MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche (Folge 58) Explosionsgefahr bei Waldbrand – warum das Löschen oft schwierig ist

Audiotranskription

26. August 2022, 11:42 Uhr

In diesem Sommer wüten verheerende Waldbrände besonders oft im Osten Deutschlands. Zum Beispiel im Elbe-Elster-Kreis bei Falkenberg, bei Beelitz, in der Sächsischen Schweiz, im Berliner Grunewald, bei Treuenbrietzen und in der Lieberoser Heide. Vielerorts werden die Löscharbeiten durch ein besonderes Problem erschwert: Viele Wälder hier sind mit Munition belastet. Es herrscht Explosionsgefahr. Die Brände entstehen fast immer durch Menschenhand, viele durch Brandstiftung. Gast: Milan Schnieder

Wir können eigentlich und wir dürfen hier eigentlich nicht löschen. Hier hat die Rote Armee einen Truppenübungsplatz gehabt, unterhalten. Und das bedeutet, dass hier gerade wo wir jetzt stehen in dem Bereich, doch eine erhöhte Munitionslast ist.

Hans-Peter Schäfer, FFW Jessen Exakt die Story | 27.07.2022

Was macht das mit einem Feuerwehrmann, wenn er einen Brand im Wald abbrennen sehen muss und dann nicht löschen darf? Naja klar, das demotiviert natürlich. Eigentlich sind wir es ja gewohnt, reinzugehen, das Feuer auszumachen und in einer halben Stunde eigentlich wieder raus zu sein. Aber diese Brände ziehen sich natürlich leider Gottes immer viele Tage, Wochen

Reporter Milan Schnieder mit Einsatzleiter Christian Liebe Exakt die Story | 27.07.2022

Guten Tag Herr Winkler, Nahrstedt hier Betreuungsforstamt Annaburg. Waldbrand-Zentrale. Ich habe mal wieder was gefunden. - Was denn? - Na, ich denke mal, ein Waldbrand.

Philipp Nahrstedt, Betreuungsforstamt Annaburg Exakt die Story | 27.07.2022

Waldbrände beherrschen im Sommer 2022 die Schlagzeilen. Großbrände in der Sächsischen Schweiz, im Elbe-Elster-Kreis, im Juni bei Beelitz und Anfang Juli in der Lieberoser Heide. Tagelang wüteten die Feuer, flammten immer wieder auf. Zur Trockenheit, die vor allem die Monokultur Nadelwälder sehr brennbar macht, kommt oft Wind - und im Osten vor allen Dingen ein anderes großes Problem. Viele Wälder hier sind mit Munition belastet, und damit wird das Löschen lebensgefährlich oder sehr schwer. Darum soll es in einer neuen Folge von MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche gehen.

In diesem Podcast sprechen wir mit unseren Autorinnen und Autoren über ihre Recherchen. Es geht um das Thema und darum, wie Reporterinnen und Reporter zum Beispiel Protagonisten gefunden haben, sowie um persönliche Eindrücke und Erlebnisse während der Dreharbeiten. Ich bin Secilia Kloppmann und ich arbeite für die politischen Magazine des Mitteldeutschen Rundfunks.

Anfang Juli brannte es etwa eine Woche lang in der Lieberoser Heide in der Lausitz. Mein Kollege Milan Schnieder konnte dort drehen und Feuerwehrleute und Helfer begleiten. Außerdem hat Milan auch umfangreich zu diesem speziellen Munitionsproblem recherchiert, und deshalb freue ich mich Milan, dass du zu Gast bis in dieser Folge.

Milan Schnieder (MS)

Hallo Secilia

Secilia Kloppmann (SK)

Milan, für Deinen Film, den man übrigens auf YouTube im Channel MDR investigativ unter exactly und auch in der ARD Mediathek als Exakt die Story findet, warst du vor Ort in der Lieberoser Heide, bei einem großen Waldbrand. Die Bilder sind sehr, sehr eindrucksvoll. Du warst da ganz schön da dran an diesem Brand oder ..?

