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Nach der Schlacht von Stalingrad gehen mehr als 100.000 deutsche Soldaten in die Gefangenschaft. Bildrechte: IMAGO / SNA

EntscheidungsschlachtenWarum in Stalingrad nicht der Zweite Weltkrieg entschieden wurde

von Dr. Daniel Niemetz

Stand: 02. Februar 2022, 10:00 Uhr

Mit der Kapitulation der Reste der 6. Armee endet am 2. Februar 1943 die Schlacht um Stalingrad. Bis heute gilt das Ereignis vielen als die zentrale Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges. Stalingrad ist zweifelsohne der psychologische Wendepunkt. Doch über Sieg und Niederlage im größten Krieg der Menschheitsgeschichte sind bereits zuvor die Würfel gefallen.

Am 2. Februar 1943 stellen in Stalingrad die letzten Restverbände der 6. Armee der Wehrmacht den Kampf ein. Damit endet die monatelange blutige Schlacht um die sowjetische Wolgametropole. Die 6. Armee, mit der Adolf Hitler einst glaubte, "den Himmel stürmen" zu können, existiert nicht mehr. Von den ursprünglich 200.000 bei Stalingrad eingekesselten deutschen Soldaten sind 60.000 gefallen. Mehr als 100.000 gehen in Gefangenschaft. Nur 6.000 von ihnen kehren zurück.

Stalingrad ist psychologischer Wendepunkt

Zerstörte Wehrmacht-Panzer vor Stalingrad, Januar 1943. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Stalingrad ist der psychologische Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Der Sicherheitsdienst (SD) der SS registriert nach der Niederlage an der Wolga einen Stimmungsumschwung in der deutschen Bevölkerung. Die Wehrmacht, bereits vor Moskau 1941 um den Nimbus der Unbesiegbarkeit gebracht, büßt endgültig ihr Überlegenheitsgefühl ein. Selbst Hitler erklärt seinem Vertrauten, Reichskanzleichef Martin Bormann, nach dem gescheiterten Entsatzversuch für die 6. Armee am 25. Dezember 1942, nun gehe es um "Sein oder Nichtsein".

Erstmals Wehrmacht in Kesselschlacht besiegt

Ein Rotarmist hisst Anfang Februar 1943 die Rote Flagge über den Ruinen von Stalingrad. Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Ganz anders sieht es für Deutschlands Kriegsgegner aus. Die Rote Armee hat bei Stalingrad bewiesen, dass sie die Wehrmacht auch in großangelegten Kesselschlachten vernichtend schlagen kann. Das stärkt die Kampfmoral und das Selbstvertrauen der sowjetischen Militärs in ihre operative Kriegskunst. Zudem hebt der Sieg über die bis dahin gefürchtetste Streitmacht der Welt das Ansehen der Sowjetunion auch unter ihren westlichen Verbündeten. US-Präsident Franklin D. Roosevelt bezeichnet Stalingrad als die "Wende im Krieg der alliierten Nationen gegen die Kräfte der Aggression".

Überfall auf die Sowjetunion

Deutsche Panzer und Kradschützen beim Vormarsch im Juni 1941. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Doch eine "Wende" im Sinne einer ultimativen militärischen Entscheidung über Sieg oder Niederlage im Zweiten Weltkrieg ist Stalingrad nicht. Vermutlich sind diese Würfel bereits gefallen, als das Deutsche Reich am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfällt. Hitler greift an diesem Tag nicht nur das größte Land der Erde und einen bisherigen Verbündeten ("Hitler-Stalin-Pakt") an, er eröffnet auch einen gefährlichen Zweifrontenkrieg, den er bis dahin unbedingt vermeiden wollte. Nachdem aber Großbritannien, trotz der Niederlage seines Verbündeten Frankreich 1940, den Krieg gegen das Deutsche Reich fortsetzt und in der Luftschlacht um England nicht bezwungen werden kann, nimmt Hitler sein ursprüngliches programmatisches Hauptziel ins Visier - die Sowjetunion.

"Blitzkrieg" im Westfeldzug

Das nötige Selbstvertrauen oder - besser gesagt - den nötigen Größenwahn, ein solches strategisches Risiko einzugehen, haucht ihm und seinen Generalen der überraschend schnell und vollständig errungene Sieg über Frankreich im Mai/Juni 1940 ein.

