MDR investigativ - Schule am Limit
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MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche (Folge 84) Schule am Limit - Wie geht Schule heute?

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Ein neues Schuljahr steht bevor. Doch Lehrermangel und fehlende Digitalisierung werfen die Frage auf: Ist das Schulsystem noch zu retten?

MDR investigativ - Schule am Limit 31 min
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Ein neues Schuljahr steht bevor. Doch Lehrermangel und fehlende Digitalisierung werfen die Frage auf: Ist das Schulsystem noch zu retten?

MDR AKTUELL Fr 11.08.2023 09:00Uhr 31:20 min

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Esther Stephan (ES): In wenigen Tagen beginnt für die Kinder und Jugendlichen in Mitteldeutschland ein neues Schuljahr. Für die Schüler*innen Lehrkräfte und Eltern heißt das, nicht nur weniger ausschlafen und wieder Hausaufgaben machen zu müssen, sondern eben auch, sich teilweise in maroden Schulgebäuden aufzuhalten. Eine Digitalisierung, die Jahre hinterherhinkt und Unterrichtsausfall, weil es zu wenig Lehrer*innen gibt. Und das ist eine Belastung, wie sie zum Beispiel Daniel Amonat auch berichtet. Er ist Schulleiter in Mühlhausen.

Also wir können manche Fächer gar nicht anbieten. Zum Beispiel – jetzt haben wir den Neuzugang – konnten wir vorher kein Musik unterrichten. Wir konnten ab Klasse sieben kein Geografie anbieten. Und wir haben das so hingekriegt, dass wenn alle Lehrkräfte da sind, steht der Stundenplan. Aber wenn Krankheiten auftreten, was völlig normal ist und Gang und Gäbe ist, dann fällt das Kartenhaus zusammen.

Daniel Amonat

ES: Ist das Schulsystem überhaupt noch zu retten? Und welche Maßnahmen können guten Unterricht sicherstellen, der keine Lehrkräfte und Kinder zurücklässt? Darum geht es heute bei "MDR Investigativ - Hinter der Recherche". Hier sprechen wir mit Journalist*innen über ihre Recherchen, das Thema und über die Erlebnisse, die sie während der Dreharbeiten gemacht haben. Ich bin Esther Stephan, ich arbeite für die politischen Magazine des Mitteldeutschen Rundfunks und ich spreche heute mit der Journalistin Juliane Maier-Lorenz. Hallo, Juliane!

Juliane Maier-Lorenz (JML): Hallo!

ES: Du hast du dir im Frühjahr verschiedene Schulen angeschaut. Was waren das für Schulen?

JML: Es waren eigentlich alle Schultypen dabei: Gymnasium, Grundschule und Regelschulen. Was jetzt nicht dabei war waren Förderschulen oder auch freie Schulen. Es waren größtenteils staatliche Schulen, genau. Aber so von den Schultypen waren alle dabei.

ES: Warum diese Auswahl? Warum bist du dann nicht zum Beispiel auch noch an Förderschulen oder Privatschulen gegangen?

JML: Das hat sich eigentlich mehr so ergeben, muss ich jetzt ganz ehrlich sagen, so wie die Protagonisten für den Film, den ich gedreht habe, gefunden wurden. Also es war zum Beispiel eine Abiturientin, mit der wir gesprochen haben. Die ist nun mal an einem Gymnasium, die eine Schule mit dem neuen Schulkonzept, das war eine Regelschule. Und der eine Lehrer, den ich ausgewählt hatte oder der sich so ergeben hatte, der für so eine ganz neue Unterrichtsform steht, der war halt ein Lehrer an einer Grundschule. Und das hat sich dann einfach so gefügt. Uns war jetzt gar nicht so bewusst, dass wir das eine weglassen wollten und das andere hervorheben wollten, sondern das hat sich aufgrund der Protagonisten einfach so ergeben.

ES: Du hast ja selber auch Kinder. Wie war das denn, als du dorthin gegangen bist? Also, du kennst ja jetzt Schulen aktuell schon auch von innen. Aber hast du irgendwelche Erwartungen gehabt, als du dorthin gegangen bist?

JML: Kann man so nicht sagen. Also ich bin jetzt nicht mit irgendwelchen Erwartungen... Natürlich hat man jetzt als Journalistin, kennt man ja die ganzen Nachrichten. Was du auch gesagt hattest, mit den maroden Schulen, mit der Digitalisierung die hinterherhängt und mit dem ganzen großen Problemen, Lehrermangel... Und da hat man als Journalistinnen dann schon so diesen Punkt, wo man sagt: Ja, jetzt geht man in eine Schule und es herrscht dort überall Lehrermangel. Und wir wissen ja, wie die Situation ist. Es ist für die Kinder und die Lehrer alles kacke. Und da geht man schon so mit so einem Gefühl darein: Wie ist es denn jetzt? Natürlich gibt es Schulen, das war zum Beispiel in Bad Köstritz der Fall., da hast du schon von außen so gedacht: Ui ui ui, also hier könnten Sie mal wieder was machen. Und auch von innen war es jetzt tatsächlich einfach nicht schön. Also es war schon so, dass es einen ein bisschen erschrocken hat, unter welchen Bedingungen manchmal Kinder da einfach lernen müssen. Und womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, und das war an allen Schulen so, war tatsächlich, dass die Schulleiter extrem engagiert sind und wissen: wir haben Lehrermangel, wir haben die Probleme, aber wir müssen jetzt irgendwie das Beste daraus machen. Also natürlich kann man immer jammern und kann immer was sagen und das ist auch berechtigt, und das möchte ich jetzt überhaupt nicht abwerten. Aber ich hatte so den Eindruck, die waren trotzdem alle motiviert zu sagen: wir packen das jetzt an! Wir müssen den Kindern und Jugendlichen etwas beibringen, auch mit den Lehrern, die wir jetzt einfach zur Verfügung haben. Und das war oftmals nicht leicht. Aber ich fand die extrem motiviert. Damit hatte ich nicht gerechnet, weil ich wirklich so gedacht hatte, auch aufgrund der Artikel oder Fernsehbeiträge, die man zum Thema liest, auch bei anderen Mitteln, dass wirklich alle einfach so die Hände über den Kopf schlagen. Was sie auch sicherlich machen, mitunter. Aber trotzdem die Mehrheit so das Gefühl hatte: Nein, wir packen das jetzt an. Das ist jetzt doof. Es ist schlimm, die Situation, aber wir müssen ja irgendwie.

