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Corona und die Medien

Hält das Wachstum nach der Krise an?

von René Martens

Stand: 17. November 2020, 16:54 Uhr

Die Covid-19-Pandemie hat die Mediennutzung verändert - mit unterschiedlicher Intensität in den verschiedenen Mediengattungen. Während der “zweiten Welle“ dürfte das Informationsbedürfnis ähnlich zunehmen wie während der ersten.

Mehr als zehn Stunden Mediennutzung täglich

Die Zeiten, in denen regelmäßig der “Lagerfeuer“-Charakter des Fernsehens beschworen wurde, liegen schon ein bisschen zurück. Netflix und andere Streaming-Anbieter und auch die Mediatheken haben bekanntlich die Sehgewohnheiten verändert. Mit der Corona-Pandemie hat aber ein ausgesprochen unerfreuliches Ereignis für ein kleines Lagerfeuer-Revival gesorgt: In der Zeit "von Anfang März bis Mitte Mai“ habe das lineare Fernsehen seinen “vielleicht letzten Höhepunkt“ erlebt, schrieb kürzlich der Literaturwissenschaftler Thomas Hecken in der Herbstnummer der Halbjahreszeitschrift Pop. Kultur und Kritik.

Die These lässt sich auch mit Zahlen untermauern. Eine Studie des Marktforschers Nielsen im Zeitraum 25. bis 31. März 2020, also in der frühen Phase der Corona-Pandemie, erbrachte unter anderem das Ergebnis, dass “die tägliche Nutzungsdauer von öffentlich-rechtlichen Fernsehangeboten“ im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gewachsen sei. Das Privatfernsehen verzeichnete in der Phase sogar ein Plus von 25 Prozent. Ungleich stärker legten im selben Zeitraum aber die digitalen Angebote von Tages- und Wochenzeitungen zu: Hier gab es Zuwachsraten bis zu 90 Prozent.

Weil die Auswertung von Daten einige Monate in Anspruch nimmt, liegen Erkenntnisse zum veränderten Nutzungsverhalten oft erst mit einer gewissen Verspätung vor. Ende Oktober veröffentlichten die zu ProSiebenSat1 gehörende Firma Seven One Media und der deutsche Ableger des TV-Konzerns Discovery (Eurosport, Tele 5) den “Media Activity Guide“. Die Daten dafür wurden bereits zwischen dem 2. und 29. März erhoben - was aber den Vorteil hat, dass die Studie einen Vergleich zwischen der Zeit vor dem ersten Corona-Lockdown und während dieser Phase möglich macht. Die Studienautoren fanden dabei unter anderem heraus, dass “die Nutzungsdauer von Bewegtbild in der zweiten Märzhälfte insgesamt um 15 Prozent von 287 auf 330 Minuten täglich“ anstieg. Davon profitierte vor allem das Fernsehen (mit einem Zuwachs von 31 Minuten). Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wuchs die gesamte Mediennutzung auf mehr als 10 Stunden täglich “etwa eine Stunde mehr als im Vorjahr“.

Die Untersuchung “Mediengewichtungsstudie 2020-I - Mediennutzung in Zeiten von Corona“ der Firma Kantar Media Research beschreibt eine vergleichbare Entwicklung: Anfang 2020 hätten noch unter 90 Prozent der Befragten Infos zum Zeitgeschehen in Deutschland und der Welt genutzt. Aber: Mit Beginn der Corona-Pandemie im März sei die Zahl “stetig“ angestiegen. So formulieren es die Landesmedienanstalten, die die Studie in Auftrag gegeben haben. Im Juni wächst sie auf 96,5 Prozent. Zwischen März und Juni sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum besonders hohe Steigerungsraten bei der Internetnutzung (plus 18,9 Prozentpunkte) zu verzeichnen.

Smartphone-Nutzung bei den Älteren steigt

Als jährliche Bestandsaufnahme des veränderten Mediennutzungsverhaltens dient bereits seit 2008 der Convergence Monitor. Der diesjährige Bericht - erschienen unter dem Dach der AGF Videoforschung, zu deren Gesellschafter ARD, RTL und Sky gehören - zeigt unter anderem die steigende Beliebtheit von Podcasts. Die Nutzung in diesem Bereich stieg 2020 im Vergleich zu 2019 um rund ein Drittel. Die entsprechenden Umfragen fanden zwischen Ende April und Anfang Juni statt. Ähnliches ergab eine Ende August veröffentlichte Studie der Beratungsfirma Goldmedia. Demnach haben “mehr als die Hälfte der Podcast-Hörer*innen (55 Prozent) Podcasts in den letzten 12 Monaten intensiver genutzt als zuvor“. Bei fast der Hälfte von ihnen habe “sich mit der Corona-Pandemie die Nutzung noch einmal erhöht“.

Außerdem kamen Untersuchungen zu folgenden bemerkenswerten Ergebnissen:

Unter den Gesichtspunkten der Medienforschung ergeben sich für die kommenden Monate folgende interessante Fragen: Werden Untersuchungen zum Nutzungsverhalten während der “zweiten Welle“ ähnliche Ergebnisse bringen wie jene über die Zeit zwischen März und Juni? Werden Medien auch jenseits von Pandemie-Krisenzeiten zumindest einen Teil der Nutzer halten können, die sie infolge von Corona hinzugewonnen haben?

Der Beratungskonzern Deloitte bilanzierte im Juli: “Das Thema Covid-19 wird uns natürlich noch eine ganze Weile begleiten, aber nach den drastischen Maßnahmen im März und April ist in den vergangenen Wochen wieder ein gewisses Maß an Normalität zurückgekehrt. Altersübergreifend 52 Prozent der Befragten hatten angegeben, während der Einschränkungen mehr Medien konsumiert zu haben als vorher. Wie erwartet ist der Medienkonsum im Vergleich nun wieder deutlich zurückgegangen. Dennoch kann knapp ein Drittel der Zuwächse durchaus als langfristiger Effekt verbucht werden.“

Oktober-Statistiken: Lineares Fernsehen wieder wichtiger

Positive langfristige Effekte hat auch Daniel Vogelsberg, der Redaktionsleiter von MDR Wissen, beobachtet: “Wir hatten im März vier Millionen Visits, vorher hatten wir 800.000. Jetzt hat sich das eingependelt zwischen einer und 1,2 Millionen.“ Und die neuen Nutzer interessierten sich nicht nur für Corona, sondern auch für andere Themen.

Zahlen zur TV-Nutzung im Oktober deuten darauf hin, dass die “zweite Welle“ der Pandemie sich unter dem Gesichtspunkt der Mediennutzung ähnlich entwickeln könnte wie die erste. Das Erste Programm der ARD steigerte im Oktober seine Quote um 0,6 Prozentpunkte gegenüber dem September, auch Marktführer ZDF legte zu und kam auf 13,7 Prozent Marktanteil - den besten Wert seit März. Die Tagesschau kam im Oktober auf die höchsten Reichweiten seit April. Im Schnitt schauten im Oktober 800.000 Zuschauer mehr zu als im September. Zuwächse gab es auch bei den privaten Nachrichtensendern und den Dritten Programmen. Das MDR Fernsehen etwa legte in seinem Sendegebiet um 0,9 Prozentpunkte zu.

Vielleicht lodert das Lagerfeuer also noch ein bisschen länger.