man schaufelt, man schiebt, man hebt. Wer keinen starken Rumpf hat, bekommt es durch den Hub, das Anheben der vollen Schneeschaufel, leicht mit dem Rücken zu tun.

Andreas Speer, Uni Leipzig

Und er setzt fort: "Das Schneeschaufeln geht über Hände, Arme, Schultern auf den ganzen Körper über." Eine hohe physische Herausforderung also, der Kraftsport-Auftakt nach dem Frühstück einerseits. Und andererseits: "Der deutliche Bewegungsmangel, der altersübergreifend mit der Corona-Pandemie und ihren Schließungen von Sportvereinen, Fitness-Studios und Schwimmbädern einhergeht, führt zudem dazu, dass wir nicht im Training stehen," verdeutlicht Speer das Dilemma.

Aber auch ohne diese Einschränkungen ist das Herzinfarktrisiko durch Schneeschieben nicht zu unterschätzen. Ein kanadisches Forschungsteam beispielsweise hatte für eine Studie die Daten von 200.000 Menschen, die in den Wintermonaten wegen eines Herzinfarktes ins Krankenhaus eingeliefert wurden, mit der jeweiligen Wetterlage und Schneefallmenge abgeglichen. Ergebnis: Zwischen 1981 und 2014 starben allein 68.000 Menschen nach Herzinfarkten. Der Studie zufolge ließ sich durch den Abgleich zwischen Wetter und Infarktgeschehen ein erhöhtes Herzinfarktrisiko durch Schneeschaufeln für Männer nachweisen, nicht aber für Frauen – offenbar weil Männer häufiger zur Schneeschaufel griffen als Frauen.

Schneeschaufeln - auch in Deutschland riskant?

Das Risiko, das in Kanada nachgewiesen wurde, bestand demnach unabhängig von Alter, Vorerkrankungen oder anderen Risikofaktoren für Herzinfarkte. Gut, könnte man sagen, vielleicht haben die in Kanada ja viel mehr Schnee zu schaufeln als wir hier, da passiert so was häufiger? Das Risiko für Herzinfarkte ist aber auch hier in Deutschland nicht von der Hand zu weisen, sagen sowohl Julia Fischer, Oberärztin der kardiologischen Intensivstation am Herzzentrum Dresden, die in diesem Jahr schon mehrere solcher Fälle vor sich hatte, als auch Dr. Marcus Sandri, Leitender Oberarzt Herzinsuffizienz der Leipziger Universitätsklinik für Kardiologie. Auch wenn es in Deutschland keine Statistik oder Studie dazu gibt. Die Anstrengung durch das Schneeschaufeln haben viele Patienten, die ins Herzzentrum überwiesen werden, als Auslöser für "das Herzereignis", wie es im Medizinerjargon gern heißt, selten auf dem Schirm. Aber es sind nicht nur Menschen mit kardialen Vorerkrankungen betroffen, sondern auch Menschen mit anderen Risikofaktoren, stellt Julia Fischer klar. Dazu zählen der Dresdner Herzspezialistin zufolge unter anderem Rauchen, erhöhte Blutfettwerte, aber auch familiäre Herzerkrankungen.

"Warmes Wetter" = schwerer Schnee = noch mehr Anstrengung!

Tückisch: Temperaturen knapp unter Null, sagt Dr. Marcus Sandri Bildrechte: Christian Hüller

Ihr Leipziger Kardiologie-Kollege bringt noch einen anderen Aspekt ins Spiel: "Erstaunlicherweise ist das Risiko sogar noch höher, wenn es leicht unter Null Grad ist und nicht so knackig kalt. Dann ist der Schnee nämlich matschiger und dadurch schwerer und das Schneeschieben noch anstrengender", sagt Dr. Sandri im Gespräch mit MDR WISSEN.

Seien Sie streng mit sich! Reagieren Sie sofort!

