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In der dritten Schlacht um Charkow erobern Waffen-SS-Divisionen die Großstadt in der Ukraine im März 1943 zurück. Bildrechte: dpa

Winterschlacht an der OstfrontCharkow 1943 – Der letzte deutsche Sieg im Osten

19. März 2023, 05:00 Uhr

Nach der Katastrophe von Stalingrad gelingt es der Wehrmacht in der Winterschlacht 1942/43, die sowjetische Großoffensive am Südflügel der Ostfront durch Absetzbewegungen und Gegenschläge zu parieren. Im März 1943 erobert ein SS-Panzerkorps in verlustreichen Kämpfen das einen Monat zuvor geräumte Charkow zurück. Es ist der letzte deutsche Sieg im Osten.

von Dr. Daniel Niemetz

Nach Stalingrad und Leningrad gehört Charkow (ukrainisch: Charkiw) im Zweiten Weltkrieg zu den am härtesten umkämpften Großstädten der Sowjetunion. Die Metropole im Nordosten der Ukraine ist 1941 mit fast 850.000 Einwohnern die viertgrößte sowjetische Stadt. Als wichtiger Verkehrsknoten und bedeutender Rüstungsstandort ist Charkow zudem von großer strategischer Bedeutung. Dies sollte der Stadt und ihrem Umland in drei Kriegsjahren vier Schlachten, mehrere Frontwechsel, schwere Zerstörungen und großes menschliches Leid bescheren.

Warum "Charkow" und nicht "Charkiw"?

Der russische Name "Charkow" war zu Zeiten der Sowjetunion (1922-1991) auch in Deutschland die gebräuchliche Form für die im 17. Jahrhundert als russische Festung gegründete Stadt in der heutigen Ostukraine. Deshalb heißen alle im Verlauf des Zweiten Weltkrieges um die Metropole ausgetragenen Schlachten offiziell "Schlacht bei [um] Charkow". Die offizielle ukrainische Bezeichnung "Charkiw" setzte sich erst im Zuge des russisch-ukrainischen Konflikts bzw. Krieges seit 2014/2022 in den deutschen Medien durch.

Vormarsch deutscher Soldaten bei Charkow im Frühjahr 1942. Bildrechte: IMAGO/TT

Das erste Mal kommen die Schrecken des Krieges im Oktober 1941 nach Charkow. In viertägigen Kämpfen wirft die deutsche 6. Armee eine sowjetische Armee aus der Stadt. Im Mai 1942 versuchen sechs sowjetische Armeen, Charkow zurückzuerobern. Doch die Großoffensive endet für die Rote Armee in einer Katastrophe. Teile von vier sowjetischen Armeen werden eingekesselt. 239.000 Rotarmisten geraten in Gefangenschaft.

Schlacht um Stalingrad

Die Wehrmacht-Armeen, die in der zweiten Charkow-Schlacht siegreich sind, ziehen im Zuge der deutschen Sommeroffensive 1942 (Unternehmen Blau) nach Südosten weiter. Eine von ihnen kommt bis Stalingrad an der Wolga. Es ist die 6. Armee. Ein drittes Mal nach Charkow zurückkehren werden ihre Soldaten nicht. Im Winter 1942/43 wird die 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad eingekesselt und vollständig vernichtet.

Panzer der 14. Panzerdivision der Wehrmacht, vermutlich im Spätherbst 1942 in einem Dorf an der Donfront. Der aus Dresden stammende Verband wird später in Stalingrad vernichtet. Bildrechte: imago images/Reinhard Schultz

Es ist der psychologische Wendepunkt des Krieges und der Auftakt einer noch viel größeren Operation. Mit einem gewaltigen Stoß zum Asowschen Meer und zum Dnjepr will das Oberkommando der Roten Armee den gesamten Südflügel der deutschen Ostfront abschneiden. Eine Million deutsche und verbündete Soldaten der Heeresgruppen B, Don und A wären damit ausgeschaltet. Das könnte die Vorentscheidung des Krieges im Osten sein.

Durchbruch am mittleren Don

Am 16./17. Dezember 1942 durchbrechen drei sowjetische Armeen die Linien der italienischen 8. Armee und einer deutschen Armeeabteilung am mittleren Don. Ihr Stoß zielt auf das unweit des Asowschen Meeres gelegene Rostow am unteren Don.