ES: Aus dieser ganzen Liste, was ist denn da eigentlich denn das größte Problem im Moment an deutschen Schulen? Was würdest du jetzt sagen nach einer Recherche?

JML: Ich glaube, ein großes Problem gibt es nicht. Also es gibt nicht das eine große Problem, und alle anderen sind nebensächlich. Sondern ich finde, das ist so eine Kombination aus ganz, ganz vielen, aus mehreren Problemen. Na also, wenn man jetzt zum Beispiel sagt: natürlich ist ein großes Problem der Lehrermangel. Und das ist nicht nur in Thüringen und Sachsen und Sachsen-Anhalt, sondern auch in ganz Deutschland mittlerweile ein Problem. Wenn das jetzt aber behoben wäre zum Beispiel und in jeder Schule gäbe es genügend Lehrer, dann wäre halt die Ausstattung, die Digitalisierung nicht fortschrittlich genug, weil es ja immer noch Schulen gibt, die zwar WLAN anliegen haben, aber halt nicht in jedem Klassenzimmer nutzen können. Oder dann gibt es halt auch Schulen, bei denen kein Breitband-Internet anliegt. Also das ist eine Kombination aus mehreren Sachen aus Lehrermangel, zum einen aus einer nicht extrem gut ausgebildeten Digitalisierung oder digital ausgestatteten Schule, aber auch aus der Tatsache, dass immer mehr Kinder auch aus anderen Ländern in die Klassen kommen, die dann nicht entsprechend gebildet werden können, wie sie es eigentlich verdienen. Und dann eigentlich alle ein bisschen drunter leiden, weil eben zu wenig Lehrkräfte da sind. Das ist eigentlich so diese Kombination, die ich mit als größtes Problem ansehe.

ES: Um mit diesem Lehrermangel anzufangen. Wenn wir das jetzt so ein bisschen aufdröseln. Wir haben vorhin in der Anmoderation gehört, dass der Schulleiter Daniel Amonat den Stundenplan als Kartenhaus bezeichnet hat, das eigentlich sofort zusammenfällt, wenn da eine Lehrkraft mal krank wird, zum Beispiel. Ich habe in Youtube in die die Kommentare zu einem Film geschaut und auch bei Instagram reingeguckt. Und da haben ganz viele geschrieben, die Erfahrungen mit dem Beruf haben und die zum Beispiel schon angefangen haben, Lehramt zu studieren und die gesagt haben: Das ist total unattraktiv, Lehrkraft zu werden. Zum einen sagen Sie, das liegt so daran, dass diese Ausbildung viel zu theorielastig ist und viel zu fordernd. Und das am Ende manche Lehrkräfte über die Sommerferien arbeitslos sind. Lassen uns mal bei diesem zweiten Punkt anfangen: wie kann es sein, dass Lehrkräfte in den Sommerferien arbeitslos sind? Das haben die sich ja nicht ausgesucht, dass Sommerferien sind.

JML: Das ist so ein bisschen erschreckend, wenn man die Kommentare so liest und man sieht, es gibt ganz viele Leute, die eigentlich den Beruf ergreifen wollen und dann so in diesen Mühlen des Systems so kaputtgemacht werden oder auch gar nicht erst dort ankommen. Es ist tatsächlich so, dass viele Lehrkräfte nur befristete Verträge bekommen. Das ist auch bei unserem Protagonisten, bei dem Andrei Vesa der Fall gewesen. Sein Vertrag lief am 14. Juli aus. Und sein neuer Vertrag hat erst am 1. August wieder angefangen. Also der musste sich Arbeitslos melden. Und da fragst du dich schon: Wie kann denn das eigentlich sein? Aber ja, das ist ein ganz großes Problem, was sehr, sehr viele haben.

ES: Das heißt, sie sind auch nicht alle verbeamtet?

JML: Die sind nicht alle verbeamtet, nein. Also entweder, weil sie es nicht wollen. Es gibt ja auch eine bewusste Entscheidung dafür, dass sie das nicht wollen. Weil sie dann an eine Schule oder ein Bundesland gebunden sind, sag ich jetzt mal so. Die sind nicht verbeamtet. Das ist zum Beispiel ein Grund. Ein anderer ist tatsächlich, dass es halt wirklich nur diese befristeten Verträge gibt. Das kann ich jetzt für unser Bundesland nicht mit Sicherheit bestätigen, sage ich jetzt für Thüringen, dass man sagt, das ist immer so. Aber es ist natürlich so, dass, wenn sie die Lehrer in den Sommerferien nicht einstellen, dass natürlich das Land auch Geld spart. Das ist halt tatsächlich auch so.

ES: Aber muss man dann sagen, dass das dann das Problem auch für den Lehrermangel ist? Also, dass das wirklich ein Beruf ist, wo vielleicht ganz viele Leute sagen, sie können sich da verwirklichen. Sie wollen gerne mit den Kindern zusammenarbeiten oder mit den Jugendlichen. Am Ende ist es aber dieses System aus Ausbildung und am Ende eben auch diesen Berufsbedingungen, dass Leute da nicht rein wollen.

