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Recycling von Elektrogeräten – Wo stehen wir?Unsere Elektrogeräte sind wahre Goldgruben

05. März 2021, 15:00 Uhr

Jahr für Jahr wächst der weltweite Berg an Elektroschrott um mehr als 50 Millionen Tonnen an. In diesem Müll lagern viele wertvolle Ressourcen, Edelmetalle und seltene Erden, die eine wahre Goldgrube sein können – wenn wir sie besser recyceln würden.

Medaillen aus Schrott

Wenn die Olympioniken bei den nächsten Olympischen Spielen in Japan jubelnd ihre Medaillen in die Höhe halten, dann haben sie im wahrsten Sinne des Wortes Schrott in ihren Händen. Die Veranstalter der Spiele hatten die japanische Bevölkerung darum gebeten, ihren Elektroschrott abzugeben. Mehr als sechs Millionen Smartphones und insgesamt 79.000 Tonnen Elektrogeräte kamen so zusammen und wurden recycelt. Daraus konnten kiloweise Gold, Silber und Bronze oder eben rund 5.000 Olympische Medaillen gewonnen werden.

Auch hierzulande könnte man einige Medaillen aus unseren Altgeräten anfertigen: "Wir gehen davon aus, dass in Deutschland ungefähr 125 Millionen Smartphones in den Schubladen lagern. In diesen 125 Millionen sind circa drei Tonnen Gold, 30 Tonnen Silber und über tausend Tonnen Kupfer in den Haushalten gelagert", erklärt Michael Reckordt vom Verein PowerShift. Der Umweltverein setzt sich für eine Rohstoffwende ein: Weltweit sollten weniger Ressourcen in den Bergbauminen gefördert und dann verbraucht werden und das Recycling sollte deutlich erhöht werden.

Wir gehen davon aus, dass in Deutschland ungefähr 125 Millionen Smartphones in den Schubladen lagern.

Michael Reckordt, PowerShift

Der weltweite Berg an Elektroschrott wächst jedes Jahr um mehr als 50 Millionen Tonnen an, wie der Globale Atlas des E-Schrotts aufzeigt: Die globale Recyclingquote liegt bei weniger als 20 Prozent. Beim Rest wissen wir nicht sicher, wo er landet. Ein Teil davon wird als B-Ware weiterverkauft, ein Teil davon landet im normalen Haushaltsmüll oder auf den großen Müllhalden dieser Welt. Wertvolle Ressourcen, die teilweise verloren gehen. Bis zu 69 verschiedene Elemente stecken in Smart-TVs, Waschmaschinen und Kopfhörern. Neben Gold, Silber und Kupfer sind das auch die seltenen Erden wie Neodym oder Lanthan, die für unsere digitale Gesellschaft essenziell sind. Der Bergbau, den wir für all diese Ressourcen brauchen, verursacht etwa ein Zehntel aller weltweiten CO2-Emissionen.

Der Weg des Recyclings – und die Hindernisse

In Deutschland verbraucht jeder Mensch deutlich mehr Ressourcen als im Durchschnitt der Welt, gleichzeitig stehen wir beim Recycling besser da. Etwas mehr als 40 Prozent des Elektroschrotts wird ordnungsgemäß aufbereitet. Konkret bedeutet das: Wenn in einem Jahr 1.000 Tonnen neue Elektroware über die Ladentheke gehen, werden 400 Tonnen an Altgeräten in den Kreislauf gebracht. Die verbindliche Recyclingquote der EU liegt allerdings bei 65 Prozent.

Vor allem die Kleingeräte, die in Schubladen verschwinden oder in Kisten lagern und nicht wie große Waschmaschinen im Weg stehen, entgehen dem Kreislauf. Für uns EndverbraucherInnen ist die Lage relativ simpel. Wir können unseren Elektroschrott in Deutschland umsonst wegbringen, zu den kommunalen Wertstoffhöfen und zu den Elektrohändlern. Sogar per Post lässt sich Elektroschrott verschicken. Um die Quoten zu erhöhen, hat die Bundesregierung vor kurzem beschlossen, dass auch Supermärkte und Discounter Kleinelektrogeräte annehmen sollen. Diese Regelung gilt ab 2022. Wer sogar noch ein paar Euro verdienen will, kann die Elektrogeräte zu zertifizierten Schrott-Händlern bringen.