Rotarmisten beim Angriff über den zugefrorenen mittleren Don im Januar 1943. Bildrechte: imago stock&people

Die 4. Panzerarmee der Wehrmacht muss daraufhin am 23. Dezember ihren Entsatzangriff zur Rettung der bei Stalingrad eingeschlossenen 6. Armee abbrechen, um den Einbruch zu stoppen. Doch kurz darauf wird der deutsche Großverband selbst durch zwei – diesmal von Osten vorstoßende – sowjetische Armeen 200 Kilometer nach Westen gedrückt. Erst 40 Kilometer vor Rostow kann die 4. Panzerarmee den sowjetischen Vorstoß aufhalten. Die Donbrücken bei Rostow bleiben in deutscher Hand. Über sie ziehen sich bis Anfang Februar 1943 Teile der ursprünglich im Kaukasus kämpfenden Heeresgruppe A sowie die 4. Panzerarmee nach Norden zurück.

Rückzug aus dem Kaukasus

Der deutsche Oberbefehlshaber Adolf Hitler hatte der Rücknahme der Heeresgruppe A aus dem Kaukasus erst Ende Dezember zugestimmt, nachdem Heeresgeneralstabschef Kurt Zeitzler vor einem zweiten, noch viel größeren "Stalingrad" gewarnt hatte. Allerdings erlaubt Hitler nur die Rückführung der 1. Panzerarmee über den Don nach Norden.

Deutscher Schütze mit Schwerem Maschinengewehr, vermutlich Kaukasus- oder Kuban-Front 1942/43. Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Der größere Teil der Heeresgruppe mit der 17. Armee soll sich nach Westen in die "Gotenkopf-Stellung" am Unterlauf des Kuban zurückziehen. Von hier aus will der "Führer" die – völlig illusorische – Zugriffsmöglichkeit auf das kaukasische Öl wahren, welches das strategische Hauptziel seiner Sommeroffensive 1942 gewesen war. Die Folge ist, dass 400.000 deutsche Soldaten im Kuban-Brückenkopf festliegen, ohne in die im Norden tobenden Kämpfe zur Stabilisierung der deutschen Ostfront eingreifen zu können.

Karte zur deutschen Sommeroffensive 1942 (Unternehmen Blau)

Karte zur deutschen Sommeroffensive 1942 mit den Vormarschrichtungen der deutschen Armeen: Die Front ist am 18. November 1942 (blaue Linie) hoffnungslos überdehnt. Von da an gelingt es der Roten Armee, die Wehrmacht in mehreren großen Operationen zurückzuschlagen bzw. zum Abzug zu zwingen. Ende März 1943 verläuft die Front etwas westlich des Frontverlaufs vom Beginn der Sommeroffensive am 28. Juni 1942 (rote Linie). Bildrechte: MDR.DE

Erneuter Durchbruch am Don

Dort erzielt die Rote Armee im Januar 1943 bei der Heeresgruppe B am mittleren Don weitere gewaltige Einbrüche. Nach der 2. ungarischen Armee, die dabei fast vollständig aufgerieben wird, trifft es Ende Januar auch deren linke Nachbarin, die 2. deutsche Armee.

Deutsche Kriegsgefangene nach der Befreiung von Kursk durch die Rote Armee im Februar 1943. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Obwohl sich deren Korps der vollständigen Vernichtung gerade noch entziehen können, verliert der Großverband allein in der letzten Januarwoche mehr als 38.000 Mann an Gefallenen, Verwundeten, Vermissten und Kältegeschädigten. Bis zu 250 Kilometer wird die 2. Armee bei der sowjetischen Großoffensive nach Westen gedrückt. Erst 50 Kilometer westlich von Kursk kann sie vorerst eine neue Verteidigungslinie aufbauen. Allerdings klaffen links und rechts von ihr große Frontlücken.

SS-General Hausser räumt Charkow

200 Kilometer südlich davon soll die neu gebildete Armeeabteilung Lanz den Raum Belgorod-Charkow gegen vier angreifende sowjetische Armeen sichern. Neben der Infanteriedivision "Großdeutschland" steht ihr dafür lediglich das SS-Panzerkorps der Waffen-SS unter SS-Obergruppenführer Paul Hausser zur Verfügung.