JML: Ich glaube, es liegt nicht per se daran, dass in den Sommerferien alle arbeitslos sind. Und deswegen keiner diesen Beruf mehr haben möchte. Man weiß ja, dass man hinterher in irgendeiner Schule gebraucht wird. Aber da geht es ja auch schon los. Es gibt ja viele, die dann quasi erst zwei Tage, drei Tage vorher erfahren, an welche Schule sie kommen. Und ich sage mal so: wenn du jetzt in der Stadt wohnst und du erfährst dann zwei Tage vorher: Ja, okay, du musst jetzt für deine Schule an der du jetzt ab dem neuen Schuljahr angestellt bist 70 Kilometer fahren. Das ist jetzt nicht so die Bombennachricht, die dann den Beruf noch attraktiver macht, weil das ist natürlich auch ganz viel, was man privat dann auch umplanen muss, weil man natürlich erst mal eine Stunde mit dem Auto vielleicht unterwegs ist. Dann ist es tatsächlich so, dass viele mit dem Studium dann auch fertig sind. Sie werden ja gebraucht. Also man hört ja überall: es gibt Lehrermangel. Also weiß man ja, tatsächlich, man studiert nicht in die Arbeitslosigkeit, im Idealfall. Aber dann ist es so, dass man so zerrieben wird. Die Mühlen der Bürokratie, das heißt, die Schulämter geben relativ kurzfristig Bescheid, wo man hinkommt. Dann meldet sich das Schulamt zum Beispiel gar nicht. Oder dann ist es zum Beispiel so, dass sie ganz lange auf einen Referendariatsplatz warten müssen und sich natürlich in der Zwischenzeit auch etwas anderes suchen, weil man muss ja trotzdem irgendwie Geld verdienen. Und dann stellen halt auch viele fest: okay, ich bin jetzt hier in der freien Wirtschaft angekommen. Ich habe zwar Lehramt studiert, zwar kein Referendariat gemacht, aber warum soll ich mir das jetzt antun? Ich fühle mich ja eigentlich wohl. Und das ist auch so das Fazit, was uns dieser Bildungsexperte Olaf Köller, mit dem wir gesprochen haben, berichtet. Er hat gesagt, es studieren ganz viele Lehramt, die Vorlesungssäle sind voll, aber die kommen halt alle nicht im System an, weil sie vorher irgendwo feststellen: da geht es mir besser. Da werde ich mehr wertgeschätzt. Weil ich sag mal so, wenn du gebraucht wirst und dann meldet sich aber keiner bei dir. Da denkt man sich: Hey Hallo, da läuft doch irgendwas falsch. Oder der Andrei, mit dem wir gesprochen haben, der dann auch gesagt, er hat an dem einen Tag 48 Mal beim Schulamt angerufen, und es ist keiner rangegangen. Da greift man sich natürlich schon so ein bisschen an Kopf und denkt sich: woran liegt das jetzt? Und wollen die mich denn wirklich? Und ja, man will sie ja, es gibt genügend Kinder und Jugendliche, die, die neugierig sind, auf Bildung und die ja etwas lernen wollen. Und die ja auch froh sind, wenn es frische, junge Lehrkräfte gibt oder auch jetzt ältere Lehrkräfte, die quasi ihren Wissensdurst stillen. Und wenn dann den Menschen solche Steine in den Weg gelegt werden, dann dann weiß ich nicht, ob ich Lehramt studieren würde, wenn man weiß, dass es hinterher so weitergeht.

ES: Was werden denn so konkrete Punkte, um diesen Beruf einfach auch attraktiver zu machen?