Aber warum reagiert unser Herz dann so drastisch? "Es liegt an unserem Lebensstil", sagt der Leipziger Herzspezialist. Unser Leben enthält zu wenig körperliche Tätigkeit und wenn es dann doch mal sein muss und wir in der Kälte arbeiten, kann es einerseits zu erhöhtem Blutdruck und andererseits zu Durchblutungsstörungen beispielsweise an weit entfernten Gefäßen wie in den Fingerspitzen kommen. Julia Fischer erklärt die Kettenreaktionen, die dann im Körper ablaufen, so: Durch die Kälte komme es zu einer Engstellung der Gefäße, die Verengung der Herzkranzgefäße führt zu einer verminderten Sauerstoffversorgung im Herzen, die Verengung im Organismus zu einem Blutdruckanstieg und einer Erhöhung des sogenannten Widerstands.

Gegen diesen Widerstand muss das Herz dann ankämpfen, was die Arbeitsbelastung für das Herz erhöht und die Gefäßwände. Dadurch kommt es zu Herzbeschwerden und schlimmstenfalls zum Herzinfarkt.

Julia Fischer, Herzzentrum Dresden

Finger weg von der Schaufel?!

Na toll! Heißt das jetzt, wir sollten lieber die Finger von der Schaufel lassen und besser drin bleiben und warten, dass der Nachbar sich erbarmt und den Weg freiräumt? Tatsächlich sagt Kardiologin Julia Fischer, wer zur Risikogruppe gehört, sollte sich beim Schneeräumen von Familie, Freunden oder Nachbarn helfen lassen. Aber was, wenn es gar nicht anders geht?

Ärgern über schippen erhöht den Blutdruck, warnt Oberärztin Julia Fischer Bildrechte: Herzzentrum Dresden

Langsam starten, Pausen einlegen und keinesfalls über das Schneeschippen ärgern, denn das erhöht den Blutdruck!

Dr. Julia Fischer,

Und das können Herzpatienten am allerwenigsten brauchen. Auch Herzspezialist Dr. Marcus Sandri betont, dass Bewegung an der frischen Luft wichtig sei, aber eben auch, dass man gut auf sich achtet:

Auf Beschwerden beim Schaufeln sollte man sehr schnell hören und zügig reagieren. Jeder Brustschmerz muss abgeklärt werden! Da muss man sehr streng mit sich sein.

Dr. Marcus Sandri, Herzinsuffizienz, UK Leipzig

An der Stelle klingt der Kardiologe sehr eindringlich:

Bitte auch nicht wieder anfangen, wenn der Schmerz nachlässt!

Dr. Marcus Sandri

Also eine klare Absage an das, was viele von uns vielleicht noch in den Ohren haben aus Kindertagen: Indianer kennen keinen Schmerz! Wer nicht auf sich hört, wenn es in der Brust zwackt beim Schneeschieben, riskiert schlimmstenfalls sein Leben – solche Anzeichen können Vorboten für einen Herzinfarkt sein.

Wer ist besonders gefährdet?

Wer eine koronare Herzkrankheit (KHK) hat oder schon einen Herzinfarkt hatte; Menschen mit Angina-Pectoris-Beschwerden, Bluthochdruck, Herzschwäche, Vorhofflimmern, oder tiefe Beinvenen-Thrombosen. Quelle: Deutsche Herzstiftung e.V.

Richtig schaufeln geht so

Auch in den USA hat man Schneeschaufeln als Herzinfarktrisiko auf dem Schirm: Die US Gesundheitsbehörde gibt Ratschläge, wie man das Schneeschaufeln richtig angeht ohne einen Herzinfarkt zu riskieren: Dazu zählen unter anderem Wetter- und Temperatur-Check, Auswahl passender Kleidung für die körperliche Arbeit in der Kälte; die richtige Räumtechnik, aus den Knien heben, nicht aus dem Rumpf, Körper nicht verdrehen, Schnee nicht heben, besser ist schieben. Die richtige Schaufel hat einen Plastikschieber, der leichter ist als einer aus Metall. Und immer den eigenen Körper und das Wohlbefinden im Blick haben – Unterkühlung, Erschöpfungserscheinungen sollte man nicht ignorieren. Die Deutsche Herzstiftung rät Menschen mit Herz-Vorerkrankungen bei Spaziergängen in klirrender Winterkälte beispielsweise einen Schal über Mund und Nase zu tragen, dadurch werde die eisige Luft leicht erwärmt, bevor sie in den Körper gelangt. Und Dr. Julia Fischer ergänzt: "Ein Mund-Nasenschutz, wie wir ihn aus Corona-Gründen derzeit tragen, erfüllt den gleichen Zweck."

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