MS

Ja, allerdings. Also bis auf wenige Meter, zehn Meter vielleicht oder fünf oder so.

SK

Wie hat sich das angefühlt?

MS

Also ich war da so total im Reporter-Tunnel. Ich wusste, wir haben nur wenig Zeit, um dort zu filmen. Und ich habe nur wenig Möglichkeiten gehabt, da mit dem Kameramann ein paar Aufnahmen zu machen und O-Töne zu kriegen. Und deswegen war ich total auf die Arbeit konzentriert. Aber natürlich hat mich das auch mit Ehrfurcht erfüllt, zu sehen, wie viel da brennt, wie das riecht, wie das klingt. Ich dachte, das ist total laut oder so. Aber das knistert so vor sich hin. Das war ein Bodenfeuer.

SK

Du bist mit den Einsatzkräften unterwegs gewesen, unter anderem mit dem Revierleiter des Forstamtes, aber natürlich auch mit Feuerwehrleuten und hast die Einsatzleitung getroffen. Man könnte ja jetzt auch denken bei so einem riesigen Brand – ungefähr 90 Hektar groß - haben die anderes zu tun, als ausgerechnet die Presse mitzunehmen? Wie wie kann es zustande, dass du da mitgehen konntest?

MS

Also bei diesem Brand in der Lieberoser Heide in Brandenburg, den hatten wir schon seit dem 4. Juli im Blick. Also das war ein Montag und zwei Tage später, also am 6. Juli, hab ich dann morgens gesehen, dass der 86 Hektar groß ist. Später war er dann auch 90 Hektar groß, und da haben wir entschieden okay, wir fahren da jetzt hin, und da hatten wir knapp drei Stunden Zeit im Auto. Der Kameramann ist gefahren, und ich war am Laptop auf dem Beifahrersitz und habe da angerufen habe gesagt, ich bin jetzt für den MDR auf dem Weg zu euch, und kann ich da irgendetwas machen? Und da habe ich mich dann durchtelefoniert, bis ich dann irgendwann bei der Pressestelle war vom Landkreis Dahme-Spreewald, weil in dem Gebiet ist die Lieberoser Heide. Und da hatte ich wirklich Glück, dass wir kurz nach unserer Ankunft mitfahren konnten, auf so einer Pressetour. Da waren dann so drei Geländewagen von den Forstarbeitern, und die haben uns dann da zu verschiedenen Drehorten rund um diesen Waldbrand kutschiert. Dann konnten wir aussteigen, da paar Minuten drehen. Zehn bis 20 Minuten, dann mussten wir wieder einsteigen und sind dann zum nächsten Ort. Also, das haben die richtig gut gemacht. Und dadurch konnten wir viele Bilder kriegen.

SK

Hast du das Gefühl gehabt, dass das gefährlich ist, was du da machst?

MS

Nie, weil das so gut geplant und organisiert war und ich wusste, da sind überall Feuerwehrleute und Forstleute, die haben gesagt, wie nah wir dran dürfen und wie nah nicht. Und ich habe da so ein bisschen auf meinen Menschenverstand vertraut, dass ich jetzt nicht dann in die Flammen gehe oder so.

SK

Wir reden hier vor allen Dingen über diese großen Brände. In der Lieberoser Heide waren das ungefähr 90 Hektar Wald, die abgebrannt sind. Das entspricht - ch habe mal kurz nachgeguckt, kann man auch überall lesen -125 Fußballfeldern. In Beelitz waren es 200 Hektar, also mehr als doppelt so viel. Auch in Treuenbrietzen, da bist du auch gewesen, da kommen wir später noch einmal drauf, waren es 200 Hektar. Bei dem Brand im Elbe-Elster-Kreis (Mitte Juli 2022) habe ich jetzt noch einmal aktuell gelesen, sind Glutnester verbreitet auf über 500 Hektar. Warum breiten sich diese Brände so rasant aus? Milan

