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Das Haus der Wannsee-Konferenz Bildrechte: dpa

20. Januar 1942Die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz: Logistiker des Todes

von Susann Reich

Stand: 26. Januar 2022, 21:11 Uhr

Es waren tausende Täter, die den Holocaust ermöglichten: indem sie selbst die Waffe führten, Gaskammern verschlossen oder Menschen verhungern ließen. Aber auch die Planer und Theoretiker waren Täter, indem sie durch präzise Konzepte, logistische Entwürfe und neue Gesetze die Basis für das Töten legten. Es wurde letztlich ein perfides Zusammenspiel Tausender, das den millionenfachen Mord an den europäischen Juden ermöglichte. Bei einer "Besprechung mit anschließendem Frühstück" am 20. Januar 1942 wurde dieser Ablauf in seiner Umsetzung besprochen. 15 Männer diskutierten über das Schicksal von Millionen Menschen.

Die Einladung kam vom Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich aus Prag. Er war von Reichsmarschall Hermann Göring beauftragt worden, "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht" in Angriff zu nehmen. Eine der Einladungen ging ins Auswärtige Amt, an Martin Luther: "…rege ich an, diese Probleme zum Gegenstand einer gemeinsamen Aussprache zu machen, zumal seit dem 15.10.1941 bereits in laufenden Transporten Juden aus dem Reichsgebiet einschließlich Protektorat Böhmen Mähren nach dem Osten evakuiert werden."

Die Zeit drängte also, man war darauf aus, "die Endlösung" gut zu planen, und dafür benötigte Heydrich Männer, die logistisch auf den wichtigsten Posten saßen.

Böse Psychopathen?

Es waren keine Frauen geladen, was bei dem chauvinistischen Frauenbild der Nationalsozialisten nicht überraschend ist. Doch auch mit der Annahme, es berieten lediglich psychopatische Persönlichkeiten, brutale oder diabolische Menschen über die "Endlösung der Judenfrage" haben Historiker längst aufgeräumt. Es trafen sich höchst pragmatische Akademiker, darunter sieben Juristen, acht von fünfzehn führten einen Doktortitel, sie waren Beamte aber auch als Vollstrecker von Terror bewährte Hitler-Getreue.

Martin Luther

Das Buch "Die Teilnehmer" von Hans-Christian Jasch und Christoph Kreutzmüller zeigt die Rolle jedes der Herren auf - auch biografisch, denn ihre Lebenswege, ihre Ambitionen, die Brüche in ihren Biografien geben viele Antworten darauf, warum sie in der NS-Zeit Karriere machten. Wie zum Beispiel der bereits erwähnte Martin Luther. Er war zur Zeit der Wannsee-Konferenz Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt. Luther hatte keinen höheren Bildungsabschluss, nutzte aber optimal die Chancen, die das NS-Regime bot und konnte nach seinem Eintritt in die NSDAP 1932 schnell aufsteigen. Über das Auswärtige Amt organsierte er, dass die Deportationen aus den besetzten Ländern diplomatisch gut vorbereitet und abgesichert waren. Ein Job, der ihn eng mit Adolf Eichmann zusammenarbeiten ließ.

Adolf Eichmann

Eichmann gilt als Kopf der Konferenz: von Heydrich wurde er zum Ansprechpartner für alle institutionellen Fragen zur gemeinsamen Durchführung der "Endlösung der Judenfrage" ernannt. Adolf Eichmann war federführend bei den Planungen des Holocaust: als Leiter des Referats "Judenangelegenheiten und Räumungen" im Reichsicherheitshauptamt koordinierte sein Büro die Transporte und bestimmte die Zahl der Juden, die deportiert wurden. Auch für die als "Ungarn-Aktion" bekannte Verschleppung von über 437.000 Juden nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager zeichnete Eichmann verantwortlich. Er gilt heute als einer derer, die als Teilnehmer der Konferenz im kollektiven Gedächtnis verankert sind – ähnlich wie Roland Freisler.

Adolf Eichmann wird 1961 in Jerusalem der Prozess gemacht Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Roland Freisler

Roland Freisler vertrat auf der Wannsee-Konferenz das Reichsjustizministerium. Freisler hatte an der Universität Jena Rechtswissenschaften studiert. Im Buch "Die Teilnehmer" schätzt Autorin Silke Struck ihn als besonders überzeugt ein: "Für den Vertreter des Justizministeriums bestand kein Zweifel daran, dass es auf der hochrangig besetzten Wannsee-Konferenz um die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa ging. Sein Beitrag an diesem 20. Januar 1942 war die Forcierung einer von ihm schon früh geforderten, möglichst radikalen 'Mischlingspolitik'. Damit war er mitverantwortlich für die weitgefasste Definition der künftigen Opfer." Als Präsident des Volksgerichtshofs kam es unter Freisler zur höchsten Anzahl Todesurteile und der Jurist wurde als "Blutrichter" bekannt.

