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Die Welt der Medien im Wandel

Moderatoren ins Studio, Journalisten ins Homeoffice

von Steffen Grimberg

Stand: 20. November 2020, 12:20 Uhr

Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft und sorgt für zum Teil erhebliche Veränderungen: Die über Jahrhunderte gewachsene Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz beispielsweise ist für viele Menschen zumindest zeitweise wieder aufgehoben. Dass die Mehrheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice sitzt, ist auch bei den meisten Medienunternehmen die Regel.

In wissenschaftlichen Studien wird aktuell sogar diskutiert, ob das Homeoffice zukünftig vielleicht gleich der neue Mittelpunkt der Arbeitswelt wird. Eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung e.V. (DGFP) belegt diesen Trend. Auch Bewerbungs- und Einstellungsgespräche werden inzwischen in mehr als der Hälfte der Fälle online geführt. 42 Prozent der befragten 500 Unternehmen aus allen Branchen gaben an, für sie stehe bereits fest, dass die Möglichkeit der Heimarbeit nach dem Ende der Corona-Pandemie ausgeweitet werden solle.

Die Grenzen des Homeoffice

Diese Entwicklung gilt auch für Medienunternehmen, obwohl sich hier auch die Grenzen des Homeoffice zeigen. Um es mal platt zu sagen: Eine Zeitungsdruckerei oder eine TV-Senderegie lassen sich nun einmal nicht so leicht in den heimischen Hobby-Keller verlegen. Viele freie Journalistinnen und Journalisten waren schon immer aus dem Arbeitszimmer in den eigenen vier Wänden heraus im Einsatz. In vielen Medienhäusern sind aller modernen Technik zum Trotz bestimmte Formen der persönlichen Präsenz aber weiterhin unverzichtbar, Corona hin oder her. Die Moderatorinnen und Moderatoren der Nachrichtensendungen müssen nun einmal ins Studio. Schauspielerinnen und Schauspieler gehören für die Produktion eines Fernsehfilms oder einer TV-Serienfolge vor die Kamera. Und auch hinter der Kamera steht besser noch eine reale Person, die das Ganze aufnimmt.

Früher Ding der Unmöglichkeit - heute Alltag

Die Pandemie hat auch die Medien vor vollendete Tatsachen gestellt und hierbei für zum Teil ganz unerwartete Einsichten geführt. Klassische Redaktionsarbeit lässt sich beispielsweise tatsächlich in einem Maße virtuell gestalten, das vorher als Ding der Unmöglichkeit galt. Heute finden Planungsrunden, aktuelle Absprachen und sogar Jurysitzungen für Medienpreise ganz selbstverständlich dezentral und digital statt. Dafür sind neue Fragen aufgetaucht: Was passiert mit meinen Daten, wenn ich auf bekanntermaßen „datenkrakig“ agierende Software von US-Konzernen angewiesen bin? Wie gleiche ich bei reinen Telefonkonferenzen das Defitzit aus, dass ich nur das gesprochene Wort, nicht aber die Körpersprache meiner Kolleginnen und Kollegen mitbekomme? Oder ganz menschliche Aspekte: Wie viele Video-Meetings hält man an einem Arbeitstag durch? Wer nutzt die technischen Möglichkeiten, sich einen schlanken Fuß zu machen und Arbeit nur vorzutäuschen?

Wie produktiv ist die Arbeit zu Hause?

Hier stehen valide wissenschaftliche Untersuchungen noch aus. Erste Ergebnisse aber zeigen, dass die Produktivität im Homeoffice und die Qualität der Arbeit nicht schlechter sind als zu Zeiten (seliger?) Büro- und Redaktionspräsenz. Oder, um es mit den Worten eines Direktors einer für die Privatfunk-Aufsicht zuständigen Landesmedienanstalt aus Ostdeutschland zu sagen: „Wer im Homeoffice massiv trickst, hat auch im Büro nur Kaffee getrunken.“

Die Medien haben eine Doppelrolle

Die Mediennutzung hat sich ebenfalls stark verändert. Vor allem zu Beginn der Corona-Krise war das Bedürfnis nach Informationen übergroß. Die Medien informierten und berichteten. Analyse und kritische Einordnung kamen dabei anfangs etwas zu kurz. Das hat sich mittlerweile geändert. Doch die Herausforderung gerade für den Journalismus ist geblieben. Einerseits ist er Teil des Krisenmanagements einer Gesellschaft im Ausnahmezustand. Gleichzeitig hat er die Aufgabe, genau dieses Krisenmanagement kritisch zu begleiten und zu hinterfragen - seien es die Rolle und Beschlüsse der Politik oder die zum Teil widersprüchlichen Aussagen der Wissenschaft. Ganz aktuell ist diese Doppelrolle der Medien bei der Debatte um die Verhältnismäßigkeit bestimmter Maßnahmen und Gesetze zu beobachten. Da ist zum einen die berechtigte Frage, wie stark sich demokratische Grundrechte und bürgerliche Freiheiten einschränken lassen, bis die Gesellschaft Schaden nimmt. Und zum anderen die diese Diskussion begleitenden aufgeregten und oft überhitzt geführten Auseinandersetzungen und Demonstrationen der „Querdenker“ und anderer Gruppen.

Schub für die Digitalisierung

Klar ist schon heute: Die digitalen Verbreitungswege sind die großen Gewinner der Corona-Zeit. Das wären sie auch ohne die Pandemie. Doch diese hat die Geschwindigkeit, mit der sich der digitale Wandel Bahn bricht, nochmal deutlich beschleunigt. Anderseits braucht es weiterhin die klassischen Medien wie die gedruckte Zeitung oder das lineare Fernsehen, um wirklich alle Bevölkerungs- und Altersgruppen der Gesellschaft zu erreichen. Denn was in der Großstadt längst digitale Selbstverständlichkeit ist, scheitert im ländlichen Raum oft schon an der fehlenden schnellen Internetverbindung.

Schwachstellen der Informations- und Wissensgesellschaft

Corona legt so auch die Schwachstellen unserer dann eben doch noch lange nicht voll ausgebauten Informations- und Wissensgesellschaft schonungslos offen. Deshalb setzt die Politik nun auch auf direkte Förderung bestimmter Mediengattungen, um vor allem den lokalen Informationsfluss aufrecht zu erhalten und abzusichern. Hier liegt eine der wohl größten Veränderungen im deutschen Mediensystem. Auch sie hatte sich zwar schon vor Beginn der Pandemie angedeutet, wurde aber durch Corona von einer vorher kaum denkbaren Dynamik erfasst. Denn bislang galt solche direkte Subvention als großes Tabu - bei der Politik, den Medienbetrieben, und auch den meisten Journalistinnen und Journalisten.

Medien müssen sich mit sich selbst beschäftigen

Ob die aktuell angekündigten Maßnahmen wirklich geeignet sind, lokale Informationsvielfalt und ganz allgemein die demokratische Meinungsbildung nachhaltig und langfristig zu sichern, wird erst die Entwicklung der nächsten Jahre zeigen. Für die Medien und ihre Journalistinnen und Journalisten erwächst hier aber eine weitere, spannende Herausforderung. Denn auch darüber müssen sie berichten, sozusagen in eigener Sache. Und auf absehbare Zeit aus dem Homeoffice heraus.