MS

Also erst einmal sind es oft Nadelbäume, wie zum Beispiel die Kiefer und die brennen besonders gut. Dann ist es gerade sehr trocken. Das heißt, es gibt auch viel totes Holz. Wenn es windet, dann beschleunigt das den Brand natürlich noch mal durch den Sauerstoff. Aber der Hauptgrund ist, dass da Munition rumliegt. Also offiziell sind das Kampfmittel-Verdachtsgebiete, vor allem von der Roten Armee, die da mal Truppenübungsplätze betrieben hat. Und ich habe auch Leute getroffen, die haben den Abzug der Russen Anfang der 90er selber miterlebt,

Das war Sperrgebiet, da ist man Jahrzehnte gar nicht herangekommen. Es war verboten, und wenn man da gegriffen worden ist, gab es Ärger. Und dann hieß es die Russen ziehen ab, und da konnte man hier rein. - Und haben Sie auch mal Munition im Wald liegen sehen? Ja, wie sieht das dann aus? - Also das ist so, wir sind ja immer ein bisschen so mit geländegängigem Fahrzeug reingefahren, dann ging das war zu der Zeit in den 90er Jahren. - Anfang 90er? -Ja. Und also das war so ein bisschen mit Draht umzäunt. Was da gelegen hat, an Minen und Bomben. Man hofft, das es alles unscharfes Zeug war.

Reporter Milan Schnieder im Gespräch mit Michael Brehme vom ASB Exakt die Story | 27.07.2022

MS

Ja, das war Michael Brehme. Der arbeitet für den Arbeiter-Samariter-Bund. Und als wir dort beim Lagezentrum waren, hat er dort bei der Gulaschkanone ausgeholfen. Und ich habe so ein bisschen mit dem abgespült, und da sind wir so ins Quatschen gekommen.

SK

Also der sagt ja, das kommt also von diesen Truppenübungsplätzen der Roten Armee. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR war die Armee der Sowjetunion stationiert, im Folge des Zweiten Weltkrieges die Alliierten. Und die sind dann 1994 final abgezogen. Warum liegt dann noch so viel Munition? Haben die die nicht mitgenommen?

MS

Nein, die haben die nicht mitgenommen. Also das war direkt nach der Wende, da hat Helmut Kohl, der damalige Bundeskanzler, von der neuen großen Bundesrepublik, mit dem Michael Gorbatschow, der der Präsident der Sowjetunion war, die haben da einen Deal miteinander ausgehandelt, dass die Sowjets abziehen, dass die Rote Armee abzieht und dass die Bundesrepublik dann auch die Verantwortung für diese Flächen übernimmt. Und die Russen haben das dann wohl zum Anlass genommen, ihre Munition einfach liegen zu lassen. Und das war eben auch scharfe Munition. Und die liegt zum Teil heute immer noch da.

SK

Weiß man so ungefähr, wie viele Stellen oder Flächen das betrifft?

MS

Also ich habe da verschiedene Quellen angezapft, für meine Recherche. Vor allem die staatlichen Organe, die drucksen da ein bisschen rum. Die haben natürlich Angst, dass, wenn sie das genau sagen, wo welche Flächen sind, dass das dann Munitionsjäger anlockt. Das sind Privatleute, die buddeln Munition aus und verhökern die im Internet. Das ist natürlich super gefährlich und auch verboten. Und deshalb zeigen wir in dem Film auch keine Flächen, sondern nur so grob die Orte. Und da haben wir 18 Orte ausgemacht in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Brandenburg sind am meisten, da gibt es noch viel mehr. Und bei den Bränden, die wir jetzt haben, da passiert es immer wieder, dass die Feuerwehr mitbekommt, dass im Wald Munition hochgeht auf Flächen, wo die Behörden noch gar nicht im Blick hatten, dass da überhaupt noch welche liegt, manche davon sogar noch vom Zweiten Weltkrieg und manches sogar noch aus der Kaiserzeit,

SK

Aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der Kaiserzeit? Wir haben das Jahr 2022.... Wie kann das so lange da liegen, ohne dass man das merkt?

