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Podiumsdiskussion in Jena zum NSU-Terror : Verharmlosen, Verdrängen, Vertuschen

Rechter Terror: Das Versagen der Behörden und die Wut der Angehörigen

Morde, Sprengstoff-Anschläge, Banküberfälle - wenn es um die Verbrechen der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU geht, hat sich die Berichterstattung bisher vor allem auf die Täter und Ermittler konzentriert. Doch wie haben die Angehörigen der Opfer die vergangenen Monate erlebt? Haben sie noch Vertrauen in den Rechtsstaat? Und wie muss ein effektiver Kampf gegen Terrorismus aussehen? Ist der Ruf nach Abschaffung des Verfassungsschutzes eine logische Schlussfolgerung? Wie kann die Arbeit der Polizei verbessert werden? Diese und andere Fragen waren Thema einer Podiumsdiskussion von MDR INFO. Wir haben für Sie die wichtigsten Punkte zusammengefasst. Außerdem gibt es einen Mitschnitt der kompletten Veranstaltung zum Nachhören.

Podiumsdiskussion

Zu Gast in der Podiumsdiskussion waren:

  • Anwalt Yavuz Narin, er vertritt Hinterbliebene des ermordeten Griechen Theodoros Boulgarides
  • Thüringens Innenminister Jörg Geibert
  • Politikwissenschaftler Hajo Funke
  • Leipzigs Polizeipräsident Bernd Merbitz
  • Eva Högl, SPD-Bundestagsabgeordnete und Obfrau im NSU-Untersuchungsausschuss
  • Michael Buback, Sohn des von linksextremistischen RAF-Terroristen ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback

Mitschnitt der Podiumsdiskussion zum Nachhören

MDR-INFO-Thüringen-Korrespondent Jan Bösche hat die Diskussion verfolgt:

Theodoros Boulgarides war das siebte Opfer. Der gebürtige Grieche hatte gerade erst seinen Schlüsseldienst in München eröffnet, als er 2005 in seinem Geschäft erschossen wurde. Von der rechtsextremen Terrorzelle NSU. Die Ermittler suchten den Täter aber vor allem in der Familie. Eine schwere Belastung, sagt ihr Anwalt, Yavuz Narin. Die Angehörigen seien über viele Jahre von leitenden Ermittlern verdächtigt und von der Boulevardpresse getrieben worden. Inzwischen sei die Familie Boulgarides rehabilitiert, die Aufklärung schreite voran. Aber wenn die Angehörigen feststellen mussten, dass diese ganze Mordserie einen rechtsextremen Hintergrund hatte und das von allen Behörden bewusst ausgeblendet wurde, "dann sind meine Mandantinnen verständlich wütend". Früher oder später erwartet Narin, dass die NSU-Morde und die Hintergründe weitgehend aufgeklärt werden. Die Familie Boulgarides verfolge die Entwicklungen sehr aufmerksam.

Buback bezweifelt unbedingten Aufklärungswillen

Das Vertrauen in den Staat ist verloren – das Gefühl kennt auch Michael Buback. Sein Vater ist 1977 von der RAF ermordet worden. Jahre später tun sich auch in diesem Fall immer neue Ungereimtheiten auf. Seine Erfahrungen im Zusammenhang mit den langjährigen Ermittlungen zum Mord an seinen Vater, lassen ihn zweifeln, dass die rechtsextreme Mordserie jemals vollständig aufgeklärt werden kann.

 Michael Buback
Michael Buback

Buback verweist auf Parallelen zum RAF-Mord an seinem Vater: "Jeweils haben Terroristen mit staatlichen Stellen, mit dem Verfassungschutz zusammengearbeitet. Wir haben auch erlebt, dass Akten verloren gegangen sind und vernichtet wurden, dass eine Angeklagte sich nicht äußert." Die Familie Buback habe 30 Jahre ein Urvertrauen gehabt, dass der Staat den Fall bestmöglich aufkläre, sagte Buback. Doch das Bekanntwerden der Kooperation von Verena Becker (RAF-Mitglied d.Red.) mit dem Verfassungsschutz gebe der Sache nun eine völlig neue Wendung und werfe viele Fragen auf. "Und je energischer ich nachfrage, desto härter wird der Gegenwind."