JML: Ich glaube einfach, diese bürokratischen Hürden zu senken, dass man einfach leichter ins Schulsystem reinkommt. Das betrifft jetzt nicht nur fertig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, sondern halt auch Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, bei denen man immer hört, dass sie gebraucht werden. Dass sie sich dann melden oder sich bewerben an einer Schule und dann ganz, ganz lange nichts hören. Die hören dann einfach nichts von den Behörden, von den Schulämtern zum Teil auch von den Schulen. Die Schulen melden zurück, wir brauchen sie, aber wir müssen das und das noch prüfen. Das ist das eine. Und das andere ist natürlich, die Ausbildung vielleicht auch so zu gestalten, dass man sagt: man wird ein bisschen besser auf den Schulalltag vorbereitet. Weil ich glaube, es ist doch eine andere Schulzeit, als es damals war. Die Kinder und Jugendlichen haben sich verändert. Die äußeren Bedingungen haben sich verändert. Also wenn ich mich entsinne, ich habe mein erstes Handy mit 17 bekommen. Also da lachen die einen heute aus, weil sie halt schon viel eher ein Handy haben. Also das heißt, sie haben auch einen ganz anderen Zugang zu Wissen und alles, dass man da einfach so ein bisschen in der Ausbildung mehr darauf eingeht, auf die anderen Lebensrealität. Wenn du heute Lehrkraft bis dann ist es ja nicht mehr so, dass du nur - einen Anführungsstrichen - vor der Klasse stehst und den Kindern was beibringst, mit den Kindern arbeitest. Sondern dann sind es ganz, ganz viele andere Sachen, die du machen musst. Du bist so ein bisschen tatsächlich so ein Mädchen für alles. Du stellst Anträge für Klassenfahrten, du kümmerst dich dass, die iPads aufgeladen sind. Also es gibt auch ganz viel, das haben uns die Lehrer berichtet, mit denen wir gesprochen haben, administrativem Kram, der natürlich dieses Lehrerdasein so ein bisschen erschwert. Und dann gibt es ja tatsächlich, ich glaube in Sachsen ist das schon in ganz vielen Schulen der Fall, und in Thüringen ist es in zwei Landkreisen wird das jetzt quasi erprobt, diese Schulassistenten, die so ein bisschen die Verwaltungsaufgaben für die Lehrer übernehmen und diesen Part den Lehrern abnehmen. Und das ist, glaube ich, auch so ein großer Faktor, dass man den Lehrer so ein bisschen entlastet. Und die Lehrerin natürlich auch, in diesen ganzen administrativen Aufgaben. Sondern dass sie einfach ein bisschen mehr wieder Lehrer sein wollen. Dass auch eine Schulleitung, die einfach ganz, ganz viel Sachen machen muss, Anträge beauftragen, um Sachen zu bekommen, um AGs zu bewilligen und und und. Also die dann eigentlich gar nicht mehr damit beschäftigt ist, Kindern irgendetwas beizubringen. Ich glaube, da muss man schon ansetzen für. Man hat ja den Vorteil als Journalistin, dass man in so ganz viele Sachen reinschnuppert, weil man halt ganz viele unterschiedliche Themen hat. Und da denke ich mir manchmal, wenn ich nach der Schule wäre, ich glaube, ich würde tatsächlich auch Lehrerin werden. Auch mit dem Wissen, was ich jetzt dazu habe. Und ich glaube, das geht auch ganz vielen so, die einfach sagen: Wir wollen den Kindern irgendwas beibringen. Die kommen da mit ganz viel Neugierde und ganz vielen Fragen: Warum regnet es? Und warum sehen wir einen Regenbogen? Und welche Farbe hat ja der? Und warum sind die so angeordnet? Und es ist irgendwie so „niedlich“, diesen Wissensdurst zu stillen und den Kindern das beizubringen. Aber es ist natürlich auch ein privates Pensum, wo du sagst: Sorry, aber mich gibt es ja auch noch privat. Und ich kann ja nicht die Welt retten. Und ich kann nicht alle Schüler unterrichten, nur weil drei Lehrkräfte ausfallen, weil da gehst du natürlich auch kaputt bei dem Arbeitsaufwand, den du dann einfach hast. Und auch deine Synergien sind ja irgendwann mal endlich. Du sagst: hier, jetzt ist Schluss, meine Fässer sind leer, und ich kann nicht mehr. Und das ist, glaube ich, so das, was viele so ernüchtert, wo man sagt: sorry, ich möchte hier was auf den Weg bringen. Ich will hier eine den Bildungsreise machen, und ich muss erst mal über drei Ämter gehen. Und hunderte E-Mails und Klicks machen, eh ich überhaupt irgendetwas krieg, und das nervt viele. Und das kann ich mir schon vorstellen, dass das viele kaputtmacht.

ES: Und gerade so auch in der Ausbildung von Lehrkräften habe ich noch so gedacht, weil wir als anderes großes Problem, ja auch so diese hinterherhinkende Digitalisierung hatten, dass da ja auch eigentlich die Ausbildung von Lehrkräften ansetzen müsste. Wenn ich überlege: okay, es gibt natürlich auch Lehrkräfte, die schon ein bisschen älter sind, für die das vielleicht auch nicht so einfach ist, Digitalisierung mit in den Unterricht reinzunehmen. Da sind dann ja gerade die Jungen, die das vielleicht vorantreiben können. Zum Beispiel bei dir war Andrei Vesa, der ist ein Musiklehrer, ein recht junger, der benutzt zum Beispiel im Unterricht iPads, mit denen die Kinder dann auch Musik machen können. Für den war es eben auch total wichtig, das ist im Film auch so rübergekommen, dass Unterricht eben ganz, ganz lebensnah auch gestaltet sein muss.

Man muss das anerkennen, dass die Lebenswelt der Kinder nun mal eine andere ist. Ich brauche gar nicht anfangen, mit denen irgendwie das Rennsteiglied zu singen oder so, jetzt doof gesagt. Das sind alles Klassiker, die kriegen die sowieso mit in ihrer Umwelt, in ihrer Lebenswelt. Das haben sie früher im Kindergarten gesungen. Das muss ich jetzt nicht nochmal machen, sondern ich suche mir lieber jetzt wie heute, einen TikTok Song aus, den wir alle schon kennen, schreibe den auf Deutsch um, und dann haben alle richtig Bock, den zu singen. Und alle sind dabei, anstatt dass ich mich hier mit einer halben lustlosen Klasse rumkämpfe.

Andrei Vesa

ES: Jetzt ist Andrei Vesa ja noch ziemlich neu in seinem Job, würde ich mal schätzen. Ist der so eine Ausnahmeerscheinung mit seinem Lehransatz?