MS

Das liegt daran, dass durch die Vegetation, also die Wurzeln, die drücken das nach oben, und der Regen spült das frei. Und irgendwann liegt das dann offen. Und das korrodiert natürlich auch durch Wind und Wetter. Und je älter das ist, desto gefährlicher kann das werden.

SK

Das heißt also, wenn diese Munition, egal ob aus dem Zweiten Weltkrieg oder von der Roten Armee, da im Spiel ist, bei diesen Bränden, dann kann die Feuerwehr auch nur begrenzt löschen - wie können die überhaupt löschen?

MS

Die dürfen diese Kampfmittel-Verdachtsgebiete nicht betreten. Zum Eigenschutz, weil, klar, wenn die da löschen und dann knallt es dann können die sterben dabei. Es hat sogar schon mal einen Todesfall gegeben. Und deswegen können die dann nur von der Seite aus löschen. Das heißt, die gucken wo ist das Munitionsgebiet und dann wo verläuft das Feuer? Und dann postieren die sich genau an der Kante von diesem Gebiet. Und dann haben wir solche Kreisregner. Das sieht man in einem Film auch. Die sprühen dann das Wasser in den Wald, damit der möglichst feucht ist und kein Feuer fängt. Die können also nur die Ausbreitung außerhalb dieser Flächen verhindern. Aber die können nicht reingehen, die können nicht löschen.

SK

In dem Film, da sprichst du auch mit einem Feuerwehrmann, mit Hans Peter Schäfer und der hat auch erzählt, dass diese Gefahr nicht nur theoretisch ist, sondern das die da auch schon durchaus Erfahrungen gemacht haben mit Munition im Wald.

Wir hatten auch schon Brände, wo wir ja am Rande gelöscht haben. Und da ist Munition explodiert. Und wir hatten auch Glück, dass nichts passiert ist.

Hans-Peter Schäfer FFW Jessen Exakt die Story | 27.07.2022

MS

Hans-Peter Schäfer, das ist der Leiter von einer Freiwilligen Feuerwehr in Jessen in Sachsen-Anhalt

SK

Und sag mal, Milan, gibt es jetzt eigentlich einen Zusammenhang, wie sehr sich so ein Brand ausbreiten kann und der Munitionsbelastung in diesem Gebiet?

MS

Das haben die Feuerwehrleute mir erzählt. Und weil ich dann noch mehr darüber herausfinden wollte, hab ich mich dann an den Professor Michael Müller von der TU Dresden gewendet. Denn der ist ein ganz wichtiger Forscher zum Thema Waldschutz. Und der hat Statistiken ausgewertet und die mit den Munitionsflächen verglichen.

Seit 2003, das war ja das wärmste Jahr bisher in unserem Jahrhundert gibt es also nur einen einzigen Brand, der größer als zehn Hektar wurde und der nichts mit Munitionsbelastungsflächen zu tun hatte. Alle anderen Brände, die größer als zehn Hektar wurden, dürften auf solchen Flächen gelegen haben und wurden nur deshalb so groß. Sie hätten also auch innerhalb der ersten beiden Stunden und in einer Spanne von unter einem Hektar bis vielleicht maximal zehn Hektar gelöscht werden können oder angehalten werden können. Gestoppt werden können, wenn man sofort hätte angreifen dürfen. In solchen Gebieten ist das nicht möglich, aus Sicherheitsgründen. Und nur deshalb werden die Brände so groß.