Högl: Systematische Verharmlosung von Rechtsextremismus

Wenn es keine Panne war, dass die Behörden der rechtsextremen Terrorgruppe nicht auf die Spur kamen – was war es dann? Eva Högl, SPD-Obfrau im Bundestags-Untersuchungsausschuss sagt: Die Sicherheitsbehörden hätten immer Distanz zu den Opfern gehalten, lieber nach organisierter Kriminalität geforscht als rechtsextreme Motive in den Blick zu nehmen. Die Untersuchungsausschüsse von Bund und Ländern arbeiteten jetzt für die Angehörigen der Opfer. Das Leid könne nicht ungeschehen gemacht werden, aber man wolle etwas ändern, damit sich ein so umfassendes Versagen der Sicherheitsbehörden nicht wiederhole. Dabei haben wir "leider im Untersuchungsausschuss viele Zeugen, die auch mit dem Wissen von heute nicht bereit sind, Fehler einzugestehen." ... "Vertrauen wieder herstellen, das ist unsere Aufgabe."

Geibert verlangt Transparenz

Thüringens Innenminister Jörg Geibert hat Verständnis, dass die vielen Pannen bei den Ermittlungen für viele nicht nachvollziehbar seien. Und deshalb müsse die Mordserie lückenlos aufgeklärt werden. "Der zweite Auftrag ist - das schulden wir den Angehörigen der Opfer - keine Zweifel zurückzulassen. Dabei ist Transparenz zwingend erforderlich."

Hajo Funke
Hajo Funke

Der Politikwissenschaftler Hajo Funke ergänzt: Die NS-Verbrechen und die Traumaforschung bei Betroffenen hätten gezeigt, dass "je länger das zweite Trauma anhält - die Verachtung, Nichtachtung, das Trauma sich vertieft oder es zu einer Retraumatisierung kommt." Diese Gefahr sieht Funke auch bei Angehörigen der NSU-Opfer. Der Schutz der Opfer dürfe nicht in den Hintergrund geraten. "Sonst ist das nicht aushaltbar." Zugleich müsse aber geklärt werden, warum das rechtsextreme Terrorpotential so unterschätzt worden sei.

Merbitz: Erinnerungslücken darf es nicht geben

Bernd Merbitz wehrt sich gegen eine pauschale Verurteilung der Ermittlungsbehörden. Er habe 1991 die Sonderkommission Rechtsextremismus in Sachsen gegründet. Man habe alles unternommen, um solche Straftaten zu verhindern. Dabei habe man bereits früh die Gefahren eines rechten Terrorismus erkannt - und trotzdem seien die NSU-Morde passiert. Merbitz räumt ein, dass er auf viele Fragen keine Antworten wisse, etwa warum Hinweisen von Profilern nicht konsequent nachgegangen worden sei. Viele Entscheidungen und Fehler der Ermittlungsbehörden seien ihm unverständlich - und auch anderen Verantwortlichen. Daher sei die Arbeit der Untersuchungsausschüsse so wichtig. "Erinnerungslücken dürfen hier nicht auftreten". Merbitz forderte: "Diese Fakten müssen auf den Tisch. Wenn wir das nicht schaffen, wird es uns auch nicht gelingen, so etwas zu verhindern." Der Leipziger Polizeipräsident leitet ab dem neuen Jahr ein operatives Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus. Dabei will er besonders die freien Kameradschaften in Sachsen in den Blick nehmen.

Auf dem rechten Auge blind?