JML: Ich glaube nicht. Ich sage mal so: wenn du jetzt ein junger Lehrer bist, dann wächst du da schon anders rein, weil du schon viel eher iPads, Handys kennengelernt hast als das jetzt zum Beispiel, ohne jetzt mit irgendwelchen Klischees oder Vorteile zu reden, eine 55-jährige Lehrkraft hat. Da gibt es auch Unterschiede. Es gibt welche, die sind total firm. Und es gibt halt welche, die sagen: sorry, ich bin jetzt 55, das möchte ich jetzt mir einfach nicht mehr antun für die letzten paar Jahre. Also, ich möchte jetzt hier nicht irgendetwas lostreten, und jeder denkt sich so, was erzählt die da. Sondern es ist ja tatsächlich einfach so auch so Interessens-Gegebenheiten von jedem Einzelnen. Es ist aber so, es gibt ja diese Lehrerfortbildungsinstitute, die ja auch im Zuge der Corona Pandemie, wo alles auf Digital- und Online-Unterricht oder vieles umgestellt wurde, auch in den Grundschulen. Viele Schulclouds installiert wurden, die Lehrer fortbilden im Umgang mit iPads, im Umgang mit Laptops, im Umgang mit diesen Whiteboards, die an den Tafeln sind. Also da legen die Bundesländer schon ganz viel Wert darauf, dass niemand zurückgelassen wird. Und wenn man das als Lehrkraft will, gibt es, glaube ich, schon – da kann ich für Thüringen sprechen, mit dem Angebot des Lehrerfortbildungsinstituts - gibt es schon Möglichkeiten, sich da auch fortzubilden. Aber das ist natürlich immer eine Interessensfrage, ob man das jetzt will oder ob man jetzt sagt: es muss ja auch nicht immer das iPad sein oder Unterricht mit Tablett oder der Unterricht mit Laptops oder mit einem Whiteboard vorne an der Tafel. Und es ist ja wichtig, auch lebensnahen Unterricht zu machen. Da ist es halt auch manchmal einfach so, man geht halt raus und buddelt in der Erde so lange, bis man einen Regenwurm findet und erklärt dann: hier passt auf, der Regenwurm hat die und die Funktionen. Es ist immer so ein bisschen, wie man das gestalten möchte. Aber ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass die Jungen jetzt auf einmal besser fortgebildet werden. Weil ich glaube, so viel Medienkundeunterricht haben die in den Seminaren auch nicht. Ich hatte das auch mal angefragt, ob denn das jetzt nicht extra, wenn man weiß man macht jetzt viel mit Digitalisierung, ob man das nicht im Studienfach mit aufnehmen kann. Ich glaube, das ist noch nicht bei ganz vielen der Fall, dass man sagt: Wir haben jetzt ein Seminar Medienkunde, was ich nur damit beschäftigt, wie bringe ich Medien an die Kinder? Das ist, glaube ich, noch nicht an so vielen Unis der Fall.

ES: Wie waren es denn für dich eigentlich, da noch mal im Unterricht zu sein, in der Schule dabei zu sein?

JML: Wir haben ja am letzten Schultag einer zwölften Klasse gedreht, in Vecha in der Rhön und da waren wir relativ früh an der Schule schon. Ich glaube so auf halb sechs und haben die Jugendlichen dabei beobachtet, wie sie das so vorbereitet haben. Und das war tatsächlich so cool zu sehen und auch sowohl für den Kameramann, mich und alle, auch die Tonassistentin. Dieses Feeling, ist da einfach so rübergekommen, was die Jugendlichen so versprüht haben am Ende ihrer Schulzeit. Jeder ist froh, dass man die zwölf Jahre Schule geschafft hat und freut sich jetzt auf das, was kommt. Auch wenn jetzt die Abiturprüfungen nach dazu gehört haben. Aber man hat diese Freude gemerkt. Das fand ich so cool, weil ich sag mal so, ich habe mein Abi jetzt vor 20 Jahren gemacht. Man fühlt sich aber trotzdem noch nicht so alt, dass man sagt man versteht das jetzt so weise und sagt: jaja, wartet erst einmal ab, in zwei Jahren, da seid ihr beim Ernst des Lebens angekommen. Ich meine, das sagen sie einem immer. Das sagen sie, wenn man in den Kindergarten geht oder in die Schule, wenn man in die Schule kommt, wenn man an die weiterführende Schule wechselt. Der Ernst des Lebens geht es immer irgendwann los. Aber die haben so diese Lebensfreude, diese Sorglosigkeit versprüht, und das war tatsächlich für uns so eine Bereicherung, dass man einfach tatsächlich so seinen Teil der Sorgen so ein bisschen vergessen konnte und so mitgeschwommen ist in diesem, ja in diesem Flow, den die versprüht haben, an der Schule. Und bei dem Unterricht in der vierten Klasse mit Andrei Vesa. Das war einfach irgendwo berührend auch zu sehen, wie der die Kinder motiviert hat. Die haben ja dann das Abschlussfest ihrer vierten Klasse vorbereitet und haben dann die Lieder einstudiert und gesungen. Und das war tatsächlich so ein bisschen ergreifend. Dann hast du diese kleinen Menschlein, sie sind erst vierte Klasse und fühlen sich trotzdem ganz groß. Aber die hat man dann so dort und alle blicken da den Lehrer so mit großen Augen an und der eine mehr, der andere weniger. Aber alle wollen sie doch irgendwie lernen. Und natürlich gibt es immer Ausnahmen, und es gibt immer welche, die auffallen, die den Unterricht stören. Das hat man immer überall, in der eigenen Klasse mehr oder weniger. Aber man hat so das so gespürt, diese Neugierde, die die Kinder haben und eigentlich so dieses Leben, was sie noch vor sich haben. Es war schon schön zu sehen und da ein Teil davon zu sein, wie ein Lehrer dann auch Kinder mitnehmen kann. Das waren tolle Dreharbeiten, waren tolle Protagonisten auch in Bad Köstritz, an der Schule und auch in Mühlhausen. Es war sehr schön zu sehen. Man liest ja immer tatsächlich: Fachkräftemangel und Azubis fehlen. Und man unterhält sich auch mit ganz vielen, die nicht mehr ausbilden, weil sie sagen: ja alles das, was jetzt so kommt, das ist unter aller Kanone und keiner will mehr lernen. Und dann sitzt man dann den Klassen und denkt sich so: eigentlich wollen sie doch. Wir haben sie doch alle hier. Wir müssen sie doch bilden. Wir müssen sie doch daran führen, dass sie mal Fachkräfte von morgen werden, wir dürfen sie doch nicht vergessen oder verlieren oder irgendwo auf dem Weg falsch abbiegen lassen. Das war tatsächlich so das, was wir so mitgenommen haben. Das war sehr schön.

ES: An dieser Stelle habe ich noch einen Podcast für Sie. Im Podcast "Flugmodus" startet die Bestsellerautorin Greta Taubert zusammen mit Schüler*innen aus Dresden ein Experiment: Eine Woche lang ohne Handy, eine Woche Digital Detox. Wie das ihr Leben verändert, das können Sie im Podcast „Flugmodus“ von MDR Kultur hören. Sie finden diesen Podcast in der ARD Audiothek und überall da, wo es Podcasts gibt und jetzt zurück zum Gespräch mit Juliane Maier-Lorenz.