Prof. Michael Müller, TU Dresden Exakt die Story | 27.07.2022

SK

Es ist also nicht unbedingt möglich, da aus Sicherheitsgründen sofort auch zu löschen, sagt Professor Müller. Man muss ja auch sagen, das sind sehr oft Helfer der Freiwilligen Feuerwehr, die da extremen Gefahren ausgesetzt sind. Wenn man dann noch bedenkt, wir kommen dann noch einmal später drauf - das man schätzt, zu 95 Prozent der Waldbrände werden durch Menschen verschuldet und nicht selten durch Brandstiftung, dann ist es schon sehr erschreckend. Wie sehr Menschen da auch in Gefahr gebracht werden. Aber wir bleiben da noch ein bisschen beim Thema Munition. Denn Milan war für seinen Film auch mit Kampfmittelbeseitigern unterwegs. Das muss man aber eigentlich sehen. Ich finde, das kann man nicht so ganz gut erzählen, zumal ihr da was total cooles gemacht habt. Ihr habt da an die Sonden Kameras gemacht, weil ihr selber da nicht mit hin konntet in das Gebiet. Also in dem Fall, würde ich gerne noch einmal auf dem Film hinweisen, sich das anzuschauen, bei da kann man quasi live dabei sein, wie nach Granaten und Ähnlichem gesucht wird. Milan, ich hatte es ja gesagt. Problem ist es eben vor allen Dingen für die Feuerwehr, wenn solche Flächen belastet sind. Und deswegen werden da oft auch Hubschrauber oder auch Flugzeuge so aus der Luft eingesetzt. Das war auch in der Lieberoser Heide so oder?

MS

Ja, genau. Da gab es zwei Hubschrauber von der Bundespolizei, die sogenannten Super-Puma. Und die hat man da durchgehend gehört, und das ist eine beeindruckende Lärmkulisse. Und ich habe echt Respekt vor den PilotInnen. Dass die in der Lage sind, im Flug diese Glutnester zu treffen, das kühlt die zwar ein bisschen ab, aber 2000 Liter so grob verteilt ist nur so ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber das motiviert auch die Bodentruppen.

SK

2000 Liter. Man sieht das auch in dem Film wie der da immer wieder kommt und Wasser holt. Wie eine riesengroße Tasche muss man sich das vorstellen ..

MS

Außenlastbehälter

SK

... ein Außenlastbehälter. Da taucht das dann ein und holt das Wasser. Aber die machen das ja nicht nur einmal, sondern vielleicht zehn, 20 bis 50 mal während so einem Brand. Hat das nicht auch Auswirkungen, zum Beispiel auf so einen einen See?

MS

Ja, der See, wo wir das da beobachten konnten, der war nicht so groß. Und wenn da alle 2 Minuten 2000 Liter ausgeschöpft werden, das ist ein ganz schöner Eingriff in dieses Ökosystem. Und deswegen sind die Leute von der Feuerwehr dann immer mitten auf diesen See raus geschippert mit einem kleinen Boot und haben den Wasserstand gemessen. Denn wenn es zu wenig ist, dann können die da nichts mehr rausnehmen. Und dann müssen sie den See wechseln.

SK

Ich habe das tatsächlich neulich auch mal gesehen. Ich war privat in diesem Waldstück in Beelitz, wo es auch gebrannt hatte. Und da war auch so ein kleiner See. Und dann habe ich mich gewundert, warum der so trocken ist. Und dann habe ich gedacht, ah , OK alles klar, wahrscheinlich war das der See, wo das Löschwasser rausgeholt worden ist. Also der sah fast aus wie ausgetrocknet. Ich fand es übrigens auch krass, drei, vier Wochen nach dem Brand bin ich da gewesen, und ich fand das beeindruckend. Das hat immer noch so verkokelt gerochen. Und auch, dass die Erde, die war ganz schwarz und verbrannt. Ich habe auch ziemlich viele Fotos gemacht. Die würde ich jetzt auch mal für alle, die zuhören und die sich dafür interessieren, in eine Galerie packen. Und die kommt dann in die Show-Notes in unserem Podcast und auch im Transkript kann ich das verlinken. Denn es gibt nämlich zu jeder unserer Podcast-Folgen auch ein Transkript. Und dort gibt es auch noch mal die Links direkt zu Milans Film zum Beispiel, aber auch noch viele Informationen rundherum. Und das kann man auch finden auf www.mdr.de/investigativ-podcast

Sag mal, Milan, weil ich gerade gesagt habe, ich war da in Beelitz. Da habe ich das gesehen, dass unten war alles schwarz war, aber oben die Kronen, die waren oft noch grün....

