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Bildrechte: IMAGO / Alexander Limbach

Covid-19Corona löst wahrscheinlich "Nebel im Gehirn" aus

Stand: 09. Juli 2021, 17:00 Uhr

US-Forschende haben genauer untersucht, wie sich Covid-19 auf das Gehirn der Erkrankten auswirkt: Bestimmte Zellen werden direkt angegriffen, der Blutfluss verringert und wohl auch der berüchtigte "Nebel im Gehirn" verursacht.

Bereits bekannt war, dass eine Infektion mit dem Coronavirus Gedächtnisverlust, Schlaganfälle und weitere negative Auswirkungen auf das Gehirn haben kann. Neurologische Probleme traten bisher bei rund 80 Prozent der Infizierten auf, die wegen ihrer Erkrankung ins Krankenhaus mussten. Dank einer wachsenden Datenbasis hoffen die Forschenden, diese Symptome nun besser behandeln zu können.

Covid-19 infiziert wichtige Sternzellen

Eine neuer, im Fachmagazin "Nature" veröffentlichter Überblicksartikel erläutert nun, wie die Coronaviren offenbar ins Gehirn gelangen: Sie infizieren die sogenannten Astrozyten, auch Sternzellen genannt, die im Denkorgan eine Reihe von Aufgaben übernehmen. "Astrozyten tun eine Menge, um die normalen Gehirnfunktionen zu unterstützen", erklärt der Neurologe Arnold Kriegstein. Der Forscher von der University of California in San Francisco hatte bereits in einem Preprint (eine noch nicht wissenschaftlich begutachtete Studie) im Januar dieses Jahres erläutert, dass Sars-CoV-2 fast ausschließlich über die Sternzellen ins Gehirn gelangt.

Laut Kriegstein könnten die infizierten Astrozyten auch einige der Auswirkungen von Covid-19 auf das Gehirn erklären, besonders das Fatigue-Syndrom, Depressionen und "Brain fog" – den berüchtigten "Nebel im Gehirn", der sich beispielsweise als Verwirrung und Vergesslichkeit äußert. Letztlich gebe es hier aber wahrscheinlich keine einfachen Antworten, betont Kriegstein, da verletzte Nervenzellen in verschiedenen Gehirnregionen auch zu anderen Fehlfunktionen führen können.

Coronaviren gelangen auch über Perizyten ins Gehirn

Eine weitere Möglichkeit, über die Sars-CoV-2 das Gehirn angreift, sind die sogenannten Perizyten, Zellen, die sich an den Außenwänden von Blutgefäßen befinden. In einem Preprint im April zeigten Wissenschaftler vom Londoner University College um David Attwell, wie die Viren das Verhalten der Perizyten verändern. Offenbar blockieren sie ihre Rezeptoren und bringen die Blutgefäße so dazu, sich zu zusammenzuziehen. "Dies scheint große Auswirkungen zu haben", sagt Attwell.

Der Experte schlägt Medikamente, die sonst gegen Bluthochdruck eingesetzt werden, zur Behandlung dieser Covid-19-Symptome vor. Zwei klinische Studien laufen dazu gerade, die den Nutzen des Mittels "Losartan" untersuchen.

Anteil des jeweiligen Corona-Eintrittswegs ins Gehirn entscheidend

Zu guter Letzt gibt es auch Anzeichen, dass manche Schädigungen im Gehirn das Resultat von Überreaktionen des Immunsystems auf eine Ansteckung mit Covid-19 sind. Denn als Reaktion auf eine Infektion entwickeln einige Menschen sogenannte "Autoantikörper", die das eigene Gewebe angreifen, wie Harald Prüss vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen erläutert. In einer im Mai veröffentlichten Studie zeigten Prüss und sein Team, dass diese Autoantikörper die Blut-Hirn-Schranke überwinden und mentale Störungen wie Gedächtnisverlust und Psychosen verursachen können.

Offenbar kann auch Covid-19 diesen Weg nehmen. "Wir überprüfen dies gerade klinisch und experimentell", so Prüss. Eine Möglichkeit der Behandlung scheint hier die intravenöse Gabe von Immunoglobulinen sein, einer anderen Art von Antikörpern. Letztlich schlössen sich die verschiedenen Corona-Eintrittswege (Astrozyten, Perizyten, Autoantikörper) auch nicht gegenseitig aus, wie Harald Prüss betont. Daher sei es eine Schlüsselfrage, wie hoch der Anteil des jeweiligen Eintrittswegs ist: "Das wird die Behandlung bestimmen."

cdi

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