ES: Was haben die Schüler*innen dir denn erzählt, mit denen du gesprochen hast? Zum einen, wie ihr Schulalltag ist, was sie sich wünschen würden, wo sie sich vielleicht auch Sorgen machen, gerade bei den Jüngeren, wenn die eben noch ein bisschen an der Schule sein werden? Haben die was erzählt, wie sie so in die Zukunft schauen?

JML: Ich glaube die Jüngeren, also wenn man jetzt die Viertklässler nimmt, die sehen das jetzt noch gar nicht so. Die sind jetzt noch so mittendrin, sag ich jetzt mal so. Für die war jetzt die weiterführende Schule die nächste Hürde, die sie überwinden müssen. Die sehen das noch gar nicht so mit dem: Was lernen ich hier eigentlich? Und ist das sinnlos oder nicht? Also ich meine, die wissen schon sehr gut, wenn ein Lehrer ihnen was beibringt oder eben nicht. Oder einfach nur vorne steht und still ist, weil die Klasse zu laut ist und sie sich einfach nicht beruhigt. Oder dass man halt immer nur irgendwelche Spiele macht. Das kriegen die schon ganz gut mit. Aber dass jetzt in Bezug auf ihr Leben, wo es dann mal hingehen soll, ich glaube, das haben sie noch nicht auf dem Schirm. Und das ist auch ganz okay. Ich meine, die haben ja immer noch acht Jahre maximum an Schule. Bei den Gymnasiasten, mit denen wir uns unterhalten haben, muss ich ein bisschen weiter ausholen. Weil die Idee für diesen Film ist bei mir entstanden, als ich bei einem Abiball war. Diejenige, die ich begleitet habe zum Abiball habe ich dann gefragt. Ich sage: was will denn die eigentlich werden, hier drüben im blauen Kleid? Na, die weiß es noch nicht. Na und der hier? Der weiß es auch noch nicht. Und die? Naja, die will vielleicht studieren, aber das weiß sie noch nicht. Aber da dachte ich schon: Also bei uns war das ja damals schon so, dass wir manchmal auch nicht wussten, in welche Richtung es geht. Aber es war schon tatsächlich so ein bisschen erschreckend, dass die wenigsten wussten, was sie machen wollen. Und da habe ich gedacht: was lernt man denn eigentlich in der Schule? Was einen aufs Leben so ein bisschen vorbereitet? Also klar, du kannst Kurvendiskussion und alles, das kriegt man alles hin. Aber wenn du nicht unbedingt Mathematik, Physik oder irgendetwas studierst, dann verfestigt sich das auch nicht. Und ich brauche es jetzt zum Beispiel für meinen Beruf nicht mehr. Dann haben wir jetzt natürlich die Zwölftklässler auch gefragt, ob sie denn schon wissen, was sie werden wollen. Und da war ich total baff. Es waren ganz viele dabei, die gesagt haben: wir wollen Lehrer werden. Und da hab ich dann gefragt: ja, warum wollt ihr denn Lehrer werden? Ja, weil das zu uns passt. Und weil wir es tatsächlich auch anders machen wollen als unsere Lehrer jetzt, wie wir das halt kennengelernt haben. Und wo ich gedacht habe, Lehrermangel und es will keiner. Der Beruf ist nicht attraktiv genug. Also dann will das ja auch keiner mehr werden. Es ist schon so, dass die Kinder und Jugendlichen berichtet haben, dass ihr Alltag oftmals mit viel Druck verbunden ist. Jetzt ist es natürlich so: jede Lehrkraft wird es sagen, den Druck braucht es aber manchmal, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Der eine kann mehr oder andere weniger damit umgehen. Aber ganz ohne Druck funktioniert’s halt nicht. Das kennt man ja auch aus dem Berufsalltag. Da gibt's nun mal Termine und Deadlines, die man einhalten muss. Aber es ist manchmal tatsächlich so, dass Pia, mit der wir gesprochen hatten, dass sie zum Beispiel gesagt hat, dass manchmal gerade mit der BLF, der besonderen Leistungsfeststellung, das unnötig Druck aufgebaut wird. Und ihr müsst es können, und ihr müsst es machen. Und wenn ihr das nicht schafft und wenn ihr keine guten Noten habt und dann wird nichts aus euch. Das mag ja alles stimmen, aber es ist halt extrem viel Druck. Und es wären ganz viele froh, wenn das einfach ein bisschen weniger wäre, sag ich jetzt mal so. Das ist halt auch bei den Viertklässlern der Fall. Da steht der Wechsel an in die nächste Schule, und da heißt es immer: ja, du musst gute Noten schreiben, wer aufs Gymnasium will, muss gute Noten schreiben und muss und muss. Und das ist natürlich ein unglaublicher Druck, der sich schon von klein auf in den Kindern aufbaut. Davon kann man halten, was man will. Den Eindruck hatte ich bei den Kindern und Jugendlichen, dass es so ein bisschen zu viel war. Und dass das natürlich auch jeder Lehrer anders beurteilt. Der eine ist immer so, dass war auch bei uns schon so, der eine ist halt cooler und der andere halt nicht. Und dann kannst du mit dem Druck von dem coolen Lehrer besser umgehen als mit dem Druck von dem uncoolen.

ES: Dieses Druck-Ding, das gerät ja so ein bisschen ins Wanken. Du warst an einer Schule, wo die Kinder ganz frei lernen können. Wie war das da?