MS

Besonders viele Brände im Wald sind Bodenfeuer, aber die Bäume sterben dann trotzdem, weil der untere Bereich, der wird so heiß. Es gibt da so einen Teil vom Baum, der heißt Kambium, und wenn der einmal durchgekocht ist, dann stirbt auch die Krone. Die ist vielleicht noch ein bisschen grün, aber der Baum ist eigentlich dem Tod geweiht.

SK

Es gibt ja trotzdem auch immer wieder diese Diskussion, zum Beispiel, um Löschpanzer in den Medien. Bei dem Brand im Elbe-Elster-Kreis sind auch Wasserwerfer, zum Beispiel, eingesetzt worden. Aber alle brauchen sie Wasser – wo kommt das Wasser eigentlich her, wenn es nicht per Hubschrauber aus dem See geholt wird?

MS

Ich habe zum Beispiel in der Annaburger Heide gesehen, dass es dort überall verteilt im Wald so Löschbrunnen gibt. Aber Hans Peter Schäfer, der Leiter von der Freiwilligen Feuerwehr Jessen, die da in der Nähe ist, der hat mir erklärt, dass zwei Drittel von diesen Löschbrunnen mittlerweile trocken sind und die da kein Wasser mehr herausbekommen. Und wenn jetzt ein Löschbrunnen trocken ist, müssen die ja trotzdem an der Stelle Wasser haben, wenn die das brauchen. Und das machen die dann, indem sie Pumpen nehmen. Die können bis zu 9000 Liter Wasser pro Minute befördern, durch kilometerlange Schläuche. Und dann haben sie dann an der Stelle, wo sie das Wasser brauchen, so einen großen … sieht aus wie so ein riesiger aufblasbarer Swimmingpool. Der ist, ich sage mal anderthalb Mal so hoch wie ein Mensch und vom Durchmesser her, sodass man man müsste schwimmen können, um von einen Seite auf die andere zu kommen. Und da pumpen die das Wasser dann rein.

SK

Das klingt ja alles noch ganz schön viel Aufwand. Feuerwehren, das Technische Hilfswerk, der Arbeiter-Samariter-Bund … . Das sind ja auch Kosten. Weißt du, wer das dann eigentlich bezahlt?

MS

Ja, das ist teuer. Und für die Finanzierung sind die Landkreise verantwortlich. Da haben die KollegInnen vom RBB mal recherchiert, weil kürzlich waren in Brandenburg ja gleich drei Landkreise betroffen. Die Freiwilligen Feuerwehrleute, die sind ehrenamtlich. Aber wenn die Verdienstausfälle haben, weil sie ja nicht ihren normalen Jobs nachgehen können, dann kostet das Geld. Dann braucht man Kraftstoff für die Fahrzeuge, Material, Verpflegung … die Gemeinden und private Firmen stellen Wasser bereit. All das kostet Geld. Und die Feuerwehr stellt dann Rechnungen an den Landkreis. Zum Beispiel in der Lieberoser Heide, da schätzt der Landkreis Dahme-Spreewald, dass das ungefähr eine halbe Million Euro gekostet hat, diese 86 Hektar Feuer. Der Innenminister von Brandenburg, Michael Stübgen, hat angekündigt, dass sein Haus da die Landkreis auch ein bisschen unterstützen will finanziell.