"Blutrichter" Roland Freisler 1944 (rechts) Bildrechte: IMAGO / ZUMA/Keystone

Eberhard Schöngarth

So logisch wie die Teilnahme von Eichmann und Freisler war – so verwunderlich war die von Eberhard Schöngarth. Zwar hatte er schon Erfahrung um Umgang mit Massenmord: Nach dem Überfall auf die Sowjetunion stellte er 1941 ein Einsatzkommando in Ostgalizien auf, das mehr als 4.000 jüdische Männer erschoss. Aber der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD für das Generalgouvernement hatte eigentlich noch einen Chef, den höheren SS- und Polizeiführer Wilhelm Krüger. Doch im Zuge der Konferenz-Vorbereitungen erschien es Heydrich wichtig, mögliche Animositäten zur Kompetenzverteilung zu vermeiden. Und die hätten zwischen Krüger und einem weiteren Teilnehmer auftreten können: Josef Bühler.

Josef Bühler

Bühler war mitverantwortlich an dem Massenmord an den polnischen Juden und den Verbrechen an der polnischen Bevölkerung. Josef Bühler war der ständige Stellvertreter des Generalgouverneurs Hans Frank (hingerichtet 1946 im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess). Bühler war hochgebildet, promovierter Jurist, Sohn katholischer Eltern aus Württemberg. Nach dem Krieg wurde er in Polen zum Tode verurteilt. Zwar nicht, weil man ihm nachweisen konnte, dass er persönlich Menschen getötet hatte oder so brutal gewesen war wie sein Chef Hans Frank, sondern, weil er durch die Teilnahme an der Konferenz vom geplanten Tod der Menschen wusste und dies fortan logistisch unterstützte.

Die anderen Logistiker

Auch alle anderen Teilnehmer waren Vertreter logistisch notwendiger Abteilungen: Erich Neumann kam für die Ministerien Wirtschaft, Arbeit, Finanzen, Ernährung, Verkehr, Bewaffnung und Munition. Heinrich Müller als Chef der Gestapo und einer der mächtigsten Schreibtischtäter formulierte im Zusammenhang mit dem Massenmord die Befehle an die Einsatzgruppen. Einer, der selbst eine Einsatzgruppe beim Morden anführte, war Rudolf Lange, Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD. Staatsekretär Alfred Meyer kam als Vertreter des Reichsministeriums für die besetzten Gebiete, ebenso wie Georg Leibbrandt. Wilhelm Kritzinger – Ministerialdirektor in der Reichskanzlei – schaffte u.a. gesetzliche Grundlagen: Verordnungen gegen "Volksschädlinge" oder für den Einzug des Vermögens von Juden vor deren Deportation. Wilhelm Stuckart als Staatssekretär des Reichsministeriums des Innern war ebenso an der Ausarbeitung von Gesetzen gegen Juden befasst. Gerhard Klopfer klärte über die Partei-Kanzlei der NDSAP "Rasse-und Volkssturmfragen". Otto Hofmann, als Chef des "SS-Rasse- und Siedlungshauptamtes" war der Verantwortliche für die Rasseprüfung.

Selektion Ungarischer Juden am 26.Mai 1944 - Rampe Auschwitz - an diesem Tag erreichten mehr als ungarische 3000 Juden Auschwitz Bildrechte: Bilder des Lili-Jacobs-Album aus dem Buch "Die fotografische Inszenierung des Verbrechens - Ein Album aus Auschwitz"

Antworten auf das "Warum?"

Sieben Teilnehmer der Wannsee-Konferenz hatten im ersten Weltkrieg gekämpft und galten nach dem damaligen Selbstverständnis als "gehärtet", trugen die Schmach von Verletzung und Verlust in sich. Doch auch wenn es solche Ansätze gibt, die zu deuten versuchen, warum ein Mensch in derart losgelöster Weise präzise und schlüssig über das millionenfache Töten entscheidet, gibt das keine Antwort auf das "Warum?". Die Lebensläufe der Logistiker des Todes waren äußerst verschieden, ihre Herkunft ebenso und mit Wilhelm Kritzinger war selbst ein Pfarrerssohn darunter.

Ebenso verschieden war das Ende ihres Lebens. Drei wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet: Adolf Eichmann, Eberhardt Schöngarth und Josef Bühler. Heydrich fiel im Sommer 1942 einem Attentat zum Opfer. Es gab zwei Selbstmorde, einen Unfall und natürliche Todesursachen. Freisler starb bei einem Luftangriff im Februar 1945.

Verblüffend: Drei Teilnehmer der Wannsee-Konferenz lebten bis in die 80er-Jahre in der Bundesrepublik nach dem Verbüßen einer äußerst geringen Strafe.

Quellen: „Die Teilnehmer“ Jasch/Kreutzmüller – Metropol-Verlag – ISBN 978-3-86331-306-7; www.ghwk.de

Dieses Thema im Programm:MDR Aktuell Fernsehen | 19. Januar 2020 | 21:45 Uhr