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FamilienlebenWenn alles zu viel wird - raus aus dem Hamsterrad

von MDR SACHSEN - Das Sachsenradio

Stand: 26. Januar 2022, 15:16 Uhr

Eltern sind in diesen Zeiten großen Belastungen ausgesetzt. Viele stellen sich die Frage: Was kann ich tun, wenn zu Hause alles zu viel wird und ich überlastet bin? Wie passiert das eigentlich und was passiert da? Und was kann man dagegen tun? Familienberaterin Diana Jentzsch macht Mut und sagt: "Wir sollten darauf vertrauen, dass wir alles schaffen können, was uns auferlegt wird."

Woran merken Eltern, dass sie überlastet sind?

Diana Jentzsch: Eltern merken es daran, dass sie müde sind, dass ihnen alles zu viel ist, dass sie sich am liebsten verkriechen möchten. Dass sie gar nicht mehr die Kraft haben, kleinste Alltagsangelegenheiten zu regeln. In der Phase ist dann einfach alles nur noch zu viel.

Hat die Corona-Zeit tatsächlich so große Auswirkungen auf Eltern?

Zu mir in die Praxis kommen die Eltern meistens, wenn die Kinder zeigen, dass etwas nicht stimmt zu Hause. Oft bekomme ich dann mit, dass es sich hier um die Überforderung der Eltern handelt. An den Kindern merken die Eltern, dass etwas nicht stimmt. Da trauen sie sich hinzuschauen.

Was macht die Corona-Zeit mit uns?

Gefühlt sind wir seit zwei Jahren im Dauerstress-Zustand. Diese ständige angespannte Situation ist zu einer Grund-Unsicherheit geworden. Früher war klar, wie das Jahr läuft, wie der Rhythmus ist, wann wir Stress haben, wann wir uns erholen, das ist weg. Wenn konkrete Aspekte wegfallen, an denen wir uns sonst festhalten, wie Urlaub zum Beispiel. Ich kann zwar buchen, aber ich weiß nicht, ob ich fahren kann und wenn ja, ob ich mich dann in dieser Situation wohlfühle.

Eine kurzzeitige Überlastung in gewissem Rahmen ist doch normal, oder?

Ja, die können wir meistens auch ganz gut stemmen. Dann greifen wir auf irgendwelche Energiereserven zurück, die noch in uns drinstecken. Dann wuseln wir einmal komplett durchs Haus, kriegen den Haushalt irgendwie gestemmt. Und über die schlechte Note des Sohnes, da kümmern wir uns morgen. Wenn wir in einem guten Energielevel sind, bekommen wir kurze Überlastungen gut gehändelt. Schwierig wird es, wenn wir nicht mehr in unserem Energielevel sind und dann stressige Situationen zusammenkommen und uns dann gefühlt der Boden unter den Füßen weggerissen wird.

Kurze Überlastungen bekommen Eltern meist gut geregelt. Wenn der Zustand länger dauert, rät die Familienberaterin, sollte man an seiner Einstellung schrauben und weniger perfekt sein wollen. Bildrechte: dpa

Woran erkennt man permanente Überforderung an einem selbst?

Daran, dass ich müde bin, keine Kraft mehr habe, dass ich suche, wo ich Hilfe kriegen könnte, mir aber gleichzeitig einrede, dass das ja alles nichts bringt. Dass ich eine bestimmte Hoffnungslosigkeit in mir habe. Die Grundzuversicht, die viele von uns früher einmal gehabt haben, die ist dann oft weg und man kann gar nicht mehr in Lösungen denken, sondern steckt in den Themen und Problemen fest.

Sind sich Eltern der Überlastung manchmal gar nicht bewusst oder verdrängen sie?

Ja, das passiert häufig. Erst wenn sie gar nicht mehr darüber hinwegsehen können, ziehen sie eine Überforderung in Erwägung, haben dann aber das Gefühl, dass Hilfe nicht wirklich helfen könnte, weil der Alltag ja trotzdem irgendwie gestemmt werden muss. Selbst auf die Idee zu kommen, zur Kur zu fahren, ist dann absurd. Es ist nicht greifbar, welche Entlastung das jetzt bringen soll. Das ist schwer vorstellbar in dieser Situation, weil hinterher ja trotzdem die Wäsche wieder gemacht werden muss und der Alltag wieder weitergeht.