SK

Waldbrände entstehen nur sehr, sehr selten aus natürlichen Ursachen. Bei einem Blitzschlag zum Beispiel, oder, was auch passieren kann, ist wenn sich diese Munition, über die wir sprechen, zum Beispiel bei Hitze tatsächlich selbst entzündet. Aber ich habe gelesen, zu 95 Prozent heißt die Brandursache Mensch. Kannst du das bestätigen? Milan

MS

Ja, das habe ich bei meiner Recherche auch erfahren. Die einzige natürliche Brandursache, die wir kennen, ist der Blitzeinschlag, und das sind fünf Prozent Und die anderen 95 Prozent ist der Mensch. Fahrlässig oder grob fahrlässig oder sogar mit Vorsatz. Da gibt es juristisch verschiedene Abstufungen. Die Motive, warum Leute so etwas machen sind: Zum Beispiel Kinder. Die kokeln im Wald, sind unvorsichtig, und dann kriegen sie es irgendwie nicht mehr unter Kontrolle. Dann gibt es Pyromanen, also Leute, die pathologisch eine Veranlagung haben, dass sie Feuer legen müssen, das ist ein Trieb. Und dann gibt es Kriminelle, die einfach bösartig sind, also das ist so etwas wie Vandalismus. Eine große Zahl ist Brandstiftung. Es gab ja zum Beispiel Anfang Juli Großbrand in der Gohrischheide in Sachsen, und das ist dann sogar übergegangen in die Nähe von Mühlberg in Brandenburg. Und ich habe die Polizeidirektion Dresden mal angefragt, weil die ermitteln. Und die haben herausgefunden, das an dem Tag, an dem es gebrannt hat, nachmittags vier unterschiedliche Stellen angezündet worden sind. Dann gab's Löscharbeiten. Und dann haben die am Abend noch mal zwei andere Stellen angezündet, und dort wurden auch Rückstände von Brandbeschleunigern nachgewiesen. Und der Schaden dort beläuft sich auf 13,5 Millionen Euro.

SK

Wahnsinn! Und Brandbeschleuniger ist immer ein Hinweis darauf, dass es Brandstiftung war?

MS

Ganz genau. Da kann man dann von Vorsatz ausgehen. Also da gibt es dann zum Beispiel den Grillkohleanzünder oder Spiritus oder ganz normalen Ottokraftstoff, also Benzin. Und wenn die Polizei raus findet, welcher Brandbeschleuniger das wat, dann ist das zumindest ein Hinweis in dem Puzzlestück dieser Ermittlungen.

SK

Du bist ja für den Film auch im Landeskriminalamt in Thüringen gewesen, wo sie diese Untersuchungen machen. Gibt es eigentlich Angaben, wie viele Brandstifter überhaupt überführt werden? Das ist doch bestimmt total schwierig, die überhaupt zu kriegen. Oder?

MS

Das ist richtig. Und die Polizei geht jetzt nicht damit hausieren, dass sie die meisten nicht finden. Aber sie finden immer mal wen. Also letztens zum Beispiel, in Brandenburg, haben sie jemanden dingfest gemacht und der muss dann mit mächtigen Strafen rechnen.

SK

Aber was heißt denn schwerwiegende Strafen? Was kostet das denn?

MS

Also, wenn man zum Beispiel in der Nähe vom Wald, wenn da Waldbrandgefahrenstufe ist, zum Beispiel grillt, dann geht die Strafe mit 50 Euro los. Aber das können wir auch mal schnell 55.000 Euro werden. Es gibt auch Haftstrafen. Also wenn zum Beispiel bei einem Brand, den jemand vorsätzlich gelegt hat, jemand stirbt, dann wandert man für mindestens zehn Jahre in den Knast.

SK

Wenn es jetzt aber so wenig Aufklärung gibt, woher gibt es denn dann eigentlich diese Schätzungen, dass jeder zweite Brand auf Brandstiftung zurückgeht?