Dort wird der Schrott gesammelt und gelangt in die Zerkleinerung: Erst werden händisch Akkus und andere Schadstoffe entnommen, dann werden die Elektrogeräte mechanisch zerkleinert und geschreddert, bis sie nur noch wenige Zentimeter klein sind. Auf Fließbändern werden sie weiter transportiert; automatisierte Erkennungssysteme trennen die verschiedenen Bestandteile: Plastikverbindungen gehen in die eine Richtung, Metalle in die andere. Die wertvollen Metalle kommen in eine Metallhütte, werden eingeschmolzen und können dann ihren Weg zurück in unsere Endprodukte finden. Das gilt standardmäßig für Gold, Silber und Kupfer, wo die Rückgewinnungsquoten hoch sind, viele andere Ressourcen gehen allerdings im Recycling verloren.

Der Anteil von bestimmten seltenen Erden und Edelmetallen in Elektrogeräten sei einfach zu gering, als dass sich das Recycling bislang lohne oder aber die Technik stehe einfach noch nicht zur Verfügung, erklärt Gilian Gerke, Professorin für Kreislaufwirtschaft an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Es befinden sich neue Verfahren im Moment in der Entwicklung: Man versucht beispielsweise mit Bakterien und Viren, wieder an die Seltenen Erden zu gelangen. Da ist die Forschung noch relativ am Anfang und am Ende muss es auch wirtschaftlich sein.

Prof. Gilian Gerke, Hochschule Magdeburg-Stendal

Nagelneuer Elektroschrott

Wann ist ein Elektrogerät eigentlich Schrott? Diese Frage ist gesetzlich geklärt: Wenn VerbraucherInnen entscheiden, dass Gerät zu entsorgen, dann gilt es laut dem Kreislaufwirtschaftsgesetz als Schrott und soll in den Verwertungskreislauf kommen. Das können aber auch funktionierende Produkte sein: "Wir haben eine Studie gemacht. Wir haben uns auf den Wertstoffhof gestellt und die Leute gefragt: Warum entledigen sie sich der Geräte? Sind sie kaputt? Unserer Studie nach waren 37 Prozent der Kleinelektroaltgeräte noch funktionstüchtig", so Recycling-Expertin Gerke.

Noch drastischer sind die Beobachtungen bei Scholz Recycling am Standort im Leipziger Norden: "Von Amazon kriegen wir Elektronikschrott, der ist noch nagelneu eingepackt. Den hat noch nie jemand ausgepackt, der kommt als Retoure zurück, wird nicht geprüft und fliegt in den Elektronikschrott", erzählt Standortleiter Stefan Kosche. Ein Grund dafür, warum sich Umweltvereine wie PowerShift für eine "Rohstoffwende" einsetzen. Denn es liege auf der Hand, dass kurze Lebensdauern von Produkten der Umwelt schaden und den Geldbeutel belasten. Eine Studie des Öko-Instituts kommt zu dem Schluss, dass VerbraucherInnen in Deutschland mindestens 16 Milliarden Euro sparen und sechs Millionen Tonnen CO2 vermeiden könnten, wenn sie ihre Smartphones sieben statt im Schnitt nur zweieinhalb Jahre benutzen würden.

In unserer Gesellschaft lohne es sich derzeit einfach nicht, Elektrogeräte zu reparieren, erklärt Michael Reckordt vom Verein PowerShift. Viele Geräte seien so gestaltet, dass sie schlecht reparierbar seien, außerdem seien die Kosten für die Reparatur teilweise höher als der Neukauf von Geräten. Doch es bewegt sich was: Seit dem 1. März 2021 gelten in der EU neue Regeln, die die Reparatur vereinfachen. Neugeräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke und Fernseher müssen leichter reparierbar sein, Hersteller müssen Ersatzteile länger bereithalten und die Geräte müssen so gestaltet sein, dass sie am Ende besser recycelt werden können.

Die Mine zuhause

Ansätze wie diese verfolgen die Idee des "Urban Minings". So wie es die Tagebaue, die Bergbauminen und die Sand- und Kiesgruben weltweit gibt, so müssten wir auch unsere menschengemachten Bauwerke und Geräte als Minen, eben als urbane Minen betrachten: "Es geht nicht darum, dass wir die Ressourcen direkt abbauen, also Häuser abreißen oder Elektrogeräte verschrotten, sondern um das Wissen: Was habe ich zur Verfügung für die nächsten Jahre? Wo ist mein menschengemachter Schatz?", sagt Gilian Gerke. Statt also die Ressourcen aus teilweise konfliktreichen Gebieten zu heben, bieten unsere Deponien, Wertstoffhöfe und auch das Handy in der Schublade wertvolle Rohstoffe, die unsere Gesellschaft stärker nutzen sollte. Vielleicht steckt auch in unseren Smartphones einmal Olympisches Gold.

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