Generaloberst Franz Halder (links) und Generalfeldmarschall Erich von Manstein (rechts), vermutlich 1942. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Der deutsche "Blitzkrieg" im Westfeldzug ist das Paradebeispiel für den von deutschen Militärs entwickelten schnellen Bewegungskrieg mit starken Panzerverbänden. Die in einer einzigen Panzergruppe zusammengefasste Masse der deutschen Panzerdivisionen stößt durch die belgischen Ardennen, setzt bei Sedan über die Maas und schwenkt durch den Norden Frankreichs zur Kanalküste. Durch diesen vom späteren Generalfeldmarschall Erich von Manstein erdachten "Sichelschnitt" (der Begriff stammt von Winston Churchill) werden in Flandern 1,7 Millionen französische, britische und belgische Soldaten eingeschlossen. Das sind fast 60 Prozent der gegnerischen Streitmacht.

Sieg über Frankreich

Ein deutscher Panzerspähwagen beim Vormarsch in Frankreich, Juni 1940. Bildrechte: IMAGO / UIG

Es ist eine der gewaltigsten Umfassungsschlachten der Kriegsgeschichte. Und es ist die Vorentscheidung zum deutschen Sieg über Frankreich, der am 22. Juni 1940 mit dem Waffenstillstand von Compiègne besiegelt wird. Der Triumph über den bis dahin als stärkste Militärmacht der Welt geltenden "Erzfeind" beeinflusst die weitere deutsche Kriegführung maßgeblich. Die Wehrmachtführung sieht im Frankreichfeldzug den Beweis, dass sie in blitzschnellen Entscheidungsschlachten auch Kriege gegen strategisch überlegene Gegner gewinnen kann.

Sowjetunion als "Sandkastenspiel"

Hitler, OKH-Chef von Brauchitsch sowie OKW-Chef Keitel (v.r.n.l.) bei einer Lagebesprechung, Juli 1941. Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Berauscht vom schnellen Sieg in Frankreich, glaubt Hitler, auch die Sowjetunion in einem "Blitzkrieg" vernichten zu können. Er hält das viel größere, bevölkerungs- und rohstoffreichere und damit strategisch überlegene Land für einen "Koloss auf tönernen Füßen" und einen "Feldzug gegen Russland" für ein "Sandkastenspiel". Hatten Hitler und seine Generale Frankreich noch überschätzt, unterschätzen sie nun die Sowjetunion. Sie glauben, die im Westen des Landes stehende "Masse des russischen Heeres" in einer Serie gewaltiger Kesselschlachten vernichten und in 17 bis spätestens 22 Wochen die Linie Wolga-Archangelsk erreichen zu können.

Millionen gefangene Rotarmisten

Kolonne sowjetischer Gefangener nahe Smolensk, August 1941. Bildrechte: imago images/UIG

Tatsächlich gelingt es den auf drei Heeresgruppen verteilten vier Panzergruppen und acht Armeen des deutschen Ostheeres, in den ersten Monaten des Feldzugs fast vier Millionen Rotarmisten gefangen zu nehmen. Hunderttausende Sowjetsoldaten werden in verlustreichen Kessel- und Durchbruchschlachten getötet, gewaltige Mengen an Kriegsgerät erbeutet.

Vor dem Hintergrund dieser militärischen Erfolge behauptet der Chef des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Franz Halder, bereits Mitte Juli 1941, "dass der Feldzug gegen Russland innerhalb 14 Tagen gewonnen wurde".

Sowjetunion kann Verluste kompensieren

Rotarmisten marschieren im Herbst 1941 durch Moskau in Richtung Front. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Doch die finale Entscheidung auf dem Riesenschlachtfeld im Osten bleibt aus. Die Sowjetunion ist mit ihrem gewaltigen Menschen-, Industrie- und Rohstoffpotential in der Lage, die horrenden Verluste auszugleichen. Nach der Vernichtung ihres anfänglich 2,9 Millionen Mann starken Westheeres kann sie auf 12 Millionen Mann an Reserven zurückgreifen. Trotz der erheblichen Gebiets- und Bevölkerungsverluste infolge des deutschen Vormarschs, steht der Sowjetunion mit ihrer ursprünglich 194 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung auch weiterhin ein gigantisches Rekrutierungs- und Arbeitskräftereservoir zur Verfügung.

Wehrmacht siegt sich zu Tode

Deutscher Soldatenfriedhof in einer sowjetischen Stadt, 1941. Bildrechte: IMAGO / teutopress

Die in ihren personellen und materiellen Reserven extrem begrenzte Wehrmacht, siegt sich hingegen mit zunehmender Feldzugdauer zu Tode. Bis Ende Oktober 1941 hat sie an der Ostfront Gesamtverluste von 677.000 Mann an Toten, Verwundeten, Vermissten und Gefangenen zu beklagen. Das ist in etwa das Anderthalbfache eines deutschen Geburtsjahrgangs von 400.000 bis 500.000 Männern. Bereits zu diesem Zeitpunkt steht fest, dass der Fehlbestand der Wehrmacht nicht mehr ausgeglichen werden kann. Auch die Fahrzeug-Ausfälle durch Staub, Schlamm, Ersatzteilmangel und schwere Kämpfe sind enorm. So verliert allein die Panzergruppe 2 der Heeresgruppe Mitte bis Mitte November 850 ihrer ursprünglich 1.000 Panzer.