Tiger-Panzer und Grenadiere der Waffen-SS an der Ostfront, vermutlich Frühjahr oder Sommer 1943. Bildrechte: imago images/Everett Collection

Das Korps mit den SS-Divisionen "Leibstandarte SS Adolf Hitler", "Das Reich" und "Totenkopf" ist erst kurz zuvor aus Frankreich an die Ostfront verlegt worden. Es war ursprünglich für eine zweite Entsatzoffensive auf Stalingrad vorgesehen. Nun soll das SS-Panzerkorps auf direkten Befehl Hitlers Charkow halten und zusätzlich einen Angriff gegen sowjetische Durchbrüche im Süden führen. Doch die Kräfte sind dafür viel zu schwach. Um seine Divisionen vor der sicheren Einschließung in Charkow zu retten, räumt Hausser die Stadt am 16. Februar gegen ausdrücklichen "Führerbefehl". Immerhin kann der sowjetische Vormarsch kurz hinter Charkow gestoppt werden.

Sowjetischer Vorstoß zum Dnjepr

Weiter südlich sieht es für die Deutschen noch viel schlechter aus. Dort klafft eine 160 Kilometer breite Frontücke. Durch sie stößt die 6. sowjetische Armee bis zum 18. Februar auf 30 Kilometer an Dnjepropetrowsk heran. Südlich davon erreicht die Panzergruppe Popow zur gleichen Zeit Krasnoarmeisk (heute Pokrowsk). Von dort sind es nur noch 130 Kilometer bis zum Asowschen Meer.

Zerstörte Militärtechnik auf einer Rückzugsstraße der Deutschen in der Region Woronesch, Januar 1943. Bildrechte: IMAGO/SNA

Nach den gewaltigen Erfolgen seit Stalingrad sieht sich das Oberkommando der Roten Armee um Josef Stalin auf der sicheren Siegerstraße. Den vorpreschenden sowjetischen Stoßkeilen wird befohlen, "ohne Rücksicht auf Nachschub und auf feindliche Nachhuten durch den weichenden Feind zu stoßen" und ihm den Rückzug über den Dnjepr abzuschneiden. Doch ein Rückzug der deutschen Verbände über den Dnjepr ist überhaupt nicht geplant. Vielmehr sieht der Plan des Oberbefehlshabers der kurz zuvor wiederbelebten deutschen Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall Erich von Manstein, vor, die wild vorstoßenden sowjetischen Panzerkeile ihrerseits abzuschneiden und zu vernichten.

Mansteins "Schlagen aus der Nachhand"

Manstein hat für den von ihm als "Schlagen aus der Nachhand" bezeichneten Gegenangriff die Verbände seiner bisherigen Heeresgruppe Don inklusive der 4. Panzerarmee, die von der Heeresgruppe A erhaltene 1. Panzerarmee sowie Teile der bisherigen Heeresgruppe B mit dem SS-Panzerkorps zur Verfügung. Um zusätzliche Kräfte für eine Gegenoffensive zu gewinnen, lässt er das östliche Donezbecken mit Rostow räumen. Durch die Rücknahme seiner Truppen nach Westen hinter den Mius gewinnt er eine kürzere und für Infanteriedivisionen besser zu verteidigende Front.

Generalfeldmarschall Erich von Manstein. Bildrechte: imago/United Archives International

Die im Zuge seiner "Rochade" freiwerdenden Panzerverbände setzt Manstein gegen die weit überdehnten Linien der sowjetischen Panzerkeile ein. Am 20. Februar schneidet die deutsche 1. Panzerarmee die auf Stalino (Donezk) vorpreschende Panzergruppe Popow vom Nachschub ab und vernichtet sie in viertägiger Schlacht. Das gleiche Schicksal erleidet die weiter nördlich bis zum Dnjepr vorgestoßene 6. sowjetische Armee. Ihre rückwärtigen Verbindungen werden durch die um das SS-Panzerkorps verstärkte 4. Panzerarmee gekappt und ihre bewegungsunfähig gewordenen Panzerverbände vernichtet. Am 28. Februar stehen die Deutschen wieder südlich von Isjum. Am 5. März sind alle Frontlücken der Heeresgruppe Süd wieder geschlossen.