Nach dem 11. September 2001 hat sich der Antiterrorkampf vor allem auf islamistischen Extremismus konzentriert. Nach Bekanntwerden der NSU-Morde rückt nun die Neonaziszene in den Fokus. Die Moderatoren fragen, ob Polizei und Geheimdienste sich möglicherweise zu einspurig orientieren - nicht "multitaskingfähig" seien. Thüringens Innenminister Jörg Geibert sieht dieses Risiko ebenfalls. Doch die Kräfte müssten je nach Bedrohungslage gebündelt werden - ohne die anderen Gefahren aus dem Blickfeld geraten zu lassen. Er habe auch weiter grundsätzliches Vertrauen in die Behörden. Seit 2011 liege die Einschätzung vor, dass die Terrorgefahr sich Richtung Rechtsextremismus verschoben habe. Dennoch habe er das Ausmaß der NSU-Verbrechen nicht für möglich gehalten - und auch andere hätten das nur schwer ahnen können. Leider habe sich das dann bewahrheitet.

Eva Högl im Porträt
Eva Högl

Dagegen wirft Eva Högl Polizei, Behörden und Politik eine "systematische Verharmlosung des Rechtsextremismus" in den letzten 20 Jahren vor. "In allen Behörden, bei allen Mordermittlungen hatten wir eine Schieflage." Fremdenfeindlichkeit und rassistische Motive seien immer an die Seite gedrängt, verharmlost und nicht öffentlich thematisiert worden. Högl sagt, sie sei keine Anhängerin der These von einer "braunen Unterwanderung" der Behörden. Dennoch sei sie inzwischen zur Erkenntnis gelangt und stehe zu der Aussage: "Die Ermittlungsbehörden waren auf dem rechten Auge blind." Zugleich spricht sie von einer "brutalen Distanz" der Ermittlungsbehörden zu den Opfern - etwa nach dem Nagelbombenanschlag in Köln. Da gab es offenbar Vorbehalte gegenüber Migranten und da müsse gegengesteuert werden. Anwalt Narin pflichtet ihr bei. Gerade in Köln habe es genügend Hinweise auf ein ausländerfeindliches Motiv gegeben und dennoch sei in die falsche Richtung ermittelt worden.

Der Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz widerspricht der These von einer Polizei, die auf dem rechten Auge blind sei. Er räumt vereinzelte Probleme ein und rassistische Vorfälle bei der Polizei. Da werde dann aber auch konsequent vorgegangen. Merbitz sieht zugleich eine große Verantwortung und Versäumnisse bei der Politik, die teils die Realität nicht habe wahrnehmen wollen, was möglicherweise den Prozess der Radikalisierung von Rechtsextremisten begünstigt habe. Rechtsextreme Gewalt gebe es immer wieder, doch die werde schnell wieder vergessen. Merbitz: "Da erwarte ich mir auch mehr Offenheit von der Gesellschaft".

