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GedächtnisWürden Sie Ihre Abschlussprüfung nochmal bestehen?

25. Mai 2023, 12:10 Uhr

Wer von uns hat sich nicht auch schon mal gefragt, ob man seine Abschlussprüfung eigentlich auch heutzutage nochmal bestehen würde. Und ob man dabei besser oder schlechter abschneiden würde. Auch MDR WISSEN-Reporterin Maike hat sich diese Frage schon öfter gestellt. Und sie hat es ausprobiert! Und von Forschenden wertvolle Tipps erhalten, die das Erinnern auch im Alltag leichter machen können.

von Maike zum Hoff und Thomas Jähn

Ob Abitur, Fachabi oder Mittlere Reife – viele von uns haben sich während ihrer Schulzeit über Wochen und Monate intensiv auf ihre Abschlussprüfung vorbereitet, haben seitenweise Texte gelesen, haben unzählige Jahreszahlen, Vokabeln und Formeln gelernt und mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern Rechenwege und Lösungsansätze diskutiert.

Doch wie viel von all dem Schulwissen von damals ist heute tatsächlich noch in unserem Gedächtnis? Nicht selten kommt der Gedanke in uns auf: Wozu hab ich all den Mist eigentlich gelernt? Ich hab es nie wieder gebraucht im Leben!

Wer mehr weiß, lernt auch besser

Und doch sollten wir unser zu Schulzeiten erworbenes Wissen nicht unterschätzen. Es spielt eine wesentliche Rolle für unser weiteres Lernen, erklärt Psychologin Dr. Myriam C. Sander vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Denn je mehr wir wissen, umso leichter und effizienter lernen wir. Und umso besser können wir später auch Informationen in unserem Gedächtnis wieder abrufen.

Ich war der festen Überzeugung, ich sehe die Prüfung und dann kommt einfach so ein 'Ach so, na klar'-Moment. Aber Pustekuchen!

Maike zum Hoff, Podcast-Host

Myriam C. Sander ist Leiterin einer Forschungsgruppe im Bereich Entwicklungspsychologie, die sich unter anderem mit Veränderungen der Gedächtnisleitung im zunehmenden Alter beschäftigt. Bildrechte: MDR/Myriam Sander

"Wir haben ja Milliarden von Nervenzellen in unserem Gehirn. Und wenn wir jetzt etwas lernen, also Informationen aufnehmen, dann werden die Nervenzellen aktiviert, und zwar sehr viele auf einmal", so Sander. Diese codieren quasi diese Informationen, schaffen neue Verbindungen oder benutzten Verbindungen, die schon da sind. "Dadurch entsteht ein riesiges Netzwerk aus gleichzeitig aktiven Nervenzellverbänden und darin sind unsere Gedächtnisspuren kodiert."

Was nicht benutzt wird, verschwindet

Doch Informationen, die wir lange nicht benutzt haben, deren Gedächtnisspur im Gehirn lange nicht aktiviert wurde, die vergessen wir. Denn die Gedächtnisspuren werden schwächer, teilweise werden sie von neuen, relevanteren Infos überlagert oder manchmal sogar überschrieben.

Wir haben viel mehr an Wissen gespeichert, als wir aktiv abrufen können.

Martin Korte, Professor für Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig

Doch wirklich weg sind diese Informationen meist nicht, sondern sie schlummern unter anderen Dingen. Um sie wieder zu wecken, braucht es oftmals einfach einen verstärkten Input und mehr Impulse, sogenannte Abrufreize – durch sie wird ein lange stillgelegtes Netzwerk wieder reaktiviert.

Erinnern braucht den richtigen Trigger

Mit dem richtigen Trigger sei vieles möglich, erklärt Martin Korte, Professor für Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig. "Wenn wir Hinweisreize zu einem Thema bekommen, Stichworte und Assoziationen, dann können wir etwa zehnmal mehr abrufen, als wenn man einfach nur gesagt bekommt: Jetzt sagen Sie doch mal alles, was ihnen zu Mexiko einfällt."

Insgesamt kann man sagen, dass wir etwa zehn Prozent von unserem Schulwissen erinnern, das wir nicht im Berufsalltag oder an anderer Stelle nochmal gebraucht haben.

Martin Korte, Professor für Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig

Wir erinnern uns an Dinge leichter, wenn wir sie in einem richtigen Buch statt auf dem Bildschirm gelesen haben, empfiehlt Neurobiologe Martin Korte. Bildrechte: MDR/Martin Korte

Korte beschäftigt sich in seiner Forschung vor allen Dingen mit den zellulären Vorgängen von Lernen, Denken und Vergessen, insbesondere auch, wie Erinnerungen dauerhaft im Gehirn gespeichert bleiben können und wie wir das selbst auch aktiv beeinflussen können.