JML: Das war tatsächlich eine ganz normale staatliche Regelschule. Der Schulleiter, der Herr Poser, hat irgendwann festgestellt während der Corona Pandemie hat er gesagt: wenn die jetzt alle zurückkommen aus den Lockdowns, wir wissen überhaupt nicht: wer kann was? Und wer kann was nicht? Da haben wir ja keinen Dunst davon. Die einen haben mehr gemacht. Die anderen haben weniger gemacht. und dieses Schulsystem, wie wir es jetzt gemacht haben, das funktioniert einfach nicht. Wir haben das jetzt während der Corona-Pandemie festgestellt: Wir können dahin nicht wieder zurück, dass der Lehrer vorne steht und den Kindern sag ich jetzt mal so ein bisschen böse, das Wissen in den Kopf trichtert, von vorne von der Tafel aus. Und da haben sie tatsächlich nach einem Konzept umgeschaut und haben geguckt: Wie geht lernen anders, wie können wir Kinder vor allen Dingen mehr praktische Sachen mitgeben, damit sie lernen zum Beispiel, wie man ne E-Mail schreibt oder was eine E-Mail-Adresse überhaupt ist und oder wie man zum Beispiel eine Bohrmaschine hält oder wie man Wissen praktischer vermittelt, damit die tatsächlich aus der neunten beziehungsweise zehnten Klasse dann rausgehen und sagen: hier ich fühle mich jetzt auf dem Beruf vorbereitet und vor allen Dingen: ich weiß, was ich einmal werden will. Ich weiß handwerklich bin ich jetzt nicht so begabt. Ich gehe jetzt mehr in die soziale Richtung. Oder ich habe festgestellt im Laufe der praktischen Arbeit an meiner Schule, das und das ist mehr für mich. Oder ich möchte mehr ins Medizinische gehen. Und diese Schule, die machen jetzt keinen anderen Lehrstoff, die übermittelt den halt einfach anders. Und die machen das in Form eines selbstorganisierten Lernens. Das heißt, alle Kinder bekommt den gleichen Lernstoff und lernen aber individuell. Die sitzen nicht da und müssen alles ganz alleine machen. Es ist immer eine Lehrkraft da, die ihnen hilft. Aber wenn der eine halt so weit ist und der andere ist noch nicht so weit, dann müssen dann halt nicht 15 Kinder auf den einen warten oder 15 Kinder das noch mal erklärt bekommen, sondern jeder lernt so ein bisschen für sich. Und es gibt dann halt auch keine Noten an der Schule, sondern es gibt immer Tests zu dem jeweiligen Wissensstoff, und der ist dann entweder bestanden oder nicht bestanden. Wenn man jetzt zum Beispiel am Schuljahresende zwölfmal bestanden hat, hat man halt eine eins. Und wenn man jetzt nur siebenmal bestanden hat, hat man halt eine vier, sage ich jetzt mal so ins Unreine gesprochen. Und damit kommen die Schüler eigentlich im Großteil sehr, sehr gut klar. Weil man tatsächlich so für sich arbeitet und aber dann auch die Möglichkeit hat, mit anderen Schülern in den Austausch zu gehen. Und dann haben die Kinder und Jugendlichen ganz praktischen Unterricht. Also ich sag mal so: Biologie wird jetzt zum Beispiel nicht im Klassenraum gelernt, sondern man geht dann tatsächlich raus in die Natur. Man fotografiert dann mit dem Handy, bestimmt wie die Blüte im Frühling, wie die Blütenknospen sich entwickeln und wie Photosynthese funktioniert. Halt einfach viel mehr praktischer. Oder Physik bei einer Veranstaltungstechnik im Unterrichtsfach. Und so kriegen die Kinder halt so ein bisschen Handwerkszeug mit, was sie so ein bisschen halt auch aufs Leben vorbereitet. Und das ist dem Schulleiter und auch den Lehrern dort ganz, ganz wichtig. Und es gibt viele Schüler, die damit klarkommen, wo auch Eltern sagen, ich glaube, das spiegelt auch ganz viele Kommentare an bei dem Film wieder auf YouTube, die sagen: es ist ein ganz tolles Konzept. Ja und es gab aber natürlich auch Eltern, die gesagt haben: nee, sorry, das ist jetzt nichts für mein Kind. Und natürlich auch jedes Kind kommt besser oder schlechter damit klar. Also es gibt Kinder, die kommen gut mit dieser Gruppenarbeit mit diesem Einzelunterricht klar. Es gibt aber auch Kinder, die sagen, sorry, ich bin eher der Typ: Lehrer steht dort vorne, ich höre dir zu, ich schreibe auf, und das kann ich dann.

ES: Sind denn solche neueren Lehrmethoden die Zukunft?