Das Scheitern vor Moskau

Anfang Dezember 1941 gehen ausgeruhte sowjetische Divisionen vor Moskau zur Gegenoffensive über. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Bereits am 11. August räumt der anfangs so optimistische Generalstabschef Halder ein, "dass der Koloss Russland […] von uns unterschätzt worden ist." Halder und die Heeresführung wollen die Hauptstadt Moskau einnehmen und so den Krieg auf dem Schlachtfeld entscheiden. Hitler hingegen will zunächst die Ukraine mit ihren Rohstoff- und Industriezentren okkupieren. Erst Anfang Oktober beginnt der "Sturm" auf Moskau. Zwar verliert die Rote Armee bei Wjasma und Brjansk noch einmal 673.000 Soldaten und 1.300 Panzer. Aber auch die deutschen Truppen sind nun vollständig erschöpft. Als Anfang Dezember 1941 die Rote Armee mit frischen Divisionen vor Moskau zur Gegenoffensive übergeht, ist der deutsche "Blitzkrieg" gegen die Sowjetunion endgültig gescheitert.

Strategische Wende im Dezember 1941

US-Panzerfabrik in Detroit: Hier entstehen auch Fahrzeuge für die Sowjetunion. Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Zwar bedeutet die Niederlage vor Moskau noch nicht das Ende des deutschen Offensivkrieges in der Sowjetunion. Jedoch markiert der Dezember 1941 einen strategischen Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Kriegseintritt der USA aufseiten Großbritanniens und der Sowjetunion infolge der deutschen Kriegserklärung vom 11. Dezember ist der Zweite Weltkrieg für das Deutsche Reich - wenn er es denn überhaupt jemals war - endgültig nicht mehr zu gewinnen.

Hitlers Strategie beim zweiten "Russlandfeldzug" 1942 besteht nun vor allem darin, durch die vollständige Eroberung des Donezbeckens und der Ölgebiete im Kaukasus, die rohstoffwirtschaftlichen Grundlagen für eine erfolgreiche Kriegführung gegen Briten und US-Amerikaner zu schaffen.

Auch zweiter "Russlandfeldzug" scheitert

Dem Untergang geweiht: Deutsche Soldaten in Stalingrad, September 1942. Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Der Versuch, im deutschen Sommerfeldzug 1942 mit den nur noch begrenzten Kräften zeitgleich Stalingrad an der Wolga sowie den Kaukasus zu erobern, scheitert bekanntlich im Winter 1942/43 fulminant. Zwar verliert die Rote Armee in der Schlacht um Stalingrad und bei den anschließenden Operationen erneut viel mehr Soldaten und Kriegsmaterial als die Wehrmacht. Aber auch diese Verluste kann die Sowjetunion - nun auch mithilfe amerikanischer Waffenlieferungen - ausgleichen.

Für Hitlers Wehrmacht ist hingegen im dritten Jahr des "Russlandkrieges" nur noch eine einzige Großoffensive an der Ostfront möglich. Bei Kursk sollen die deutschen Verbände im Sommer 1943 noch einmal ein Achtungszeichen setzen und starke sowjetische Kräfte einkesseln und vernichten. Doch als schließlich auch dieses Unternehmen scheitert, ist die deutsche Offensivkraft an der Ostfront endgültig verbraucht. Von da an geht es nur noch zurück.

Literaturhinweise

  • Bartov, Omer: Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und Brutalisierung des Krieges, Hamburg 1999.
  • Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bde. 2, 4, 8. Hrsg. Vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt.
  • Diedrich, Torsten: Stalingrad 1942/43, Ditzingen 2018.
  • Frieser, Karl-Heinz: Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940, Berlin 2021.
  • Ders.: Die deutschen Blitzkriege. Operativer Triumph - strategische Tragödie, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamts von Rolf-Dieter Müller und Hans-Erich Volkmann, München 1999, S. 182-196.
  • Hartmann, Christian: Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941-1945, München 2011.
  • Töppel, Roman: Kursk 1943. Die größte Schlacht des Zweiten Weltkrieges, Paderborn 2017.
  • Ueberschär, Gerd R.: Stalingrad - eine Schlacht des Zweiten Weltkriegs, in: Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht. Hrsg. von Wolfram Wette und Gerd R. Ueberschär, Frankfurt am Main 1992, S. 18-42.
  • Wegner, Bernd: Defensive ohne Strategie. Die Wehrmacht und das Jahr 1943, in: Die Wehrmacht. Mythos und Realität, S. 197-209.