Das ist aber nachvollziehbar …

Ja, die Gedanken sind nachvollziehbar, helfen aber nicht weiter, weil dann stecken wir immer noch im Hamsterrad drin. Dann sind wir noch nicht so weit, dass wir erkannt haben, dass wir zwar schneller laufen können, aber aus dem Hamsterrad nicht rauskommen. Um aus dem Hamsterrad rauszukommen, muss man anhalten. Oder langsam laufen. Das ist eine Einstellungsfrage. Hier muss man schauen, welche Erwartungen habe ich an mich. Welche Erwartungen spüre ich von anderen. Daran können wir dann arbeiten.

Um aus dem Hamsterrad rauszukommen, muss man anhalten.

Diana Jentzsch | Familienberaterin

Ein schönes Bild: Immer weiter und weiter. Um aus dem Hamsterrad auszubrechen, hilft nur anhalten. Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Wie merkt man die Anspannung der Eltern an den Kindern?

Die Kinder übernehmen die Anspannung der Eltern sofort. Die sind über ihr Bauchgefühl noch ganz fein bei den Eltern. Die Kinder bringen die Anspannung dann mit den Möglichkeiten raus, wie sie das kindlich zeigen können. Manche Kinder ziehen sich sehr zurück, andere werden sehr laut. Das ist anstrengend. Es ist dann Wut in den Familien möglich, ein Widersetzen, gegen Alles, ein Sträuben, dass sie gar nicht mehr mitmachen. Daran kann man es dann erkennen.

Die Überforderung der Eltern klingt wie ein Burnout?

In diese Richtung kann es dann auch schnell gehen. Hier ist es gut, das auch beim Hausarzt anzusprechen und mit ihm zu besprechen, was möglich ist und welche Entlastungsmöglichkeiten es geben kann. Damit man nicht nur die Schwierigkeiten und Probleme sieht und da rauskommt, das Hamsterrad verlässt und zu einer Lösungsidee kommt. Auch wenn die nur winzig klein ist. Ein erster Ansatz, wie man da rauskommen kann, kann schon ein Hoffnungsschimmer, ein Licht am Horizont, sein.

Eltern- oder Mama-Burnout - gibt es das wirklich?

Das gibt es. Es kann sogar auch Eltern treffen, die gar keine Doppelbelastung mit Beruf und Familie haben, sondern sich ganz konkret darauf eingestellt haben, dass sie sich intensiv um die Kinder kümmern. Es geht immer darum zu gucken, welche Erwartungen habe ich an mich, welche Erwartungen spüre ich aus meiner Umwelt. Wie bin selbst aufgestellt und wie gehe ich mit meiner Energie um.

Was überfordert Eltern?

Eltern wollen eine perfekte Kindheit für ihr Kind. Aber perfekt kann keine Kindheit sein. In dem Moment ist es schon zu viel. Es geht eher darum, Freude und Frust in einer Balance zu halten. Denn auch für Frust sind wir zuständig. Wir müssen unsere Kinder da auch stärken.

Ein Wutanfall kündigt sich an. Kinder reagieren auf eine angespannte Familiensituation gern so. Bildrechte: IMAGO / Westend61

Wie ehrlich sollte man zu den Kindern sein und ihnen zeigen "du ich kann gerade nicht mehr"?

Die starke Frau oder den starken Mann zu spielen, bringt gar nichts, weil die Kinder über ihren Bauch sowieso merken, dass hier gerade etwas nicht passt. Es ist besser, ehrlich zu sein und zu sagen: Ja, es ist gerade ein bisschen viel. Mir ist immer wichtig, dass wir Eltern so authentisch wie möglich sind und unserem eigenen Gefühl durchaus auch Worte geben. Damit die Kinder sehen, das was sie spüren und das, was wir Eltern sagen - das passt zusammen. Das ist ein wichtiger Punkt.

Ist das altersabhängig, ob man mit den Kindern darüber reden kann?

Der Mama geht es heute nicht so gut, die hat heute keine Kraft, das kann man auch schon kleinen Kindern sagen. Mit Babys geht das sicher nicht, aber Zweijährigen kann man das schon sagen. Es geht dabei gar nicht so sehr darum, welche Worte wir benutzen, sondern dass wir uns selber eingestehen, dass es so ist und dass wir mit dem Eingeständnis den Kindern auch Ehrlichkeit geben.

