Arafats Thüringer "General" - Wo ist Udo Albrecht? Ein Agent des Ostens oder des Westens?

von Jan Schönfelder

Die Flucht von Albrecht in die DDR ist filmreif. Er türmt nicht nur aus der Haft, sondern er wechselt quasi auch die Seite: vom Antikommunismus zum Kommunismus. Handelte Albrecht bei der Aktion auf eigene Faust? War es eine selbstständig geplante Flucht? Oder handelt es sich hier um eine Operation der Stasi? Oder um ein abgekartetes Spiel des BND?

Bereits 1981 spekuliert "Der Spiegel" über MfS-Verbindungen von Albrecht. Hamburger Rechte würden dies kolportieren. Vor allem Albrechts DDR-Flucht wird als Beleg für die Stasi-Verbindungen gesehen. Auch Weggefährten würde die Flucht verdächtig erscheinen, so das Nachrichtenmagazin.

Den Stasi-Vorwürfen widerspricht umgehend Anwalt Schöttler. Eine solche Anschuldigung sei nicht haltbar. Allerdings: Der sowjetische KGB habe den Geheimdienst der Fatah aufgebaut. Deshalb sei die Behauptung nicht aus der Luft gegriffen, dass Neonazis in der Bundesrepublik von Moskau aus ferngesteuert würden. Selbst die Staatssicherheit verneint in einem internen Vermerk eine Stasi-Mitarbeit Albrechts: Mit Blick auf die "Spiegel"-Veröffentlichung heißt es: "Hinsichtlich einer gleichfalls behaupteten Zusammenarbeit mit dem MfS liegen keinerlei Unterlagen vor."

Aber auch bundesdeutsche Sicherheitskreise können sich keinen richtigen Reim auf die Flucht Albrechts machen. Handelte es sich um eine von der DDR organisierte Flucht? Es sei nicht auszuschließen, "dass der DDR-Geheimdienst Aktivitäten von rechtsextremistischen Gruppen in der Bundesrepublik fördert, um ‚faschistische Entwicklungen‘ propagandistisch ausschlachten zu können", heißt es. Aber genaue Belege gibt es nicht.

Keine Belege für Fluchthilfe der DDR

Auch nach dem Zusammenbruch der DDR und den Akten-Öffnungen behaupten Rechtsextremismus-Experten immer wieder, dass das MfS Albrecht in die Wehrsport-Gruppe Hoffmann eingeschleust und dieser dort spioniert habe. Belege dafür legen sie nicht vor. Genauso gibt es keine Belege dafür, dass eine von DDR-Seite geplante Flucht war. In den MfS-Akten deutet nichts darauf hin, dass Albrecht von der DDR erwartet wurde. Hinweise auf Absprachen gibt es nicht. Das MfS war auch nicht vorgewarnt. Die umfangreichen internen Dokumente zeigen, dass die Grenztruppen und die Staatssicherheit von der Ankunft Albrechts überrascht wurden. Erwartet wurde er nicht. Die DDR war eher überrascht und konnte sich zunächst keinen Reim auf die Flucht machen. In den ausführlichen Vernehmungen musste er detailliert seine Fluchtumstände schildern.

Die Legende vom flüchtigen Ost-Einflussagenten Albrecht kam den bundesdeutschen Sicherheitsbehörden und der Politik vielleicht nicht ungelegen. Im Zweifelsfall konnte der Rechtsradikalismus in der bundesdeutschen Gesellschaft als ein Produkt der DDR ausgegeben werden. Tatsächlich gibt es aber bis heute keinen Beleg, dass die Staatssicherheit Einflussagenten in die westdeutsche rechte Szene geschmuggelt hätte.

Hatte der BND seine Finger im Spiel?

Andersherum ist zu fragen, ob bundesdeutsche Behörden bewusst eine Flucht in Kauf nahmen? War die Flucht vielleicht eine BND-Aktion, statt eine Stasi-Aktion? Diese Frage hat sich auch die Staatssicherheit gestellt. Nachdem die Stasi-Ermittler Albrecht tagelang verhört hatten, gingen sie davon aus, dass Albrechts Flucht in die DDR echt war. Nach dem Fall der Mauer waren sie nicht mehr so sicher. Ein ehemaliger Stasi-Oberstleutnant sagte den bundesdeutschen Ermittlern: "Erst nach seiner Abreise in den Libanon hörten wir von seiner Tätigkeit für den BND oder das LfV und bekamen mit, dass die ‘Flucht’ in die DDR offenbar eine gesteuerte ‘Flucht’ gewesen war."

1984 hat "Der Spiegel" eine solche Mutmaßung veröffentlicht: Die BND-Beamten hätten ihre Quelle zur PLO-Ausforschung "für unentbehrlich" gehalten und "fingerten an Albrechts abermaliger Befreiung, dem sonst zehn Jahre Haftstrafe sicher schienen." Ein Jahr später wiederholt das Nachrichtenmagazin die Behauptung, dass der Bundesnachrichtendienst Albrecht "befreit" habe. Nach seiner Flucht sei Albrecht "wieder auf Lauschstation im Libanon" gewesen. Einen Beweis legt das Nachrichtenmagazin auch diesmal nicht vor.

War Albrecht möglicherweise sogar ein Agent des Bundesnachrichtendienstes? Sein einstiger Bekannter, der Rechtsextremist Karl-Heinz Hoffmann, ist davon überzeugt. Dies sei ihm zwar erst im Nachhinein bewusst geworden: "Das Tragische an der Geschichte ist, dass ich die Rolle Udo Albrechts nicht rechtzeitig erkennen konnte. Nach alledem was ich heute weiß, war das Libanonprojekt eine vom BND aufgestellte Falle. Das hat glücklicherweise nur zum Teil funktioniert, weil mir mein Instinkt geraten hat, mich im Libanon von Albrecht zu trennen." Und weiter schreibt er: "Der BND hatte Udo Albrecht dazu benutzt, mich in strafbare Handlungen zu verstricken, was im Fall der Falschgeldaktion auch gelang."

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. März 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 11:32 Uhr

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