SS-Panzerkorps erobert Charkow zurück

Damit rückt erneut Charkow in das Blickfeld der deutschen Führung. Hitler wünscht die Wiedereinnahme Charkows "aus politischen Gründen". Auch Manstein, der Charkow "einen magischen Anreiz auf die Truppe" attestiert, will die Stadt zurückhaben. Die Rückeroberung fällt maßgeblich dem SS-Panzerkorps zu, welches die Stadt im Februar verloren hatte.

Panzerjäger der Fallschirmtruppe an der Ostfront 1943. Bildrechte: imago images / Photo12

Korpskommandeur Hausser soll Charkow vom Norden und Nordosten umfassen und möglichst im Handstreich nehmen. So soll ein verlustreiches "Festbeißen" vermieden werden. Doch Hausser lässt am 11. März die SS-Divisionen "Leibstandarte" von Norden und "Das Reich" von Westen bis an die Stadtränder vorstoßen, wobei es zu schweren und für die Waffen-SS verlustreichen Kämpfen kommt. Erst auf Drängen seiner Vorgesetzten lässt der SS-General die Division "Das Reich" auf die Ostseite der Stadt ziehen. Bis zum 14./15. März wird das Stadtgebiet von Charkow in äußerst harten Gefechten, bei denen nach den Worten Haussers "dem Feind Straßenzug um Straßenzug" entrissen wird, zurückerobert.

Hunderttausende Tote für Nichts

Bis zum 18. März kann schließlich ein anderes Panzerkorps der 4. Panzerarmee mithilfe starker Luftwaffenunterstützung die südlich und südöstlich von Charkow stehenden sowjetischen Verbände einschließen und vernichten. Am selben Tag erobert das SS-Panzerkorps auch das nordöstlich von Charkow gelegene Belgorod zurück.

Zerstörte Häuser in Charkow im Winter 1943. Bildrechte: imago images/Sovfoto\UIG

Am 22. März kommen die Kämpfe im Süden der Ostfront aufgrund der einsetzenden Schlammzeit, der "Rasputiza", zum Erliegen. Die Wehrmacht hat ihren Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen und dem Gegner erhebliche Verluste (70.000 Tote und Gefangene) beigebracht. Man steht fast wieder dort, wo man den Sommerfeldzug 1942 begonnen hatte. Allerdings haben die Deutschen und ihre Verbündeten in der Schlacht um Stalingrad und danach hunderttausende Soldaten verloren, die sie nicht mehr ersetzen können. An einen dritten Feldzug der Wehrmacht im Osten ist nicht mehr zu denken.

Hitlers "Strategie" beschränkt sich fortan darauf, noch einmal eine große Schlacht gegen die Rote Armee zu gewinnen. Das Schlachtfeld dafür steht bereits fest. Nördlich von Charkow und Belgorod ragt ein riesiger sowjetischer Frontbogen vor. Die Stadt in seinem Zentrum wird im Sommer 1943 der größten Panzerschlacht der Geschichte ihren Namen geben – Kursk!

Literaturhinweise

  • Diedrich, Torsten: Stalingrad 1942/43, Ditzingen 2018.
  • Hartmann, Christian: Unternehmen Barbarossa. Der deutsche Krieg im Osten 1941-1945, München 2011.
  • Manstein, Erich von: Verlorene Siege. Erinnerungen 1939-1944, 13./14. Auflage, Bonn 1993.
  • Schwarz, Eberhard: Zwischen Stalingrad und Kursk. Die Stabilisierung der Ostfront im Februar/März 1943. In: Stalingrad. Ereignis - Wirkung - Symbol. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Jürgen Förster, München 1993, S. 113-129.
  • Wegner, Bernd: Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. In: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 6, Der Globale Krieg - Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941 bis 1943. Hrsg. Vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Stuttgart 1990.
  • Ders.: Defensive ohne Strategie: Die Wehrmacht und das Jahr 1943. In: Die Wehrmacht Mythos und Realität. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Rolf-Dieter Müller und Hans-Erich Volkmann, München 1999.