MS

Die meisten Brände, die passieren nachmittags, abends und am Wochenende, wenn die Leute Feierabend haben, also Freizeit. Und interessant ist auch, dass es in den letzten zwei Jahren, wo es besonders viele Corona-Beschränkungen gegeben hat, auch wenig Brände gegeben hat in den Wäldern. Denn wenn die Leute im Lockdown zu Hause sitzen, dann sind sie einer sozialen Kontrolle ausgesetzt. Wo bist du denn gewesen? Ach, Spaziergang. Du darfst eigentlich nicht raus...? Und ok hast du gesehen im Fernsehen, da brennt es..? So ein Brandstifter, der will natürlich so einen Zusammenhang.nicht und sich so einem Verdacht nicht aussetzen.

SK

Ich bin da immer noch fassungslos, wie man überhaupt sowas machen kann. Zum einen werden ja die Bäume vernichtet, die sind ein CO zwei-Speicher. Das trägt wiederum zum Klimawandel bei. Aber was ja auch noch einen Punkt ist, es betrifft ja da auch Lebewesen in dem Wald...?

MS

Ja, genau, weil Brände und Feuer im Wald sind nicht Teil von dem Ökosystem in unseren Wäldern. Und das ist für die Tiere besonders schlimm, weil viele können nicht flüchten. Vor allem junge Tiere, die nicht so schnell laufen können. Auch Vögel, die nisten, die sind in dem Nest drin. Und die verbrennen natürlich. Und das ein super grausamer Tod.

SK

Und am Ende können sie auch in dem Wald nichts mehr finden. Da gibt es keine Nahrung mehr. Da ist eigentlich alles vernichtet...

MS

Richtig, das ist dann schwerer für die, sich da wieder anzusiedeln und da hin zurückzukehren.

SK

Nach deiner Recherche, und deinem vor Ort sein da bei diesem großen Feuer, siehst du jetzt diese Nachrichten, die es leider Gottes immer noch gibt und vermutlich auch weiterhin geben wird, von großen Waldbränden, zum Beispiel auch international aber auch hier.. Hast du das Gefühl, du siehst es jetzt anders?

MS

Ja, also, ich gehe schon immer gern im Wald spazieren oder laufen. Und wenn ich das jetzt mache, dann gucke ich mir die Bäume genauer an. Sind das zum Beispiel Laubbäume oder Nadelbäume? Ist das Unterholz trocken? Man sieht das ja auch so ein bisschen, ob es der Natur gut geht, ob da genug Feuchtigkeit ist. Und ich finde den Feuerwehrberuf super spannend. Also das ist ein tolles Ehrenamt, ein tolles Hobby und die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, die haben eine große Leidenschaft dafür. Und die freuen sich auch über die Anerkennung.

SK

Ich finde, damit sollten wir auch diesen Podcast beenden, Milan. Mit einem ganz großen Dankeschön an alle freiwilligen Helfer und vor allen Dingen Kameradinnen und Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren, die da viel auf sich nehmen, sich selbst in Gefahr bringen und vor allen Dingen extrem viel Freizeit opfern. Und auch deren Familien. Die müssen auch viel Verständnis haben und zurückstecken. Milan,vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

MS

Danke für die Einladung Secilia,

SK

Das war MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche. Haben Sie ganz herzlichen Dank fürs Zuhören. Unseren Podcast können Sie überall da hören, wo Sie Ihre Podcast am liebsten hören. Zum Beispiel in der ARD Audiothek bei Apple, bei Spotify oder auch auf YouTube. Wir freuen uns, wenn Sie uns regelmäßig hören. Alle zwei Wochen, immer freitags gibt es eine neue Folge, und um die nicht zu verpassen, ist es am besten, wenn sie uns abonnieren. Weiterführende Links, Informationen und auch Kontaktmöglichkeiten für Feedback zum Beispiel gibt es immer in unseren Shownotes. Und auch in unseren Transkript ist alles noch mal verlinkt. Auch die Filme zum Beispiel. Es gibt zu jeder Podcast-Folge ein Transkript. zu finden ist das alles unter www.mdr.de/investigativ-podcast. Die nächste Folge von MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche erscheint am 26. August

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MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche

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