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Evangelische KircheMission erfüllt? Was der neue Rekord bei den Kirchenaustritten bedeutet

12. März 2023, 04:00 Uhr

Wenn sonntags landauf, landab die Glocken läuten, dann tun sie das für immer weniger Menschen. In dieser Woche gab es die aktuellen Zahlen für die evangelischen Christen in Deutschland. Danach gehörten im Jahr 2022 beispielsweise der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) noch 616.000 Mitglieder an, rund 22.000 weniger als im Jahr zuvor. Zu Alarmstimmung hat das in der Kirchenleitung nicht geführt. Wir haben den Leipziger Religionsoziologen Gert Pickel und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann (EKM) um eine Interpretation gebeten:

von Uli Wittstock, MDR Kultur

Noch immer hat die Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mehr als das Zehnfache der Mitglieder aller Parteien in Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammen. Auch als Arbeitgeber ist die Kirche mit ihren diakonischen Einrichtungen einer der größten. Und dennoch verliert sie an Bedeutung.

Pickel: Kirche scheint vielen nicht mehr zeitgemäß

"Das Kernproblem", beschreibt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel von der Universität Leipzig so: "Relativ viele Menschen wissen: 'Ich brauche eigentlich keine Kirche oder Religion und kann trotzdem ganz normal leben.' Es ist nicht so, dass die Leute gegen Religion, gegen Kirche sind. Der Humanistische Verband hat ja auch nicht so viel Zulauf. Man ist eben nicht mehr daran interessiert. Man findet es nicht mehr wichtig und auch nicht mehr zeitgemäß."

In Ostdeutschland erleben die Kirchen diese Entwicklung seit mehr als einem halben Jahrhundert. Dachte man nach der Wende, die Entwicklung ließe sich zurückdrehen, ist davon heute kein Rede mehr.

EKM-Oberkirchenrat: Großorganisation Kirche auf "Solidarbeitrag" angewiesen

Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Dezernent für Gemeinde und Bildung in Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) betont: "Was wir jetzt noch mal ganz neu spüren, ist, dass auf der einen Seite Menschen sagen: 'Ich kann mir sehr gut vorstellen, Christ zu sein und ein christliches Leben zu führen, ohne Mitglied - und damit auch zahlendes Mitglied - in dieser Großorganisation zu sein.' Diesem Thema müssen wir uns widmen. Denn die Großorganisation ist darauf angewiesen, dass sie durch den 'Solidarbeitrag' Kirchensteuer mitfinanziert wird."

Breites Engagement für die "Kirche im Dorf"

Zugleich erleben die Gemeinden vor Ort sehr viel Unterstützung von Menschen, die gar keine Kirchenmitglieder sind und sich dennoch tatkräftig engagieren, wenn es um den Erhalt der historischen Gebäude geht. Christian Fuhrmann sieht darin große Chancen: "Das sind Menschen, die haben ein Anliegen, nämlich, dass die Kirche im Dorf bleibt. Ich glaube, das ist eine Form der Religiosität, der Beheimatung, der Geborgenheit, die wir tatsächlich auch achten müssen."

Mission erfüllt?

Trotz schwindender Mitgliedszahlen befürchtet Religionssoziologe Gert Pickel keinen Wertefall. Denn die christliche Prägung Europas sei inzwischen fester Bestandteil der alltäglichen Praxis: "Deswegen haben wir eben nicht die Heiden-Horden, die wild herummarodieren. Die Heiden denken so ungefähr dasselbe wie die Christen", merkt er ironisch an. "Das ist einerseits ein Erfolg des Christentums, der andererseits eine Art Pyrrhussieg bedeutet." Denn man brauche eigentlich keine Kirche, um christliche Werte zu vertreten.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2023 | 09:15 Uhr