Eltern haben oft Angst, ihre Kinder damit unnötig zu belasten …

Diese Gratwanderung müssen wir natürlich schaffen und dass wir nicht dahin kommen, dass die Kinder die Verantwortung dafür übernehmen. Das würden sie aus kindlicher Liebe heraus schnell machen wollen. Hier müssen wir gleichzeitig signalisieren: Das ist meine Überforderung und ich als Mama oder Papa kriege das irgendwie hin. Vielleicht nicht gleich heute oder morgen, aber es ist meine Aufgabe und die behalte ich auch.

Woran liegt es, dass Eltern Job und Familie heute weniger gut miteinander vereinbaren können?

Ich habe den Eindruck, dass es eigentlich ganz gut läuft, aber die Eltern das Gefühl haben, dass sie es nicht gut machen. Nur die wenigsten Familien fallen dadurch auf, dass sie "gerettet werden müssten". In den meisten Familien läuft es ja. Eltern haben meist selbst zu hohe Erwartungen an sich. Das setzt sie unter Druck.

Heute ist Perfektionismus unter den Eltern sehr stark ausgeprägt, alles unter einen Hut zu bringen und in allen Rollen perfekt zu sein. Das ist zu viel. Irgendwann ist der Akku runter.

Diana Jentzsch | Familienberaterin

Die perfekte Familie gibt es nur auf ausgeleuchteten Hochglanzbildern. Die Familienberaterin sagt: "Es ist wichtig, Freude und Frust in einer Balance zu halten." Bildrechte: Colourbox.de

Früher musste nicht alles perfekt laufen, oder?

Unsere Eltern hatten dieselben Herausforderungen zu meistern. Sie waren auch meist berufstätig und haben den Haushalt schmeißen müssen. Die Frage ist: Wie intensiv haben sich damals unsere Eltern mit uns beschäftigt und was haben wir alles schon mitgemacht und mitgeholfen? Ich kenne Eltern, die den Haushalt erst abends machen, wenn die Kinder im Bett sind.

Wie geht es anders?

Man kann den Haushalt mit den Kindern stemmen. Natürlich dauert das unter Umständen im Einzelfall etwas länger, aber auf Dauer habe ich das raus. Und auch kleine Kinder haben im Wäsche einsammeln und sortieren tierisch Spaß, Tisch decken, abräumen, das sind alles Dinge, die gemeinsam gehen. Kinder können altersgerecht viel mehr leisten, als wir Eltern denken.

Wie können sich Eltern gegenseitig entlasten?

Einige Familien händeln es so, dass sich ein Elternteil ein Wochenende rausnimmt. Manche haben auch in der Woche einen freien Tag, gehen zum Sport, wo der andere einspringt. Wichtig ist, dass beide sich bewusst werden, dass es wichtig ist, dass man auftankt und wenn sich das beide bewusst gemacht haben, dann fällt es gegenseitig leicht, sich das zuzugestehen.

Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Kuren sind eine gute Idee. Danach fühlt sich der Alltag anders an, denn ich habe mich in der Kur etwas verändert. Ich habe andere Einstellungen zu dem einen oder anderen.

Diana Jentzsch | Familienberaterin

Tut gut - einen Wellness-Tag einlegen und auftanken. Bildrechte: Colourbox.de

Welche Tipps geben Sie, um mit dieser Planungsunsicherheit zurechtzukommen?

Wir sollten darauf vertrauen, dass wir alles schaffen können, was uns auferlegt wird und darauf vertrauen, dass es weitergeht. Wenn wir menschheitsgeschichtlich zurückschauen, dann haben Familien schon ganz andere, anstrengende, schlimme Situationen geschafft. Die Situation, die wir jetzt haben, ist eine super Herausforderung, aber wir werden das schaffen.

Es ist gut kleinteilig zu gucken, nicht weit vorauszublicken, sondern zu schauen, was muss heute noch geschafft werden und was liegt morgen ganz konkret an - und bis nächste Woche muss ich dann noch gar nicht schauen. Gut ist es, so dicht am heutigen Datum dran zu bleiben, wie es nur irgend geht, damit ich in meinen Einflussbereich bleiben kann. Bis morgen kann ich vorplanen. Bis nächste Woche nicht und was nächsten Monat ist, das wissen wir schon gleich gar nicht.

Quelle: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio/(in)

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | 25. Januar 2022 | 10:00 Uhr