Das richtige Lernen lernen

Doch was hilft uns denn nun für gutes Lernen und besseres Erinnern? Hier ein paar Tipps und Tricks der beiden Forschenden:

Tipp #1: Aktives Lernen

Wird unser Lernstoff mit einer Aktivität verbunden, räumt das Gehirn ihm eine größere Priorität ein, erklärt Martin Korte. Deshalb sollten wir beispielsweise mit anderen Menschen zusammen zu lernen. Denn lernen wir als Gruppe, sind wir automatisch dazu gezwungen, das, was wir gelernt haben, in Worte zu fassen.

Dafür müssen wir es nochmals durchdenken, formulieren und somit auch abspeichern. "Bei jedem Abruf wird das Wissen wieder neu abgespeichert und damit verstärkt. Das heißt, je häufiger wir Wissensinhalte und Kontexte abrufen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie später erinnern können."

Tipp #2: Bilder und Emotionen erzeugen

"Wenn ich versuche, mir Informationen bildhaft darzustellen, vielleicht noch witzig oder aufregend, sodass sie mit Emotionen verknüpft sind, dann ist auch dieser Gedächtniseintrag stärker und leichter abrufbar", erklärt Myriam Sander.

Das ist übrigens auch eine der Techniken, die beispielsweise Gedächtnissportler nutzen, um ihr Gedächtnis zu trainieren und sich mit inneren Bildern möglichst viele Dinge zu merken. "Denn das Bildgedächtnis ist gerade bei uns Menschen allen anderen Gedächtnisarealen gegenüber überlegen."

Tipp #3: Neugierde wecken, Belohnungen schaffen

Eigenmotivation fällt uns wahrlich nicht immer so leicht. Deshalb empfiehlt die Psychologin, sich selbst Belohnungsstrukturen zu schaffen: "Dass man etwa sagt: So, wenn ich jetzt durch diese Geschichts-Epoche durch bin, dann esse ich ein Eis in der Sonne. Also dass man versucht, sich selbst zu belohnen und dadurch eben auch das Lernen zu erleichtern."

Motivation und Belohnungen spielen einfach eine große Rolle für die Lern- und Merkfähigkeit, weiß auch Neurobiologe Korte: "Wann immer wir erwarten, dass ein Lernkontext für uns gewinnbringend ist, wir damit erfolgreich sein können und die Neugierde in uns geweckt wird, wird im Gehirn eine Art Turbolader zugeschaltet, der die Gedächtnisprozesse beflügelt: Dopamin."

Ebenso sind auch Düfte und Gerüche, wechselnde Lernumgebungen und ein gesunder Schlaf wahre Erinnerungs-Verstärker. Mit ihrer Unterstützung fällt es uns wesentlich leichter, Informationen und Wissen aufzunehmen, langfristig zu speichern und später wieder verlässlich abzurufen. Doch warum vergessen wir überhaupt so viele Dinge wieder?

Verblassende Erinnerungen schützen unser System

Im Laufe der Zeit werden unsere Erinnerungen zunehmend genereller und abstrakter, sie verlieren an Detailliertheit und Schärfe. Aus gutem Grund: "Weil wir ja vor allen Dingen Erfahrungen und Wissen benötigen, um uns für die Zukunft vorzubereiten, um zu planen, um in neuen Situationen reagieren zu können. Und da sind Details oft gar nicht so wichtig, sondern es geht darum, dass man generell weiß, wie die Welt funktioniert."

Das ist also kein Fehler in unserem neuronalen System, sondern ist ganz bewusst so eingerichtet von unserem Gehirn.

Würden wir uns immer an alles erinnern, dann wäre unser Alltag wahnsinnig anstrengend, weil wir uns dann in jedem Moment durch eine riesige Menge an Informationen durchwühlen müssten.

Dr. Myriam Sander, Psychologin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin

Was wirklich wichtig ist, ist eine grobe Idee von den Dingen zu haben, die Details sind eher optional. Und ab und an muss sozusagen die Festplatte mal ausgemistet, der Cache-Speicher geleert und die Cookies gelöscht werden – sonst lahmt unser System.


Was MDR WISSEN-Reporterin Maike letztlich dabei geholfen hat, sich an ihren Prüfungsstoff zu erinnern und was ein schwarzer, verstaubter Schuhkarton und der Song Alors on danse von Stromae damit zu tun haben, erfahren Sie im Podcast "Meine Challenge". Viel Spaß beim Hören!

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