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2012, 14:12 Uhr

9. Heinz:
Wenn Sie schon von „rechtem Terror“ schreiben, dann sollten sie auch angeben, daß der Vater von Michael Buback von linken Terroristen ermordet wurde – und nicht von „linksextremistischen“. Oder umgekehrt.
04.12.2012
19:56 Uhr
8. Hippiehooligan:
Teil 2 Es ist schon traurig genug, dass du hier stupide die Hetzliste runterbetest. Aber muss es denn auf so peinliche Art und Weise sein? Fakt ist nun mal, dass rechte Gewalt um sich greift und der Zuspruch in der Bevölkerung leider groß ist. Das liegt zum einen an der Unwissenheit der Bevölkerung und zum anderen an deren Ignoranz. Außerdem ist es mittlerweile Mode mit Rechten abzuhängen und "einfach mal ein paar Ausländer zu hassen". Macht ja schließlich jeder grad. Deshalb schmeckt den Leuten der Döner komischerweise danach trotzdem immer wieder gut... da sieht man mal wie es um den Verstand der Leute in der rechten Szene bestellt ist.
04.12.2012
19:38 Uhr
7. Hippiehooligan:
Lustig anzusehen wie sich hier verschiedene Positionen vermischen. Zum Beispiel Jefe... der Herr hängt mit seiner Ideologie immer noch irgendwo in den braunen Neunzigern fest. "Angloamerikanische Verbrechen"?! Wieso nicht einfach "kriminelle Neger, Amis und Juden"?! Ich bin sicher, dass du dich an deinem volksdeutschen Stammtisch auch nicht so verbal zurückhältst. Außerdem wird mal wieder die typische Relativierungsschiene gefahren. "Schaut euch doch mal an was die anderen bösen Leute alles machen". Das ist zum gähnen... Was interessieren hier irgendwelche israelischen Verbrechen, wenn es grade um inländische geht? Von Nazis begangen... am laufenden Band! Und was spielt bitte die Ausländerkriminalität für eine Rolle, wo es doch offensichtlich genug kriminelle rechte Inländer gibt?! Die Amerikaner und Israelis haben in letzter Zeit eher selten Imbissbesitzer umgebracht. Manche Leute wollen das einfach nicht kapieren.
04.12.2012
19:38 Uhr
6. Lutz:
Es nervt einfach nur noch, jeden Tag das selbe Geschreibsel.
04.12.2012
18:15 Uhr
5. Klartexter:
Im unermüdlichen Kampf gegen Rechtsextremismus verdienen offensichtlich einige Leute ihr täglich Brot, gesponsert vom Steuerzahler, woher sonst. Es ist einfach immer auf die Rechten zu zeigen oder mit Mitteln der Medien einzudreschen. Damit es klar ist, dass ist keine Parteinahme für Holocaust Leugner oder ewig Gestrige die immer noch den alten Nazis, wie Rudolph Hess und anderen nachtrauern. Deshalb sollte man sich doch mal Gedanken dazu machen, warum es Rechtsextreme gibt und ob nicht in diesem Lande etwas grob falsch gemacht, ohne Bürgerbeteiligung. Die Saat ist aufgegangen und die macht Angst und mündet ganz natürlich in Ablehnung. Auch das wird heutzutage als Rechtsextremismus bezeichnet. Was die Menschen wirklich denken, dass wird schon lange nicht mehr offen ausgesprochen, weil es gefährlich ist die Meinungsfreiheit wahrzunehmen.
04.12.2012
16:03 Uhr
4. Jefe:
Haha, ein weiterer Gipfel der wenig objektiven Medienpropaganda. Vertuscht, verdrängt und verharmlost werden vielmehr u. a. Ausländerkriminalität, angloamerikansiche Verbrechen sowie Israels Volkerrechtsverbrechen - und das am laufenden Bande.
04.12.2012
12:51 Uhr
3. peter meier:
Wa hat Herr Buback mit der Veranstaltung zu tun? Hat der CDU-Vertreter im Rundfunkrat gesagt: "Es gibt auch rote Extremisten und das muss man auch darstellen!!!!!" ? Der fatale Ersteindruck: Man redet über eine staatlich "übersehene" Nazi-Mordserie und als einziger Opferangehöriger kommt ein RAF-Opfer zu Wort. Irgendwie schizophren.
04.12.2012
12:05 Uhr
2. Detlev Sommer:
Als Verleger des Veranstaltungs-MAGAZINs TiPs Jena+Saaleland hätte ich auch gern die Veranstaltung angekündigt. Leider erreichte uns Ihre Info nicht. Auch auf Anfrage beim kommunalen Kulturbetrieb JenaKultur wurde uns Ihre Veranstaltung nicht mitgeteilt. Können Sie uns bitte mitteilen, seit wann die Veranstaltung fest im Volkshaus Jena gebucht war. Viele Grüße und viel Erfolg Detlev Sommer Verleger
04.12.2012
11:35 Uhr
1. Dissident:
Die Polizei muss immer die Köpfe herhalten, für jegliche Unentschlossenheit von höherer Justiz und Politik. Es ist doch so einfach, stets das Volk am 13.02. aufzurufen sich symbolisch an den Händen zu halten...und danach die Hände zu waschen! Das muss man dann aber auch...Das geht nicht gut!
03.12.2012
15:18 Uhr

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