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Viele Menschen stehen 1989 auf der Mauer am Brandenburger Tor und fordern die Deutsche Einheit. Bildrechte: dpa

Kolumne "Unter der Lupe"Die Einheit und ihre Probleme

von Torben Lehning, Hauptstadtkorrespondent MDR AKTUELL

Stand: 02. Oktober 2022, 14:16 Uhr

Die Deutsche Einheit ist noch nicht abgeschlossen. Bis heute bestehen zu viele Ungleichheiten zwischen Ost und West. Von wirtschaftlicher Benachteiligung bis zu demokratiefeindlichen Tendenzen muss sich die Politik noch um Vieles kümmern, schreibt Hauptstadtkorrespondent Torben Lehning.

Der Osten, die Einheit und ich

Torben Lehning stammt aus Kassel und berichtet mittlerweile für den MDR aus Berlin Bildrechte: MDR/Tanja Schnitzler

Liebe Leserinnen und Leser, mein Name ist Torben Lehning, ich bin 31 Jahre alt, wurde in Kassel geboren und das hier ist mein Artikel über den Stand der Deutschen Einheit. Vielleicht mussten Sie jetzt lachen oder mit dem Kopf schütteln. Sicherlich haben Sie bereits festgestellt, dass ich, als die Mauer fiel, noch nicht einmal eine Idee war, sondern vielmehr Quark im Schaufenster – dazu noch in einem Wessi-Schaufenster.

Verwandtschaft im Osten hat meine Familie keine und Wendeerfahrungen kannte ich bis zum Ende meiner Kindheit nur aus Reportagen und dem nordhessischen Geschichtsunterricht. Sicher, böse Zungen würden behaupten, dass es in Kassel aufgrund seiner pittoresken Nachwendebauten mehr nach Magdeburg als nach München aussieht und vielleicht stimmt das auch. Doch wie dem auch sein mag – nach meinem Abitur zog es mich in den Osten und nicht in den Westen. Letzteren kannte ich ja schon. Gelandet bin ich mit einem Studienplatz in Jena und habe seitdem viel im Osten gelebt und gearbeitet. Bald durfte ich feststellen, dass es in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt nicht überall so aussieht wie in meiner Heimatstadt, als ich sie verließ. Meine Ausbildung- und Arbeitsstationen in Dessau, Halle, Leipzig und Dresden haben mir das verdeutlicht. Im Bachelorstudium wurde ich von Freundinnen und Freunden gerne mal als "Wessi" bezeichnet. Das nahm mit der Zeit ab.

Unterschiede, die mir auffielen

Wenn ich zwischen meiner Heimatstadt und dem Osten hin- und herreiste, um meine Familie zu besuchen, fielen mir immer wieder Unterschiede auf. Fast alles war im Osten ein bisschen günstiger – von der Wohnung bis zum Spätkauf-Bier. Studierenden-Jobs in Jenas Eisdielen wollte niemand annehmen, weil man dort teilweise weniger als sieben Euro die Stunde verdient hätte. Von meinem Rektor bis zu einem Großteil der Professorinnen und Professoren hatten in meinen Studiengängen die meisten Lehrkräfte Westbiografien, in westdeutschen Bundesländern war das umgekehrt nicht der Fall. Außerdem waren im Osten fast alle um mich herum weiß. Das hat mich immer wieder befremdet. In Kassel ist es mehr als selbstverständlich, dass überall, wo man hingeht und hinfährt, von einem multikulturellen Umfeld umgeben zu sein – ich mag das. In Dessau oder Pößneck sucht man ein ähnliches Umfeld vergeblich. Dafür bekam ich erst im Studium und später an der Arbeit auffällig mehr rechte und oder demokratiefeindliche Sprüche zu hören – ob beim Einkauf, in der Kneipe oder während meiner Arbeit als Berichterstatter.

Die Nachwendegeneration und ihre Aufgabe

Und sonst: Habe ich sie wahrgenommen, die so viel diskutierte "Mauer in den Köpfen"? Nein, die meisten meiner Freundinnen und Freunde kommen aus dem Osten und wir hatten andere Gesprächsthemen als Ost-West-Unterschiede, obwohl diese zweifellos überall um uns herum sichtbar waren – egal ob bei Gehalt, Rente oder Rechtsextremismus.

Nach diesem knappen Abriss meiner Ostvergangenheit könnte man die Frage stellen: Sollte dieser junge Nachwende-Journalist trotz mangelnder Repräsentativität einen Artikel zum Stand der Deutschen Einheit verfassen? Meine Antwort lautet: Ja. Zum einen sind die Ungleichheiten des fortwährenden Transformationsprozesses, die heute 32 Jahre nach der Einheit geblieben sind, zu großen Teilen gesamtdeutsche Probleme, für die jetzt gerade im Osten Lösungen gefunden werden müssen. Zum anderen ist es doch gerade die Aufgabe meiner Nachwendegeneration, egal ob Ost oder West, die Herausforderungen, den Transformationsprozess zu bewerten und aufzuarbeiten.

Unterschiede, die geblieben sind

32 Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es eigentlich eine Menge zu feiern. Und tatsächlich sieht die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Ost und West in der Deutschen Einheit nach wie vor einen Gewinn. Keine Deutsche und kein Deutscher muss heute noch in einer Diktatur aufwachsen. Das Grundgesetz garantiert allen Menschen in der Bundesrepublik eine liberale Freiheits- und Rechtsordnung. Auch wirtschaftlich geht es den meisten Ostdeutschen heute deutlich besser als vor der Wende.