JML: Also ich glaube, es ist eher die Zukunft, so ein Mix aus beidem. Man muss ja den Unterricht jetzt nicht neu erfinden oder komplett neu - was weiß ich - Ich sage mal so: wir machen jeden Unterricht zu einer Zirkusvorstellung. Und Hauptsache, die Kinder haben irgendwie Spaß. Sondern so ein Mix aus beiden, dass man halt tatsächlich da, wo es geht, einfach praktischen Unterricht macht. Und da, wo es eben nicht geht, sitzt man halt tatsächlich einfach mal da und brütet über Formeln. Aber ich glaube, Schule muss sich tatsächlich ein bisschen wandeln. Und das hat man ja auch im Zuge der Corona-Pandemie gesehen. Also auch wir saßen zuhause mit unseren zwei Kindern, und da hat uns keiner gefragt, wie wir jetzt den Unterrichtsstoff vermitteln. Und manchmal hat man sich schon als Eltern gefragt und hat gesagt: wie bringe ich denen denn jetzt bei, dass die über den Zehner rechnen? Also ich weiß das, als Mama und als Papa. Aber wie bringe ich das jetzt meinem siebenjährigen Kind bei, dass es über den Zehner rechnet? Und dafür werden die Lehrer einfach ausgebildet. Und das ist ja auch gut so. Aber gefragt, wie wir das machen, hat damals auch keiner. Und es ging ja irgendwie auch so. Und jetzt habe ich so ein bisschen festgestellt, dass nach dieser Corona-Pandemie auch in manchen Situationen an der Schule meiner Tochter, das es halt manchmal wieder so war wie vorher. Wo ich gedacht habe: Ne, das geht jetzt irgendwie auch nicht. Also wir sind jetzt alle auf Digitalisierung umgestellt, und wir mussten alle zuhause bleiben. Und wir mussten das so machen. Und es gab die Schulcloud. Warum setzt man es dann nicht einfach fort? Aber ich glaube, da gibt es ganz viele Lehrer, die das eben schon machen. Und es gibt ganz viele Lehrer die es eben nicht machen. Aber es ist so eine Mischung aus beidem. Also ich glaube, dieser reine Frontalunterricht - Lehrer steht vorn und trichtert den Kindern was ein - der ist halt einfach überholt. Da erreicht man, glaube ich, nicht mehr ganz so viele Kinder. Und da kann man auch nicht individuell unterrichten. Jetzt kann man natürlich sagen: ich kann nicht individuell unterrichten. Ich habe 30 Kinder, meine Klasse ist voll. Ich kann mich nicht individuell um jedes Kind kümmern, aber auch das erlaubt dieses Konzept an der Schule in Bad Köstritz, weil man eben Kinder hat, die so fit sind, dass sie quasi selbst sich das gut beibringen können und selbst gut voranschreiten. Und da gibt es halt auch Kinder, die einfach noch ein bisschen mehr Hilfe brauchen. Und für die kann sich der Lehrer mit diesem neuen Konzept zum Beispiel ganz viel Zeit nehmen und eben ihnen das noch mal erklären. Weil eben 30 Kinder nicht mit einem Mal alle Sachen auf einmal können müssen. Und ich glaube, so ein Mix aus beiden ist glaube ich eine ganz gute Kombination.

ES: Das heißt, muss Schule, so wie sie jetzt gerade funktioniert, abgeschafft werden, erstmal? Muss alles über den Haufen geworfen werden und ein neues Schulkonzept erfunden werden?

JML: Nein, das glaube ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Deutschland jemals funktioniert. Ich meine, es gibt ganz, ganz viele Schulkonzepte in Deutschland. Es gibt ganz viele freie Schulen. Es gibt die Montessori-Schulen, es gibt die Waldorfschulen, es gibt Aktivschulen. Also wenn man das will, hat man, glaube ich, in Deutschland schon die Möglichkeit zu sagen: Das ist jetzt die beste Schule, die beste Schulbildung, die beste Art des Umgangs mit meinem Kind, miteinander, im Laufe seiner Bildungszeit. Da gibt es, glaube ich, ganz viele Möglichkeiten. Und ich glaube, wenn Deutschland sagt, oder wenn wir in Deutschland sagen, das Schulsystem gehört so wie es ist, abgeschafft. Wir brauchen ein neues Konzept. Ich weiß nicht, wann das in Deutschland passieren soll. In 30 Jahren? Also das kann ich mir schwer vorstellen. Dafür hinken wir in ganz vielen anderen Sachen ganz viel hinterher, sag ich jetzt mal so. Auch im Zuge der Digitalisierung, wenn man da in die skandinavischen Länder guckt, Dänemark zum Beispiel. Ich will jetzt nicht sagen, die lachen uns aus. Aber die schmunzeln über die Probleme, die wir hier haben. Aber Schule ist wichtig, und Kinder sollen Zugang zu Bildung haben, was ja auch in Deutschland der Fall ist. Aber das Schulsystem, wie es jetzt ist, ist es einfach überholt. Und es müsste viel, viel schneller ein Umdenken stattfinden. Also es gibt jetzt zum Beispiel diesen Qualitätschecks an Thüringer Schulen, wo innerhalb von sechs Jahren - also ich mein sechs Jahre ist eine lange Zeit - die knapp 870 staatlichen Schulen in Thüringen, der Unterricht dort überprüft wird. Im Sinne von: entspricht das dem Schulkonzept, was sich die Schule aufgegeben hat oder muss da einfach was verbessert werden. Aber ich sage mal, das rotiert alle sechs Jahre. In sechs Jahren, da passiert so viel und die Gesellschaft entwickelt sich so schnell weiter. Und ich glaube, dann müsste das Schulsystem einfach mal ein bisschen flotter werden, um dieser Entwicklung nicht hinterherzuhinken. Und um eben nichts zu sagen: wir haben jetzt ein Digitalpaket, damit statten wir die Schulen aus. Und dann braucht es noch mal drei Jahre bis wirklich alle Internet haben. Also ich glaube, das muss einfach ein bisschen schneller passieren. Und man muss das Rad nicht neu erfinden. Aber man muss halt auch manchmal anerkennen, dass sich das Rad einfach dreht und nicht stehenbleibt.

ES: Juliane Maier-Lorenz, ich danke dir!

JML: Sehr gerne, Dankeschön!

ES: Das war der Podcast "MDR Investigativ - Hinter der Recherche". Den Film von Juliane Maier-Lorenz finden Sie zum Nachschauen in der ARD Mediathek unter dem Titel „Sackgasse Schule“ und bei YouTube auf dem Kanal von MDR Investigativ. In zwei Wochen hören Sie dann an dieser Stelle wieder meine Kollegin Secilia Kloppmann. Wir freuen uns aber, wenn sie bis dahin mit uns in Kontakt treten möchten. Dazu können Sie uns gerne eine E-Mail an investigativ@mdr.de senden oder Feedback auf der Podcastplattform ihrer Wahl hinterlassen. Machen Sie es gut!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR Investigativ - Hinter der Recherche | 11. August 2023 | 10:00 Uhr

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