Doch solche Vergleiche sind immer relativ und wenn der Bruttomonatslohn in Westdeutschland gut 600 Euro höher liegt als der in Ostdeutschland, dann lässt sich zwar weiterhin von Einheit sprechen, aber von keiner einheitlichen Bezahlung. Westdeutsche Bürgerinnen und Bürger haben weiterhin deutlich mehr Vermögen. Auch Besitz- und Elitenbildung hinken den Wünschen und Vorstellung eines angeglichenen Deutschlands hinterher. Von den hundert größten ostdeutschen Unternehmen werden ganze 27 Prozent von Ostdeutschen geleitet. Bei Rektorats- und Präsidiumsposten in ostdeutschen Hochschulen sind es sogar nur 17 Prozent. Nichts zu rütteln gibt es auch an dem Fakt, dass, wer weniger verdient, am Ende auch weniger Rente bekommen wird.

Der "neue Blick"

Die Bundesregierung muss und will hier gegensteuern. Der im Oktober eingeführte Mindestlohn von 12 Euro soll gerade ostdeutschen Beschäftigten zugutekommen. Die vom Bund unterstützten Ansiedlungen von Tesla in Brandenburg und Intel in Magdeburg sollen Leuchtturmprojekte einer fortwährenden Transformation sein. Weiter eröffnet der Bund neue Forschungseinrichtungen in Sachsen und Sachsen-Anhalt, kündigt an, von der Verkehrsinfrastruktur bis zur Wirtschaftsförderung den Osten vorne anstellen zu wollen. Allen voran spricht darüber der Ostbeauftragte der Bundesregierung, SPD-Politiker Carsten Schneider. In seinem Ende September vorgestellten Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit fordert er einen "neuen Blick auf Ostdeutschland".

Carsten Schneider Bildrechte: dpa

Das vereinte Deutschland ist kein Westdeutschland plus, sondern ein vollständig neues Land.

Carsten Schneider, SPD | Beauftragter der Bundesregierung für Ostdeutschland

Ostdeutschland kann, so der Thüringer Politiker, nicht nur für Stasi, Nazis und Staatsdoping stehen, sondern auch für technische Innovation oder die für ihn in der DDR fortschrittliche Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

Weiter fordert Schneider, der Osten dürfe sich nicht immer mit dem Westen vergleichen, sondern könne auf die eigenen Stärken schauen. Dieser eingeforderte Perspektivwechsel löst aber nicht das Problem fortwährender Ungleichheiten. Nicht der Vergleichsmaßstab ist das Problem, sondern die Ungleichheiten zwischen Ost und West selbst.

Mehr als nur eine Ost-West-Schere

Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder betonen, dass die großen sozioökonomischen und soziokulturellen Unterschiede in Deutschland nicht mehr nur zwischen Ost und West verlaufen, sondern zunehmend zwischen Stadt und Land, dann ist es trotzdem umso wichtiger, sich gerade jetzt den Entwicklungen in ostdeutschen Bundesländern zuzuwenden. Die Transformationsprozesse, die durch Abwanderung von Menschen aus ländlichen Regionen in urbane Zentren entstehen, treten fast nirgends so drastisch zutage wie in Ostdeutschland. Was kann und muss getan werden, um das Absterben ganzer Landstriche zu verhindern? Es braucht dringend Antworten.

Demokratie in Gefahr

Der Einheitsbericht der Bundesregierung beinhaltet nicht nur mutmachende Parolen und biographische Erzählungen der Wende, sondern auch Studienergebnisse der Einstellungsforschung. Eines der Ergebnisse: Nur vier von zehn Ostdeutschen sind noch zufrieden mit der Demokratie, so wie sie in Deutschland funktioniert. Im Westen sank der Wert von 65 Prozent auf 59 Prozent, im Osten von 48 auf 39. Die Ergebnisse nannte Schneider selbst "erschreckend". Bei der Interpretation dieser Daten ruderte der Ostbeauftragte jedoch zurück. Schließlich sei auch in Westdeutschland die Zufriedenheit mit der Demokratie gesunken.

Demokratiefeindliche Tendenzen mögen ein gesamtdeutsches Problem sein, wer sich aber nur auf diese Haltung zurückzieht, verkennt den Ernst der Lage. In Ostdeutschland sind rechtsextreme und demokratiefeindliche Einstellungen weitaus stärker verwurzelt als im Westen. Viele Studien und auch Wahlergebnisse können das belegen. Die Bundesregierung und auch die Landesregierungen müssen hier mehr liefern, als nur auf aktuelle Krisen zu verweisen und sich bei der Bewertung dieser Situation wegzuducken. Die Demokratie ist in manchen Landesteilen in Gefahr und diese Landesteile liegen häufig in Ostdeutschland. Sowohl was das Erklären von Politik, als auch was das Zurückweisen von demokratiefeindlichen Parolen angeht, muss die Politik dazulernen. Demokratische Bildungsarbeit muss mehr denn je im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Denn gerade in der Wendegeneration – meiner Generation –  gibt es besonders viele extremistische und demokratiefeindliche Tendenzen.

Transformation nicht abgeschlossen

Zum 32. Jubiläum der Wende steht für mich fest, dass die Transformationsprozesse der Deutschen Einheit noch immer andauern. Und selbst wenn diese irgendeines schönen Tages abgeschlossen sein sollten, dürfen die Diskussionen und der Austausch darüber nicht verstummen. Die Nachwendeerfahrungen und Biografiebrüche all jener, die die Wende erlebt haben, leben auch in ihren Kindern fort. Somit dürfte es wichtig sein, dass diese sich in Ost wie West darüber austauschen und diese Wende bewerten.

Ich bin jedenfalls froh, dass es die Deutsche Einheit gab. Das Leben vieler Menschen in Deutschland und auch mein bisheriges Leben wären sonst so nicht möglich gewesen.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2022 | 05:00 Uhr